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Messehalle in Leipzig von WESTPHAL ARCHITEKTEN

Messehalle in Leipzig
Außen das vertraute Bild, innen alte Geschichte

1928 brach die Leipziger Messe Rekorde: Mit der weitestgespannten Halle der Welt ging sie in die Geschichte des Ingenieurbaus ein. Doch durch Kriegsbeschädigungen und einen notdürftigen Wiederaufbau verlor das Gebäude seine beeindruckende Raumwirkung. Nach dem Umbau durch WESTPHAL ARCHITEKTEN lässt sie sich nun wieder erleben.

Architekten: WESTPHAL ARCHITEKTEN
Tragwerksplanung: pb+ Ingenieurgruppe

Text: Falk Jaeger
Fotos: Michael Moser, Sächsisches Staatsarchiv, WESTPHAL ARCHITEKTEN, Falk Jaeger

Als Leipzig 1996 in Flughafennähe eine neue Messe eröffnete, standen auf dem alten Veranstaltungsgelände mit einem Mal 50 ha voll erschlossene innenstadtnahe Fläche zur Disposition: Das Areal der Mustermesse zwischen Völkerschlachtdenkmal und Innenstadt, besetzt mit einigen Baudenkmalen, war neu zu entwickeln. Ein Vierteljahrhundert später kann man nicht sagen, dass es gelungen wäre, ein schlüssiges Nutzungskonzept oder einen überzeugenden städtebaulich-architektonischen Entwurf zu finden. Die pantheonartige Betonhalle, 1913 von Wilhelm Kreis errichtet, wurde zur »Eventlocation«, die großartige expressionistische Halle 11 von 1924 mit eindrucksvoller stählerner Dachkonstruktion zum Hit-Supermarkt. Der Kopfbau der 1950 zum sowjetischen Pavillon umgebauten Halle 12 nimmt heute das Stadtarchiv auf. Einige Hallen wurden abgerissen und machten mittelmäßigen Neubauten Platz, wissenschaftlichen Instituten ohne architektonischen Zusammenhalt. Ebenso merkwürdig solitär blieb Hans Kollhoffs steinerne Bundesbankfiliale. Das Wohnbauprojekt im südlichen Teil kam über einen Wettbewerb nicht hinaus. Ein Drittel der Flächen steht noch immer zum Verkauf. Die Entwicklungsgesellschaft sucht nach Interessenten jedweder Art. Ein Gesamtkonzept für das Areal ist nicht erkennbar.

Höher, schneller, weiter

Auch die Halle 15, lange Jahre ungenutzt, stand auf Abriss zur Disposition, bis deren bauhistorischer Wert allgemein erkannt war. Denn die Halle ist vor allem ein ingenieurtechnisches Denkmal ersten Ranges. Ab ihrer Bauzeit 1928 war sie ein Jahrzehnt lang die weitestgespannte Halle der Welt. Die stählernen Fachwerkbinder, 97,80 m lang, 8,29 m hoch, können heute durch die freie Untersicht in Gänze bewundert werden und wirken in ihrer Filigranität erstaunlich zeitgemäß.

Grundriss EG: 1 Verkaufsraum, 2 Lager, 3 Büros, 4 Anlieferung

Eigenartigerweise hatte man damals die Umfassungsmauern einer vierschiffigen, kaum 15 Jahre alten Vorgängerhalle stehen lassen, nur die hölzernen Hallendächer abgerissen und die neue stählerne Halle hineingebaut. »Für die Ausführung von Auftragserteilung bis zur Übergabe standen dreieinhalb Wintermonate zur Verfügung«, vermerkte lapidar die Zeitschrift Stahlbau, die mit dem Bauwerk ihre erste Ausgabe 1928 aufmachte. Das wäre heute selbst in China eine Sensation.

1944 stürzten die nördliche Giebelwand und drei der Fachwerkrahmen durch Bombentreffer in sich zusammen; es gab Brandschäden. Beim Wiederaufbau 1947/48 verkleinerte man die Halle kurzerhand um die drei zerstörten Joche. Die vier erhaltenen Binder wurden durch den Einbau von je zwei zusätzlichen Sicherungsstützen entlastet. Zusätzliche Ausstellungsfläche gewann man durch das Einziehen einer zweiten Ebene und einer weiteren Galerie. Um 1980 wurden Räume abgetrennt und der Ursprungsbau weiter verunklart.

