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Denkmalgeschütztes Hallenbad in Stuttgart

Hallenbad Feuerbach in Stuttgart
Baden mit Manfred Lehmbruck

Denkmalsanierung vom Feinsten – bei einem Schwimmbad im Stadtteil Feuerbach haben es die Architekten geschafft, die komplexen haustechnischen und energetischen Anforderungen von heute zu erfüllen, ohne dass dem Bau eine Veränderung anzusehen ist.

Das Projekt erhielt eine Anerkennung beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2020.

Jurybegründung:
Jedes zweite öffentliche Schwimmbad in Deutschland muss kurz- bis mittelfristig modernisiert werden – für die denkmalgeschützten Exemplare setzt dieses Projekt Maßstäbe: Die Architekten haben es geschafft, die komplexen haustechnischen und energetischen Anforderungen an ein Bad von heute zu erfüllen, ohne dass der Schwimmhalle eine Veränderung anzusehen ist. Dach und Fassadenprofile sind so schlank wie zuvor, alte Fliesen wurden erhalten oder detailgetreu repliziert, die Glaskunst aufwendig restauriert. Trotz der Neuordnung der Umkleiden und Duschen für einen verstärkten Vereins- und Schulbetrieb wurden aus Respekt vor dem Bestand beispielhaft zwei der alten Wannenbäder belassen.

Architekten: pbr Planungsbüro Rohling AG, HSP Hoppe Sommer Planungs GmbH
Tragwerksplanung: IGB Ingenieurgemeinschaft Bauen, Ingenieurbüro für Tragwerksplanung

Text: Dagmar Ruhnau
Fotos: Dietmar Strauß

Das denkmalgeschützte Hallenbad Feuerbach, geplant von Manfred Lehmbruck und entstanden 1959-64, ist eines der herausragenden Architekturzeugnisse jener Zeit in Stuttgart. Im Laufe der Jahre wurden Änderungen und Ergänzungen vorgenommen, die dem zeittypischen Geschmack, aber auch Komfort-, Sicherheits- und Organisationsstandards geschuldet waren. Dennoch befand sich das Schwimmbad weitgehend im Originalzustand, als 2014 die Sanierung beschlossen wurde. Der größte sichtbare Eingriff fand im Bereich der Umkleiden statt, ergänzt wurden ein taktiles Leitsystem, ein Aufzug und ein Beckenlifter.

Schalendach und Glaskunst-Fassade

Bereits die besondere und erhaltenswerte Hülle stellte die Planer vor baukonstruktive Herausforderungen. Die entwurfsbestimmende Geste des Schwimmbads, das Hallendach, ist als schlaff gespannte Spannbetonschale ausgeführt. Das bestehende zweischalige, hinterlüftete Kaltdach wurde gedämmt und die bituminöse Abdichtung erneuert, ohne den filigranen Dachrand zu verändern. Der durch jahrzehntelange Chloridbelastung geschädigte Beton der Dachunterseite bekam eine dampfdichte Beschichtung und einen neuen Akustikputz; dabei blieben die sichtbaren Schalungsstöße aus der Bauzeit erhalten. Ebenfalls eine behutsame Behandlung erforderten die Anschlüsse vom Dach an die schräge Fassade.

Außerdem sollten der filigrane Eindruck der Aluminium-Glas-Fassade bestehen bleiben und 56 Glaskunstscheiben von HAP Grieshaber, die in ihren undichten Fenstereinheiten durch Chlor und Kondensat stark gelitten hatten, saniert werden. Nach dem Durchspielen von vier Planungsvarianten beschloss man, die Aluminiumbauteile der Fassade auszutauschen, zumal so die Last aus den Pfosten auf eine neue, nahe dem Sockel der Stahlstützen montierte Edelstahlkonsole umgeleitet werden konnte und nicht mehr direkt auf dem teilweise sehr dünnwandigen Bestandsbeton ruht. Ein fertiges Fassadensystem stand dafür freilich nicht zur Verfügung. Zusammen mit einem namhaften Hersteller entwickelte man ein neues Pfosten-Riegel-Profil mit trapezförmigem Querschnitt, in das sowohl die neuen Isoliergläser als auch die restaurierten Kunstgläser eingesetzt wurden. Für die künftige Reinigung von deren Farbflächen wurden mithilfe mehrerer Verfahren Glas- und Farbzusammensetzung analysiert und auch eine Schutzbeschichtung entwickelt.

