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Organisch ergänzt. Freie Waldorfschule Berlin von MONO Architekten

Waldorfschule in Berlin
Organisch ergänzt

Was passiert, wenn ein Ostberliner Plattenbau mit Waldorfpädagogik zusammentrifft, zeigt die Freie Waldorfschule am Prenzlauer Berg. Dort erwächst eine subtile Architekturkombination jenseits von Plattenmonotonie und anthroposophischem Betonschwulst.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2020.

Jurybegründung:
Plattenbau und Waldorfpädagogik – was eigentlich nicht zueinander passt, wurde hier in Einklang gebracht. Im Masterplan für den langfristigen Umbau dient der riegelförmige Bestand als Rückgrat für organisch geformte Anbauten zu beiden Seiten. Die bereits realisierten Abschnitte überzeugen: Die aus energetischen Gründen vor den Plattenbau gestellten neuen Fassaden werden genutzt, um an der Straßenseite das strenge Bestandsraster variantenreich zu überspielen und der Schule ein freundlicheres Gesicht zu geben. Zum Schulhof dagegen lassen sie den seriellen Charakter des Ursprungsbaus durchscheinen. Auch die skulpturale Gebäudefigur der fünfeckigen Erweiterungen leistet einen originellen Beitrag zum Umgang mit den zahlreichen DDR-Typenschulen.

Architekten: MONO Architekten
Tragwerksplanung: WTM Engineers

Text: Jürgen Tietz
Fotos: Gregor Schmidt u. a.

Sanierungen von Plattenbauten gehören 30 Jahre nach dem Ende der DDR zum architektonischen Alltagsgeschäft. Sie aber ausgerechnet für eine Waldorfschule herzurichten, kommt nicht allzu häufig vor. In der Gürtelstraße im Berliner Stadtteil Pankow ist genau dies geschehen, die 2006 gegründete Schule sitzt seit 2011 in einer Platte vom Typ SK Berlin (1976). Um das konsequent durchgerasterte Gebäude an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, lobte die Schule einen Wettbewerb aus, den MONO-Architekten 2015 gewannen. In einem ersten Bauabschnitt fügten sie einen Hort an, in einem zweiten führten sie eine energetische Fassadensanierung am Bestand durch. Ein Anbau von Aula und Fachräumen (beide geplant) war ebenfalls Teil des Wettbewerbs.

Zur Gürtelstraße begrüßt der Plattenbau Schüler und Lehrer jetzt mit einem spannungsvollen Fassadenbild aus frei über die fünf Geschosse verteilten unterschiedlichen Fensterformaten. Es ist das Ergebnis der künstlerischen Komposition durch die Architekten, zugleich folgt es den strengen energetischen Anforderungen, die es für die finanzielle Förderung mit EFRE-Mitteln (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) der EU im Rahmen des Berliner Bene-Programms (Berliner Programm für Nachhaltige Entwicklung) zu erfüllen galt. Dazu gehörte u. a., die Glasflächen des Typenbaus zu reduzieren. Da sowohl Klassenräume als auch Flure ursprünglich gleichermaßen intensiv belichtet wurden, fiel die Entscheidung, die Fensterflächen der nach Nordwesten gerichteten Flure zu verkleinern. Allerdings war bei der »historischen« Fassadenkonstruktion die statische Tragfähigkeit für die neue Dreifachverglasung nicht mehr gegeben. Auf beiden Langseiten haben die Architekten daher dem Schulriegel während des laufenden Unterrichtsbetriebs eine neue, selbsttragende Fassade aus Holz samt Dämmung aus Mineralwolle vorgesetzt. Darüber liegt ein fein belebter Besenstrichputz, im Farbton eines Pankower Café-Latte. Die fensterlosen Schmalseiten wurden mit einem konventionellen WDVS bekleidet.

Fenster differenziert gestaltet

Auf der Straßenseite wird nicht nur zwischen unterschiedlichen Formaten und Farben der teils holzsichtigen (geölten), teils gestrichenen Fenster aus Kiefer gewechselt. Zusätzliches Leben kommt durch die ebenfalls unterschiedlich großen rahmenden Faschen hinzu, die sich so hell wie glatt vom Putz abheben. So erinnert die Fensterkomposition aus der Distanz betrachtet ein wenig an eine Petersburger Hängung in Pankow. Besonders reizvoll sind die großen, holzsichtig gerahmten Stadtfenster. Für sie mussten die alten Brüstungselemente entfernt werden. Aber auch die gucklochkleinen Fenster entfalten ihre Wirkung. Zumal von innen, wo sie sich auf Höhe der Kinderaugen befinden. Das Ergebnis ist eine wunderbar spielerische, aber keineswegs verspielte Gestaltung.

