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ingenhoven associates bauen Silo in Düsseldorf um

ingenhoven associates bauen Silo in Düsseldorf um
Medizin statt Mehl

Auf dem Plange Mühle Campus in Düsseldorf avancierte ein Betonsilo zum Büro- und Ärztehaus. Wie haben ingenhoven associates dabei die typologische Herausforderung gemeistert, ein Gebäude umzunutzen, dessen Grundriss fast nur runde Räume kennt?

Während die Mehlmarke »Diamant« bis heute einen hohen Bekanntheitsgrad genießt, sind ihre Ursprünge den wenigsten Menschen geläufig. Ab 1906 entstand im Düsseldorfer Hafen die »Weizenmühle Georg Plange , damals der größte Mühlenbetrieb Europas. In den 20er Jahren brachte das Unternehmen als eines der Ersten haushaltsübliche Packungsgrößen wie die 1-kg-Papiertüte auf den Markt, die inzwischen in kaum einem Supermarktregal fehlt. In den 90er Jahren gab man den Düsseldorfer Standort auf und produziert seither im benachbarten Neuss. Nachdem schon ein Teil der Silos abgerissen worden war, erhielt der Rest der Anlage im Jahr 2000 Denkmalschutz und wandelt sich nun schrittweise zum »Plange Mühle Campus , einem modernen Büro- und Gewerbequartier aus Alt- und Neubauten. Der Name »Diamant«, der einst in meterhohen Lettern an der Fassade der Mühle prangte, musste verschwinden, als man Fenster in die Wände brach, um die Industriearchitektur umnutzen zu können.

Entwickler des gesamten Campus‘ ist das Unternehmen harbour properties, einer der Direktoren ist Christoph Ingenhoven. Als sein eigener Bauherr hat er sich mit dem Architekturbüro ingenhoven associates nun die jüngeren Betonsilos zur Umnutzung vorgeknöpft, die 1929 von den Architekten Wach und Rosskotten errichtet worden waren. Baulich musste dringend etwas geschehen, denn von den knapp 30 m hohen Getreidespeichern fielen bereits Stücke des 3 cm dicken Außenputzes herab. Doch was fängt man mit zehn paarweise angeordneten Röhren ohne Tageslicht an?

Bild: ingenhoven associates / HGEsch

Das Denkmalamt gestattete, die jeweils einander zugewandten Seiten der Silos abzureißen und in die verbleibenden Halbröhren Zwischendecken einzuziehen. Auf diese Weise entstanden sieben nutzbare Geschosse, deren Grundriss an den Rändern halbkreisförmige »Konchen« aufweist. Um Licht einzulassen, durften in neun Röhren Fenster gebrochen werden. Exemplarisch blieb die zehnte im geschlossenen Originalzustand erhalten, sie nimmt nun das Haupttreppenhaus und die Aufzüge auf. Bekrönt werden die Silos von dem leicht zurückversetzten sogenannten »Überflieger«, der brückenartig zu den älteren Teilen der Mühle hinüberreicht. Als Attikageschoss mit vorgelagerter Dachterrasse bietet er eine einmalige Aussicht über den Hafen und die Düsseldorfer Innenstadt. Er geht direkt in den historischen eckigen Treppenturm über, der entkernt wurde, um darin ein neues Nottreppenhaus unterzubringen, das den jetzigen Geschosshöhen und heutigen Sicherheitsvorschriften entspricht. Diese zweite Erschließung ist erforderlich, weil die oberste Ebene des Gebäudes 29,8 m über dem Gelände liegt und das Bauwerk damit zum Hochhaus macht.

Die Baustellenlogistik gestaltete sich alles andere als einfach, weil keine großen Öffnungen in das Bauwerk geschlagenen werden durften, sodass man nicht mit schwerem Gerät arbeiten konnte. Das Denkmalamt gestattete lediglich, vor dem Überflieger die Deckel von zwei Silos zu öffnen. Alle Arbeiten mussten also »von oben und von innen« stattfinden. Auch ein herkömmlicher Wärmeschutz der runden Röhren per WDVS schied aus, stattdessen tragen die Silos nun einen 15 cm dicken Dämmputz. Er bewahrt das Bild eines massiven Bauwerks. In den Zwickeln zwischen den zehn ehemaligen Getreidespeichern und auf dem Dach wurde wilder Wein angepflanzt, der das Gebäude in den kommenden Jahren von unten und oben überwuchern soll.

Bild: ingenhoven associates / HGEsch

Die ersten Etagen wurden bereits von einer orthopädischen Chirurgie und einer radiologischen Arztpraxis bezogen, letztere entworfen von dem Innenarchitekturbüro two-space + product. Die Gestaltung folgt der Logik der Silos. So deutet im zentralen Flur ein Belagswechsel von Estrich zu Eichenparkett die ursprüngliche Lage der abgerissenen Silowandungen an und neue Wände wurden auf dem Grundriss von Kreissegmenten eingestellt. Die noch erhaltenen grob geschalten Teile der Betonröhren zeigen sich unbekleidet mit weißem Anstrich. Strahlenförmig angeordnete Deckenleuchten in den Behandlungszimmern fokussieren sich ebenso auf den Mittelpunkt des Raums wie die Ausrichtung des Parketts am Boden. Auch die Lamellendecke im Flur ist radial gegliedert. Betritt der Patient die Praxis, erscheint die Decke blau und soll ein Gefühl von Ruhe und Vertrauen erzeugen. Beim Verlassen präsentiert sie sich in optimistischem Gelb.

Auch wenn die Transformation der Silos wegen des großen Verlusts an originaler Bausubstanz sicher nicht der reinen Lehre der Denkmalpflege entspricht, muss man doch das Engagement des Bauherrn anerkennen, ein solch schwieriges Objekt zu erhalten und überhaupt nutzbar zu machen. Es rettet einen bedeutenden Teil der lokalen Identität und verleiht dem sich entwickelnden Hafenareal einen eigenständigen Charakter. Das zeigt sich besonders deutlich im Vergleich zum benachbarten Medienhafen mit seiner austauschbaren Ansammlung von Neubauten internationaler Stararchitekten.

~Christian Schönwetter


Standort: Plange Mühle 4, Düsseldorf
Bauherr: harbour properties
Architekten: ingenhoven associates
Team ingenhoven associates: Christoph Ingenhoven, Oliver Ingenhoven, Rudolf Jonas, Ursula Koeker, Catherine Brauckmann, Max Grams, Dariusz Szczygielski
Klinikplanung: RISCHKO Praxisarchitektur
Tragwerksplanung: Schüßler Plan
Gebäudetechnik: Walter Maier Ingenieure
Bauphysik: WISSBAU Beratende Ingenieurgesellschaft
Brandschutzplanung: BPK Fire Safety Consultans
Innenarchitekten Radiologiepraxis: two_space + product
BGF: 6.000 m²
Bauzeit: 2018-2022


Weitere umgenutzte Mühlen:

Kattau-Mühle in Buxtehude, umbebaut von KBNK Architekten

Küppersmühle in Duisburg, umgebaut von Herzog & de Meuron

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