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Spreestudios in Berlin

Spreestudios in Berlin
Arbeits- statt Parkplatz

Wie lässt sich das Nachverdichtungspotenzial all jener Garagenhöfe nutzen, die von den 50er bis zu den 70er Jahren landauf, landab in großer Zahl entstanden sind? Hoffentlich öfter so, wie es bei diesem Exemplar am Berliner Spreeufer geschehen ist.

Jurybegründung:
Durch Umbau und Aufstockung avancierten ehemalige Werkstätten und Garagen der DDR-Zollverwaltung zu Ateliers und Studios. Der dunkelgrau gestrichene, ruppige Bestand kontrastiert mit den präzisen, metallisch-glänzenden Ergänzungen. Sie erweisen sowohl der technisch geprägten Geschichte der beiden Ursprungsbauten als auch der industriell geprägten Nachbarschaft ihre Reverenz. Die wie aufgeklappt wirkenden Dachflächen sind dabei schlüssig aus dem früheren Pultdach abgeleitet. Eine gut durchdachte Antwort auf die Frage, wie sich das Nachverdichtungspotenzial all jener Garagenhöfe nutzen lässt, die von den 50er bis zu den 70er Jahren landauf, landab in großer Zahl entstanden sind.

Architekten: Thomas Baecker, Bettina Kraus
Tragwerksplanung: fd-ingenieure

Text: Jürgen Tietz
Fotos: Filip Kujawski

Von der ehemaligen Flussbadeanstalt am Ufer der Spree in Rummelsburg (Berlin-Lichtenberg) zeugt heute nur noch das Haus des Bademeisters im Duktus der 20er-Jahre-Backsteinmoderne. Die unmittelbar daran anschließende Garagenanlage für die DDR-Zollverwaltung, die seit den 50er Jahren auf dem Areal entstand, haben Thomas Baecker und Bettina Kraus zu gewerblich genutzten Studios umgewandelt. Die besondere Qualität ihres Umbaus wird durch zwei Aspekte gekennzeichnet: Zum einen zielte ihr Entwurf darauf ab, den (nicht denkmalgeschützten) Bestand weitgehend zu belassen und durch Ergänzungen zu verdichten. So bleibt eine Erinnerung an den ursprünglichen Charakter des Orts und an seine Atmosphäre gewahrt. Die historischen Garagentore aus Metall wurden erhalten (und aufwendig repariert), ebenso die alten Ziegeltrennwände im Innern der Garagen, die nun weiß gefasst sind. Der Betonboden des Garagenhofs, der gemeinschaftlich genutzt werden kann, blieb in seiner ruppig rauen Ehrlichkeit ebenfalls bestehen. Zum anderen wird der Bestand durch eine betont kunstvolle Ästhetik des Weiterbauens fortgeschrieben. Dabei nehmen die Architekten sowohl in Form als auch im Material Bezug auf den industriellen Charakter des Orts, der an ein Kraftwerk angrenzt.

Abwechslungsreiche Dachlandschaft

Der lang gestreckte Riegel der ursprünglich flachen Garagen wurde um eine neue Dachlandschaft aus gegeneinander versetzten Pultdächern ergänzt. Sie öffnen sich abwechselnd mit großen Glasfronten und Balkonen zum belebteren Garagenhof oder zur ruhigeren Rückseite des Grundstücks. So entsteht eine spannungsvolle Abfolge von Dachflächen, die sich x-förmig überschneiden. Während die historische Substanz der Fassade durch eine dunkle, graubraune Farbfassung (RAL 8019) den Bezug zur Umgebung sucht, hebt sich die neue Dachbekleidung deutlich davon ab: Ihre edelstahlkaschierten Bitumenschweißbahnen erzeugen einen markanten Gegenpol zu dem dunklen Sockel.

Im Innern haben die Architekten die hohen Studios durch eine differenzierte Raumentwicklung in mehrere Ebenen gegliedert. Neu eingefügte Metalltreppen mit ihren filigranen Brüstungen verbinden diese Ebenen. Von einzelnen Stellen in den Studios aus ergeben sich zwischen den Einbauten Durchsichten, sodass sich die Gesamtheit der Raumkomposition leicht erfassen lässt. An den Studiowänden bleiben die unterschiedlichen Zeitschichten deutlich ablesbar: So liegt auf den Ziegelwänden eine Betonschicht auf. Sie dient als ausgleichendes »Fundament« für den Holzbau der Dachaufbauten. Zusätzlich eingebrachte Stahlträger ermöglichen es, die Räume stützenfrei zu halten.

Der quer zum Ufer verlaufende, aufgestockte Kopfbau des kleinen Studioensembles schreibt diese Motive mit seinen drei großzügigen Einheiten fort. Dabei wird das Thema der gegeneinander versetzten Schrägen des skulpturalen Dachs erneut aufgegriffen. Ein neu formuliertes, tympanonartiges Gesims schließt das wiederum dunkel gefasste Sockelgeschoss nach oben hin ab. Das darauf aufgesetzte OG erhielt ebenfalls eine Bekleidung mit den edelstahlkaschierten Bitumenbahnen. Von einer eindrucksvollen, expressiv-skulpturalen Betontreppe im Hof aus werden die OGs erschlossen. Der Zugang in die Einheiten ist dabei als torartig »aufgeklapptes« Wandelement formuliert. Diese raumschaffende Geste interpretiert das Motiv der Garagentore neu.


Standort: Zur alten Flußbadeanstalt 1, Köpenicker Chaussee 2-4, 10317 Berlin
Bauherr:
Spreestudios GmbH & Co. KG
Architekten: Thomas Baecker Bettina Kraus, Berlin
Mitarbeiter: Alexander Thomass, Alexander Ammon, Anna Leipolz, Sebastian Witzke
Tragwerksplanung: fd-ingenieure, Berlin
Klimaingenieure / Haustechniker: Janowski & Co Beratende Ingenieure, Berlin
BGF: 2,75 m²
BRI: 19,5 m³
Baukosten: 3,25 Mio. Euro (netto, KG 300 und 400)
Bauzeit: Februar 2014 bis November 2018

Beteiligte Firmen:
Fenster: Velfac, Horsens, www.velfac.dk


Weitere Aufstockungen:

Business Center in Kemptthal (CH)
Universitätsbibliothek in Graz (A)
Schloss der Lutherstadt Wittenberg
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