Ganz anders präsentiert sich die nach Süden gerichtete Hofseite. Dort sind die der Moderne entlehnten langen Fensterbänder fortgeschrieben worden. Ungewöhnlich erscheint zunächst die mittige horizontale Teilung der Fenster. Sie erklärt sich aber nicht nur einfach aus der Funktion der Fenster. Sie besitzt mit dem legendären Verwaltungsgebäude der Deutschen Krankenversicherungsgesellschaft (1928/30) von Otto Rudolf Salvisberg in Schöneberg zudem einen bedeutenden Berliner Vorläufer. Während die unteren Fensterflügel in Pankow nur zum Klappen vorgesehen sind, können die oberen Fensterflügel auch ganz geöffnet werden. Selbst wenn Kinder auf der neuen hölzernen Brüstung herumklettern sollten (was in Schulen bekanntlich niemals vorkommt), ist die notwendige Absturzsicherung gewährleistet. CO2-Ampeln in den Klassen zeigen zudem an, wenn wieder denkfördernder Sauerstoff durch Lüften in die Räume zugeführt werden sollte.

Bis auf die Wandanschlüsse zwischen neuer Fassade und altem Betonriegel und die bereits zuvor eingebaute Deckenbekleidung in den Klassenräumen, um die Akustik zu verbessern, hat der Plattenbau im Innern seinen spröden Charme behalten.

Freie Waldorfschule Berlin im Zeichen des Pentagons

Völlig neu ist dagegen der Hort der Schule, der im ersten Bauabschnitt entstand. Aus mehreren ineinandergeschobenen Fünfecken komponiert, ergänzt er den langen Bestandsriegel zu einer annähernd L-förmigen Figur, die den Schulhof gleichsam umarmt und vom öffentlichen Raum abschirmt. Nebenbei vermittelt sie städtebaulich zwischen den benachbarten freistehenden Zeilenstrukturen im Süden und der geschlossenen Blockrandbebauung im Norden.

Mit seiner reliefierten Holzfassade aus Lärche, den abgerundeten Gebäudeecken und dem Verzicht auf rechte Winkel, ergibt sich bei diesem Erweiterungsbau eine anheimelnd organische Struktur. Ganz unabhängig von der Bedeutung, die dem Motiv des Pentagramms im Denkgebäude von Anthroposophie und Waldorfpädagogik zuwächst, haben die Architekten sehr qualitätvolle Räume mit natürlichen Materialien wie Lehmputz, Strohdämmung und Holzbekleidung entwickelt. Je zwei der insgesamt sechs wabenähnlichen Horträume haben eine gemeinsame Vorzone für die Garderoben. Jeder Hortraum ist zu einer eigenen Außenfläche hin ausgerichtet und verfügt zudem über eine kleine, ebenfalls belichtete Galerie, die als Rückzugsort dienen kann. Von außen lassen sich diese Galerien als pentagonale Überhöhungen in den leicht geneigten Dachflächen ablesen. Das Ergebnis ist eine skulpturale Gebäudefigur, die sich als reizvoller räumlicher und formaler Kontrast zu dem transformierten Plattenbauriegel darstellt.


Standort: Gürtelstraße 16, 10409 Berlin
Bauherr: Freie Waldorfschule am Prenzlauer Berg, Berlin
Architekten: MONO Architekten, Berlin
Projektteam: Jonas Greubel, Daniel Schilp, André Schmidt, Matteo Pelagatti
Tragwerksplanung: WTM Engineers, Berlin
HLS-Planung: TPLAN Ingenieurgesellschaft, Berlin
Brandschutz: HSP Ingenieure, Berlin

Beteiligte Firmen:
Dach-Abdichtungen: Firestone Building Products, Düsseldorf, www.firestonebpe.com/de
Gründach: Optigrün, Krauchenwies, www.optigruen.de
Putz: Rapido Lehm-Putze, Malschwitz, www.rapidolehm.de
Fensterlüfter: Renson NV, Waregem, www.renson.eu
Wandheizungen: WEM Wandheizung, Urmitz, www.wandheizung.de
Deckenbeleuchtung: mawa design, Michendorf, www.mawa-design.de
Schalterprogramm: Berker, Schalksmühle, www.berker.com
Fliesen: Villeroy & Boch Fliesen, Merzig, www.pro.villeroy-boch.com

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