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Berlin: Post- und Telegrafenamt wird zu Wohnkomplex, O&O Baukunst

Und ab die Post
Berlin: Post- und Telegrafenamt wird zu Wohnkomplex

Ein denkmalgeschütztes Postgebäude in Schöneberg aus dem Jahr 1926 wurde durch Zubauten zu einem Ensemble, in dem Alt und Neu eine Balance eingehen. Die gegensätzlich materialisierten Hinzufügungen rahmen den Bestand.

Architekten: O&O Baukunst
Tragwerksplanung: fd-ingenieure

Kritik: Hubertus Adam
Fotos: Schnepp Renou

Ja, es gab sie, die Zeiten, da man den Begriff Post mit einem femininen und nicht mit einem maskulinen Artikel verband. Und ja, es gab sie, die Zeiten, da die Post noch nicht klandestin mit ihren Schaltern in Kiosken und Geschäften Unterschlupf fand. Im wilhelminischen Deutschland war die Post mit der reichsweiten Kommunikation betraut, leistete damit einen Beitrag zur Kohärenz des Staats und trat mit ihren Oberpostdirektionen und Postämtern baulich entsprechend selbstbewusst, repräsentativ und staatstragend in Erscheinung. Nach dem Ersten Weltkrieg, zur Zeit der Weimarer Republik, war der Historismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts obsolet geworden, und die Post suchte nach einem neuen, demokratiekompatiblen Ausdruck. Wichtig und mächtig war sie weiterhin, sie zählte zu den wichtigen öffentlichen Auftraggebern des jungen Staatswesens und unterhielt eigene Bauabteilungen mit Postbauräten und Oberpostbauräten. Der Architekt Willy Hoffmann, 1878 geboren, war mit knapp 30 Jahren in die Bauabteilung der Kaiserlichen Reichspost eingetreten, hatte sich in Hannover und Breslau emporgearbeitet und hatte das Ende der Karriereleiter als Oberpostbaurat 1924 in Berlin erklommen. Bis zu seinem frühzeitigen Ruhestand war er in der Hauptstadt für eine ganze Reihe z. T. stadtbildprägender Postbauten verantwortlich. Als sein Hauptwerk kann die Oberpostdirektion in der Charlottenburger Dernburgstraße gelten (1928), ein herausragendes Zeugnis des Neuen Bauens, bei der er mit John Martens zusammenarbeitete, seinerzeit Leiter der Staatlichen Keramischen Fachschule Bunzlau.

Postamt für eine Großstadt

1927 hatte Martens in der Deutschen Bauzeitung einen ausführlichen Beitrag über ein früheres Gebäude von Hoffmann publiziert, das zwischen 1924 und 1926 errichtete Postamt Berlin W 30 an der Ecke Geisbergstraße / Bayreuther Straße (heute: Welserstrasse). Die Hauptfront des konstruktiv als Stahlbetonstruktur realisierten Gebäudes orientiert sich zur Geisbergstraße hin: Ein 15-achsiger fünfgeschossiger Baukörper, ausgezeichnet durch eine zwei Geschosse übergreifende Rundbogengliederung mit einem Sockel aus Stampfbeton, wird seitlich von dreiachsigen viergeschossigen Bauteilen gerahmt. Im Westen schließt sich ein Seitenflügel an, der in einer Durchfahrt endet. Ein weiterer Flügel erstreckt sich mittig von der Hauptfront Richtung Norden, sodass eine kammartige Struktur mit zwei nach Norden offenen Höfen entstand. Die ausgedehnte Gesamtanlage umfasste das komplexe Raumprogramm, das seinerzeit für ein großstädtisches Postamt typisch war: Der Mittelbau nahm in den beiden unteren Geschossen die Briefabfertigung, Büros und rückwärtig die Schalterhalle auf, während die drei Geschosse darüber das Fernsprechamt mit den endlosen Reihen der Wählergestelle aufnahm. Im Seitenflügel befand sich der Nebeneingang zur Paketannahme, in den Ebenen darüber waren Dienstwohnungen der Beamten angeordnet. Die Kriegsschäden waren relativ gering; lediglich die hohen Walmdächer zählten zu den Verlusten und wurden durch flache Notdächer ersetzt.

