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Schaudepot des Ruhr Museums von planinghaus architekten

Schaudepot des Ruhr Museums
Skelett mit reichem Innenleben

Nicht jedes Gebäude eignet sich für jede Umnutzung – bei der ehemaligen Salzfabrik auf der Zeche Zollverein in Essen jedoch schien es fast so, als sei der Bestand schon für den neuen Zweck gebaut worden. Entsprechend zurückhaltend und feinfühlig agierten die Planungsteams beim Umbau zum Schaudepot des Ruhr Museums.

Architekten: planinghaus architekten
Innenarchitekten: südstudio

Text: Claudia Hildner
Fotos: Brigida González, Thomas Eicken

Stahlbetonskelettbauten werden häufig als Regale bezeichnet, da die reduzierte und regelmäßige Tragstruktur eine flexible Einteilung der Geschossflächen ermöglicht. Eine solch umbaufreundliche Grundstruktur zeigt auch die ehemalige Salzfabrik auf dem Gelände der Kokerei der Zeche Zollverein in Essen. Das Gebäude war bei der jüngst erfolgten Umnutzung zum Schaudepot des Ruhr Museums allerdings weniger Verfügungsmasse als Inspiration. Den Projektbeteiligten war klar, dass es in diesem Fall darum gehen wird, sich zurückzunehmen – und dem Bauwerk mit seinen Chancen und Möglichkeiten entgegenzukommen.

Die Salzfabrik ist Teil eines Ensembles, zu dem u. a. auch das Salzlager und die Salzverladung gehören. Die komplette Anlage ist ein Relikt aus der Zeit, als die Kokerei noch in Betrieb war und als Nebenprodukt unter anderem Ammoniak und Schwefelsäure produzierte, die dort in das Düngemittel Ammoniumsulfat verwandelt wurden. Geplant hat das Ensemble der Essener Architekt Fritz Schupp, der in Zusammenarbeit mit
Martin Kremmers auch für die Schachtanlage 12 der Zeche Zollverein verantwortlich zeichnete. Die Salzfabrik war von den frühen 1960er bis Mitte der 70er Jahre in Betrieb. Nach der Einstellung der Düngemittelproduktion diente der Bau bis zur Schließung der Kokerei im Jahr 1993 als Ersatzteilmagazin, danach blieb er weitgehend ungenutzt. 2000 wurde die Kokerei unter Denkmalschutz gestellt, 2001 erlangte die gesamte Anlage der Zeche Zollverein den Status als UNESCO-Weltkulturerbestätte. Unterstützt von einem Förderprogramm des Bundes wurde die ehemalige Salzfabrik ab 2017 von planinghaus architekten denkmalgerecht saniert beziehungsweise modernisiert und – unter Federführung von südstudio – in das Schaudepot des Ruhr Museums verwandelt. Dessen Hauptsitz liegt nur wenige hundert Meter entfernt in der ehemaligen Kohlenwäsche der Zeche. An einem Sonntagmorgen im September ist der Andrang zur offiziellen Führung durch das neue Depotgebäude überschaubar: Außer der Autorin und ihrer Familie haben sich keine weiteren Teilnehmenden eingefunden.

Gebaute Vitrine

Von außen zeigt sich die Salzfabrik unspektakulär: ein schlichter Quader mit flachem Walmdach, dessen ursprüngliche Klinkerfassade über die Jahrzehnte größtenteils erhalten geblieben war. Nach der Sanierung wartet der Baukörper mit einem neu gedämmten Dach und einer instandgesetzten Hülle auf.

Schadhafte Ziegel ließ man austauschen und das marode Fugennetz erneuern. In den Fensteröffnungen fanden sich fast überall Verglasungen mit hellen Rahmen, die nicht mehr dem Original entsprachen. Das Planungsteam ersetzte sie durch Fenster mit thermisch getrennten Stahlprofilen, gestaltet nach historischem Vorbild. Die im Bereich der Nordfassade vorgefundenen bauzeitlichen Gusseisen-Sprossenfenster wurden denkmalgerecht saniert und zu Kastenfenstern ergänzt. Alte Aufnahmen belegen, dass es in der Hauptfassade im EG ursprünglich nur zwei große Toröffnungen gegeben hatte. Entsprechend sind die kleinformatigen Öffnungen, die die Hauptfront zuletzt durchlöcherten, nun wieder verschlossen. In der Fassadenmitte sitzt der neue Eingangsbereich, der sich aus verglasten und opaken Elementen zusammensetzt.

