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Apartment in London von Proctor & Shaw Architects

Apartment in London (UK)
Außen klein, innen groß

Bislang waren es v. a. die exorbitanten Bodenpreise in Großstädten, die Planer dazu brachten, Raumspargrundrisse zu entwickeln. Doch inzwischen gewinnt flächeneffizientes Wohnen auch aus Gründen des Klimaschutzes an Bedeutung. Ein Apartment in London führt vor, wie man auf nur 29 m² komfortabel leben kann.

Architekten: Proctor & Shaw Architects
Tragwerksplanung: Jensen Hunt

Text: Cordula Zeidler, Christian Schönwetter
Fotos: Ståle Eriksen, Proctor & Shaw Architects

Wohnraum in London, besonders in historischen Bauten in der Innenstadt, ist teuer und für die meisten jungen, berufstätigen Menschen unerschwinglich. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in Großbritannien liegt knapp über £ 31 000, der durchschnittliche Hauspreis in der Hauptstadt jedoch bei £ 688 800. Das macht den Immobilienkauf durch die Aufnahme einer Hypothek ohne eine sehr hohe Eigenbeteiligung unmöglich. Anders als in vielen europäischen Ländern wird in Großbritannien aber das Wohnen im Eigentum dem Mieten bei weitem vorgezogen, da Mietverträge generell auf nur 6 oder 12 Monate festgelegt sind und nach Ablauf der Jahres- oder Halbjahresfrist jederzeit gekündigt werden können. Das Leben in recht kleinen Eigentumswohnungen ist deshalb aus Notwendigkeit populär, v. a. bei Berufsanfängern. Es ist die erste Stufe auf der Immobilienleiter, die später irgendwann ins ersehnte Reihenhaus führt – so die Hoffnung vieler.

In London hat der akute Wohnraummangel einen Trend zu immer kleineren Apartments bewirkt. Der Bürgermeister versucht gegenzusteuern und die Größe von Neubauwohnungen wieder etwas nach oben zu korrigieren. Im »London Plan«, der Baugenehmigungen in der Hauptstadt reguliert, ist nun eine Mindestgröße von 37 m² für neue Ein-Zimmer-Wohnungen festgeschrieben.

Der Umbau eines kleinen Apartments im Viertel Belsize Park misst winzige 29 m², obwohl dort zwei Personen leben können. Es liegt im ersten Stockwerk eines viergeschossigen viktorianischen Reihenhauses, das bereits vor vielen Jahren in kleine Wohnungen unterteilt worden war. Das Haus ist mit gleich zwei U-Bahnstationen in Laufweite gut angebunden, Belsize Park recht zentral gelegen. Die Nähe zum historischen Regent Park, zahlreichen Geschäften, einem Theater und vielen Restaurants in Swiss Cottage, direkt westlich angrenzend, machen die Lage noch begehrenswerter und Grundstückspreise bewegen sich dementsprechend über dem Londoner Durchschnitt.

Radikaler Neuanfang

Als die Bauherren das Apartment erwarben, fanden sie eine vollgestopfte Minimalwohnung vor, die auf die Fläche eines ursprünglichen Zimmers gepresst und in vier Kleinsträume gegliedert worden war: Bad, Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer. Sie wollten das Apartment für ihre Tochter, eine junge Theaterproduzentin, umbauen und beauftragten die Architekten Proctor & Shaw, ein offeneres Raumgefüge zu gestalten. Man hatte bereits an einem anderen Projekt, einer Wohnung im zentralen Viertel Marylebone, zusammengearbeitet, und wusste, dass alle Beteiligten an klaren Linien, Komfort und natürlichen Materialien interessiert waren.

