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Wohnhaus Missionsstraße in Basel (CH)

Wohnhaus Missionsstraße in Basel (CH)
Durchdrungen

Selbst dunkle Ecken innerstädtischer Grundstücke eignen sich zum Wohnen. Eine Remise in Basel ließ sich trotz Nordausrichtung in ein luftig-helles Raumkontinuum verwandeln – durch gezielte Einschnitte und mit viel Lust an Material, Körper und Licht.

Architekten: Buchner Bründler Architekten
Tragwerksplanung: Schnetzer Puskas Ingenieure

Text: Achim Geissinger
Fotos: Maris Mezulis, Rory Gardiner

Zur Unterbringung von Wagen, Pferden und Personal hat die Remise wohl nur die kürzeste Zeit gedient. Sie war um 1880 zusammen mit einer Villa an prominenter Stelle erbaut worden, gegenüber dem Spalentor, einem der historischen Wahrzeichen der Stadt Basel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Blockrandbebauung des rasch wachsenden Ring-Quartiers vor der Stadtmauer die großbürgerliche Idylle allerdings schon wieder verdrängt; die Villa fiel, die Remise im Garten blieb. Über Jahrzehnte hinweg diente das nach Norden hin orientierte Gebäude einem Künstler als Atelier und Wohnstatt, ihm folgte ein reisender Lebenskünstler, der – selten in der Stadt – Artefakte aus aller Welt in seinem Pied-à-terre unterbringen konnte. Von ihm schließlich übernahm Andreas Bründler das nach Süden hin von zwei Brandwänden abgeschirmte Gemäuer mit dem selbst gesteckten Ziel, es trotz der für Wohnzwecke denkbar ungünstigen Anlage für sich und seine Familie nutzbar zu machen.

Gezieltes Verwerfen

Von Anfang an stand die Frage im Raum, wie weit dem Typus Remise Respekt zu zollen sei und ob die Denkmalpflege einer weitgehenden Aufhebung der überlieferten Raumstrukturen zustimmen könne. Sie konnte. Der Zustand war zuvor detailliert geprüft und das Gebäude dann aus dem Inventar der schützenswerten Bauten herausgenommen worden. Ohnehin steht kaum zu erwarten, dass mitten in der Stadt wieder Pferde einziehen und Heu gelagert werden muss. Dem Architekten lag dennoch viel daran, mit seinen Interventionen dem Charakter des Hauses zu folgen und überdies so viel Substanz wie möglich zu erhalten und spürbar zu belassen.

Grundriss EG (Bild: Buchner Bründler Architekten)

Von der Wertschätzung des Vorgefundenen künden allein schon die Waschbecken im Elternbad: in Format und Material drängte sich die Wiederverwendung der beiden steinernen Pferdetränken als Keramikersatz geradezu auf.

Sonnenklar: Die vielerlei Einbauten der letzten 100 Jahre und der Naturboden im Stall standen der gewünschten offenen, durchlässigen, letztlich auch von Helligkeit geprägten Wohnnutzung im Wege und mussten weichen. Die neue Raumaufteilung nimmt mit der Erschließungszone im Zentrum und privateren Bereichen zu je beiden Seiten die vorherige Dreiteilung in Stall, mittige Wageneinfahrt und Wohntrakt auf. Dem gegenüber wirkt die konstruktive Struktur zunächst wie ein Neubau innerhalb des alten Hauses: Die OGs, ausgeführt in hellem Beton aus Kalkzement, lasten auf vier Betonstützen, die allerdings nicht wie Tischbeine die Ecken des Gebäudes verstellen, sondern weiter mittig vor den Wänden stehen. Zwei Unterzüge verbinden diese Pfeiler miteinander und bilden dabei die Form eines lateinischen Kreuzes. Der Clou: Alle noch tragfähigen Deckenbalken, will sagen: die meisten, blieben zusammen mit den daraufliegenden Dielen in situ erhalten und wurden als verlorene Schalung für die Betonverbunddecken hergenommen. Mit Bauteilaktivierung und durch geduldigen Schliff entstanden robuste und ansprechende Böden.

Die Haltung des gesamten Entwurfs lässt sich am Querschnitt dieser Decken ablesen: Das Gegebene erhalten, nutzen, sichtbar machen – aber auch drangeben, wo es nötig ist. So ergab sich aus der Überlegung, wie Helligkeit in die Tiefe der Stockwerke bis hinab ins EG zu bringen sei, die Notwendigkeit zweier Lichtschächte in den dunklen Gebäudeecken. In der Tat lassen die beiden dreieckigen Lufträume enorme Mengen Zenitallicht aus Dachfenstern entlang der Bruchsteinmauern bis ins EG hinab fallen. Bei der Besichtigung Ende März gelangten sogar nachmittägliche Sonnenstrahlen bis auf den Wohnzimmerboden. Die Deckenbalken wurden entsprechend abgeschnitten und kragen nun vom mittigen Unterzug zur Rückwand hin aus, die Konstruktion blieb sicht- und nachvollziehbar. Die Betonwände darüber wirken als tragende Scheiben.

Grundriss OG (Bild: Buchner Bründler Architekten)

Einen der größten Eingriffe in die Substanz, nach der Erweiterung des Kellers (Stauraum!), stellt die Überformung der ursprünglichen Trennwand zwischen Stallung und Wohntrakt dar. Um im EG ein Raumkontinuum und auch im 1. OG maximale Durchlässigkeit zu ermöglichen, wurde in die Mauer ein kreisrundes doppelgeschossiges Loch gebrochen. Auf einer Wandseite ist der Radius etwas größer als auf der anderen, sodass dort zu etwa zwei Dritteln der Wanddicke ein tragender Bogen betoniert werden konnte.

