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Jugendkirche Trinitatis in Dresden von Code Unique Architekten

Jugendkirche Trinitatis in Dresden
Prinzip harsche Konfrontation

Mehr als 70 Jahre stand die Kriegsruine der Trinitatiskirche weitgehend leer. Nun erhält sie eine neue Nutzung: Jugendkirche und Stadtjugendpfarramt belegen Teile des gesicherten Bestands. Eignen sich Raumprogramm und Gestaltung zur Wahrung des neobarocken Erbes?

Architekten: CODE UNIQUE ARCHITEKTEN
Tragwerksplanung: IBB Ingenieurbüro Baustatik Bautechnik

Text: Falk Jaeger
Fotos: Albrecht Voss, Walter Möbius

Die Geschichte wiederholt sich. Ursprünglich sollte die Ruine der Dresdner Frauenkirche als ewiges Mahnmal gegen den Krieg stehen bleiben. Doch jene Kräfte, die Kriegsfolgen ungeschehen machen wollten, waren stärker. Wie bekannt, ist die wiederaufgebaute Dresdner Frauenkirche inmitten einer ebenso neuen Altstadtkulisse zum Touristenhotspot geworden.

Doch man hat ja noch eine ähnliche Ruine in der Hinterhand, weiter östlich in der Johannstadt die Trinitatiskirche, der man nun die Funktion als Mahnmal aufbürdete. Allerdings ist sie weder von der topologischen Lage, noch von der historischen und kunsthistorischen Bedeutung, noch von der Bekanntheit her dazu prädestiniert, eine solche Funktion auszufüllen. Vielleicht ein bisschen viel der Ehre also, und wohlfeil, denn es gab sicher gewichtigere Gründe, auf einen rekonstruierenden Wiederaufbau zu verzichten. Die Nutzung zum Beispiel: Eine Gemeindekirche wird nicht mehr gebraucht. Und die Kosten: Für eine Frauenkirche gibt es Spender, für eine zweitrangige neobarocke Kirche in einem Plattenbauviertel eher nicht. So blieben ruinöse Kirchenruinen in Dresden lange Zeit Sorgenkinder der Stadt. Die Reste der Zionskirche in der Südvorstadt hat man mit einem monströsen Holzdeckel überdacht und nutzt sie als Lapidarium. Das Langhaus der »Theaterruine St. Pauli« im Hechtviertel wurde mit einer filigranen gläsernen Dach- und Wandkonstruktion nicht ungeschickt geschützt und dient im Sommer als interessanter Veranstaltungsort.

Eine stattliche Ruine

Die Trinitatiskirche, 1891–94 in einer Mischung aus Renaissance- und Barockformen von Karl Barth erbaut, war in den Bombennächten im Februar 1945 ausgebrannt, Dach und Gewölbe eingestürzt. Der Hauptturm, die vier Ecktürme und die beiden Sakristeien standen noch sowie Teile der Umfassungsmauern von Langhaus und Chor. Doch durch den Verlust des Querhauses klaffte ein großes Loch im Langhaus. Während die zu 90 % zerstörten Quartiere der Johannstadt vollständig enttrümmert und später mit Plattenbauten wieder aufgebaut wurden, gelang es der Gemeinde, die Kirchenruine zu erhalten und das ebenfalls schwer getroffene benachbarte Gemeindehaus zu reparieren. Nach der Wende gab es Mittel, die Ruine statisch zu sichern, den Turm und die Sakristeien auszubauen und auf diese Weise einige der Räume für Jugend- und Gemeindearbeit nutzbar zu machen.

Grundriss Jugendkirche Trinitatis in Dresden von Code Unique Architekten
Grundriss EG (Bild: CODE UNIQUE Architekten)

Der Jugendklub »Trini« wird bald wieder einziehen, denn ein Sanierungskonzept sah vor, aus dem Bauwerk das Zentrum der Evangelischen Jugend Dresden zu machen. Die örtlichen Architekten CODE UNIQUE gewannen 2018 den Wettbewerb zur Revitalisierung der Ruine mit einem radikalen Ansatz: keine Kompromisse! Das Prinzip der Grundrisssymmetrie schien die einzige Vorgabe, die sie zu übernehmen bereit waren. Andere Wettbewerbsteilnehmer schlugen vor, den Kirchenraum in seinem Volumen wiedererstehen zu lassen, den Baukörper durch Ergänzungen verlorener Bauteile zu ergänzen, wieder ein Dach aufzusetzen.

Das alles kam für CODE UNIQUE nicht infrage. Was noch da war, wurde gesichert, übernommen und funktionsfähig gemacht. Die vorhandenen Räume und der Zentralraum erhielten Estrichböden. Schrundige Ziegelwände, zerbrochene Schmuckteile, Reste von Architekturgliederungen blieben an Ort und Stelle. Nichts wurde ästhetisch überhöht, wie das etwa Chipperfield gemacht hätte. Das Hauptportal aus den 1990er Jahren wurde beibehalten, ebenso die Metallfenster aus jener Zeit. Aus manchen Blickwinkeln sind von der 130 Jahre alten Holztür bis zur rahmenlosen neuen Verglasung vier verschiedene Ausbaugenerationen zu sehen.

Ein multifunktionaler Saal, kein Kirchenschiff

Die neue Saaldecke liegt nicht auf Höhe des ehemaligen Gewölbes und des historischen Hauptgesimses, sondern wurde wesentlich tiefer auf der Ebene +1 unterhalb der Langhausfenster eingezogen. Sie wird im Bereich des ehemaligen Querhauses von einem gläsernen Kubus durchstoßen, der bis auf zweidrittel Höhe des Hautgesimses reicht. Der 9 x 9 x 5,5 m große Kubus gibt dem Saal ausreichend Volumen und sorgt für viel Tageslicht.

