Startseite » Bauen im Bestand »

Neues Leben über der Ruine

Nuglar (CH): Weinlager wird zu Wohnlofts
Neues Leben über der Ruine

Es war durchaus ein Kampf, in einem Schweizer Dorf unweit von Basel ein unkonventionelles Wohnloftkonzept durchzusetzen. Wie alt und neu auf unprätentiöse Weise verknüpft sind, erweist sich als vorbildlich. Zugleich ist das Projekt paradigmatisch dafür, wie Dorfstrukturen auf verantwortungsvolle Weise verändert und erneuert werden können.

Architekten: lilitt bollinger studio
Holzbauingenieur: Winter + Walter

Kritik: Hubertus Adam
Fotos: Mark Niedermann

Nuglar-St. Pantaleon am Rande des Schweizer Jura liegt ungefähr 10 km südöstlich von Basel. Auf der Suche nach Wohn- und Atelierräumen stießen Lilitt Bollinger, die zunächst als Designerin tätig war, bevor sie zur Architektur wechselte, und ihr Partner Daniel Buchner – Partner bei Buchner Bründler Architekten in Basel – vor einigen Jahren auf den nahe dem Dorfplatz gelegenen Gebäudekomplex einer leer stehenden Brennerei.

Ausgebrannt

1956 war auf dem etwas tiefer gelegenen östlichen Teil des Grundstücks ein scheunenartiges Weinlager errichtet worden, südlich an das Stammhaus anschließend entstand ein Obst-, v. a. Kirschlager. 1984 musste die Produktion eingestellt werden – weil die Brennkonzession ausgelaufen war und Erbstreitigkeiten einen Neuanfang verhinderten. Die Lagerbauten wurden fortan als Abstellräume genutzt, nur der Ursprungsbau fand mit der vor gut 15 Jahren eröffneten Gaststätte »Alte Brennerei« eine adäquate Nachnutzung.

Großzügige Ateliers sind in Basel kaum zu haben oder schlicht unerschwinglich; daher entschieden sich Bollinger und Buchner zum Kauf des einstigen Kirschlagers. Der Baubestand zeigte sich heterogen: Das Lager war ein Betonbau mit zwei UGs, als Verbindung zum einstigen Wohnhaus diente ein Verkaufsraum in einem hölzernen Bauteil. Nicht nur aus Kostengründen, sondern auch aus prinzipiellen Überlegungen erfolgte die Entscheidung, den Rohbaucharakter mit seinem Mix an Materialien nach Möglichkeit zu belassen und eine vergleichbare Direktheit auch bei den Ein- und Umbauten zum Prinzip zu machen. 2018 war das umgebaute Wohn- und Atelierhaus fertiggestellt.

Noch während der Planungsphase kam die Diskussion über den Umgang mit dem Weinlager auf, das man von den nach Osten ausgerichteten Fenstern aus direkt im Blick hat. Die Gemeinde hatte das ursprünglich der Gewerbezone zugerechnete Grundstück der Wohnzone zugeschlagen, und dadurch drohte das Lagerhaus abgerissen und durch das ersetzt zu werden, was in Nuglar eigentlich nur baubar ist: Einfamilien- oder Doppelhäuser. Noch mehr Siedlungsbrei, und dann auch noch vor der eigenen Ateliertür, dafür war Lilitt Bollinger nicht nach Nuglar gekommen. Sie nahm Kontakt mit den Genehmigungsbehörden auf und konnte mit dem Instrument der Arealüberbauung eine dichtere und kompaktere Bebauungsform aushandeln; und sie überzeugte die mit dem Bau betraute Holzbaufirma Hürzeler, das Grundstück zu erwerben und damit die Zwischenfinanzierung ihres Projekts zu übernehmen, nämlich eines Atelierwohnungsgebäudes, das als Holzbau auf dem bestehenden Sockel des Weinlagers errichtet werden sollte.

Erhalten vom alten Weinlager blieb das Sockelgeschoss mit seiner Betondecke, das als Fundament für den darüber errichteten Holzbau dient. Während das ausladende Satteldach Form und Größe des vormaligen Bestands aufgreift, ist der Neubau zurückgesetzt, sodass sich ein allseitiger Umgang ergibt und im Süden zudem eine große überdachte Freifläche mit offener Küche als gemeinschaftlicher Außenraum entsteht.

Schotte schafft Flexibilität

Um die Baukosten niedrig zu halten, gleichzeitig aber maximale Flexibilität zu gewährleisten, wurde der Neubau nach dem Schottenprinzip realisiert: Sieben präfabrizierte Holzrahmenwände, 14 m lang, bis zu 9 m hoch und durch Querbalken ausgesteift, bilden die Grundstruktur, deren Anordnung nicht zuletzt durch die bestehenden Pilzstützenreihen im UG erklärbar ist. So ergaben sich sechs parallele Wohneinheiten von gleicher Grundfläche, die an den westlichen und östlichen Stirnseiten über die zwei Geschosse komplett verglast sind. Y-förmig auskragende helle Holzstützen tragen das weit auskragende Vordach, das auch als Sonnenschutz fungiert. So zeigen sich die Längsfassaden des Gesamtvolumens offen, transparent und filigran. Die Farbigkeit unterstützt die Lesbarkeit der Konstruktion: Die hölzernen Rahmen der Glasfassade sind schwarz gestrichten und treten in den Hintergrund, die Stützen des Vordachs, die sich oberhalb zu einer Zickzacklinie verzweigen, sind weiß lasiert, während neongelbe Stahlwinkel die Knotenpunkte akzentuieren. Den Farbklang ergänzen die ockerfarbenen Schwellen und das graue Welleternit der Dachuntersicht, nicht zu vergessen der grüne Anstrich der Schotten, der natürlich v. a. die Giebelseiten des Gebäudes prägt.

