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Feuer und Glut. Kaminanlagen des vorindustriellen Zeitalters

Kaminanlagen des vorindustriellen Zeitalters
Feuer und Glut

Schornsteine, Öfen und Kamine haben teils erheblichen Einfluss auf das Erscheinungsbild von Gebäuden. Welche Entwicklung nahm die bauliche Bändigung von Feuer und Rauch im Lauf der Jahrhunderte? Welche Formen waren wann in welchen Ländern üblich? Und welche Konstruktionsprobleme galt es dabei zu lösen?

Text: Christian Kayser

Heute bemerken wir nur, wenn es einmal nicht funktioniert – doch sind die Tage gar nicht so ferne, in denen das Herdfeuer das funktionale wie auch spirituelle Herzstück einer Wohnung bildete. In der Antike war mit Vesta/Hestia sogar eine der wichtigsten Göttinnen für dieses Ressort abgestellt, und im Mittelalter war eigner Herd Goldes wert.

Das an der Herdstelle gebändigte Feuer brachte die im Winter überlebenswichtige Wärme in die Wohnstätten und ermöglichte die Zubereitung von Speisen. Da es allerdings eine latente Gefahrenquelle bildete, waren bei der Ausbildung des Herd-Kamin-Systems eine Reihe von Anforderungen zu berücksichtigen: Die eigentliche Brandstätte musste eingefasst und gesichert werden, ebenso galt es, die sich beim Brand entwickelnden Rauchgase ohne Schädigung von baulichem Bestand und Bewohnern abzuleiten. Der Brandherd sollte einfach mit Brennmaterial zu beschicken sein, und die Wärme so übertragen werden, dass die Raumheizung als möglichst behaglich empfunden wurde.

Aus archäologischen Untersuchungen wissen wir, dass bei frühen Bauten einfach eine offene Feuerstelle in Gebäudemitte errichtet wurde. Die Feuerstelle wurde entweder in den Boden eingetieft oder aus Steinen und Lehm aufgemauert. Aus einem Tontopf, der Feuer und Glut aufnahm, entwickelten sich die ersten wärmespendenden Öfen. Die Rauchgase entwichen über Ritzen und Öffnungen (»Rauchhaus«), erst später wurden planmäßige Abzüge im Dachspitz eingerichtet. Die »Durchräucherung« des Innenraums bot durchaus Vorteile: Der Rauch half gegen Parasiten und Holzschädlinge, die Rußschicht auf den Bauteilen minderte die Entflammbarkeit und mit den heißen Gasen konnten Ernte und Vorräte gedörrt und haltbar gemacht werden.

Historisches Rauchdach des Spätmittelalters mit verschwärzten Balken (Bild: Christian Kayser)

Später bildete eine aus Holzruten geflochtene und mit Lehm brandsicher ausgekleidete Abzugshaube über der Feuerstelle die Urform des Kaminmantels, mit dem die Rauchgase zielgerichtet abgeleitet werden konnten. Die Einführung einer baulichen Trennung zwischen Wohn- und Dachraum ermöglichte dann, die Dächer als Räucherkammern zu nutzen: Der Rauch wurde über Lehmhutzen in den Speicher geführt. »Rauchdächer« finden sich immer wieder im Bestand mittelalterlicher Dachkonstruktionen – die starken Verrußungen an den Bauteiloberflächen werden oft fälschlich als Spuren vergangener Brandunglücke und damit als zu reparierender Bauschaden interpretiert.

Die Entwicklung des Hausbaus zu ausdifferenzierten Anlagen mit mehreren abgeteilten Räumen brachte notwendige Veränderungen an den Feuerstätten mit sich. Gab es einen eigenständigen Küchenraum, konnte die Herdwärme genutzt werden, um benachbarte Wohn- bzw. Schlafstuben zu beheizen – die Feuerstelle musste dazu allerdings von der Raummitte an eine Trennwand wandern; der Rauchabzug wurde in die Binnenmauer integriert.

