Startseite » Bauen im Bestand » Ein denkmalgeschütztes, ehemaliges Pförtnerhaus wurde behutsam zum Wohnhaus des Architekten Jesco Hutter umgebaut

Wohnhaus in Balgach (CH)
Ruppige Sensibilität

Für Denkmalpflege war das Architekturbüro Baumschlager Hutter Partners bislang nicht bekannt. Zu Unrecht: Beim Modernisieren eines Pförtnerhauses bewahrte es die ruppigen Oberflächen und ersann reversible Einbauten, die trotz moderner Gestalt gut ins vorhandene Interieur passen.

Das Projekt erhielt eine Anerkennung beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2020.

Jurybegründung:
Die Wohnvorstellungen privater Bauherren mit den Belangen der Denkmalpflege in Einklang zu bringen, ist meist alles andere als einfach. Bei der Adaption dieses ehemaligen Pförtnerhauses ist es geradezu vorbildlich gelungen. Sämtliche alten Oberflächen wurden in all ihrer Ruppigkeit bewahrt, Eingriffe minimiert und reversibel ausgeführt – etwa bei der Leitungsführung auf Putz. Die wenigen neuen Einbauten wie Waschbecken, Duschwanne und Heizung sind nicht von der Stange, sondern individuell entworfen und passen mit ihrer Einfachheit und ihren nackten, unbeschichteten Materialien gut in das vorgefundene Ambiente.

Architekten: Baumschlager Hutter Partners
Tragwerksplanung: D+S Baustatik

Text: Hubertus Adam
Fotos: Lars Klemensberger

1867 erwarb die Familie Schmidheiny das auf dem Balgacher Berg im St. Galler Rheintal gelegene Schloss Heerbrugg. Zunächst in der Seidenweberei tätig, erweiterten die Schmidheinys ihr Geschäftsfeld um Ziegeleien und etablierten später mit Holcim einen der größten Baustoffkonzerne der Welt. Der aus Nordböhmen stammende Architekt Wendelin Heene, der in St. Gallen erfolgreich ein Büro leitete, baute das Schloss 1910/11 in einer zwischen Historismus und Reformarchitektur oszillierenden Formensprache um; fünf Jahre zuvor hatte er bereits die von ihrem Volumen her an das Schloss angelehnte Schmidheiny-Villa errichtet.

2005 gelangten Schloss und Villa an neue Eigentümer, die die Villa wiederum 2018 veräußerten. Zu den Mietern zählt seither das 2010 von Carlo Baumschlager und Jesco Hutter gegründete Architekturbüro Baumschlager Hutter. Zunächst plante Jesco Hutter, einen Teil des DG der Villa für sich als Wohnung auszubauen. Doch machten ihn die Eigentümer auf das zur Liegenschaft gehörige sogenannte Pförtnerhaus aufmerksam, das etwas hangabwärts an der Zufahrt zu Schloss und Villa liegt und vermutlich ebenfalls von Heene stammt. Das bescheidene Gebäude mit Mansarddach und Giebel sowie rückseitigem Treppenturm diente ursprünglich als Gärtnerhaus; in den 60er Jahren erhielt es einen eingeschossigen, seitlichen Anbau mit drei Garagen.

Zeitgemäß, aber reversibel

Hutters Umbau, der in Abstimmung mit der kantonalen Denkmalpflege erfolgte, basierte auf dem Grundkonzept, historische Spuren und Materialien weitestmöglich zu erhalten, jegliche Homogenisierung oder »Überrestaurierung« zu vermeiden und neu Hinzugefügtes zeitgemäß, aber reversibel auszuführen. So blieb die typische kleinteilige Zimmerstruktur in EG und OG erhalten, die bauzeitlichen Holztäfelungen und auch die Ergänzungen aus den 30er/40er Jahren wurden lediglich gereinigt, die historischen Fenster restauriert, ebenso das »Holzwerk« wie Türeinfassungen und Türen im Innern, der Einbauschrank im DG oder die Holzbohlen. Während das Treppenhaus neu gestrichen wurde, beschränkte sich der Architekt in den Wohnräumen auf Reinigung und Ausbesserung.

Neu hinzu kamen der schwarze Küchenblock sowie Badewanne, Dusche und Waschbecken aus Naturstein. All diese Elemente sind objekthaft als Möbel aufgefasst und nicht irreparabel eingebaut, sodass sie die Grundstruktur des Raums nicht stören und auch wieder leicht entfernt werden können. Wo immer möglich, wurden die alten Leitungsführungen weiter verwendet, wo nicht, erfolgte die Ergänzung mit Messingrohren – auf Putz, versteht sich, um nicht in die Wandoberflächen eingreifen zu müssen.

Der großzügigste Raum befindet sich im UG, wo sich eine große verglaste Türöffnung zum Garten richtet. Ursprünglich diente der überhohe Raum zum Abstellen von Gartengeräten. Durch die preußischen Kappen an der Decke und die ebenfalls nur gereinigten, nicht aber neu gestrichenen Wände fühlt man sich etwas wie in einem Industrieloft. Der Gartenraum dient nun als Wohnzimmer, das durch einen neuen Kamin und eine Nasszelle auch den heutigen Bedürfnissen gerecht wird.

Außen erinnern die Holzspaliere an die frühere Nutzung, die Fassade selbst hat einen neuen Ölfarbenanstrich nach altem Befund erhalten. Auch das Dach wurde nicht komplett neu gedeckt, sondern lediglich ausgebessert. Minimale Eingriffe verbinden sich auf das Beste mit maximalem Substanzerhalt und einigen gezielten vorgenommenen Ergänzungen.


Standort: Schlossstrasse 211, CH-9435 Heerbrugg
Bauherr (Generalunternehmen): RI-MA Immobilien, Widnau
Architekten: Baumschlager Hutter Partners, Heerbrugg, Jesco Hutter
Mitarbeiter: Jem Wildburger
Tragwerksplanung: D+S Baustatik, Widnau
HLK: WWS Wärme Wassertechnik, St. Margrethen
Lärmschutz: PML Ingenieurbüro, Rebstein
BGF: 139 m² (Wohnfläche: 150 m²)
BRI: ca. 1 000 m³ (ohne Garage)
Baukosten: 700 000 Euro
Bauzeit: Juli 2018 bis Februar 2019

Beteiligte Firmen:
Waschbecken / Badewanne: Max Frei, Widnau, www.maxfrei.ch
Küche: Baumann, Berneck, www.baumann-kuechen.ch
Betten: Tischlerei Mohr, Andelsbuch, www.tischlereimohr.at


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