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Yojigen Poketto von elii Architekten

Optimierte Wohnraumnutzung in Madrid von elii Architekten
Yojigen Poketto, Madrid

Wohnen auf kleiner Fläche – das Thema stellt sich im Bestand anders dar als im Neubau. Eingeschränkte bauliche Freiheit muss hier durch Ideenreichtum ausgeglichen werden. Das spanische Architekturbüro elii hat es mit einem kleinen Meisterwerk in eine Ausstellung des Vitra Design Museums geschafft.

Architekten: elii [oficina de arquitectura]

Kritik: Jörg Zinßer
Fotos: ImagenSubliminal

Der multikulturell geprägte Stadtteil Lavapiés im Herzen Madrids ist das, was man ein Szeneviertel nennt, und bei Besuchern wie Bewohnern beliebt. Die Kernsanierung eines gründerzeitlichen Stadthauses in dieser Gegend schuf Wohnraum für eine der typischen Nutzergruppen künftigen Bauens: eher jung, eher Single, eher mobil. Dennoch – oder deshalb – war die Vorgabe der Besitzer: keine touristische Nutzung. Langzeitmieter mit Bindung ans Quartier sollten in das 33-m2-Apartment einziehen. Daraus ergab sich eine erste Orientierung für die Einrichtung: Ein Kompromiss war gefragt zwischen stark personalisierter Raumnutzung, wie sie derartige Mini-Apartments oft kennzeichnet, und den Wünschen wechselnder Mieter.

Sparsamkeit der Mittel

Was das Madrider Architekturbüro elii – Uriel Fogué, Eva Gil und Carlos Palacios – aus dieser Vorgabe gemacht hat, erregte internationale Aufmerksamkeit: Ihr Projekt »Yojigen Poketto« aus dem Jahr 2017 wurde vom Vitra Design Museum, Weil am Rhein, ausgewählt für die Ausstellung »Home Stories. 100 Years, 20 Visionary Interiors«, die im Jahr 2020 stattgefunden hat. Vorher war das Projekt bereits Finalist bei drei Architekturpreisen. Der Name des Projekts bezieht sich auf eine japanische Comicserie, in der eine Katze immer neue Gegenstände aus einer Wundertasche hervorzaubert – Yojigen Poketto bedeutet: »Die Tasche mit der vierten Dimension«. Bei der innenarchitektonischen Stauraum-Zauberei übernehmen zahlreiche, teils versteckte Klappen, Türen und Auszüge diese Aufgabe.

Bemerkenswert im Vergleich mit vielen anderen ähnlichen Raumkonzepten ist die Sparsamkeit der Mittel, formal wie funktional: Was auffällt, ist, dass nichts auffällt. Keine verschiebbaren Wände, kein Hochbett, Klappbett, Couchbett. Keine Vorrichtungen, die »im Handumdrehen« ein X in ein U verwandeln. Auch kein »Raum im Raum« oder Raumteiler: Alle Einbauten verlaufen entlang der Wände. Dadurch werden Sichtachsen nirgends unterbrochen, was den gefühlten Raum so groß wie möglich macht. Nur die Nasszelle ist abgetrennt, doch mit Glas; auch hier gilt das Prinzip Durchblick.

Vorgegeben war der L-förmige Grundriss an einer Außenecke des Gebäudes. Das L suggeriert bereits die Einteilung in zwei Zonen, eine mehr private mit Schlafbereich und Bad und eine mehr soziale mit Küche und Wohnbereich. Vorgegeben war auch ein veritabler Pluspunkt des Apartments: Licht von zwei Seiten. Und noch mehr Licht durch zwei bodentiefe Fenstertüren mit französischen Balkonen zur Straßenseite.

Grundidee des Entwurfs ist ErschlieSSung der Raumhöhe

Ein 90 cm hohes Podest schafft eine Zwischenebene in dem 3 m hohen Apartment. Drei Stufen führen zu dem Podest, auf dessen ganzer Breite. Oben wird geschlafen, darunter ist Stauraum, nahezu restlos nutzbar durch ausfahrbare Container. Auch sitzen kann und soll man auf der Rampe, wie auf den Stufen eines Amphitheaters. Die Rampe verbindet die introvertierte mit der extravertierten Zone, und ein Vorhang trennt beide bei Bedarf – was die Theaterassoziation noch verstärkt. Auch die Küchenzeile leitet über von einer Zone zur anderen: Essen verbindet. Die Arbeitsfläche der Küchenzeile definiert die Höhe des Podests.

Sehr aufgeräumt wirkt das Ganze, was auch daran liegt, dass es fast kein offenes Regal gibt, sondern nur geschlossene Korpusse. Deren Fronten sind alle grifflos mit Push-to-open-Mechanik ausgeführt. Dadurch sind sie optisch ruhig, sie wirken wohnlich und nicht »küchenhaft«. Es gibt im Wesentlichen nur drei Farben: das zarte Mint der matten HPL-Fronten, den warmen Holzton des Eschenfurniers und ein mittleres Grau am Linoleumboden. Sonst nur Weiß an der Decke und im Bad, dazu als fröhlichen Akzent das Gelb der Deckenleuchte und des Unterschranks am Waschbecken.