Weil das Haus nicht unter Denkmalschutz steht und seit seiner Aufteilung in mehrere Einheiten sowohl jegliche Ornamentik als auch den originalen Grundriss eingebüßt hatte, fühlten sich die Architekten frei, die Wohnung zu entkernen. Für einen besseren Schallschutz zogen sie eine abgehängte Decke ein. Und um zusätzliche Fläche gewinnen und eine Empore einbauen zu können, verstärkten sie die Holzbalkenkonstruktion des Fußbodens. Das Resultat ist ein Loftgrundriss mit offenem Wohn-, Ess- und Kochbereich und einer Schlafstatt auf erhöhter Ebene, die sich wahlweise zum Hauptraum hin öffnen oder schließen lässt. Ihre Schiebetüren, inspiriert von beweglichen japanischen Raumteiler-Elementen, geben dem Projekt seinen Namen »Shoji-Apartment«. Unter dem Schlafkokon bietet ein begehbarer Schrank jede Menge Stauraum, unterstützt von Einbaumöbeln an der Wohnungsrückwand. Sie verschwinden unauffällig hinter einer einheitlichen, raumhohen Bekleidung aus Holzpaneelen. Durch eine bündig integrierte Tür geht es ins Bad, wo eine Zementspachtel-Oberfläche Boden, Wand und Decke gleichermaßen bedeckt und damit für ein minimalistisches Erscheinungsbild sorgt. Über der Nasszelle wurde ebenfalls eine zweite Ebene eingezogen. Neben weiterem Stauraum gibt es dort auch Platz für die Haustechnik.

Diese Lösung war nur möglich, weil das kleine Apartment eine großzügige Raumhöhe von 3,4 m hat, die der Architekt als »magische Zahl« beschreibt, ideal für zweigeschossiges Wohnen in einem einheitlichen Volumen. Hatten die Planer zunächst noch versucht, den Grundriss konventionell auf nur einer Ebene zu organisieren, zeigte sich jedoch schnell, dass sich durch das Aufständern der Schlafzone insgesamt ein Komfort realisieren lässt, der auf so kleinem Raum sonst unmöglich ist: genug Platz für ein großes Doppelbett, dessen Plattform auch als zusätzliche Sitzgelegenheit fungiert, wenn die Schiebeelemente geöffnet sind, ein begehbarer Kleiderschrank, eine Küche mit ausreichend bemessener Arbeitsfläche, ein Sitzbereich für bis zu acht Personen am Wohnzimmertisch und ein generell großzügiges Raumgefühl ohne Anflug von Klaustrophobie.

Subtile Wahl der Oberflächen

Jenseits der räumlichen Finesse ist es jedoch das Materialkonzept, das diese Wohnung besonders macht. Die Einbaumöbel in Küche und Wohnzimmer sind mit Birkenfurnier bekleidet, einem natürlichen Werkstoff, der mit dem industriellen Polycarbonat des Schlafkokons kontrastiert. Der Fußboden aus einfarbigem Linoleum und die Wände mit ihrem Lehmputz vermeiden eine kleinteilige Gliederung der Oberflächen durch Fugen, lassen den Raum somit größer wirken und erzeugen das ruhige, klare Bild, das die Bauherren erreichen wollten. Sobald im Schlafkokon das Licht eingeschaltet wird, avanciert er mit seiner transluzenten Hülle zu einer Art Laterne für das gesamte Apartment – eine beinahe poetische Qualität.

Und welche Relevanz hat das Projekt für Fragen des zukünftigen Wohnens? Auf so wenig Platz zu leben, ist sicher nicht jedermanns Sache, auch eignet sich das Apartment nicht für alle Lebensphasen – ab einem gewissen Alter möchte man vielleicht nicht mehr eine steile Sambatreppe zu seinem Bett hinaufklettern müssen. Akzeptiert man jedoch die Notwendigkeit, in Ballungsgebieten flächensparenden Wohnraum für junge Menschen zu gestalten, darf die Lösung, die Proctor & Shaw gefunden haben, durchaus Vorbildcharakter für sich beanspruchen.


Standort: Belsize Park, GB-London
Bauherr: privat
Architekten: Proctor & Shaw, London (GB)
Tragwerksplanung: Jensen Hunt Design, London (GB)
BGF: 29 m²
BRI: 98,6 m³

Beteiligte Firmen:
Stegplatten: 35 mm Opal Polycarbonat-Stegplatten in Aluminiumrahmen, The Polycarbonate, Sheffield (GB), www.thepolycarbonatestore.co.uk
Wand- und Deckenputz: Lehmputz, Clayworks, Truro (BG), www.clay-works.com
Möbel-Einbauten: Sperrholz aus finnischer Birke, Güteklasse B/BB, James Latham, Hertfordshire, www.lathamtimber.co.uk
Bodenbelag: Akustikbodenbelag aus Linoleum, Marmoleum Walton 3371 Zement 3,5 mm, Forbo, Baar (CH), www.forbo.com
Beleuchtung: String Light (sphere) by Flos/Michael Anastassiades, Mailand (I), www.flos.com/de, geliefert von Twentytwentyone, www.twentytwentyone.com



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