Hinter der Klinkerhülle verbirgt sich das Stahlbetonskelett, dessen offene Geschossflächen von zwei 18 m hohen Lufträumen in drei Abschnitte geteilt werden. Durch die unterschiedlichen Blickbeziehungen über die Stockwerke hinweg erscheint die Konstruktion als riesige, offene Vitrine, die im Prinzip nur noch mit Exponaten gefüllt werden musste. Die Umbauarbeiten ließen sich daher auch auf das Nötigste beschränken. Die Oberflächen reinigte man mittels Wasserstrahlen; Wände und Decken erscheinen dadurch sogar noch etwas dunkler als vorher, da eine später aufgetragene weiße Dispersionsfarbe weiter abgetragen wurde und die ursprünglich schwarze Beschichtung der Stahlbetonoberflächen deutlicher hervortritt. An einigen wenigen Stellen ließ das Planungsteam den Beton instandsetzen, zudem wurden Deckenöffnungen verschlossen. Die Böden und den unteren Teil der Wände bekleidete ursprünglich ein säurefester keramischer Belag. Dieser wurde entfernt und zusammen mit der steinkohlenteerhaltigen Klebe- und Dichtmasse komplett entsorgt. An die Außenwände aus bis zu 25 cm dickem Klinkermauerwerk kam eine diffusionsoffene mineralische Innendämmung, die man entsprechend verputzen und anthrazitgrau streichen ließ. Ein fugenloser Industrieboden bildet den neuen, auf allen Geschossen einheitlichen Belag.

Für die barrierefreie Erschließung des Gebäudes sorgt ein neuer Aufzugturm aus Sichtbeton, der am Ende des östlichen Luftraums steht und zugleich zwei Schächte für die vertikale Verteilung der Installationsleitungen aufnimmt, sodass sich ein Aufstemmen der Betondecken erübrigte. Die Stufen der Bestandstreppen ließen planinghaus architekten mit gekanteten Metallelementen versehen, die Unregelmäßigkeiten ausgleichen, ohne den Bestand komplett zu kaschieren. Die Treppengeländer rückten nach außen, um eine Mindestlaufbreite von einem Meter zu gewährleisten. Über die Lichthöfe spannen die alten Stahlstege, die jedoch ausgebaut, instandgesetzt, neu gestrichen und teilweise leicht versetzt wieder eingebaut wurden, um den Rundgang durch das Gebäude zu optimieren.

Speicher und Schaukasten

Die grundlegenden Fragen zur neuen Nutzung wurden durch das Planungsteam von südstudio geklärt: Wie lässt sich in einem Bau, der als Speicher vielfältiger Exponate dienen soll, gleichzeitig eine Museumsnutzung verwirklichen? Welche Objekte sollten wie gezeigt werden und wie kann das Publikum das Haus erkunden? Auf der Basis dieser Überlegungen wurden Grundrissgestaltung und Wegeführung weiterentwickelt, Farbgebung und Beleuchtung überdacht sowie die schienengeführten Regalsysteme positioniert.