Freigeräumt

Als neuer Eigentümer trat 2017 die Fahrradhandelskette Stadler auf den Plan, die bereits in mehreren Städten denkmalgeschützte Industriearchitektur erfolgreich saniert hatte und als charaktervolle Verkaufsstätten nutzt. Als Stadler das dem Abriss geweihte und abgewirtschaftete Gebäude übernahm, ging es primär darum, die gesamte Hallenfläche von 8 700 m² freizubekommen. Die Architekten stellten sich vor, den großartigen Raumeindruck wiederzugewinnen. Ebenen, Galerien, Fahrtreppen, spätere An- und Einbauten, die Trennwände zu den niedrigen Seitenschiffen und natürlich die gesamte Haustechnik, kurzum alles, was nach dem Krieg mit wenig architektonischem Gespür hinzugefügt worden war, wurde rückgebaut. Als es dann noch gelang, die Behelfsstützen zu entfernen, stand der Raum in seiner Gänze wieder zur Verfügung.

Mehr noch, die eindrucksvollen Binder sind nun erlebbar, weil die beiden Verglasungsebenen der Oberlichtraupen transparent ausgeführt sind. Ein flirrendes Raumbild ergibt sich durch Hunderte von dünnen Drähten, an denen die Beleuchtungsebene über den Verkaufsflächen von der Dachkonstruktion abgehängt ist. Alternativ erwogene Leuchtpilze oder laternenartige Leuchten vom Boden aus hätten den Raumeindruck nachhaltiger gestört und die durch Wegfall der Behelfsstützen gewonnene Nutzungsfreiheit der Flächen wieder eingeschränkt.

Beredte Oberflächen

Überraschenderweise sind die Außenwände und die Stahlkonstrukte im Randbereich der Halle nicht neu verputzt bzw. gestrichen worden. Die schrundigen Oberflächen erzählen vom Schicksal des Gebäudes. Manche der (statisch nicht notwendigen) Stahlteile sind gar noch etwas verbeult.

Schnitt: 1 Verkaufsraum, 2 Lager, 3 Büros, 4 Anlieferung

Knapp ein Drittel der Hallenfläche wurde für das Verkaufslager und die Anlieferung abgeteilt. Durch die nur halbhohe Trennwand bleibt der Hallenraum auch darüber erlebbar. Im »Seitenschiff« zwischen der historischen Außenwand und der Stahlhalle fanden Büros und Nebenräume Platz. Auf der nordöstlichen Längsseite öffnet sich die Fassade auf halber Hallenbreite als Haupteingang.

Am Außenbau präsentiert das Kulturdenkmal auch die Zeitschicht der DDR-Epoche in Gestalt der Glaswände über dem Haupteingang und der rückwärtigen Längsseite sowie der Verkleidung der Stahlhalle und der aufragenden Binder durch Betonplatten. Ein großer Teil der Platten konnte wiederverwendet beziehungsweise von den Abbruchpartien übernommen werden. Ein kleiner Teil wurde neu produziert.

Die ältere EG-Zone aus den 1910er Jahren erhielt einen Verputz, der im selben Sandton wie die Pfeiler und Lisenen aus einem Kunststein, dessen Schalungsformen Travertinplatten zugrunde lagen, gestrichen wurde.

Die Halle 15 gehörte zu den charakteristischen Bauten der Alten Messe Leipzig und konnte in ihrer angestammten Form als vertrautes Element im Stadtbild erhalten und renoviert werden. Im Innern hingegen erzählt sie Geschichten aus ihrem früheren Leben und zeigt sich mit ihrem Großraum und dem historischen Tragwerk als eines der bedeutendsten technischen Denkmale der Messestadt, erlebbar ohne Eintrittskarte zu normalen Ladenzeiten. Architekturfreunde sollten bei der Besichtigung vielleicht der Höflichkeit wegen ein wenig Interesse an Zweirädern zeigen.

