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Spannung im Gewerbeloft

Umspannwerk in Hannover
Spannung im Gewerbeloft

Nach langem Leerstand hat ein Klinker-Kleinod aus den 20er Jahren eine neue Nutzung gefunden. Wo einst Transformatoren die Elektrizität regelten, ist heute Arbeiten in angenehmer Atmosphäre — statt »unter Strom« — möglich. Durch Entkernen des Gebäudeinneren, Erweitern des Bauwerks nach unten und behutsames Konservieren des Sichtmauerwerks schuf die Planungsgemeinschaft Indigo repräsentative Gewerbeflächen.

{Text: Hartmut Möller

Hannovers Südstadt ist von Backsteinarchitektur geprägt. Als die Wohnraumnot in den 20er Jahren zu einer großangelegten Förderung des Wohnungsbaus führte, ließen Vorgaben für Gliederung und Materialität der Neubauten homogene Siedlungen entstehen. Aus dieser Zeit stammt auch das freistehende, dreistöckige Umspannwerk, das sich mit seinem Sichtmauerwerk harmonisch in den Stadtteil fügt. Gleichwohl zeigt das Gebäude eine eigenständige Gestaltung, die regelrecht als Synonym für den allmählichen Aufbruch in die Moderne zu stehen scheint. Die disziplinierte Ausbildung des Baukörpers und die Verwendung eines Flachdachs folgt bereits den Prinzipien strenger Sachlichkeit, in der reich ornamentierten Klinkerfassade klingt aber noch der Geist früherer Epochen nach. Vertikale Zahnfriese fassen die Fenster ein, horizontale Gesimse gliedern die Wandflächen und erzeugen regelrechte Brüstungsbänder, in denen die Ziegel meisterhaft zu geometrischen Reliefs gemauert sind. Ein erst in den 60er Jahren angefügter Bauteil lässt diese hohe Mauerwerkskunst leider vermissen. Dessen ungeachtet steht der gesamte Bau seit 1993 unter Denkmalschutz. Kaum vorstellbar, dass dieses technische »Urgestein« noch bis 2006 unverändert für die Energieversorgungswerke in Betrieb war und die Anlagen beherbergte, mit denen die hohe Spannung des Netzes für die Endnutzer im Stadtviertel verringert wurde. Diese Funktion übernimmt heute das neue, nahegelegene Umspannwerk Bult.
Gebäudevergrößerung — nach unten
Nachdem eine Immobilienfirma das Gebäude Anfang 2009 von den Stadtwerken erworben und an eine gewerbliche Bauherrengemeinschaft veräußert hatte, konnte das Gebäude mit über 1 900 Quadratmetern Nutzfläche nach rund 18 Monaten Bauzeit bezogen werden. Die Umwandlung des historischen Schmuckstücks in ein Büro- und Gewerbehaus stellte das Planungsteam Indigo allerdings vor außergewöhnliche Herausforderungen. Um im EG, das nur gut 2,00 m hoch war, eine komfortable Raumhöhe von 2,80 m zu erreichen, musste der Fußboden rund 70 cm abgesenkt werden. In Konsequenz wurde der Untergrund des kellerlosen Bauwerks ausgekoffert. Die abschnittsweise erfolgte Außenwandabfangung dürfte zwar einen nicht unerheblichen Teil der Bausumme verschlungen haben, war für eine adäquate Umnutzung dieses Stockwerks allerdings unumgänglich. Da das Außengelände auf Höhe des ursprünglichen Erdgeschossbodens verlief, musste auf der Südseite – entsprechend der Absenkung – auch das Erdreich abgetragen werden. Bei genauerem Hinsehen ist der Vorgang noch am Klinker der Fassade ablesbar. Um das nach unten verlängerte Sichtmauerwerk optisch an den Bestand anzupassen, mischten die Planer unter die neuen Ziegel einige alte, die durch kleinere Abbrucharbeiten an anderer Stelle des Gebäudes verfügbar wurden. Die Fassadenöffnungen verlängerten sie nach unten, raumhohe Scheiben verleihen dem tiefergelegten Parterre nun