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# zusätzlicher Titel für google-Fundliste, falls der Gebäudename zu wenig aussagt. Z.B. mit Nennung des Architekten - braucht’s nicht #

Wohnen in der Kirche in Hannover
Schlafen statt beten

Für die häufige Bauaufgabe, eine leerstehende Kirche nachzunutzen, wurde hier eine überzeugende Lösung gefunden. Mit Apartments für Studierende dient das Gebäude wieder einer Gemeinschaft. Dennoch bleibt der sakrale Raumeindruck im Innern ablesbar.

Das Projekt erhielt eine Anerkennung beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2020.

Jurybegründung:

Für die häufige Bauaufgabe, eine leer stehende Kirche nachzunutzen, wurde hier eine sensible Lösung gefunden. Mit Apartments für Studierende dient das Gebäude wieder einer Gemeinschaft. Die Zimmer sind als Boxen reversibel in den denkmalgeschützten Sakralraum gestellt, berühren dessen Wände nur an ganz wenigen Stellen und überlassen als schlichte weiße Einbauten der vorgefundenen Bausubstanz gestalterisch den Vortritt. Gleichzeitig halten sie genug Fläche frei, sodass sich der ursprüngliche hallenartige Raumeindruck auch heute noch nachvollziehen lässt. Geschickt wird der Bestand auf diese Weise genutzt, um den Gemeinschaftsbereichen eine Großzügigkeit zu verleihen, die in einem Neubau nie zu finanzieren gewesen wäre.

Architekten: (pfitzner moorkens) architekten
Tragwerksplanung: Dr. Ing. Meihorst und Partner GmbH

Text: Hartmut Möller
Fotos: Frank Aussieker

Die von Reinhard Riemerschmid entworfene, 1963 fertiggestellte Gerhard-Uhlhorn-Kirche ist ein wunderbares Beispiel klerikaler Baukunst der Nachkriegszeit. Idyllisch am Grünzug des Leineufers gelegen, ragt ihr steiles, kupferbedecktes Walmdach 21 m in die Höhe. Es thront auf einem 4 m hohen Sockel aus perforierten Strukturbetonwänden, der eine Grundfläche von 23 x 40 m misst. Mit ihrem schlanken, frei stehenden Glockenturm ist die Kirche für die Silhouette des Hannoverschen Stadtteils Linden prägend. Ungeachtet dessen war der Unterhalt bei stetem Mitgliederschwund unwirtschaftlich, weshalb 2012 die Entwidmung erfolgte. Anschließend wurde die Immobilie nüchtern unter der Rubrik 1-Zimmer-Wohnung mit »kirchentypischer Ausstattung« vermarktet. In einem Bieterverfahren konnten diverse Konzepte jedoch über mehrere Jahre hinweg nicht verfangen, darunter eine Nutzung als Artistenschule sowie als Inklusionsprojekt. Der bestehende Denkmalschutz untersagte umfangreiche Änderungen, selbst innen sollte das Bauwerk als Gotteshaus ablesbar bleiben.

2015 erhielten die Investoren Dr. Meinhof und Felsmann den Zuschlag und entwickelten die Idee, hier ein Studentenwohnheim einzupassen. Zusammen mit (pfitzner moorkens) architekten bewiesen sie viel Feingefühl und erarbeiteten eine als Implantat ausgeführte Haus-in-Haus-Lösung. 27 möblierte Zimmer mit eigenem Bad sind als Wohnraum im geschlossenen System des Sakralbaus untergebracht. Ihre Größe variiert von 13,5-46,5 m². Weiterhin stehen 500 m² Gemeinschaftsfläche zur Verfügung. Natürlich gibt es WLAN, die Universität ist mit dem Fahrrad in wenigen Minuten zu erreichen und preislich orientiert man sich an den Mieten des Studentenwerks. Einige Zimmer verteilen sich in der alten Sakristei und Winterkirche. Die überwiegende Anzahl der Räume wurde aber rechts und links des ehemaligen Mittelgangs doppelstöckig angeordnet, dort wo einst die Gebetsbänke standen. So bleibt die imposante Raumwirkung und -höhe des holzbekleideten Dachs erlebbar und vermittelt noch heute eine spirituelle, würdevolle Aura. Zwei Gemeinschaftsküchen wurden mit einstigen Gebetsbänken bestückt. Sie befinden sich im Eingangsbereich (EG) und auf der ehemaligen Orgelempore (OG). An deren gegenüberliegendem Giebel gestattet eine großzügige Dachterrasse die Aussicht auf den Fluss mit der bekannten Dornröschenbrücke.

So viel wie möglich bewahrt

Die weißen Neubauvolumen im Innern der Kirche setzen sich dezent vom Ursprungsbau ab. Durch die 7 m hohen Fensterschlitze der Dachschräge projiziert das Bestandsbuntglas ein farbenfrohes Lichtspiel auf ihre Oberflächen. Alle neuen Räume sind schall- und wärmegedämmt, die Kirchhülle dient nun lediglich als Witterungsschutz. Im Parterre konnte ein Kompromiss hinsichtlich der geometrisch gelochten Originalfassade erzielt werden. In diese wurden zwecks Belichtung der Zimmer (und als Rettungsweg) 70 cm breite, raumhohe Schlitze geschnitten – ein kaum bemerkbarer Eingriff. Eine Pufferzone zwischen Außenhaut und Miniwohnung verschafft Platz für kleine Loggien. An diversen Stellen sind Spuren der Eingriffe in die alte Konstruktion wahrnehmbar. Die Brüstung auf der Galerie etwa wurde als Durchlass scharfkantig aufgesägt; deren sichtbare Schnittflächen verweisen auf die Vergangenheit des Bauteils.

Einige religiöse Attribute befinden sich nach wie vor am angestammten Platz und zeugen von der ursprünglichen Bestimmung des Gebäudes. Z. B. wurde der massive Altar mit Parkettholz überzogen, das unterm Kirchenschiff hängende Kreuz samt Jesusfigur mit weißen Segeltüchern umhüllt. Rein theoretisch wäre eine Rückverwandlung für eine sakrale Nutzung also jederzeit möglich.

Vier wohnraumgeförderte, 30-35 m² große Apartments im Souterrain – mit Zugang von der Leinepromenade – können übrigens von Nichtstudierenden gemietet werden. Und auch die angehenden Akademiker im ehemaligen Kirchenraum müssen nicht zwangsläufig im Fachbereich Theologie eingeschrieben sein.


Standort: Salzmannstraße 4, 30655 Hannover
Bauherr: Dr. Meinhof und Felsmann GBS GmbH & Co. KG, Hannover
Architekten: (pfitzner moorkens) architekten, Hannover
Ausführungsplanung: Meinhof Architektur, Hannover
Tragwerksplanung: Dr. Ing. Meihorst und Partner GmbH, Stadthagen
HLSE: SVK – Ingenieurbüro für technische Gebäudeausrüstung, Haverlah
Brandschutz: Ingenieurgesellschaft Stürzl mbH, Dollern
Baukosten (KG 300-700): ca. 3 Mio. Euro
NGF: ca. 1 400 m²
BRI: ca. 4 550 m³


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