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Wohnbauprojekt »Spiegelfabrik« in Fürth von Heide & von Beckerath

Soziale Plastik
Wohnbauprojekt »Spiegelfabrik« in Fürth

58 Bauherren taten sich in Fürth zusammen, um ein Wohnbauprojekt mit sozialer und ökologischer Ausrichtung zu realisieren: Die »Spiegelfabrik«, nach den Plänen des Berliner Büros Heide & von Beckerath errichtet, ist kein Haus im Häusermeer – sondern ein Kiez im Kiez.

Architekten: Heide & von Beckerath
Tragwerksplanung: PICHLER Ingenieure

Kritik: Klaus Meyer
Fotos: Andrew Alberts, Xaver von Beckerath

Eigentlich schade, dass hier eine Architekturkritik folgen soll. Das Sujet »Spiegelfabrik« schreit geradezu nach einem Format, das den menschlichen Faktor des Projekts betont. Eine Sozialreportage würde sich anbieten. Sogar für ein Serien-Exposé gäbe es reichlich Stoff: Ein paar Leute tun sich zusammen und begeben sich auf eine »Heldenreise«, die jeden Einzelnen vor unmögliche Herausforderungen stellt, am Ende aber doch zum Ziel führt, weil jeder Protagonist im Team über sich hinausgewachsen ist. Aber okay, bleiben wir auf dem Boden. Wenden wir uns Brigitte Neumann zu, der Heldin dieser Geschichte.

Die Ernährungswissenschaftlerin, Jahrgang 1962, gehört der Geschäftsführung der Baugemeinschaft an, die das Wohnbauprojekt »Spiegelfabrik« gemeinsam mit dem Berliner Architekturbüro Heide & von Beckerath ersonnen, geplant und realisiert hat. 58 Wohneinheiten umfasst das für rund 13,7 Mio. Euro errichtete, im März 2021 fertiggestellte Gebäude. Eine davon gehört Brigitte Neumann und ihrem Mann, aber eingezogen ist das Ehepaar bislang noch nicht. »Wir haben unsere Wohnung befristet vermietet«, sagt die agile Bauherrin. Sie möchte etwas Abstand vom Dauerstress der Bauzeit gewinnen, dennoch ist sie Feuer und Flamme, wenn es darum geht, Besucherinnen und Besuchern der »Spiegelfabrik« zu zeigen, was sie und ihre Mitstreitenden in Fürth geschaffen haben: ein Wohnhaus, ja sicher, aber eben auch so etwas wie eine Soziale Plastik.

Organisches Miteinander

Doch von Beginn an. Schauplatz des Bauabenteuers ist ein Grundstück im Südosten der Fürther Innenstadt nahe dem Stadtpark in den Auen der Pregnitz. Die Umgebung macht den Eindruck eines städtebaulichen Flickenteppichs. Es gibt Straßenzüge mit geschlossener gründerzeitlicher Wohnbebauung, aber auch Solitäre wie etwa einen Schulneubau mit spiegelnder Glasfassade. Zwischendrin klaffen kleine und größere Bebauungslücken, die als Parkplatz dienen oder brachliegen. Noch vor ein paar Jahren hätte man in der Gegend ein marodes Fabrikgebäude entdecken können, das sich zwischen der Lange Straße im Südwesten und der Dr.-Mack-Straße im Nordosten erstreckte. Errichtet im 19. Jahrhundert, als Fürth ein Zentrum der Spiegelindustrie war, wurden in dem Backsteingebäude zuletzt Fensterscheiben für Autos produziert. Nach dem Auszug des Fensterfabrikanten im Jahre 2015 stellte sich die Frage: Was tun mit dem ruinösen Industriebau? Nachdem die Denkmalschutzbehörde einem Abriss zugestimmt hatte, sollte zunächst eine Boulderhalle auf dem Gelände entstehen. »Aber wir haben uns schnell eines Besseren besonnen«, sagt Brigitte Neumann, die schon damals zu der fünfköpfigen Gruppe gehörte, die das Industriegelände neu beleben wollte. Die zündende Idee lautete dann: »Bauen wir eine große Wohnanlage mit sozialer und ökologischer Ausrichtung: generationenübergreifend, barrierearm, kinder- und familienfreundlich, mit gemeinschaftlich nutzbaren Räumen und Flächen.« Von Anfang an war den Bauherren in spe der Aspekt der Stadtverdichtung wichtig. Sie träumten nicht von weitläufigen Terrassenwohnlandschaften, sondern von eng verzahnten Lebensräumen, nicht von organisierter Einsamkeit, sondern von organischem Miteinander. »Ein Kiez im Kiez« – das war die Vision.

Gemeinsame Linie

Um nicht nur gut situierte Bürger, sondern auch weniger wohlhabende Interessenten für das Projekt zu begeistern, entschieden sich die Initiatoren, neben Eigentumswohnungen auch Räume für genossenschaftliches Wohnen zu schaffen. Dazu wurde eine Wohnungsgenossenschaft gegründet, in der die Eigentümer Fördermitglieder sind. 58 Parteien fanden sich am Ende zur Bauherrengemeinschaft zusammen. Die Architektensuche konnte beginnen.