Sicherung eines ingenieurtechnischen Juwels:

Das Tragwerk im Detail

1 800 t wog die Stahlkonstruktion der damaligen Messehalle 7, zu deren Aufbau 1928 nur sieben Wochen benötigt wurden. 330 Mann arbeiteten im Zweischichtbetrieb. Insbesondere die Montage der 97,80 m überspannenden Zweigelenkfachwerkrahmen durch die MAN AG war eine bautechnische Pionierleistung. Die Binder wurden am Boden zusammengefügt und in drei Teilen mittels eines fahrbaren Gerüstkrans und provisorischer Portalstützen in Position gebracht, mit hydraulischen Pressen ausgerichtet und vernietet. Elegant wurde das Belichtungsproblem gelöst. Mit ihren seitlichen Querversteifungen haben die Binder einen rautenförmigen Querschnitt. Sie bilden gleichzeitig den Korpus der Raupenoberlichter mit außenliegender Verglasung des oberen Dreiecks und einer zweiten Verglasung des unteren Dreiecks auf der Halleninnenseite. Die zwischen den Bindern acht Meter spannenden Dachflächen mit Blechträgerpfetten und Walzträgersparren waren mit Bimsbetonplatten gedeckt.

Halle nach Kriegsangriff, Dresden
Einige Träger hatten die Kriegszerstörungen überstanden, doch unklar blieb, wie belastbar sie noch waren (Bild: Sächsisches Staatsarchiv, Dresden)

Als die Halle 1944 von Bomben getroffen wurde, kollabierten nicht nur die nördlichen drei Binder, sondern es gab auch einen Brand innerhalb der Halle. Dessen Auswirkungen auf die stehen gebliebenen Bauteile konnten beim Wiederaufbau 1947 schlecht eingeschätzt werden, und so entschied man sich aus Sorge um die Tragfähigkeit des Stahls dafür, die Spannweite durch Behelfsstützen zu reduzieren. Die Binder wurden an jenen Punkten unterstützt, an denen 1928 die Montagestützen gestanden hatten. Somit war man, was das statische System betrifft, auf der sicheren Seite.

Bei der Sanierung 2020/21 stand der Wunsch im Vordergrund, die Zwischenstützen aus DDR-Zeiten wieder zu entfernen. Dazu musste das Tragwerk eingehend geprüft werden. Diverse Untersuchungsmethoden und Materialproben führten zu der Erkenntnis, dass der fast 100 Jahre alte St-48-Stahl unversehrt war. Offenbar hatte die Brandbelastung 1944 die für den Stahl kritische Temperatur von 500 °C nicht erreicht. Indem man nun mehrere Generationen von Dachdeckungsschichten, Glas- und Betonflächen entfernte und eine moderne, leichtere Dachhaut einbaute, um die Flächenlasten zu reduzieren, konnte die Tragfähigkeit der historischen Binder auch nach heutigen Vorschriften nachgewiesen werden. Spannend war dann trotzdem die Abbruchphase, als die Zwischenstützen demontiert wurden und sich die darauffolgende Durchbiegung der Träger auf das erwartete Maß beschränkte.


Standort: Straße des 18. Oktober 46, 04103 Leipzig
Bauherr: Zweirad-Center stadler, Berlin
Architekten: WESTPHAL ARCHITEKTEN, Bremen
Projektsteuerung: LABORGH INVESTMENT, Berlin
Objektplanung LPH 1-5: WESTPHAL ARCHITEKTEN, Bremen
Objektplanung LPH 6-8: KOP Klinge Otto Planung, Leipzig
Tragwerksplanung/Bauphysik/KfW-Denkmal-Beratung: pb+ Ingenieurgruppe, Bremen
Prüfingenieur: Andreas Forner, Leipzig
Brandschutzplanung: KAUPA INGENIEURE, Windorf
HLS-Planung LPH 1-5: Welterstherm, Brandenburg
HLS-Planung LPH 6-8: Planungsbüro Rüdiger Fülle, Lossatal
Nettogeschossfläche: 9 511 m²
Bruttogeschossfläche: 10 089 m²

Beteiligte Firmen:
Verglasung Sheddach: Makrolon-Platten, Covestro, Leverkusen, www.covestro.de

 

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