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Bibliothek in Gent (B) von Henry van de Velde instandgesetzt

Bibliothek in Gent (B)
Sicher umhüllt

Die Universitätsbibliothek von Gent mit ihrem markanten Bücherturm gilt als eines der letzten großen Werke Henry van de Veldes. Seit 1992 unter Denkmalschutz, wurde das dringend modernisierungsbedürftige Gebäude von 2007 bis jetzt umfassend instandgesetzt. Die damit betrauten Planer passten das Raumprogramm an zeitgemäße Erfordernisse an und fanden eine neue bauliche Lösung für die fachgerechte Lagerung des Buchbestands.

Architekten: Robbrecht en Daem architecten, baro, SumProject, Barbara Van der Wee Architects
Tragwerksplanung: Bureau greisch

Text: Tanja Feil
Fotos: Karin Borghouts

Der belgische Architekt und Designer Henry van de Velde (1863-1957) errichtet die Universitätsbibliothek von Gent in den 1930er Jahren als monumentalen Betonbau. Zu dieser Zeit ist er als Professor für Architektur und angewandte Kunst an der dortigen Universität tätig. Bei seinem nüchternen, modernistischen Entwurf für die Bibliothek spielt er mit horizontalen und vertikalen Motiven, wenn er dem flachen u-förmigen Gebäudekomplex einen 64 m hohen Turm zur Seite stellt und damit die Bedeutung der Hochschule für Gent betont. Neben dem mittelalterlichen Belfried und den Türmen der Sint-Baafs-Kathedrale und der Sint-Niklaas-Kirche avanciert der »Boekentoren« zum modernen Wahrzeichen der Stadt.

Für die damalige Zeit revolutionär ist auch die konsequente Trennung der Bibliotheksfunktionen innerhalb der unterschiedlichen Gebäudeteile: Während der kompakte Turm mit seinen 24 Stockwerken nahezu als reines Bücherdepot mit Aussichtsetage (dem sogenannten Belvedere) konzipiert ist, sind die geräumigen, lichtdurchfluteten Lesesäle und Ansichtsbereiche allesamt im Flachbau untergebracht. Scheinbar mühelos verbindet van de Velde streng lineare Formen mit abgerundeten Ecken und Treppenläufen zu einem stimmigen Ganzen; seine eleganten Eisenfenster schmeicheln mit ihren schlanken schwarzen Profilen der frühbrutalistischen Sichtbetonfassade des Gebäudes und ihrem mit Blaustein verkleideten Sockel.

Der Gesamtkünstler entwirft auch für das Interieur alle Details selbst; wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation und des Kriegsausbruchs gerät die Fertigstellung des Projekts jedoch ins Stocken; van de Velde muss Kompromisse machen, seine Materialwahl anpassen und kann nur einen Teil seines ambitionierten Werks wie geplant vollenden.

Unterirdisches Depot

Der Zahn der Zeit nagte an dem Bibliothekskomplex; dessen äußeres Erscheinungsbild litt über die Jahrzehnte sehr, da Erfahrungen mit dem damals neuen Material Beton noch rar waren und in den 30er Jahren bauphysikalische Aspekte keine große Rolle spielten. Hinzu kommt, dass die vorherrschenden Klimabedingungen in den Innenräumen sowohl für die Lagerung der über 3 Mio. Bücher, Zeitschriften, Manuskripte und Münzen als auch für die Nutzung der Lesesäle längst nicht mehr ausreichend waren. Um die ursprüngliche Qualität von Henry van de Veldes Architektur und ihren Denkmalwert nicht zu zerstören, waren also raffinierte Lösungen gefragt.

Vor der Instandsetzung des Turms errichteten die Planer daher in einer ersten Bauphase unter einem Teil der historischen Gartenanlage zunächst ein neues Depot mit insgesamt drei Ebenen. Auf diese Weise war es möglich, die umfangreiche Sammlung aus dem Bücherturm ohne aufwendige Zwischenlagerung direkt an ihren künftigen unterirdischen Standort zu transferieren, wo sich die empfindlichsten Objekte nun unter optimalen raumklimatischen Verhältnissen für die Nachwelt bewahren lassen.