Hallenbad Stuttgart Feuerbach
Bild: Dietmar Strauß

Schwimmbad als Landschaft

Das Schwimmer- und das Nichtschwimmerbecken liegen getrennt nebeneinander. Wie Seen in eine Dünenlandschaft aus ansteigenden Stufen und sandfarbigen Fliesen eingebettet, verbreiten sie gemeinsam mit den Teakholzwänden eine natürlich-entspannte, fast schon luxuriöse Stimmung. In den stark durch Wasser beanspruchten Bereichen konnten die Fliesen nicht erhalten werden, da die darunterliegende teerhaltige Abdichtung samt Estrich komplett erneuert werden musste. Bei den Ersatzfliesen leistete sich die Stadt Stuttgart wie bei der Fassade einen ziemlichen Aufwand, um den Raumeindruck zu erhalten: 5 x 5 cm große Fliesen wurden ringsum vom Hersteller auf das bauzeitliche Format von 4 x 4 cm zugeschliffen. Trotzdem schneidet das Hallenbad Feuerbach laut Projektleiter Marcus Zehle kostenmäßig im Vergleich zu Neubauten mit vergleichbarem Wasserflächenangebot und Sprunganlage nicht schlecht ab – u. a. deshalb, weil vieles von der Konstruktion erhalten werden konnte.

Wichtig für die Raumwirkung sind auch die für neuere Bäder ungewöhnlich tiefen Wasserspiegel. Der marode Beckenrand ließ sich unter Beachtung derzeitiger Regelquerschnitte für Stahlbeton neu modellieren, für die Abdeckung konnten bauzeitliche Pressteile gefunden werden. Damit Sehbehinderte die Handfasse besser erkennen können, bekam sie einen wohltuenden Streifen in Dunkelblau, der sich an den Kanten des Beckens sowie der Treppenstufen wiederholt. Inspiriert ist diese Farbgebung von einem Wandkunstwerk in der Eingangshalle aus strukturierten Keramikfliesen, die – noch in gutem Zustand – nur einer Überarbeitung bedurften. Entfernt wurde dort zugleich eine frei stehende Kassenanlage aus den 70ern, die den Raumeindruck massiv beeinträchtigte. Nun kauft man seine Eintrittskarte wieder wie vor 55 Jahren am originalen Empfangsmöbel aus Teak und Glas.


Standort: Wiener Straße 53, 70469 Stuttgart
Bauherr: Landeshauptstadt Stuttgart, Technisches Referat, Bäderbetriebe Stuttgart, vertreten durch Technisches Referat, Hochbauamt
Architekten: pbr Planungsbüro Rohling AG, Braunschweig; HSP Hoppe Sommer Planungs GmbH (Marcus Zehle), Stuttgart
Tragwerksplanung: IGB Ingenieurgemeinschaft Bauen, Stuttgart;
Fassade: Ingenieurbüro für Tragwerksplanung, Schienen
ELT: Egon + Peter Schnell Beratende Ingenieure, Stuttgart
Bauphysik: Krämer-Evers Bauphysik, Stuttgart
Brandschutz: Sachverständige Ingenieure, Stuttgart
Weitere Beteiligte: Landesamt für Denkmalpflege, Esslingen; Fraunhofer Institut für Silikatforschung, Würzburg; Badewassertechnik: L&P GmbH Beratende Ingenieure, Haar
Nutzfläche: 2500 m²
BGF: 5600 m²
BRI: 25000 m³
Baukosten: 15,1 Mio. Euro (brutto)
Bauzeit: Januar 2017 bis September 2019

Beteiligte Firmen:
Vorgehängte Fassaden mit Faserzementplatten: Eternit, Heidelberg, www.eternit.de
Neues Fassadensystem: Wicona, Ulm, www.wicona.com
Abdichtungsbahn für Schrägfassaden: Paul Bauder, Stuttgart, www.bauder.de
Fliesen: Agrob Buchtal, Alfter-Witterschlick, www.agrob-buchtal.de (Serie »Plural«)


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