Wir betreten das Museum im Rahmen der Führung über den leicht asymmetrisch gesetzten Eingang und landen in einem Vorbereich, den auf der ganzen Länge und Höhe ein Schaukasten mit ausgewählten Exponaten dominiert. Durch die verglaste Wand lässt sich ein Blick in den dahinterliegenden Besprechungsraum erhaschen. Im EG sind v. a. Bereiche zur Restaurierung von Exponaten und zur Lagerung von Leihgaben und Projekträume angeordnet. Die WC-Anlagen befinden sich im benachbarten Salzlager, eine Feuerschutztür verbindet die Gebäude. Mit dem Fahrstuhl – der zum Lichthof hin verglast ist – geht es bis ins oberste Geschoss, wo der Rundgang startet. Die 25 000 ausgewählten Exponate aus den Sammlungen zu Archäologie, Naturwissenschaften und Historik ordnete südstudio drei großen Bereichen zu, die jeweils eines der oberen Stockwerke einnehmen. Innerhalb der gewählten Kategorien – Natur, Kultur und Geschichte – werden die Ausstellungsstücke in Themen gruppiert, etwa Möbel oder Bergbau. Inhaltliche Überschneidungen finden durch die Blickbezüge über die Lufträume hinweg ihren Ausdruck. Ganz oben ist der Bereich Natur angeordnet; von dort aus führt der Weg über die Treppen nach unten, grob chronologisch über Kultur bis hin zu Geschichte.

Beim Gang durch das Gebäude erleben wir das Museum als etwas, dem man mit dem Begriff »Schaudepot« nicht ganz gerecht wird, denn es wird deutlich mehr angesprochen als nur das Auge. In dem – bis auf fünf Personen – menschenleeren Bau ergreift die Vorstellung von mir Besitz, wir seien in einem Archiv gelandet, das nach der Apokalypse die Fragmente der menschlichen Existenz bewahren soll. Die Nasspräparate auf der obersten Etage lassen die Kinder an eine Hexenküche denken, während mich das Möbelstück im Stil des Gelsenkirchener Barocks an das elterliche Wohnzimmer erinnert. Der ältere Sohn erblickt schon über den Luftraum die Ritterrüstungen und Waffen aus dem Mittelalter, der jüngere erfreut sich an historischen Modelleisenbahnen. Die offene und undidaktische Präsentation aller Objekte erlaubt es, sich zwar im Rahmen der Führung bestimmten Exponaten zuzuwenden, aber dennoch offen für alle anderen Sammlungsstücke zu bleiben. Der Gang durch die Regalreihen gleicht dem Einsammeln von bildhaften Fragmenten, die sich am Ende zu einer ganz persönlichen Geschichte formen. Im Kontrast zu den strahlendweißen und neutralen Regalen, in denen die Sammlungsstücke präsentiert werden, erscheint das Gebäude dabei selbst als erstes Exponat: ein Bauwerk, das in sich Erinnerungen fasst und gleichzeitig selbst Erinnerung ist.


Plan: planinghaus architekten

Grundriss EG, M 1:400


Plan: planinghaus architekten

Grundriss 1. OG, M 1:400


  • Standort: Heinrich-Imig-Straße, 45141 Essen

    Bauherr: Stiftung Zollverein, Essen
    Nutzer: Ruhr Museum, Essen
    Architekten: planinghaus architekten, Darmstadt, Projektleitung: Christoph Winterling
    Innenarchitekten: südstudio, Stuttgart, Projektleitung: Hannes Bierkämper
    Tragwerksplanung: ZPP INGENIEURE, Bochum
    TGA-Planung: Stefan Wolf, Bochum
    Brandschutzplanung: brandwerk solution, Essen
    NUF: 1 850
    BGF: 2 500 m²
    BRI: 13 500 m³
    Baukosten: 3,9 Mio. Euro
  • Beteiligte Firmen:
    Fassadenklinker: Verblender Tradition glatt geflammt mangan-blau-bunt (Sonderbrand Zollverein) von Gillrath Ziegel- & Klinkerwerke, Erkelenz, www.gillrath.de
    Fensteranlagen: Janisol Primo von Schüco Jansen, Oberriet (CH), www.jansen.com
    Innendämmung: Clima Redboard pro von Redstone, Bremen, www.redstone.de
    Innenanstrich: Innotop von KEIM, Diedorf, www.keim.com
    Bodenbeschichtung: RHEODUR SiC-Megaplan von Chemotechnik, Abstatt, www.chemotechnik.de
    Regalsystem: Zambelli Metalltechnik, Hamm/Sieg, www.zambelli.de
    Exponatmontagen: zehnpfennig und weber, Berlin, www.zehnpfennigundweber.de
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