In den Regelgeschossen des Boekentoren entschied man sich unterdessen für eine Raum-im-Raum-Konstruktion, um die thermischen und hygrischen Bedingungen dort zu verbessern: Mit gebührendem Abstand zur Fassade zogen die Architekten je Etage eine zweite, wärmegedämmte Hülle ein, innerhalb derer nun die weniger wertvollen Teile der Sammlung untergebracht werden können. Auf diese Weise ließen sich auch neue Brandabschnitte realisieren, die sich über jeweils zwei Ebenen erstrecken; während die Decke des einen Levels im ursprünglichen Zustand, also nacktem Beton, belassen wurde, wurden die darüber und die darunter liegende Decke, die neu eingezogenen Wände und die umlaufenden Technikflure mit Brandschutzbekleidungen versehen. Im gesamten Gebäude mussten auch neue Brandschutztüren eingebaut werden.

Runderneuerte Hülle

Zwischen den 1960er und 80er Jahren waren immer mehr Stücke aus der Sichtbetonfassade des Bücherturms gebrochen, sodass die Stadt Gent dort aus Sicherheitsgründen vollflächig eine gelbliche Epoxidharzschicht aufbringen ließ, um den Beton zu fixieren. Mit van de Veldes ursprünglicher Gestaltung hatte dies kaum noch etwas zu tun, was auch der Denkmalpflege sehr missfiel. Die Architekten ließen daher sowohl diese Harz- als auch einen Teil der alten Betondeckschicht bis knapp oberhalb der Bewehrung mittels Wasser und Hochdruck entfernen. Im Anschluss brachten sie am gesamten Turm eine 8-10 cm dicke, neue Betonhülle auf.

Analog dazu überzogen sie auch die Außenwände der übrigen Gebäudeteile mit einer zusätzlichen, 4-6 cm starken Betondeckschicht. Mithilfe der alten Schalungspläne versuchten sie, der Originaltextur möglichst nahezukommen, arbeiteten aber dennoch mit modernen Betonplex-Platten, die am Turm in Form einer Kletterschalung Ebene für Ebene möglichst oft wiederverwendet wurden. Besonderes Augenmerk legten die Planer auf ein van-de-Velde-typisches Detail, das die abgerundete Gebäudeecke jeweils als Teil einer Wandseite in die Schalung mit einbezieht anstatt diese separat zu betonieren.

Ebenfalls zwischen den 1960er und 80er Jahren hatte man im gesamten Komplex unpassende Aluminiumfenster und -türen eingebaut; die Architekten ersetzten diese durch neue Stahlfenster, die sich von den Profilen und der Einteilung her an den ursprünglichen Entwürfen orientieren, aber auch den aktuellen Anforderungen an Wärme-, und Sonnenschutz sowie Sicherheit genügen. Metallbauer und Fensterhersteller entwickelten dazu gemeinsam eine isolierte und eine nicht isolierte Variante der »van-de-Velde-Fenster«, um innen und außen eine durchgängige Linie beibehalten zu können.

Auch an der Stahl-Glas-Konstruktion des Belvederes auf der Turmspitze hätten korrodierte Teile ausgetauscht werden sollen; während der Bauarbeiten stellte sich aber heraus, dass dies nicht ohne Weiteres möglich war, denn der Anstrich der Stahlteile enthielt giftige Chrom- und Bleianteile, sodass die Konstruktion nicht bauseits geschnitten werden durfte. Stattdessen musste die komplette Stahlstruktur ausgebaut und im alten Stil erneuert werden.

Der Haupt- und der Nebenlesesaal, beide zum Garten nach Süden hin gelegen und großzügig verglast, werden zusätzlich über Sheddächer belichtet; diese waren allerdings in unterschiedliche Richtungen orientiert, was oftmals zur Überhitzung dieser Räume geführt hatte. Die neu eingebauten Oberlichter zeigen nun ausschließlich nach Norden, die Fenster der Gartenfassade erhielten einen außenliegenden Sonnenschutz.

