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Studentendorf Schlachtensee in Berlin von Muck Petzet Architekten

Studentendorf Schlachtensee in Berlin
Minimal mehr

Nach 45 Jahren ohne Erneuerungen stand bei dem Wohnheim für Studierende eine Komplettsanierung an. Doch mit intensiven Voruntersuchungen gelang es, Eingriffe, Kosten und Klimawirkung zu beschränken und dennoch die Räume gestalterisch aufzufrischen.

Architekten: Muck Petzet Architekten
Tragwerksplanung: CRP BAUINGENIEURE

Text: Jürgen Tietz
Fotos: Muck Petzet Architekten

»Weniger ist mehr« befand einst Ludwig Mies van der Rohe. Und obwohl Robert Venturi »Weniger« eher langweilig fand und damit die dekorverliebte Postmoderne ins Rollen brachte, ist Mies‘ Verdikt heute aktueller denn je. Weniger Neubau, weniger Fassaden- und Technik-Schmu und vor allem viel weniger Abriss, der euphemistisch gern als »Rückbau« verklärt wird, weisen der Architektur den Weg in die Zukunft. Nachhaltigkeit bedeutet, sich wertschätzend und bewahrend mit dem gebauten Bestand auseinanderzusetzen. Verkürzt formuliert könnte man fordern: Mehr Pinselsanierung wagen. Das klingt zwar gut, stößt jedoch in der gebauten Wirklichkeit oft an Grenzen. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sie reichen von den emporgeschraubten gesetzlichen Anforderungen über raumgreifende technische Ausstattungen bis zu den gewachsenen Ansprüchen von Nutzern und Bauherren. Herausforderungen, die auch im Studentendorf Schlachtensee im Berliner Südwesten anzutreffen sind. Gleichwohl erweist sich das in großen Teilen denkmalgeschützte Ensemble nicht nur als eine architektonische Schatzkiste, sondern zugleich als ein Labor für kluge Bestandserhaltung. Ab 1957, in mehreren Bauabschnitten und mit verschiedenen Gebäudetypen, nach Entwurf von Hermann Fehling, Daniel Gogel, Peter Pfankuch und dem Gartenarchitekten Hermann Mattern entstanden, war das Dorf zur Jahrtausendwende gedanklich bereits aus dem Berliner Stadtplan verschwunden, ehe es durch studentisches Engagement gerettet und wiederbelebt wurde. Seitdem wird in Etappen saniert. Den Anfang machten die »Altbauten« der 50er Jahre, die von Brenne Architekten behutsam ertüchtigt wurden. Nun haben Muck Petzet Architekten sich der 351 Wohneinheiten in den beiden fünfgeschossigen Hausgruppen aus den 70er Jahren angenommen. Die nach Entwurf von Kraemer Pfennig Sieverts (KSP) ausgeführten kleinen Hochpunkte bedeuteten damals eine maßvolle Verdichtung des Dorfes, die das Ensemble überragt, aber nicht dominiert.

Im Geist der 70er Jahre

Erste Überlegungen zu Erweiterung und Aufstockung der Bauten wurden aus Zeit- und Kostenerwägungen verworfen, aber auch die Statik setzte Grenzen. Für die in engem Budgetrahmen (rund 17 Mio. Euro, d.h. rund 50 000 Euro pro Wohneinheit) ausgeführten Arbeiten stand für jede der beiden Hausgruppen jeweils nur ein Semester zur Verfügung. So sollte der Vermietungsausfall für die Trägerin, die Studentengenossenschaft, begrenzt werden. Bemerkenswert ist, dass trotz der Corona-Pandemie die Arbeiten im Zeit- und Kostenbudget verwirklicht werden konnten.

Die zeittypisch vor und zurück mäandernde Lochfassade zeigt sich heute in einem oliv-grauen Farbton. Dazu kontrastieren die liegenden Fensterformate mit ihren leuchtend orangeroten (Haus 24/25) bzw. grasgrünen (Haus 26/27) Rahmen. Schon durch diese äußere Anmutung atmen die Häuser weiter die Aura der 70er Jahre. Das wird durch die stark farbigen Treppenhäuser in orangerot bzw. gelb noch unterstrichen. Fast meint man, das charakteristisch klingelnde Motorgeräusch eines vorbeifahrenden VW-Käfers (bitte ebenfalls in knalligem Orange) zu hören. Um die Eingriffe am Bestand zu bemerken, muss man schon zweimal hinschauen. Dieser auf Substanzerhalt ausgerichtete Ansatz von Muck Petzet Architekten besitzt eine sensible denkmalpflegerische Qualität, der eine präzise »Anamnese« des Gebäudezustandes und seiner Bauteile zugrunde liegt. Das ist um so bemerkenswerter, als die 70er Jahre Bauten im Gegensatz zum übrigen Dorf bisher leider nicht unter Schutz stehen.