Cuttings

Die Frage, ob als Inspiration für dieses »Mondtor« Carlo Scarpas Tomba Brion (s. db 3/2022, S. 93) gedient habe, lässt Bründler sich gerne gefallen. Jedoch liegt der Fall komplizierter. Die Gedanken um Durchblicke, Lichtführung, räumliche Verschränkung zeigen deutlich mehr Bezug zum Schaffen des Aktionskünstlers Gordon Matta-Clark, der in den 70er Jahren durch z. T. kreisrunde Einschnitte in Wänden und Decken von Abbruchhäusern (»Cuttings«) das Augenmerk auf Fragen der Gentrifizierung lenkte, aber auch auf Verschlossenheiten durch gebaute Umwelt, mangelndes Licht, unzugänglichen Raum. Tatsächlich sind die formalen Ähnlichkeiten frappant – mit dem Unterschied, dass man für die Öffnungen in der Basler Remise einen dauerhaften Nutzwert im Blick hatte. Das Motiv ist bis zur Verspieltheit ausgereizt: Das beginnt bei unterschiedlichen Fensterformaten, kreisrund oder eckig, reicht zu Wanddurchbrüchen, die sich zu den Lufträumen hin mit Läden verschließen lassen, weiter zur erkerartig in den Lichtschacht auskragenden Duschkabine bis hin zum gewaltigen Dachfenster über dem Flurbereich zwischen den beiden Kinderzimmern im 1. OG, der an Offenheit und Helligkeit kaum zu überbieten ist. Zur Durchlässigkeit gehört auch, dass Türen allenfalls als leichte, meist offenstehende Schiebeelemente in Erscheinung treten oder als raumhohe Paneele, die an einen Magneten anschlagen. Die nur spärlich vergitterten Deckendurchbrüche nutzen die Kinder gerne zum Ablassen allerlei Gegenstände aus ihrem Spielsachenfundus. Zusammen mit dem dicht bewachsenen Garten und dem kleinen Pool ist das ganze Haus für sie und ihre Freunde ein einziger Abenteuerspielplatz.

Die robusten Oberflächen aus Eiche für die edleren Einbauten und Fenster prägen das Gebäudeinnere ebenso wie der helle Stahlbeton und die Dachuntersicht aus sägerauen Tannenbrettern, die nicht vom Schreiner, sondern direkt vom Zimmermann montiert wurden. Sie ergänzen sich mit den Originalmaterialien, den von Bearbeitungsspuren geprägten Balken und den weiß geschlämmten Bruchsteinwänden, zu einer vielschichtigen Wohnlandschaft mit einer werkstatthaften Atmosphäre zwischen wohliger Geborgenheit mit einer schützenden Mauer im Rücken und luftiger Freiheit zum Garten hin.

Beleben und erlebbar lassen

Während die Außenwände im Innern einer Dämmung und dünnen Putzes bedurften (geheizt wird per Erdsonde und Wärmepumpe), war an ihrer Außenseite kaum etwas zu richten oder auszubessern. Das Fassadenmaterial Zementstein, als Verlegenheitslösung während des gründerzeitlichen Baubooms in Basel aus Mangel an Ziegeln auf den Markt gebracht, hat sich bewährt und zeigt kaum Altersspuren. Eingelassen finden sich noch einzelne Anbinderinge und andere Relikte vergangener Tage. Auch die Hölzer sind intakt. Am Dach kam mit Schieferplatten wieder das ursprüngliche Eindeckungsmaterial auf die weitgehend intakte Sparrenlage.

Grundriss DG (Bild: Buchner Bründler Architekten)

Freilich erhebt sich die Frage, ob sich in Zeiten des Wohnungsmangels aus einem Projekt mit über 400 m² Geschossfläche an dieser Stelle nicht Wohnraum für noch mehr Personen hätte realisieren lassen. Mit deutlich weniger Bewegungsfläche und enormen Abstrichen an der Wohnqualität sicher – zweifelhaft allerdings, ob der Altbau dann seine Qualitäten noch so ausspielen könnte. Auch darf man nicht vergessen, dass Nordapartments entstanden wären und dass Räume ohne Sonnenlicht auf Dauer Depressionen fördern können. Im gemeinsamen Ringen und mit einigem Pragmatismus haben Planer und Ausführende für die alte Remise vielmehr Lösungen gefunden, die das Haus vor einem Dasein als Stauraum bewahrten, seinen Charakter erlebbar halten und enorm hohen Wohnwert schaffen.


Standort: Missionsstraße, CH-4055 Basel
Bauherr: privat
Architekten: Buchner Bründler Architekten, Basel
Mitarbeiter: Nina Kleber, Sharif Hasrat
Tragwerksplanung: Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel
Grundstücksfläche: 446 m²
Bebaute Fläche: 114 m²
BGF: 405,5 m² (nach SIA 416)
BRI: 1 190 m³ (nach SIA 416)

Beteiligte Firmen:

Baumeister: Mentil Maiorano, Liestal (CH), www.mentil-maiorano.ch
Dachdecker: Hürzeler Holzbau, Magden (CH), www.huerzeler-holz.ch
Fenster aus Holz und Eingangstüre: Hunziker Schreinerei, Schöftland (CH), www.ihrschreiner.ch/de/home
Leuchten: Delta Lights, Morsele (B), www.deltalight.com/de
Steckdosen, Schalter: Feller, Horgen (CH), www.feller.ch/de
Waschtisch: Laufen, Laufen (CH), www.laufen.ch
Armaturen Fantini, Pella (CH), www.fantini.it
WC: Geberit, Jona (CH), www.geberit.ch
Putz: Haga, Rupperswil (CH), www.haganatur.ch


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