eine unerwartete Opulenz. Wie nebenbei ist damit auch die gedrungene Erscheinung des Bauwerks wohltuend korrigiert. Natürlich verfälscht dieser Eingriff das tradierte Erscheinungsbild, er ist jedoch als solcher klar ablesbar. Die übrigen Bereiche der Fassaden blieben beinahe unverändert erhalten und wurden mit großer Sorgfalt instandgesetzt (s. S. 124). Dabei erfuhren die Mauerwerksfugen besondere Beachtung, denn sie waren in den 20er Jahren mit außergewöhnlicher Liebe zum Detail gestaltet worden: Um die horizontale Gliederung der Fassaden zu betonen, waren die Lagerfugen konsequent in Grau, die Stoßfugen hingegen in Rot ausgeführt. Die somit entstehende elegante Streifenwirkung streckt die Mauerwerksflächen optisch ein wenig in die Länge. Bei der Instandsetzung wurden sie daher wieder mit glattbündigem durchgefärbtem Mörtel in zwei unterschiedlichen Tönen differenziert.
Arbeiten im Industriedenkmal
Die Struktur des Gebäudes lässt darauf schließen, dass es sukzessive in zwei oder sogar drei Schritten errichtet wurde, beginnend von der nördlichen Längsfront. Auf seiner Südseite verspringt die Fassade durch einen nachträglich davor gesetzten Baukörper über zwei Etagen. So sind im Modeatelier des heutigen EGs noch die ursprünglichen Außenwände als Sichtmauerwerk erhalten. Die Verlockung der Dachterrassen, die auf dem vorgesetzten Baukörper neu geschaffen wurden, mag vor allem im Sommer dazu führen, dass der Broterwerb gelegentlich ins Hintertreffen gerät.
Die Planer teilten das lange Gebäude in vier Abschnitte mit drei separaten Zugängen. Die innenräumliche Gestaltung der Teilstücke übernahmen unterschiedliche Architekten, Indigo selbst zeichnet für die Gestaltung der Sektion C verantwortlich. Neben dem sanierten Treppenhaus an der östlichen Stirnseite (Abschnitt A) erfolgt die Erschließung des westlichen Abschnitts D über eine außenliegende Stahltreppe. Die beiden mittleren Sektionen B und C erhielten einen gemeinsamen, puristisch anmutenden Aufgang im ehemaligen Transformatorenturm. Die dafür verwendeten Treppenläufe wurden als Betonfertigteile über die Schachtöffnung im Dach eingelassen – die nun verglaste Dachluke zieht den Blick des Besuchers entlang der abgehängten Kugelleuchten, die die Vertikale betonen, unweigerlich gen Himmel.
Dass sich die Büro- und Gewerberäume in einem ehemaligen Industriebau befinden, ist überall zu spüren. Vorhandene Unterzüge blieben unverkleidet, viele Wände unverputzt. Neu eingefügte Bauteile wie Stahlelemente und Gussasphalt unterstreichen den ruppigen Charakter des Bestands. An ausgesuchten Punkten verweisen Fotos auf dort ehemals angebrachte Schriftzüge. Künstlich hinterleuchtete, mit Glasplatten abgedeckte Fußbodenvertiefungen oder -durchbrüche sind eine Reminiszenz an einst vorhandene Kabelführungen.
Zweifellos ist das denkmalgeschützte Umspannwerk ein gelungenes Beispiel exzellenter Backsteinarchitektur der 20er Jahre. Bei klarer Gliederung nutzt es die Gestaltungsmöglichkeit des Materials hervorragend aus. Die kunstvoll gemauerten Gesimse zwischen den Geschossen betonen seine Horizontale, ein mächtiger Sandsteinsockel dient dem Bau als Fundament.
