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Kunstmuseum KMSKA in Antwerpen (B)
Tetris in 3D

Lässt sich ein Bestandsgebäude um fast die Hälfte erweitern, ohne dass man es ihm von außen ansieht? Beim Museum der Schönen Künste in Antwerpen ist dies geglückt: Geschickt haben KAAN Architecten dabei alte und neue Räume miteinander verzahnt.

Wie ein antiker Tempel steht das Königliche Museum der Schönen Künste (KMSKA) auf einem Platz südlich des Zentrums von Antwerpen. Weil die Straßen sternförmig dorthin zulaufen, ist der neoklassizistische Monumentalbau von vielen Stellen sichtbar und prägt die Identität des gründerzeitlichen Stadtviertels. Als es um eine beträchtliche Erweiterung des Museums ging, war daher klar, dass sich an der äußeren Erscheinung wenig ändern sollte, zumal das Gebäude, das 1884-90 von den Architekten Jacob Winders and Frans van Dyck errichtet worden war, Denkmalschutz genießt.

2003 gewannen KAAN Architecten den Wettbewerb zum Umbau mit der Idee, neue Ausstellungsräume in den vorhandenen vier Innenhöfen zu stapeln – gerade so hoch über die alte Dachlinie hinaus, dass man den Eingriff vom Platz aus nicht sieht. Das Zubauen der Höfe war möglich, weil sie v. a. die Nebenräume belichteten und nicht die Ausstellungssäle. Diese reihen sich im Eingangsgeschoss entlang der Platzfassaden aneinander und erhalten Seitenlicht, während sie auf der darüberliegenden Etage von Oberlichtern erhellt werden. Das Sockelgeschoss nimmt hauptsächlich Depots und Werkstätten auf.

Schema-Schnitt KMSKA
Bild: KAAN Architecten

Zwei Museen in einem

Besucher betreten das KMSKA über eine prunkvolle Freitreppe und Säulenfront im Westen. Schwere alte Eichentüren gewähren Zutritt in eine Vorhalle, in der jetzt Infoschalter, Café und Buchladen Platz finden. Hier haben KAAN Architecten auch eine runde Bodenöffnung geschaffen, durch die eine expressive neue Wendeltreppe hinab zu den Garderoben und Toiletten im Sockelgeschoss führt. Von der Vorhalle geht es weiter in den sogenannten Keysersaal, dem Dreh- und Angelpunkt im Erschließungssystem. Denn hier trennen sich die Wege: Entweder erklimmt man die Treppe ins Obergeschoss, der Hauptebene des »Museums des 19. Jahrhunderts«, in dem die Werke der alten Meister in historischen Sälen zu sehen sein werden. Oder man geht vom Keysersaal geradeaus weiter und biegt dann in einen der ehemaligen Innenhöfe ab, wo das »Museum des 21. Jahrhunderts« mit hochmodernen White Cubes wartet. Der Kontrast in Sachen Raumproportion, Oberflächen und Licht zwischen den beiden Rundgängen könnte kaum größer sein.

Die historischen Räume präsentieren sich als Enfilade in strenger Symmetrie, mit Fischgrätparkett am Boden, Eichenvertäfelung im unteren Wandbereich und darüber monochrom gestrichenen Flächen in intensiven warmen Rot- und Grünnuancen. Die Töne entsprechen der originalen, im Museum vorgefundenen, Farbpalette. Stellenweise wurden bauzeitliche, ionische Säulen freigelegt, die sich jahrzehntelang hinter Leichtbauwänden verborgen hatten. Historische Bodenluken erlauben es, extragroße Gemälde aus dem Depot im Sockelgeschoss nach oben in die Ausstellungsräume zu hieven. Da die Gemälde von Rubens und van Dyck den Kern der Sammlung bilden, sind die entsprechenden Säle genau in der Gebäudemitte platziert. Alte, sorgsam aufgearbeitete Sofas ermöglichen eine Verschnaufpause während des Kunst-Parcours.

Schnitt KMSKA
Bild: KAAN Architecten

Das KMSKA als Tageslichtmuseum

Im »Museum des 21. Jahrhunderts« ist das Prinzip der Enfilade in die Vertikale übertragen. Sichtbeziehungen sind hier v. a. zwischen den übereinanderliegenden Räumen möglich, asymmetrisch angeordnete Atrien lassen Tageslicht über eine Höhe von 23 m bis hinab in die Eingangsebene sickern. Auf dem Dach filtert eine Armada aus 198 pyramidenförmigen, nach Norden orientierten Elementen das Licht, das dann in den Sälen von strahlend weißen Wänden und einem Hochglanzboden aus weißem Urethan gestreut und reflektiert wird. Für empfindliche Radierungen und Zeichnungen haben KAAN dunklere Kabinette geschaffen, deren tiefblaue Wandfarbe mit den Tönen der historischen Säle korrespondiert. Eine Himmelsleiter-Treppe verbindet die neuen Räume über alle Etagen hinweg. Überall dort, wo Decken oder Wände, auch zum Altbau, durchstoßen werden, bekleidet schwarzweißer Marmor die Schnittkanten – eine Reminiszenz an die prunkvolle Materialität des Bestands.

Die Bauarbeiten sind nun abgeschlossen und der zukünftige Charakter des KMSKA lässt sich erahnen. Wann es öffnen wird, steht allerdings noch nicht fest. Derzeit sind die Ausstellungsgestaltung und die Sanierung der Büroräume in Arbeit, aber v. a. muss die Klimaanlage einen ganzen Jahreszyklus durchlaufen, um zu beweisen, dass sie stets gleiche optimale Bedingungen für die wertvollen Kunstwerke bietet. So lange lohnt sich ein virtueller Rundgang unter www.kmska.be/en/finest-museum.

~Christian Schönwetter


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