An den Rand gedrängt

Der Schritt zu mehrgeschossigen Bauten erzwang entscheidende Modifikationen: Um die Rauchgase abzuleiten, mussten vertikale Abgasschächte – Kaminzüge – ausgebildet werden. Damit diese in das Konstruktionsgefüge integriert werden konnten, wanderte das Herdfeuer an den Rand des Gebäudes bzw. an durchlaufende Tragstrukturen im Binnengefüge. Hierdurch konnten nun auch über zusätzliche Züge weitere Feuerstellen an den gemeinsamen Kamin angeschlossen werden. Die im Querschnitt recht großräumigen Rauchabzüge ließen sich zur Beheizung von Schlafräumen in den oberen Geschossen nutzen. Die frühesten überlieferten Beispiele für solche »moderne« Feuerstellen mit Kaminzügen sind ab dem 11. Jahrhundert überliefert (Abb. 2) – im ländlichen Raum blieben vergleichbare Arrangements bis in das 20. Jahrhundert in Gebrauch (Abb. 3).

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Bauernküche des 19. Jahrhunderts mit offenem Herd und weiter Kaminesse (Bild: Christian Kayser)

Im Verlauf des Spätmittelalters kam es schließlich auch zur Trennung von Heizsystem und Speisezubereitung. Bei Küchen, besonders den für die Versorgung zahlreicher Bediensteter angelegten Großküchen von Burgen und Hofhaltungen, wurde weiterhin das bewährte Bauprinzip beibehalten (Abb. 4): Es gab üblicherweise einen gemauerten Herd mit offenem Feuer, darüber war eine große Kaminesse angelegt. Gerade bei Burgküchen des Spätmittelalters bilden Raum und Kamin oft sogar eine Einheit – die Esse ist zugleich der obere Raumabschluss der Küche (»Rauchküche«), häufig als eigenständiger Baukörper feuersicher von den übrigen Wohnbauten abgeteilt (Abb. 5).

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Prunk-Kachelofen aus dem 18. Jahrhundert in Schloss Tittmoning (Bild: Christian Kayser)

Für das vom Küchenherd geschiedene wärmende Ofenfeuer ging man technisch neue Wege. Da die Rauchentwicklung und die hohen Temperaturen bei offenem Feuer nicht notwendig als behaglich empfunden werden, kamen für die Raumheizung zunehmend geschlossene Feuerstellen zum Einsatz, bei denen die Ofen-Oberflächen über die innere Brennkammer erhitzt wurden und so eine angenehm moderate, lang anhaltende Strahlungswärme generierten. Die ersten, wohl aus Lehm oder Ziegeln gemauerten Öfen wurden zu eigenständigen Repräsentationsobjekten (Abb. 6) ausgestaltet. Mit gebrannten Kacheln umkleidet, entstand aus ihnen der Kachelofen. Mit ihm konnte die Feuerwärme effizient genutzt werden, da die Wärme von der Ofenhülle gespeichert und nicht, wie beim offenen Feuer, zu einem Gutteil direkt zum Kamin heraus geheizt wurde. Auch ließen sich die Öfen so einrichten, dass eine Beschickung von der Rückseite, außerhalb der geheizten Stube, möglich wurde: Lästige Dienerschaft und schmutziges Brennholz blieben damit für Nutzerinnen und Nutzer unsichtbar. Die Vorzüge dieser Bauweise führten dazu, dass sich im winterkühlen mittleren Europa sukzessive der Kachelofen als Standard für gehobenen Wohnkomfort durchsetzte.

Kamin als Wohlstandszeichen

Im wärmeren Südeuropa wie auch im atlantisch-mild temperierten Westen (z. B. England, Frankreich) blieb dagegen der offene Kamin (Abb. 7) in Gebrauch und wurde reich ausgestaltet: Zu einem klassischen Londoner Club oder einem Landsitz im Kriminalroman gehört bis heute ein Kaminzimmer mit flackerndem Feuer. Bei solchen offenen Kaminen blieb jedoch die Brandgefahr eine dauernde Herausforderung – während das Feuer im Kachelofen keine intensive Betreuung erforderte, durften Kaminfeuer nicht unbeaufsichtigt über Nacht brennen. Sie mussten abends zum Schlag der Feuerglocke gelöscht werden. Als sprachgeschichtliches Zeugnis kündet hiervon noch der »Curfew« in England bzw. das »Couvre-feu« in Frankreich, also die Stunde der »Feuerabdeckung« – in der heutigen, gewandelten Bedeutung derzeit traurig aktuell: »Ausgangssperre«.