Interne Neuorganisation

Die noch vorhandene historische Innenraumgestaltung mit ihren spezifischen Oberflächen, besonderen Möbelstücken und Einbauten im Hauptflügel des Bibliotheksgebäudes wurde behutsam instandgesetzt. An anderen Stellen fertigte das Team der Restauratoren originalgetreuen Ersatz an. Mithilfe der ursprünglichen Baupläne wurden zudem zwischenzeitlich verloren gegangene räumliche Bezüge wiederhergestellt.

Zugleich war es ein Anliegen, den gesamten Büchereikomplex an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts anzupassen und letztlich auch einen erweiterten Nutzerkreis zu erreichen. In diesem Zuge entstand im Westflügel, in dem das »Höhere Institut für Kunstgeschichte und Altertumskunde« (HIKO) untergebracht ist, eine Reihe zusätzlicher Funktionsbereiche, darunter ein Lesecafé, zwei Seminarräume und ein Multimedia Center. Über einen neuen Seiteneingang an der Südwestecke des HIKO, überdacht und barrierefrei gestaltet, sind diese Räumlichkeiten direkt erreichbar. Aus dem ursprünglich eher ruhig konzipierten Hauptflügel verbannte man später hinzugekommene, aber eigentlich unpassende Funktionen wie Backoffices, installierte eine versteckte Klimaanlage und schuf eine neue interne Verbindung zum Westflügel, wo sich nun die eher lauten Bereiche für die Studierenden konzentrieren.

Ein weiterer neuer Zugang erschließt die erste Kellerebene des Bücherturms an der Nordostecke des Komplexes. In UG, EG und 1. OG ist hier nun ein Besucherzentrum mit Ausstellungsräumen angesiedelt, in dem man mehr über die Geschichte des Gebäudes erfährt und von wo aus man das Belvedere besser erreicht. Der extravagant ausgestattete Aussichtsraum war bislang aus Sicherheitsgründen nur für max. 50 Personen gleichzeitig nutzbar; damit er bis zu 95 Besucher auf einmal fassen kann, mussten die Architekten ein weiteres Treppenhaus auf der Südostseite des Bücherturms einziehen, das dem bereits existierenden auf der Südwestseite gleicht und als zweiter Rettungsweg dient. Um barrierefreie Erreichbarkeit zu gewährleisten, führt zudem ein neuer Aufzug vom 20. in den 21. Stock. Im Raum selbst wurden Boden, Decke und die Holzvertäfelungen aus Eichenfurnier umfassend restauriert, zum Teil mussten Fehlstellen adäquat ergänzt werden. Ein transparenter feuerbeständiger Anstrich schützt die Holzteile, eine abgehängte Akustikdecke verdeckt die neu installierte Lüftungsanlage und innenliegende Sonnenschutzelemente bewahren den Raum vor Überhitzung.


Standort: Rozier 9, B-9000-Gent
Bauherr: Universität Gent
Architekten: Robbrecht en Daem architecten, Gent
Restaurierungsplanung: Barbara Van der Wee Architects, Brüssel
Bauleitung: SumProject, Brüssel; baro, Gent
Tragwerksplanung: Bureau greisch, Lüttich
HLS-Planung: VK Architects & Engineers, Brüssel
Bauphysik: daidalos peutz, Löwen
Archivplanung: DE MELKER & PARTNERS, Amsterdam
Fläche: 20 000 m²
Baukosten: 34 000 000 Euro (Konstruktion)
Bauzeit: 2007-21

Beteiligte Firmen:
Fensterbau: Lootens, Deinze, www.lootens.be
Stahlfenster: Jansen Art’15, Janisol C4, Janisol Arte 2.0 und Janisol Arte 66 von Jansen, Oberreit (CH), www.jansen.com


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