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Haus Pungs in Kleinmachnow von Müller-Stüler und Höll Architekten

Haus Pungs in Kleinmachnow
Das frivole Gelb ist wieder da

Ein kleines Einfamilienhaus von 1932, im Nationalsozialismus konservativ überformt und zu DDR-Zeiten notdürftig modernisiert, hat nun sein ursprüngliches Erscheinungsbild weitgehend zurückerhalten – inklusive der überraschend kräftigen Farbigkeit.

Architekten: Müller-Stüler und Höll Architekten
Tragwerksplanung: Büro Rüdiger, Olaf Rüdiger, Berlin

Text: Falk Jaeger
Fotos: Florian Höll u. a.

Die Geschichte dieses Hauses in Kleinmachnow, unmittelbar an der Südgrenze von Berlin gelegen, ist noch nicht auserzählt. Derzeit erforscht ein Großneffe der Bauherrin das Gebäude und die Familienhistorie. Elisabeth Taaks war in erster Ehe mit dem Unternehmer Arthur Scherbius verheiratet, der 1918 die legendäre Chiffriermaschine Enigma erfunden hatte. Zwei Jahre nach seinem Tod heiratete sie Friedrich Joseph Pungs und beauftragte den Architekten und Bildhauer Paul Rudolf Henning mit der Planung des Einfamilienhauses. Henning stand dem Bauhaus nahe, hatte mit Neutra, Mendelsohn, Gropius und Scharoun zusammengearbeitet und in Berlin einige Wohngebäude realisiert.

Der blockhafte Baukörper zweigeschossig und unterkellert, mit einem angefügten halbkreisförmigen, eingeschossigen Bauteil, die Fenster bündig, die Dachkante mit einer Kastenrinne ohne Überstand – so entsprach das »6-räumige erweiterbare Einfamilienhaus Typ 3« dem gewohnten Bild der Bauhausbauten in Dessau. Die Erweiterungsmöglichkeit, ein OG über dem Halbkreisbauteil, wurde nie in Anspruch genommen.

Bereits 1936 verkaufte Elisabeth Pungs das Haus wieder und zog mit ihrer Familie nach Wilmersdorf. KPD-Kreisen nahestehend und politisch aktiv, wurde sie ab 1941 als Widerstandskämpferin verfolgt. Ihre Verfahren zogen sich wegen Haftunfähigkeit in die Länge. Das Kriegsende erlebte sie im Sanatorium, starb jedoch im August 1945 an Tuberkulose. Hans Fallada hat ihr in »Jeder stirbt für sich allein« in der Figur der Anna Schönlein ein literarisches Denkmal gesetzt.

Das Haus Pungs, in dem so viele konspirative Treffen stattgefunden hatten, erlebte ein wechselhaftes Schicksal. Der Käufer hatte mit Bauhaus nichts am Hut. Er verpasste dem Haus 1939 einen Dachüberstand. Die Sockelzone ließ er mit erheblichem Aufwand ausstemmen und eine Schale aus Klinker-Sichtmauerwerk einsetzen. Die frivol gelben Fenster wurden dunkel ziegelrot gestrichen. Auch die Haustür erhielt eine rustikale Klinkerumrandung. Der Bauhaus-Kulturbolschewismus war ausgetrieben, die Nachbarn waren zufrieden.

Zu DDR-Zeiten mussten Eigenheimbesitzer ihr Haus mit den Materialien reparieren und erhalten, die zu bekommen waren. Der Fassade wurde über dem Bestandsputz eine Wärmedämmschicht aus Polystyrol und neuer Putz aufgedoppelt. Eine eiserne Wintergartenkonstruktion mit Glasdach und gemauerten Brüstungen kam hinzu. Ab 2014 stand das Haus leer und wurde 2017 unter Denkmalschutz gestellt.

Zurück zu den Anfängen

Die 2018 anstehende Sanierung hatte die Wiedergewinnung des bauzeitlichen Erscheinungsbildes zum Ziel. Der Wintergarten mit seiner statisch und kältetechnisch problematischen Verankerung am Haus wurde abgerissen. Dämmung und Altputz wurden entfernt und durch eine WDVS-Fassade ersetzt. Der neue Anstrich geschah nach dem Ergebnis der restauratorischen Farbuntersuchung in einem beige abgetönten Weiß mit Silikatfarbe. Der Sockel, nun ebenfalls wieder verputzt, wurde nach Maßgabe des Restaurators hellgrau gestrichen – möglicherweise etwas zu hell, wie Architekt Florian Höll beim Studium der bauzeitlichen Fotos mutmaßt.