Das Mauerwerk zeigte nach über 80 Jahren jedoch ein paar unschöne Spuren, die nun im Zuge des Umbaus beseitigt werden sollten: Mikroorganismen, pflanzlicher Bewuchs, Verunreinigungen und Graffitis. Um sie zu entfernen, kam eine besonders oberflächenschonende Variante des Sandstrahlens, das Rotec-Wirbelstrahlverfahren, zum Einsatz. Diese Methode ermöglicht auf Basis von Heißdampf (30 °C bis zu 150 °C) eine chemikalienfreie und daher umweltschonende Fassadensäuberung. Das Medium entfaltet aufgrund der hohen Temperaturen eine gute Wirkung, weil es die störenden Substanzen stark erweicht und sich diese dann bei geringem Druck mühelos ablösen lassen. Laut Hersteller wird mit einer speziellen Düse eine Mischung aus sehr fein gekörntem Strahlgut (beispielsweise Glaspudermehl), komprimierter Luft und Wasser um eine Achse in Rotation versetzt und ein Wirbel erzeugt, der mit einem regulierbaren Druck von 0,5 bis 7,0 bar auf die zu behandelnde Oberfläche trifft. Da der konisch austretende Strahl einen sehr hohen Anteil an Luft enthält, kann diese expandieren, den Strahl radial auseinander treiben und sich durch das kegelförmige Auffächern nach allen Seiten ausbreiten. Der Wirbel erzielt eine scheuernde, schleifende Reinigung, die einer Polierung gleichkommt. Die Feinstpartikel treffen nicht wie bei anderen Verfahren mehr oder weniger frontal auf die Fassade, sondern gleiten innerhalb des Wasser-Luft-Gemischs in einem sehr flachen Winkel tangential an der Oberfläche entlang, sodass nahezu keine Beschädigung am Untergrund hinterlassen wird und sich keine Rillen oder Streifen bilden. Wegen des extrem kleinen Düsendurchmessers wird bei der Anwendung obendrein nur ein Bruchteil des Wassers im Vergleich zu herkömmlichen Techniken gebraucht. Im Bereich des Sandsteinsockels war besondere Sorgfalt gefragt – das weiche Material reagierte erheblich empfindlicher als die hart gebrannte Klinkerfassade.
Die Dämmung beschränkt sich klassischerweise auf Styrodurhartschaumplatten unterhalb der neuen Bodenplatte, auf dem Flachdach und den Dachterrassen. Bei den Außenwänden hingegen vertraut die Bauherrengemeinschaft auf eine Innendämmung aus langzeiterprobten, atmungsaktiven Kalziumsilikat-Platten, die einen guten Feuchtigkeitstransport von innen nach außen sicherstellen sollen. Der U-Wert verbesserte sich von 1,50 auf 0,59 W/m²K. •
Standort: An der Weide 33, 30173 Hannover
Auftraggeber: Bauherrengemeinschaft Wredestraße 4, 30173 Hannover
Architektur: Planungsgemeinschaft Indigo, www.indigo-hannover.de
Landschaftsarchitektur: Andreas Ackermann, Hannover
Tragwerksplanung: Ingenieurgemeinschaft Schülke-Gerke, Hannover
Bruttogeschossfläche: 2 348 m²
Beteiligte Firmen:
Fassadenreinigung: Rotec-Wirbelstrahlverfahren, Remmers Baustofftechnik, Löningen, www.remmers.de
Dachdämmung: Polyisohartschaum BauderPIR, Paul Bauder, Stuttgart, www.bauder.de
Innendämmung: Pura Mineraldämmplatte hydrophil, Redstone, Bremen, www.redstone.de
weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de
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Hannover (S. 120)

Planungsgemeinschaft Indigo
Stefan Thöle
1962 geboren. 1987-91 Studium der Innenarchitektur an der FH für Kunst & Design, Hannover. 1992 Bürogründung von Indigo Innenarchitektur in Hannover mit Frank Richter, seit 1994 erweitert zur Planungsgemeinschaft mit Innenarchitekt Thomas Stephan.
Hartmut Möller
1975 geboren. Architekturstudium in Oldenburg. Praxissemester bei SITE/James Wines in New York. 2002 Mitorganisation der Ausstellung »Die Moderne als Modell« im Horst-Janssen-Museum, Oldenburg. 2003 Redaktionspraktikum bei der db. Diverse Zeitschriften- und Buchpublikationen. Lebt und arbeitet seit 2005 in Hannover.
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