Die Arbeitsfläche der Küchenzeile ist Teil eines korpustiefen, furnierten Rahmens, der beide Fenster einfasst. Dieser Rahmen ist auch zum Sitzen da: Auf dem Schlafpodest ergibt sich eine gemütliche Fensternische mit Ausblick, und zwischen Herd und Spüle ist die Arbeitsfläche eigentlich ein Tisch, den man herausnimmt, wodurch eine Sitzbank entsteht – voilà das Esszimmer. Hier wurde allerdings der formalen Konsequenz der Vorzug gegeben gegenüber der Nutzungspraxis: Die edle Fläche aus Esche ersetzt die klassische, robuste Küchenarbeitsplatte, die man an dieser Stelle sonst erwarten würde. Immerhin sind alle furnierten Flächen mit wasserfestem Lack beschichtet. Die Küche nutzt die Raumhöhe bis zur Decke, dennoch muss man kein Riese sein, um an die Oberschränke heranzukommen: Die Treppe zur Schlafebene ist fahrbar und dient als Trittleiter.

Heimlicher Star ist die Nasszelle

Für die Stauräume lassen sich Kategorien bilden: Häufig Gebrauchtes steht sinnvollerweise im offenen Regal, regelmäßig Verwendetes im Schrank, selten Benötigtes kommt in die versteckten Container. Doch was die Regale betrifft, gibt der Entwurf ein weiteres Mal der Form den Vorzug ›

› vor der Funktion, denn die Fronten werden nur an wenigen Stellen durch offene Ablagen unterbrochen. Korpusse mit Überraschung gibt es rechts der Empore: In einem begehbaren Schrank steht eine Waschmaschine, am Eingang erzeugt die Garderobe mit parallelen Spiegeln einen Unendlichkeitseffekt. Es gibt noch Geheimverstecke: seitliche Schubladen in den Trittstufen, die nur erreichbar sind, wenn die Stufen von ihrem Platz gerückt werden.

Der heimliche Star ist jedoch die Nasszelle: Eine wasserdicht eingebaute Glaswand trennt das schmale Bad vom Schlafbereich ab. Das hohe Bodenniveau ermöglichte es, die Dusche als 60 cm tiefe Wanne auszuführen mit einer 30 cm hohen Stufe, sodass sich eine Art Sitzwanne ergibt – das Becken ist poolartig gemauert, die Wand bis zur Decke gefliest. Die Belüftung erfolgt durch das Fenster, dessen Unterkante auf Bodenniveau liegt – eine zusätzliche Lüftung ist wegen des geringen Rauminhalts nicht erforderlich.

Trickkiste mit gewissem Spielraum

Insgesamt erfüllt die quasivierdimensionale Trickkiste sehr gut die Anforderung ihrer Eigentümer. Sie kann »möbliert« vermietet werden und lässt dem Mieter dennoch einen gewissen Spielraum für eigene Vorlieben: Fast die Hälfte der Fläche bleibt frei von Einbauten. So cool, wie die Einrichtung sich jetzt darstellt, kann sie sicherlich immer Freunde finden.

Sie wird sie aber auch finden müssen, könnte man betonen, denn zerstörungsfrei modifizieren lässt sich das Konzept nicht, man müsste es komplett durch etwas anderes ersetzen. Der Dialog zwischen der bewohnten Struktur und ihren Bewohnern ist hier nicht sehr ergebnisoffen. Und einen weiteren Maßstab, der oft an bedarfsgerechtes Bauen gelegt wird, muss man ebenfalls beiseitelassen: dem Wandel körperlichen Alterns beim darin wohnenden Menschen vermag das Interieur nicht vollumfänglich gerecht zu werden, denn – barrierefrei ist es nicht.


Unser Autor, der Schreiner und Journalist Jörg Zinßer, war beeindruckt, mit welchen vergleichsweise einfachen Mitteln verblüffend viel Raum in einem unspektakulären 33-m²-Apartment gewonnen werden konnte.


  • Standort: Madrid, Stadtteil Lavapiés
    Bauherr: Diana Díaz, Luis Arenas
    Architekten: elii: Uriel Fogué, Eva Gil, Carlos Palacios
    Mitarbeiter: Ana López, Eduardo Castillo, Lucía Fernández
    Konstruktion: Aniceto Jiménez
    BGF: 33,60 m²
    Fertigstellung: 2017
  • Beteiligte Firmen:
    Tischlerei: Alfredo Merino Caldas

elii [oficina de arquitectura]


Carlos Palacios

2006 Büro mit Eva Gil und Uriel Fogué. Lehraufträge an verschiedenen Technischen Hochschulen und Universitäten in Spanien und der Schweiz.


Eva Gil

2006 Büro mit Carlos Palacios und Uriel Fogué. Lehraufträge an verschiedenen Technischen Hochschulen und Universitäten in Spanien und der Schweiz.


Uriel Fogué

Büro mit Carlos Palacios und Eva Gil. Lehraufträge an verschiedenen Technischen Hochschulen und Universitäten in Spanien und der Schweiz.


Jörg Zinßer

Schreiner und freier Journalist. Seit 1996 freier Autor u. a. für das dds-Magazin für Möbel und Ausbau.

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