Gestalterisch hat die dunkelanthrazitfarbene moderne Pfostenkonstruktion mit dem historischen Sandsteinbau nichts zu tun. Es gibt keine Korrespondenzen zwischen Alt und Neu. Von außen betrachtet, steht der Kubus unvermittelt im Loch des Kirchenkörpers, als sei er vom Himmel gefallen und habe dieses verursacht.

Grundriss Jugendkirche Trinitatis in Dresden von Code Unique Architekten
Grundriss 1. OG (Bild: CODE UNIQUE Architekten)

Der Saal ist multifunktional angelegt und von eher profaner Anmutung. Auch ist der Chor nicht als solcher ausgeprägt; eine verhehlte Notausgangstür in der Mittelachse führt hinaus zur östlichen Außentreppe. Die nüchterne Saaloptik erfährt Schmuck nur durch die teilweise erhalten gebliebenen historischen Gesimse und Kapitäle aus rotem Rochlitzer Porphyr.

Für gelegentliche Gottesdienste wird ein mobiler Altar aufgebaut. Die Seitenschiffe können durch Rolltore abgetrennt werden, sodass für Alltagsnutzung ein U-förmiger Bereich im Ostteil der Kirche ohne Einbeziehung des Saals zur Verfügung steht: Im nördlichen Seitenschiff wird in einer Kreativwerkstatt sozialpädagogische Arbeit geleistet, im südlichen gibt es einen Tresen für das nichtkommerzielle Jugendcafé mit eigenem Zugang, die nördliche Sakristei ist heute Büro der Jugendarbeit und in der südlichen Sakristei fand eine Küche Platz. Den Jugendlichen stehen eine Werkstatt, wo Fahrräder, Handys und dergleichen repariert werden können, sowie im UG ein Bandprobenraum zur Verfügung. Den westlichen Bereich des Kircheninnern nimmt ein Haus-im-Haus ein, das durch die beiden historischen Treppentürme erschlossen wird. Der dreigeschossige Betonkubus enthält Sanitär- und Funktionsräume im EG, zwei Büroetagen mit ca. 20 Arbeitsplätzen für die Geschäftsstelle des Evangelischen Stadtjugendpfarramts und die Technikzentrale im unbelichteten obersten Geschoss.

Auch er ignoriert die ursprüngliche Raumstruktur der Kirche: Wer das Bauwerk durch das westliche Hauptportal im Turm durchschreitet, stößt in der Hauptachse der Kirche auf eine Betonwand des Toilettentrakts und muss links oder rechts ausweichen, um in den Saal zu gelangen.

Grundriss Jugendkirche Trinitatis in Dresden von Code Unique Architekten
Grundriss 2. OG (Bild: CODE UNIQUE Architekten)

Harmoniestreben kann man den Architekten jedenfalls nicht nachsagen. Das war mit dem Budget von rund 4,6 Mio Euro (KG 300-500) auch nicht anders zu machen. Aus denkmalpflegerischer Sicht stellen sich hingegen Fragen. Hätte man die Jugendkirche, da der Entwurf in seiner Architektursprache so konsequent gar nichts mit dem historischen Bau zu tun hat, nicht an anderer Stelle neu bauen sollen? Hat das Raumkonzept für eine sinnvolle Neunutzung und Revitalisierung des Bestands volumenmäßig nicht zu wenig Substanz?

Ergänzen, Heilen wäre besser gewesen

Die Trinitatiskirche gehörte sicher nicht zu den wertvollsten Baudenkmalen in Dresden, aber man würde sich einen achtsameren Umgang mit dem historischen Erbe wünschen. Das Prinzip der harschen Konfrontation verträgt sich nicht mit dem Neubarock – Ergänzen, Heilen, Dialog hätten hier besser getan. Dazu hätte man das Budget allerdings mindestens verdoppeln müssen. Doch wie gesagt, hinreichend Spenden sind für eine Jugendkirche in der Johannstadt nicht zu bekommen. Immerhin, die Ruine ist gesichert und einer neuen Nutzung zugeführt worden. Und diesmal nicht einer kirchenfremden wie beim Lapidarium oder bei der Theaterruine, sondern dem Dienst an der Jugend, der einzigen Chance der Religionsgemeinschaft, ihre Botschaft in künftige Generationen weiterzutragen. Der Bau bietet der Jugendpfarrei optimale Bedingungen und Platz für die Jugend- und Gemeindearbeit und wird sicher gut funktionieren. Das Ruinenambiente sorgt für interessante Räumlichkeiten, etwa die Sakristei oder die Turmzimmer, sowie für pittoreske Ausblicke, etwa aus den Büroetagen ins Kirchenschiff. Als Musterbeispiel für den Umgang mit einer immerhin doch stadtbildbestimmenden Kirchenruine werden ihn wohl nur wenige sehen.


Standort: Trinitatisplatz 1, 01307 Dresden

Bauherr: Ev.-Luth. Kirchenbezirk Dresden Mitte
Architekten: CODE UNIQUE ARCHITEKTEN, Dresden
Tragwerksplanung: IBB Ingenieurbüro Baustatik Bautechnik, Dresden
HLS-Planung: Ingenieurbüro Dr. Scheffler & Partner, Dresden
ELT-Planung: Elektroplanung Künzel, Chemnitz
Bauphysik: Ingenieurbüro Bauklimatik Weinhold, Dresden
Akustik: Akustik Bureau Dresden
BGF: 2.640 m²
BRI: 10.638 m³
Baukosten: 4,6 Mio Euro brutto (KG 300-500)

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