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Tagespflege Stadlerhof in Burghausen
Wohnlich statt steril

Mit großem Einfühlungsvermögen wurde das denkmalgeschützte Wohnhaus eines ehemaligen Vierseithofs für eine Tagespflege umgebaut. Ungewöhnlich für eine Pflegeeinrichtung ist der Mut zu einer Vielzahl an rohen und offen belassenen Oberflächen.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2020.

Jurybegründung:
Mit großem Einfühlungsvermögen wurde das Wohnhaus eines ehemaligen Vierseithofs für eine Tagespflege umgebaut. Der Umgang mit dem Denkmal ist vorbildlich: Historische Details wie die Wandmalereien wurden sorgfältig restauriert, Altersspuren wie Risse und Kratzer in Boden und Türen erhalten, neue Bauteile wie eine eingestellte Toilettenbox ablesbar gemacht. Ungewöhnlich für eine Pflegeeinrichtung ist der Mut zu einer Vielzahl an rohen und offen belassenen Oberflächen – keine Spur von der meist etwas sterilen Atmosphäre, auf die man sonst häufig in solchen Bauten trifft. Vielmehr erzeugt hier die Patina der Historie eine vertraute Wohnlichkeit.

Architekten: studio lot Architekten & Innenarchitekten
Tragwerksplanung: Ing.-Büro für Baustatik und Konstruktion Gebhard Winterer

Text: Thomas Geuder
Fotos: Antje Hanebeck

Das Städtchen Burghausen liegt direkt an der deutschen Grenze zu Österreich, die hier von der Salzach gebildet wird. Unweit des Flusses hatte man im Spätbarock (genauer gesagt: Mitte des 18. Jahrhunderts) einen Vierseithof errichtet, von dem zuletzt jedoch nur noch das Wohnhaus erhalten geblieben war, ein zweigeschossiges, sanierungsbedürftiges Gebäude mit hohem Krüppelwalmdach. Das haben die Bauherrschaft Tanja und Heiner Hintermeier gemeinsam mit dem Architekturbüro studio lot denkmalgerecht und mit viel Leidenschaft saniert und restauriert, dabei zahlreiche Artefakte aus dem historischen Bestand übernommen. Die Nachbarschaft zu den Kreiskliniken war praktisch: In dem frisch sanierten Bauwerk ist eine Tagespflege eingezogen.

Besonders behutsam sind die Architekten bereits bei der Bestandsaufnahme vorgegangen: Von Beginn der Umplanungen an wurde das historische Gebäude sorgfältig untersucht, Schicht für Schicht freigelegt und neuzeitliche Anstriche und Ergänzungen entfernt, um die jahrhundertealten Bauteile in ihrem ursprünglichen Aussehen wiedererlebbar zu machen. Das beginnt bereits bei der Fassade, deren neue Gestaltung sich an Restaurierungsproben der unteren, also ältesten Farbschicht orientiert. Zu den hellen Gliederungselementen, den großzügigen Faschen um die Fenster und dem aufwendig modellierten Giebelbereich bildet die grau abgetönte Fassadenhauptfläche einen eleganten Kontrast, durch den die Fassade eine stärkere Tiefenwirkung erhält.

Historische Innenraumatmosphäre

Bei der Restaurierung des Innenraums ging das Planungsteam angesichts der vorgesehenen Nutzung als Tagespflege, mit der man eher eine sterile Atmosphäre assoziiert, einen unerwarteten Weg: Wo möglich, wurden bestehende Materialien und Oberflächen wiederbelebt, wie etwa der ruppige Natursteinboden in Rotmarmor, der die Flurbereiche im EG prägt, oder die tiefgrünen Füllungstüren, die im OG mit aufwendigen, historischen Türzargen neu gesetzt wurden. Eine Besonderheit verbarg sich in den beiden Sälen, dem Damen- sowie dem Herrenzimmer, wo dekorative Wandmalereien freigelegt und behutsam restauriert werden konnten. Im gesamten Gebäude ließ das Planungsteam Kastenfenster einbauen, innen mit einer Isolierverglasung und außen mit gezogenem Glas und Sprossenteilung versehen. Die Beschläge sind historisch nachempfunden, geschwärzt, die Fensterbleche bestehen aus Blei, das mit fortschreitender Verwitterung eine weißliche Patina bekommt. Nicht erhalten werden konnten die Holzdielen im OG, da bei einer Materialuntersuchung eine hohe PCB-Konzentration nachgewiesen wurde. Der neue Bodenbelag besteht aus weißlich geölten Eichendielen.