Die einzelnen Wohneinheiten erhielten einen Grundausbau, der sich v. a. auf das Eingangsgeschoss bezieht und Küche, Wohnraum und Bad umfasst. Einbauelemente aus Dreischichtplatten treffen hier auf Beton, aus dem nichtnur die Böden, sondern auch Badewannen und Arbeitsflächen in der Küche bestehen.

Über die Farbe der Holzlasuren konnten die Eigentümerinnen und Eigentümer selbst entscheiden, und z. B. auch darüber, wie die Wohneinheit in der Höhe gestaltet werden sollte. Die modulare Struktur eröffnete diverse Möglichkeiten, nämlich den Einzug einer oder zweier weiterer Ebenen, welche die Fassaden berühren können oder auch nicht. Ein offenes Raumgefüge, bei dem sich Durchblicke vom Eingangsgeschoss bis zum First ergeben, sind ebenso möglich wie eine eher konventionelle Kammerung bei strikter Trennung der Wohnebenen. Obwohl die Grundfläche eher bescheiden ist, überzeugen die Wohneinheit durch ihre extrem großzügige Wirkung, die beim Verzicht auf zuviel Decken- und Wandflächen (und mithin geringerer Wohnfläche) am eindrucksvollsten ausfällt.

Dorf geht auch sexy

Die 650 000 CHF für den Grundausbau und bis zu 150 000 CHF für den weiteren Innenausbau sind für Schweizer Verhältnisse angesichts der attraktiven Räume eher bescheiden, wenn man bedenkt, dass neben den Kellerabteilen und der Garage auch eine große Werkstattfläche im Sockel zur Verfügung steht – und natürlich auch der großzügige und vielgestaltige Außenraum, der mit den von Enzo Mari entworfenen Selbstbaumöbeln ausgestattet ist. Wer hier wohnt, muss Spaß an der Gemeinschaft finden, sonst würde auch die große Transparenz der Wohneinheiten zum Problem. Aber Lilitt Bollingers Konzept zielt eben auch ganz explizit auf eine Klientel, die im ländlichen Raum eine eher urbane Wohnform, und eben nicht das von Hecken umzingelte Einfamilienhaus sucht. Das Projekt ist auch deswegen bemerkenswert, weil es zeigt, wie Dörfer wiederbelebt und wieder lebendig gemacht können, wenn man Angebote für neue Bevölkerungsgruppen schafft: Dorf geht auch sexy.

Dabei überzeugt nicht zuletzt der Respekt vor dem Bestand. Nicht nur, dass das neue Volumen die Form des einstigen Weinlagers in Erinnerung ruft und der Sockel funktional weitergenutzt wird, straßenseitig hat Bollinger auch die Erdgeschosswand mitsamt dem verblassenden Schriftzug und einem Werbebild erhalten. Das Weinlager, Zeugnis der dörflichen Wirtschaftsgeschichte und für die Einheimischen Erinnerungsort, wird elegisch zur Ruine, aus der neues Leben blüht.

Die Reste des Bestands wurden schlicht belassen, nicht neu gestrichen oder auf Hochglanz poliert. Die Liebe zum Detail, zum Spaß an der Bricolage vereinen Alt und Neu. Bestehender Rohbau und Aufpfropfung verbinden sich auf das Überzeugendste, und das, obwohl überhaupt nicht versucht worden ist, alt und neu ästhetisch zu harmonisieren und anzugleichen.


Unser Kritiker Hubertus Adam hat große Sympathie für den unkonventionellen Umbau mit viel Liebe und Präzision fürs Detail empfunden; kann aber durchaus verstehen, dass der Bau im Dorf polarisiert und kontrovers diskutiert wird.


  • Standort: 4412 Nuglar (CH)
    Bauherr: Hürzeler Holzbau AG, Magden
    Architekten: lilitt bollinger studio, Nuglar-St. Pantaleon
    Holzbauingenieur: Winter + Walter AG, Gelterkinden
    BGF: 1 554 m2
    BRI: 5 591 m³
    Baukosten: 3, 05 Mio. CHF (BKP 2-6)
    Bauzeit: Dezember 2017 bis März 2019
  • Beteiligte Firmen:
    Holzbau: Hürzeler Holzbau AG, Magden
    Baumeister: Wohlwend AG, Möhlin
    Schreinerarbeiten: Hürzeler Holzbau AG, Magden
    Fenster Holz: Hunziker Schreinerei AG, Schöftland
    Metallbau: Reber Metallbau AG, Pratteln
    Elektro: Elektro Schmidlin AG, Muttenz
    Sanitär: Meister Sanitär, Muttenz
    Heizung: Walter Weber AG, Gelterkinden
    Sanitärobjekte (KWC Star): Franke Water Systems AG, KWC

lilitt bollinger studio


Lilitt Bollinger

1990-96 Studium bildende Kunst für das Lehramt an der Schule für Gestaltung, Basel. 1993 Kunststudium an der Ecole d’Art, Perpignan. 1997-2008 Gründung von PROGNOSE mit Cristine Strössler, Basel. 1997-2007 Lehrtätigkeit in Zeichnen, Werken und Kunstbetrachtung. 2007-10 Architekturstudium an der ETH Zürich. 2010-12 Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros in Basel. Seit 2013 eigenes Büro. Buchveröffentlichungen.


Hubertus Adam

Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Philo‧sophie in Heidelberg. Freier Architekturkritiker. 1996- 1998 Redakteur der Bauwelt, 1998-2012 der archithese. 2010-15 Künstlerischer Leiter des S AM in Basel.

Tags
Aktuelles Heft
Anzeige
Anzeige
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
3 Franz Schneider Brakel GmbH + Co KG
6550
Anzeige