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Mischkomplex »Wintercircus« in Gent (B)

Mischkomplex »Wintercircus« in Gent (B)
Geplantes Nicht-Planen

Atelier Kempe Thill hat ein riesiges Gebäude im Herzen Gents umgenutzt: Erst Zirkus, dann Autohaus, dient es jetzt als Kultur- und Gründerzentrum. Beim Umbau gelang es, die Patina zu bewahren und trotz heutiger Normen möglichst wenig zu ändern.

Für ein Gebäude mit Publikumsverkehr liegt er erstaunlich versteckt: Im Innern eines Straßenblocks, auf allen Seiten von alten Stadthäusern umgeben, verbirgt sich der sogenannte „Wintercircus“. Der 1923 eröffnete Bau von Jules Pascal Ledoux – mit zentraler Manege, um die sich Stallungen legen – bot neben artistischen Vorstellungen auch Kino- und Musikveranstaltungen. Nur mit seiner großen Zirkuskuppel, genau genommen einem flachen Kegel, machte er sich in der Dachlandschaft des Quartiers bemerkbar.

1947 erwarb der Autohändler Ghislain Mahy die Anlage, um dort ein Autohaus und seine private Oldtimer-Sammlung unterzubringen. Er nahm umfangreiche Umbauten vor, fügte über alle Stockwerke diverse Rampen für die Fahrzeuge ein, schlug im runden Hauptbau den Stuck ab, um den nackten Rohbau zu zeigen, und ergänzte im Stil der Zeit einen Showroom zur Laamerstraat, im Stadtraum der einzige deutliche Hinweis auf das große Gebäudekonglomerat im Blockinnern. Dort ein Auto zu kaufen, soll ein Ereignis gewesen sein, denn man konnte durch das riesige runde Atrium flanieren, direkt vor Ort zum Friseur gehen, das Fahrzeug in der hauseigenen Tankstelle mit Kraftstoff füllen – und einen Blick auf die Oldtimer-Sammlung werfen, die weltweit größte ihrer Art. 950 Exemplare fanden hier bis zum Jahr 2000 Platz.

Wintercircus 3.0

Danach stand das Gebäude lange leer, bis die Stadt Gent es ab 2012 zu einem Kultur- und Gründerzentrum umbauen ließ. Den Wettbewerb gewann Atelier Kempe Thill in Zusammenarbeit mit aNNo Architects. Obwohl das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht, beschlossen die Planer, das wie collagiert wirkende Gefüge aus unterschiedlichen Räumen und Oberflächen möglichst unverändert zu erhalten. Die ehemalige Zirkusmanege, mit 1200 m² so groß wie das römische Pantheon, dient jetzt als überdachter öffentlicher Platz und lässt sich für Veranstaltungen aller Art nutzen. Flankiert wird sie von einem Café, einer Bar und einem Laden. Unter der Manege liegt ein neuer Rockmusiksaal für 500 Besucher. Aus Stahlbeton als rundes Haus im Haus konstruiert, gräbt er sich gleichsam ins Erdreich und ist ideal für krachende Konzerte; wenn es hier einmal laut wird, bekommt das in der Nachbarschaft niemand mit. Die einstigen Pferdeställe auf dieser Etage beherbergen heute charaktervolle Tagungs- und Konferenzräume. Die Zirkusbühne im 1. OG wiederum wurde zu einem Auditorium umfunktioniert, daneben gibt es viel Platz für »Unternehmen der digitalen Innovation«, wie es die Bauherrin, die städtische Immobiliengesellschaft sogent, umschreibt.

Wer sich den ganzen Tag nur in der digitalen Welt bewegt, weiß vielleicht Räume zu schätzen, die nicht in steriler Perfektion daherkommen, sondern das Raue, Haptische, Unfertige zelebrieren. Wände, von denen der Putz abgefallen ist, rot beschichtete Betonböden, alte Zapfsäulen – alle wurden so belassen wie vorgefunden. Dieser Ansatz der Architekten half, Authentizität und Patina des Wintercircus zu erhalten – und mit dem geringen Budget zurechtzukommen. Bei den unvermeidlichen Eingriffen für neue Nutzung, Brand- und Wärmeschutz, suchten sie nicht den Kontrast, sondern die möglichst unauffällige Einpassung. Die »Fassade« des Atriums, gleichsam das charakteristische Rückgrat des Gebäudekomplexes, blieb ungedämmt. Stattdessen erhielten die weitgehend versteckten Außenfassaden innerhalb des Blocks ein WDVS mit zurückhaltendem, grauem Anstrich. Die Fenstergliederung ist eine Interpretation der alten Einteilung. Wo neue Verglasungen zum Atrium eingebaut werden mussten, präsentieren sie sich mit schwarzen schlanken Stahlrahmen, wie sie schon im Bestand an vielen Stellen vorhanden waren. Auch das Dachtragwerk wirkt filigran wie eh und je, dank eines Brandschutzanstrichs konnte auf eine Bekleidung verzichtet werden. Das eigentliche Gesicht des Wintercircus zur Stadt, der Showroom an der Laamerstraat, wurde mitsamt seiner zarten Fensterprofile originalgetreu restauriert. Ein ehemaliger Eingang, der durch das Tor eines alten Stadthauses führt, ist nun mit einem eleganten schwarzen Stahlstabgitter verschlossen.

Der Umbau ist seit kurzem fertiggestellt, ab 2023 werden dann die ersten Mieter einziehen. Um ihren attraktiven Arbeitsplatz dürften sie von vielen beneidet werden …

~Kristiaan Mooiwer



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