Dank eines bauzeitlichen Dämmputzes wurde an der Fassade keine zusätzliche Dämmung aufgebracht. Der historische Putz wurde lediglich ausgebessert und frisch gefasst. Dach und Keller bekamen dagegen eine zusätzliche Dämmung, die alten Holzfenster wurden erneuert. Dies reichte schon aus, um einen KfW-Standard zu erreichen. Die Gemeinschaftsräume für die zumeist sechs Bewohner der Einheiten erhielten neue, große Schiebefenster, um mehr Licht ins Innere zu lassen. Die massivsten Eingriffe erforderte – wie so häufig bei Bauten der Moderne – die Haustechnik. Sie wurde nach eingehender Prüfung, ob sie sich nicht zumindest teilweise erhalten lässt, einschließlich der Aufzüge komplett ausgetauscht. Stark überarbeitet wurden auch die Gemeinschaftsbäder, um eine größere Privatheit zu ermöglichen. Im EG eines Hauses wurde zudem eine barrierefreie Wohneinheit geschaffen.

Der grundsätzliche Ansatz von Muck Petzet Architekten, einzelne Bauteile wie etwa die Treppenhaustüren zu erhalten und aufzuarbeiten, erweist sich nicht nur als substanzschonend. Dadurch konnten nach Einschätzung der Architekten auch Kosten und Zeitaufwand bei der Sanierung deutlich minimiert werden. Erhalten blieben auch viele Möbel aus der Entstehungszeit. Fehlende Exemplare wurden nachgebaut. Ergänzt werden sie durch neue, holzsichtige Einbaumöbel, die die rund 13 m² großen Wohnräume mit Bettnische samt Rückwand und Schrank gliedern. Hinzu kommt der neue Linoleumboden, der in Fluren und Zimmern die bauzeitlichen roten Terrakottafliesen der Gemeinschaftsküchen ergänzt.

Denkmalmethodik ohne Denkmalschutz

Zwar galt für die späte Moderne Flexibilität bei den Grundrissen als ein Zauberwort. Die Realität sah aber anders aus. So haben Muck Petzet Architekten bei ihrer Untersuchung des Bestandes festgestellt, dass die ursprünglich verschiebbar geplanten Wände in den Fluren, mit denen sich Größe der Wohngemeinschaften variieren ließ, nie verschoben wurden. Aus Brandschutzgründen mussten sie nun durch Trockenbauwände ersetzt werden.

Da jedes zu sanierende Gebäude der 70er Jahre seine eigenen Fragen aufwirft, kann das Konzept von Muck Petzet Architekten zwar nicht als Blaupause für den Umgang mit dem Bestand der späten Moderne dienen. Die grundsätzliche Haltung, die Erhalt und Reparatur den Vorrang gegenüber der Erneuerung einräumt, ist hingen sehr gut übertragbar. Dazu gehört nicht nur, die zeitgebundene Gestaltung bis in die Grundrissdisposition zu akzeptieren, sondern auch eine präzise Analyse des Bestands und aller Bauteile vor Baubeginn, wie sie in der Denkmalpflege Standard ist, um Eingriffstiefe und Kosten zu minimieren. Dank der Nutzungskontinuität mit studentischem Wohnen und der gelungenen Auffrischung sollte sich der Lebenszyklus der Hausgruppen im kleinen Gesamtkunstwerk Studentendorf wünschenswerterweise gut um weitere 50 Jahre verlängern lassen.


Standort: Wasgenstr. 75, 14129 Berlin
Bauherr: Studentendorf Schlachtensee eG
Architekten: Muck Petzet Architekten, München/Berlin
Team: Muck Petzet, Korbinian Luderböck, Julia Modlińska, Yifan Zhang, Laura Dittmar, Sophie Kalwa, Ferdinand Knecht, Callum McGregor, Eugenio Thiella
Bauleitung / LPH 6-8: apaprojects.architekten, Chemnitz/Berlin
Tragwerksplanung: CRP BAUINGENIEURE, Berlin
Planung Außenanlagen: Uwe Neumann, Freier Garten- und Landschaftsarchitekt, Berlin
Brandschutzplanung: CRP Bauingenieure, Berlin
TGA/HLSE-Planung: Team für Technik, München/Berlin
BGF: 11073 m²

Beteiligte Firmen:
Fenster: Tischlerei Rittmeier, Duderstadt/Nesselröden, www.tischlerei-rittmeier.de
Fenstergriffe: Modell 34 1075 von FSB, Brakel, www.fsb.de
Türgriffe: nach Möglichkeit Bestandsgriffe erhalten, teilweise Erneuerung/Austausch mit Modell 1070 von FSB, Brakel, www.fsb.de
Badfliesen: Serie COLOR TWO im Ton RAL 1306050 von RAKO, Plzeň (CZ), www.rako.cz/de
Möbel: GANTER INTERIOR, Waldkirch, www.ganter-group.com
Treppenhaus-Leuchten: PLANOX von RZB, Bamberg, www.rzb.de

 

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