Nutzergerechte Ausstattung

Weitere Ergänzungen haben die Architekten nun noch sehr zurückhaltend vorgenommen: Die brandschutztechnisch erforderlichen Türen in den Fluren etwa sind dezent mit Glasfüllungen versehen, der weiße Rahmen stört das Gesamtbild kaum. Ein Großteil der Wand- und Deckenoberflächen ist in Weiß- und Grauabtönungen getüncht, was eine helle, freundliche Atmosphäre erzeugt. Einen gezielten Kontrast bilden die neuen Sanitärbereiche, deren Toiletten als farbige Box in warmen Rot- und Altrosatönen markiert sind. Auf ihrer Oberseite versteckt sich eine indirekte Beleuchtung, welche die Gewölbedecken inszeniert.

Der Pflegedienst »Curamus Burghausen« als Nutzer wurde bei der Planung regelmäßig einbezogen, um seine speziellen Anforderungen erfüllen zu können. Keine Mühen hat er schlussendlich bei der Inneneinrichtung gescheut und nach einzigartigen Möbelstücken gesucht, alten Bauernschränke und -truhen, die sich harmonisch ins neu belebte Denkmal einfügen.


Standort: Holzfelderweg 2, 84489 Burghausen
Bauherr: Tanja und Heiner Hintermeier, Burghausen
Architekt: studio lot Architekten & Innenarchitekten, Altötting
Büropartner: Achim M. Kammerer
Mitarbeit: Veronika Stadlmann
Tragwerksplanung: Ing.-Büro für Baustatik und Konstruktion Gebhard Winterer, Taubenbach
Landschaftsplanung: Wolfgang Wagenhäuser, Töging
BGF: 1 065 m² (Denkmal mit Anbauten)
BRI: 3 529 m³ (Denkmal mit Anbauten)

Beteiligte Firmen:
Bodenbelag Aufenthaltsräume: Eiche Weiß und Eiche Grey, natur geölt und gebürstet; Admonter Holzindustrie, Admont: www.admonter.com
Bodenbelag WC-Vorräume, Pflegebad, Küche: Scenes 6121 cool grey clay, Bodenbelag »WC-Box«: Global 76260 Siennarot: Mosa, Maastricht, www.mosa.com
Innentüren: tiefgrüne Füllungstüren mit historisierten Türzargen: Schreinerei Josef Breitenberger, Burghausen
Kastenfenster: innen: Fensterrahmen mit Isolierverglasung, außen: gezogenes Glas mit Sprossenteilung, historisch nachempfundene, geschwärzte Beschläge: Schreinerei Nikolaus Sigrüner, Winhöring; www.sigruener.de
Anstrich Fassade: »Keim Exclusiv«, Weiß- und Grauabtönungen; Malermeister Richard Kreil, Burghausen, www.maler-kreil.de
Dachdeckung: Biberschwanz Geradschnitt mit abgerundeten Ecken, Naturrot: Creaton, Wertingen, www.creaton.de


 studio lot Architekten & Innenarchitekten

Studio_Lot_Portraits

Achim M. Kammerer

Architekturstudium an der FH München, 2000 Diplom. 2000-04 Mitarbeit im Büro Sepp Wanie Architekten, München. 2005 Büro mit Anke Lorber und Veronika Kammerer. Seit 2018 Büro mit Veronika Kammerer, Anke Lorber und Wolfgang Prabst.

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Veronika Kammerer

Architekturstudium an der AdbK München, 1996 Diplom und der FH München, 1999 Diplom. 1999-2003 Mitarbeit in verschiedenen Büros. 2002 Büro mit Anke Lorber. Lehrauftrag und Assistenz an der FH Rosenheim und TU München. Seit 2018 Büro mit Achim M. Kammerer, Anke Lorber und Wolfgang Prabst.

Studio_Lot_Portraits

Anke Lorber

Architekturstudium an der AdbK München, 1999 Diplom. 1999-2002 Mitarbeit in verschiedenen Büros. 2001-07 Lehrauftrag und Assistenz an der AdbK München. 2002 Büro mit Veronika Kammerer. Seit 2018 Büro mit Achim M. Kammerer, Veronika Kammerer und Wolfgang Prabst.

Studio_Lot_Portraits

Wolfgang Prabst

Architekturstudium an der FH München, 2000 Diplom. 2000-08 Mitarbeit in verschiedenen Büros in München und Aschheim. Seit 2018 Büro mit Achim M. Kammerer, Veronika Kammerer und Anke Lorber.


Über den Autor Thomas Geuder

1971 geboren in Heidelberg. 1996-2002 Architekturstudium an der TH Karlsruhe. Freischaffender Fachjournalist für nationale und internationale Fachverlage. Seit 2011 eigenes Unternehmen raumjournalismus.

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