Auch die Kastenfenster wurden untersucht. Sie sind bis auf eines im Original erhalten, wurden an den Innenflügeln mit Isolierglas versehen und wieder dem Originalzustand entsprechend bündig in die Fassade gesetzt. An versteckter Stelle fand sich der bauzeitliche Anstrich: ein sattes Ockergelb. Statt der historischen Ölfarbe kam nun ein ölbasierter Alkydharzlack zum Einsatz, der den gleichen Glanzgrad (Halbglanz) aufweist. Die Haustür ist in einem kräftigeren Rostrot gehalten.

Im Innern ging es zunächst um den Rückbau späterer hölzerner Wandverkleidungen, der Treppenaustrennwand und zweier Türen im OG sowie aller Bodenbeläge, Tapeten, Anstriche etc. Im Halbkreisanbau entfiel die bauzeitliche Trennwand zwischen Küche und Essbereich, um den knappen Raum als offene Wohnküche besser möblieren und nutzen zu können. Lediglich ein »symbolischer« Wandstummel blieb auf Wunsch der Denkmalpflege erhalten. Die originalen Solnhofener Fliesen in Küche und Flur wurden geborgen und, soweit noch verwendbar, in der Küche auf einem neuen Unterboden eingebaut. Ersatzfliesen haben geringfügig andere Abmaße, weshalb sie nicht kombinierbar sind. Deshalb wurden im Flur nur neue verlegt.

Das Fischgrät-Parkett im EG und die Kiefer-Dielen im OG konnten erhalten und überarbeitet werden. Die Dielen waren ursprünglich »fies dunkelbraun« (Höll) lackiert, was beim Bauherrn keine Gnade fand und durch ein helles Grau, das anderweitig im Haus vorkam, ersetzt wurde.

Ein kräftiges Karminrot hingegen durfte es am Schlafzimmerplafond im OG sein. Aus Kostengründen konnten nur an den wichtigsten Stellen eine restauratorische Untersuchung vorgenommen werden, um die ursprüngliche Farbigkeit zu ermitteln. Wo es keine Erkenntnisse gab, wurden die Oberflächen einfach weiß gestrichen. Die Flurwände präsentieren sich nun in einem Beigeton. Für die Decke im Wohnzimmer ergab der Befund ein dunkles Anthrazit, das beim Bauherrn ebenfalls auf wenig Gegenliebe stieß. Daher entschied man sich hier für einen verwandten Ton, ein helleres Grau, das man an der Treppenhausdecke ermittelt hatte. Im halbrunden Anbau deutet ein Farbwechsel an der Decke die ursprüngliche Aufteilung in zwei Räume an. Weil das Haus vermietet werden sollte, sind Wände und Decken nicht wie früher mit Leimfarben gestrichen – in dieser Materialität wollte man den Mietern die notwendigen Schönheitsrenovierungen nicht zumuten. Stattdessen wurden Silikatfarben verwendet. Eine sklavisch korrekte Rekonstruktion der Farbtöne und -materialien wurde also aus technischen Gründen und im Interesse heutiger Wohnbedürfnisse nicht realisiert. Dennoch ist der Farbenkanon als Ganzes historisch belegt und die neue Farbigkeit des Interieurs damit schlüssig.

Dank eines engagierten Bauherrn, der nicht jeden Cent umdrehte, und eines für die Gebäude der frühen Moderne entflammten Architekten ist Haus Pungs jetzt wieder so weit in den Bauzustand zurückversetzt worden, dass es als beredtes Zeugnis jener Epoche inmitten einer dann doch recht heterogenen Einfamilienhaussiedlung angenehm ins Auge fällt.


Standort: Jägerhorn 17, 14532 Kleinmachnow
Bauherren: Gudrun und Sven Massen, Berlin
Architekten: Müller-Stüler und Höll Architekten, Florian Höll, Berlin
Tragwerksplanung: Büro Rüdiger, Olaf Rüdiger, Berlin
Wohnfläche: ca. 100 m²
NRF: 138 m²
BGF: 168 m²
BRI: 452 m³
Baukosten: 215 000 Euro netto (DIN-KG 300/400)

Beteiligte Firmen:
Fassadenputz: HFS von quick-mix, Osnabrück, www.quick-mix.de
Fassadenanstrich: Silikatfarbe von Brillux, Münster, www.brillux.de
Fensterlack: Alkydharzlacke von SIGMA COATINGS, Bochum, www.sigmacoatings.de
Wandbeschichtung: Renovierputz fein von quick-mix, Osnabrück, www.quick-mix.de
Wandanstriche: Silikaktfarbe BIOSIL von KEIM, Diedorf, www.keim.com/de
Dielenbodenlackierung: Lacryl von Brillux, Münster, www.brillux.de
Parkettbeschichtung: MAGIC OIL von PALLMANN, Würzburg, www.pallmann.net
Badfliesen: Colors von Mosa., Maastricht, www.mosa.com
Natursteinbelag Flur: Solnhofer Platten
Schalter und Dosen: Bakelit schwarz von THPG, www.produktgesellschaft.de


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