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Kindertagesstätte in Memmingen

Kita in Memmingen
Sparen mit Spaß

Bei der Transformation einer Villa zur Kindertagesstätte entstand ein Gebäude, das schon heute die Klimaziele für 2050 einhält. Der Bestand wurde mit einer neuen Raumschicht umbaut, die alten Fassaden blieben ungedämmt und prägen die Kita im Innern.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2020.

Jurybegründung:
Diese Umnutzung weist neue Wege für die energetische Ertüchtigung des Bestands, denn sie erfüllt schon jetzt die Klimaziele für 2050. Eine weitläufige Villa samt Garage wurde von Dächern und Verbindungsbauten befreit und die verbleibenden Körper wurden anschließend mit einer transluzenten Hülle aus Polycarbonat zusammengefasst. Der Raum dazwischen lässt sich vielfältig bespielen. Als Teil eines Kybernetik-Konzepts gewinnt die neue Haut Solarenergie und macht eine Dämmung des Bestands überflüssig. Daher bleiben viele der alten Oberflächen erhalten – zusammen mit den neuen Bauteilen fügen sie sich zu einer unprätentiösen Materialcollage. Es entsteht eine sehr eigene Atmosphäre, die ohne die üblichen Attribute kindgerechten Bauens auskommt.

Architekten: heilergeiger architekten und stadtplaner
Tragwerksplanung: IHW Beratende Ingenieure

Text: Roland Pawlitschko
Fotos: Nicolas Felder u. a.

Als das Büro heilergeiger von der Alois Goldhofer Stiftung eingeladen wurde, an einer Mehrfachbeauftragung für eine neue Kita, die der Erziehungsphilosophie der Reggio-Pädagogik folgt, teilzunehmen, stand für die Architekten eines sofort fest: Anstatt die für das Bauvorhaben zur Verfügung stehende alte Villa abzureißen, was zulässig gewesen wäre, wollten sie das Potenzial des Altbaus nutzen – und nicht gegen seine Schwächen, sondern mit seinen Stärken arbeiten. Dies wiederum passend zur Reggio-Pädagogik, die von der Wertschätzung des Gebrauchten ebenso geprägt ist wie von der Vorstellung, dass Kinder ein reiches, kreatives Potenzial in sich tragen, das ihnen hilft, die Welt zu entdecken und zu verstehen und sich selbst über ihre eigenen Fähigkeiten klar zu werden.

Umstrukturierung des Bestands

Bei dem 60er-Jahre-Altbau handelt es sich um das ehemalige Wohnhaus der Unternehmerin Karoline Goldhofer, die in ihrem Testament verfügt hatte, am nördlichen Rand von Memmingen eine soziale Einrichtung zu stiften. Die an einem leicht abfallenden Hang situierte Villa bestand aus drei rechtwinkligen, teilweise zweigeschossigen Gebäudeteilen (Wohnbereich, Schwimmbad und Doppelgarage), die über Verbindungsbauten zu einem baulichen Ensemble miteinander verbunden waren. Um genug Platz und eine klare räumliche Struktur für eine Kindertagesstätte mit 50 Kindern zwischen drei und sechs Jahren und 12 Kindern bis drei Jahre zu schaffen, entfernten die Architekten die Verbindungsbauten und ergänzten das Ensemble um eine leichte Gebäudehülle aus Polycarbonat-Stegplatten. Die unregelmäßige, neue Grundrissform lässt einen großen, fließenden Raum entstehen, der die nun frei gestellten Gebäudeteile locker umspült. Während die ehemaligen Innenräume des alten Wohnhauses jetzt die Gruppen- und Werkräume sowie die Nebenräume und die Küche aufnehmen, dient der fließende Raum dazwischen und darum herum als Erschließungs-, Bewegungs- und Gemeinschaftsbereich. Eine besondere Rolle spielt der Zentralbereich: Er dient als weitläufiger Eingangsbereich mit Garderobe und als einladende »Piazza«, in der die in offenen Gruppen betreuten Kinder ihren Morgenkreis abhalten, bevor sie sich – ihrer individuellen Entdeckungslust folgend – im Haus verteilen.

Konsequente Wiederverwendung bestehender Elemente

Grundsätzlich verfolgten die Architekten das Ziel, sämtliche Elemente, die noch brauchbar und überdies gesundheitlich unbedenklich waren, in irgendeiner Form wiederzuverwenden. Dies gilt für den gesamten Innenausbau ebenso wie für das Tragwerk – wo immer möglich und im Sinne der neuen Nutzung sinnvoll, blieb die Tragstruktur erhalten und wurde ggf. ertüchtigt oder ergänzt. Hieraus ergibt sich eine lebhafte Collage aus Alt und Neu, die an jeder Ecke andere Geschichten erzählt. So stehen die alten, grob verputzten Wände, ein natursteinbekleideter offener Kamin, ein Rundbogentürausschnitt und alte Klinkerwände völlig selbstverständlich neben der eigens aus einfachen Multiplexplatten angefertigten Möblierung sowie neuen Tragwerkselementen aus Beton oder KS-Ziegeln. In der Krippe, die sich im Bereich des einstigen Schwimmbads befindet, sind Teile des türkis gefliesten Beckenrands zu sehen, die Stütz- und Sitzmäuerchen am Eingang bestehen aus den alten Dachziegeln der Villa und das Holz eines gefällten Baums ist inzwischen Teil einer Spielanlage im Garten.