Kamine als architektonisches Gestaltungsmittel: Bei Schloss Chambord künden sie vom Reichtum des Besitzers (Bild: mariepauline/Pixabay)

Ein ausdifferenziertes Heizsystem mit zahlreichen Ofen-und Feuerstellen war zugleich bequem und Zeichen materiellen Wohlstands. Um diesen auch äußerlich sichtbar zu machen, wurden in der frühen Neuzeit die Kaminköpfe teils aufwendig ausgestaltet. Bei dem französischen Königsschloss Chambord bezeugt etwa ein wahrer Wald von Dachaufbauten die knapp 300 Feuerstellen im Innern (Abb. 8). Ebenso galt jedoch auch seit jeher: Wo Wohlstand herrscht, ist der Fiskus nicht weit – zahlreiche Herrschaften führten Kaminsteuern ein, die sich auf die Anzahl der sichtbaren Rauchabzüge bezogen.

Im Barock wurden die großen Dachkamine in die symmetrische Fassadengestaltung einbezogen. Dies führte allerdings gelegentlich zu Diskrepanzen zwischen Form und Funktion, denn die Feuerstätten lagen im Gebäudeinnern nicht unbedingt dort, wo an der Fassade aus gestalterischen Gründen ein Kamin aufragen sollte. Für eine regelmäßige Gestaltung wurden daher teils Scheinkamine ohne Anschluss an Öfen aufgesetzt, teils mussten die Kamine im Dachraum stark verzogen werden (Abb. 9). Die schräge Führung der gemauerten Schächte erforderte wiederum aufwendige hölzerne Stützkonstruktionen, die in das konstruktive Gefüge integriert werden mussten. Durch die Koppelung mit Dachtragwerken und Balkendecken wurden jedoch Bauteilbewegungen auf die gemauerten Kaminschächte übertragen, die zur Entstehung von Rissen führten. Da sich in den weiten Schächten die Rauchgase rasch abkühlten, ergab sich durch Undichtigkeiten nur eine geringe zusätzliche Brandgefahr.

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Stark verzogene Kamine im Dachraum des Zisterzienserklosters Raitenhaslach (Bild: Lehrstuhl für Restaurierung und Kunstwissenschaften TU München)

Brandgefahr und Regulierung

Bis in das frühe 19. Jahrhundert dominierten im mittleren Europa raumhaltige Kamine, in Folge setzte sich der bis heute übliche, enge »russische« Kamin durch. Er bot technisch einen relevanten Vorteil: Zwar war der weite »deutsche« Schornstein Inspektionen und Reparaturen gut zugänglich, doch entwickelte sich darin nur ein schwacher Sog – im russischen Kamin ergibt sich ein deutlich besserer Auftrieb. Da über die an den Kamin angeschlossenen Öfen keine zusätzliche Kaltluft in den Kamin eintritt, verbessert sich so die Brandleitung; der vollständig von Rauchgasen ausgefüllte Kaminschacht »zieht« bei dichtem Rauchrohranschluss besser. Die hohen Temperaturen in den engen Schornsteinen erhöhen allerdings die Brandgefahr. Bereits durch kleine Risse kann es zu Banddurchschlägen kommen. Für die neue Bauweise wurden daher bald Verordnungen erlassen: Die Kaminwandungen mussten massiv und feuersicher aus nicht brennbarem Material ausgeführt werden. Brennbare Elemente wie Dach- oder Deckenbalken waren mit Abstand zu den Kaminen auszuführen. Dort, wo dies nicht möglich war – etwa bei Balkendecken – galt es, nicht brennbare Materialien als »Isolierung« zwischen Kaminmauerwerk und Balken einzusetzen. Knicke in der Führung der Schlote wurden reguliert; die bis dahin üblichen hölzernen Stützkonstruktionen verschwanden ebenso wie Lehm-Stroh-Konstruktionen. Die erhaltenen Exemplare sind heute relevante Zeugnisse der Bautechnikgeschichte und sollten bei Instandsetzungsmaßnahmen vorsichtig konserviert werden. Nutzbar im ursprünglichen Sinn sind sie zumeist nicht mehr, doch ermöglichen sie, in den weiten Schächten haustechnische Leitungsführungen vertikal im Bestand zu integrieren. Außerdem, so munkelt man, gewährleisten sie bis heute einen Hauszugang für Santa Claus …

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