Die Trennung von Post und Telekom, aber auch die internen Umstrukturierungen führten dazu, dass das Postgebäude nicht mehr für seine ursprünglichen Zwecke benötigt wurde. Es gelangte an den Berliner Ableger des Immobilienkonzerns Fore, der 2013 einen Wettbewerb für Umbau und Erweiterung ausschrieb. Durchsetzen konnten sich Ortner & Ortner mit dem überzeugenden Konzept, den denkmalgeschützten Altbaubestand zu renovieren und durch neue Bauteile zu rahmen. Ermöglicht wurde die Strategie durch die Tatsache, dass das Postamt zwar in einem weitgehend von Blockrandbebauungen geprägten Stadtviertel steht, selbst aber Richtung Norden und Osten nicht an Nachbarhäuser angrenzt. Da das Grundstück eine zusätzliche Ausnutzung zuließ, fügten die Architekten dem Bestand einen schmalen sechsgeschossigen Kopfbau neben der Durchfahrt an der Welserstraße sowie einen bis zu siebengeschossigen Bauteil im Osten an der Geisbergstraße hinzu. An diesen knüpft rückwärtig ein winkelförmiger Neubau an, sodass sich zusammen mit dem Mittelflügel über der früheren Schalterhalle ein geschlossener Hof ergibt. Außerdem erfolgte eine Aufstockung sämtlicher Bestandsgebäude um ein Geschoss, das baurechtlich zurückgesetzt werden musste und daher von unten, zumindest aus steiler Perspektive, kaum in Erscheinung tritt.

Kontrastierende Materialisierung

Ortner & Ortner gewähren dem historischen Postamt seine angestammte visuelle Präsenz, sie treten aber auch nicht hinter den Bestand zurück. Wo auch immer man steht, wird ein rahmendes Bauteil ihrer Ergänzung sichtbar. Dabei stellte sich die Frage, wie die neuen Bauteile zu materialisieren seien. Prägender Baustoff des historischen Bestands ist die Verblendung aus Backstein, der von den Ziegeleien des Bauunternehmens Adolf Sommerfeld stammte. Keramikspezialist John Martens lobte in seiner Besprechung von 1927 die unsortierte Verwendung, welche die Farbunterschiede gut zum Ausdruck bringe. Dabei merkte er an, dass man – anders bei den Hamburger Bauten Fritz Schumachers – Fehlbrände aussortiert habe, um eine saubere Oberfläche zu erzielen.

Um die Idee der Rahmung auch wirklich sichtbar werden zu lassen, verzichteten die Architekten auf die Verwendung von Backstein. Anknüpfungspunkt bot viel mehr das Thema des Kunststeins: Hoffmann hatte v. a. den hohen Sockel der Hauptfront in Stampfbeton mit Muschelkalkzuschlag ausführen und die Oberflächen bildhauerisch bearbeiten lassen. »Wie erdgewachsen steht der Unterbau da und bringt einen frischen Gegensatz zu dem immerhin dunklen Rot und Braun der Backsteine«, hatte Martens geschrieben, und einen vergleichbaren Gegensatz suchten auch Ortner & Ortner. Dass sie sich mit ihrer Idee eines Steinputzes bei der Bauherrschaft nicht durchsetzen konnten, mag man bedauern; doch trotz allem zeigen die ergänzenden Bauteile mit ihren reliefierten hellen Putzfassaden genug Kraft und Solidität, um sich gegenüber dem Bestand zu behaupten.