Ertüchtigung der Tragstruktur

Von der ursprünglichen Tragstruktur geblieben sind v. a. das KG und die meisten Außenwände im EG. Nicht zu integrieren hingegen waren die für eine Flachdachkonstruktion unterdimensionierte Decke über dem alten Wohnbereich sowie die Holzdächer über Schwimmbad und Garage. Beide wurden durch neue Betondecken ersetzt, die jeweils eines neuen Ringankers bedurften und die nun zu den schlanken Stahlstützen der Fassade spannen. Der auf dem alten Mauerwerk aufliegende Ringanker stabilisiert dabei nicht nur das Tragwerk, sondern ermöglicht zugleich etwas größere Raumhöhen. Aus all diesen Ertüchtigungsmaßnahmen wird an keiner Stelle im Gebäude ein Geheimnis gemacht: Sie sind überall sichtbar und stets auf handwerkliche, gute Weise gelöst. Komplexe Komposit-Materialien sucht man daher ebenso vergeblich wie etwa ein herstellergebundenes Fassadensystem: Die Polycarbonat-Stegplatten sind ein gewöhnliches Industrieprodukt und deren Unterkonstruktion wurde von den Architekten entworfen und vom örtlichen Schlosser hergestellt.

Die Gebäudehülle

Die neue Gebäudehülle besteht aus abwechselnd einschaligen und zweischaligen Bereichen, die u. a. an den verschiedenen Transparenzgraden erkennbar sind. Wo letztlich welcher der beiden Typen zum Einsatz kam, ist das Ergebnis einer präzisen thermodynamischen Simulation, aus der v. a. hervorgeht, wo welche sommerlichen Wärmeeinträge zu erwarten sind – beispielsweise durch tief stehendes Sonnenlicht im Osten und Westen. Der zweischalige Typ übernimmt dabei insbesondere die Aufgabe eines Wärmepuffers: Im Sommer wird die darin erwärmte Luft gleich nach außen abgeführt, um eine Überhitzung der Innenräume zu verhindern, während sie im Winter über einen Wärmetauscher zur Beheizung der Innenräume beiträgt. Teil des Nachhaltigkeitskonzepts ist neben einer kontrollierten Raumlüftung mit Wärmerückgewinnung und einer PV-Anlage auf dem Dach auch die Verwendung der monolithischen Polycarbonat-Stegplatten, die am Ende ihrer Lebensdauer leicht recycelt werden können.

Nicht gegen die Schwächen, sondern mit den Stärken des Bestands zu arbeiten, bringt zahlreiche Vorteile mit sich. Es hilft, die im Altbau gespeicherte graue Energie zu nutzen, was damit ressourcenschonend ist und CO2-Emissionen reduziert – ein Effekt, der durch das nachhaltige Haustechnikkonzept weiter verstärkt wird. Vielleicht noch wichtiger ist die (Vorbild-)Wirkung auf die Kinder: Ganz im Sinne der Reggio-Pädagogik werden sie durch die Raum- und Materialcollage und ihre Geschichte(n) inspiriert, sodass sie ihrer Kreativität und Entdeckerlust freien Lauf lassen können. Wenn sie dabei noch lernen, den Bestand als Quell für das Neue wertzuschätzen, ist das sicherlich auch kein Fehler.


Neben dem Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2020  wurde die Kita auch in die Shortlist des DAM-Preises 2021 aufgenommen, mit dem Balthasar-Neumann-Preis 2021 gekürt und beim Bayerischen Energiepreis 2020 mit einer Auszeichnung in der Rubrik »Gebäude als Energiesystem« gewürdigt.


Standort: Berwangweg 10, 87700 Memmingen (Allgäu)
Bauherr: Alois Goldhofer Stiftung
Architekten: heilergeiger architekten und stadtplaner, Kempten
Tragwerksplanung: IHW Beratende Ingenieure, Kempten
Planung TGA: Haustechnik, Heizung, Sanitär: Güttinger Ingenieure, Kempten
Klimaengineering: Güttinger Ingenieure, Kempten, mit ifes Institut für angewandte Energiesimulation, Köln
Elektroplanung: Kettner & Baur, Memmingen
Lichtplanung: Generation Licht, Gaienhofen/Hemmenhofen
Akustikplanung: BL-Consult Piening, Petershausen
Landschaftsarchitektur: Latz + Partner, Kranzberg
Brandschutzplanung: Anwander, Sulzberg
Nutzfläche: 865 m² (Bestand 468 m²)
BGF: 1 123 m²
BRI: 3 907 m³
Endenergiebedarf: 29,2 kWh/m²a (nach 3-D-thermodynamischer Simulation / EnEV 2016)
Jahresheizwärmebedarf: 18,2 kWh/m²a (nach PHPP / EnEV 2016)
CO2-Verbrauch: 4,98 kg/m²a (Klimaziel 2050)
Graue Energie (Anteil aus Bestandswohnhaus): 75 %
Regenerativer Anteil beim Heizen und Kühlen: 82,2 %
Bauzeit: März 2018 bis Juni 2019

Beteiligte Firmen:
Baumeisterarbeiten: Kutter, Memmingen, www.kutter.de
Fassade/Verglasung Fenster: Weber, Argenbühl, www.weber-metallbau.de
Hersteller Polycarbonat: Rodeca, Mülheim an der Ruhr, www.rodeca.de
Dachabdichtung/Gründach: Ballmann, Waltenhofen-Hegge, www.ballmann-daecher.de
Hersteller Bitumenbahn: Kebu, Herten-Westerholt, www.kebu.de
Möbeleinbauten: Schreinerei Gött, Oy-Mittelberg, www.schreinerei-goett.de


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