»Geisberg Berlin«, so der Name des Gesamtprojekts, umfasst 129 Eigentumswohnungen, darüber hinaus u. a. Büroflächen im EG und ein Café an der Ecke; das 2. OG von Hauptbau und Mittelflügel wird weiterhin von der Telekom für eine Fernsprechzentrale genutzt. In der durch Bogengliederungen rhythmisierten früheren Schalterhalle wurden an den Balkendecken die expressionistischen Malereien des Künstlers Georg Rudolf freigelegt. Die Architekten hätten sich den Raum mit der Rezeption, einer Gemeinschaftsfläche sowie einem Gym öffentlicher gewünscht, als Treffpunkt der Bewohnerinnen und Bewohner. Aber offensichtlich besteht dieses Bedürfnis eher weniger. Auch in den Höfen treffen Alt und Neu aufeinander; verbindendes Element sind die auskragenden Betonbalkone, die als präfabrizierte, mit der Stahlbetonkonstruktion verbundenen Bauteile auch den Ziegelsteinfassaden vorgesetzt wurden.

Die Wohnungen variieren zwischen 50 und 200 m2, es gibt eine Vielzahl an Typen mit größerer Raumhöhe im Altbau und geringerer in den Neubauteilen. Mit Preisen zwischen 3 900 und 9 000 Euro pro Quadratmeter zählt Geisberg Berlin nicht eben zum kostengünstigen Wohnungsbau. Aber das lässt sich beim Projekt eines Immobilienentwicklers, das sich an einer ruhigen Wohnlage des »alten Westens« Berlins unweit von Kudamm, Winterfeldtplatz und Bayrischem Viertel befindet, wohl auch kaum erwarten.


Nichts für das Budget eines Architekturkritikers, aber doch eine gelungene Umnutzung des alten Postamts, dachte unser Kritiker Hubertus Adam!


  • Standort: Geisbergstraße 6–9 / Welserstraße 14, Berlin
    Bauherr: COPRO Projektentwicklung GmbH und FORE GBS Development GmbH
    Architekten: Ortner & Ortner Baukunst, Ges. von Architekten mbH, Berlin
    Partner: Markus Penell
    Projektleitung: Sebastian Kablau
    Projektteam: Sylvie Eckert (stellvertretende PL), Jan Giehler, René Kobel, Ka-Shing Chui, Marie Krüger, Matthias Fruntke
    Wettbewerbsteam: Markus Penell, Fabian Maurer
    Denkmalpflegerische Begleitung: BASD Gerhard Schlotter, Berlin
    Tragwerksplanung: fd-ingenieure, Berlin
    Bauphysik: Müller-BBM GmbH, Berlin
    Haustechnik: Winter Ingenieure, Berlin
    Brandschutz: hhp Ingenieure für Brandschutz GmbH, Berlin
    Landschaftsplanung: CMC – Coqui Malachowska Coqui, Berlin
    BGF: 25 000 m²
    Baubeginn: 2015
    Fertigstellung: 2020
  • Beteiligte Firmen:
    Fenster (Holz-Alu): BTFD-Berliner Türen und Fenster Design GmbH
    Sonnenschutz: HELLA Sonnen- und Wetterschutztechnik GmbH
    Estrich: Fibian Estrichbau GmbH
    Mauerwerk (Kalksandstein): Xella
    Türen: neuform-Türenwerk Hans Glock GmbH & Co. KG

O&O Baukunst


Markus Penell

Architektur-, Stadt- und Regionalplanungsstudium an der TU Berlin. Seit 1996 Mitarbeit bei O&O Baukunst, 2001 Leitung des Berliner Büros, seit 2011 geschäftsführender Gesellschafter. Lehraufträge, u. a. an der Potsdam School of Architecture. Gastprofessur an der TU Graz und Ilia State University, Tiflis. Kurator verschiedener Ausstellungen und Gesprächsreihen.


Hubertus Adam

Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Heidelberg. Freier Architekturkritiker. 1996- 1998 Redakteur der Bauwelt, 1998-2012 der archithese. 2010-15 Künstlerischer Leiter des S AM in Basel.

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