Zunächst sprachen ein paar junge Planer aus dem Bekanntenkreis der Bauherren vor. »Die waren uns aber nicht gewachsen«, sagt Brigitte Neumann. »Sie hätten wohl versucht, unseren Wunsch nach der eierlegenden Wollmilchsau umzusetzen – was garantiert schiefgegangen wäre!« Im zweiten Anlauf lud das Team vier Büros ein, die bereits Baugruppenerfahrung hatten. »Die Architektenauswahl erfolgte über eine Matrix, die unsere wichtigen Wohn- und Sozialthemen enthielt. Heide & von Beckerath erfüllten unsere Anforderungen – und die Chemie stimmte auch.«

Daraufhin entspann sich ein Entwurfsprozess, der so vielschichtig war wie die Sache, um die es ging. Statt sofort mit der konkreten Planung zu beginnen, intensivierte das Berliner Team um Tim Heide und Verena von Beckerath zunächst einmal den Dialog mit den Bauwilligen. Um eine gemeinsame Linie zu finden, veranstaltete man insgesamt sieben Workshops – zu den Themen Städtebau, Wohntypologien, Wohnbedürfnisse, Entwurf, Regeln und Standards, Ausstattung sowie Ausführung.

Erst danach nahm das Gebäude nach und nach Gestalt an. Auf dem rund 3 400 m² großen Grundstück zwischen Lange Straße und Dr.-Mack-Straße, das von einem geschosshohen Geländesprung gequert wird, entstand ein lang gestreckter Baukörper mit je einem siebengeschossigen Kopfbau zur Straße hin. Die Erschließung des fünfgeschossigen Verbindungsbaus erfolgt über wechselseitige Laubengänge. Ein asphaltierter Weg führt an der nordwestlichen Gebäudeseite entlang und verbindet die beiden Straßen miteinander. Den Geländesprung gleicht eine breite Freitreppe aus, deren Betonstufen zum  Sitzen einladen. Außer den Asphaltflächen und der Betontribüne im Nordwesten gibt es einen weiteren Freiraum auf der gegenüberliegenden Gebäudeseite. Dort befindet sich das Areal, auf dem das einzig erhaltene Relikt der Spiegelfabrik steht – die »Alte Schmiede«, die als Reparaturwerkstatt und Bastelraum genutzt wird. Der Platz vor der Schmiede ist derzeit noch eine Baustelle: Die Bewohner legen dort einen Garten mit Spielplatz und Begegnungsstätte an. Eine weitere gemeinschaftlich nutzbare Freifläche steht auf dem Flachdach zur Verfügung. Und auch im Gebäudeinneren gibt es einen Raum für gemeinsame Aktivitäten: Der »Spiegelsaal« mit angrenzender Küche, der unweit der Lange Straße im EG liegt, öffnet sich mit gläsernen Fronten zur Hof- wie zur Gartenseite.

Kritik mit einem Lächeln

Die divergierenden Vorstellungen der Bauherrschaft zur Aufteilung und Ausstattung der Wohnungen wirkten sich nicht zuletzt auf die Konstruktionsweise des Gebäudes aus. Tim Heide und Verena von Beckerath entschieden sich für eine robuste, der Industriearchitektur entlehnte Grundstruktur: »Ein Rahmen aus bewehrten Betonfertigteilen wurde mit Leichtbau kombiniert, um eine flexible Anordnung von Trennwänden in der horizontalen und vertikalen Konfiguration der Wohnungen zu ermöglichen.« 80 % der Außenwände bestehen aus vorgefertigten Holztafeln. Ein guter Dämmstandard und eine moderne Haustechnik sorgen für eine hohe Energieeffizienz. Zum Equipment gehören ein gasbefeuerter Brennwertkessel, ein gasbefeuertes Blockheizkraftwerk sowie eine Photovoltaikanlage, die dazu beiträgt, eine 60-prozentige Autarkie bei der Stromversorgung zu erreichen.

Aber zurück zu Brigitte Neumann und zur Sozialen Plastik, die sie und ihre Mitstreiter geschaffen haben. »Von den acht geförderten Wohnungen«, sagt sie, »stehen vier für Flüchtlinge zur Verfügung, andere werden vom Verein ›Lebenshilfe Fürth‹ angemietet. Eine weitere Wohnung bietet der PEN-Club für exilierte Schriftsteller an.« Und schließlich: »Im Gebäude wurde ein städtisches Quartiersbüro für nachbarschaftliche Anliegen und Initiativen eingerichtet, getragen vom gemeinnützigen Verein ›Spiegelfabrik‹.« Bei allem Stolz auf das Geleistete weiß die Bauherrin natürlich, dass Anspruch und Wirklichkeit stets auseinanderklaffen. Deutlich wird dies im Gespräch mit einigen Bewohnerinnen und Bewohnern, die allesamt gern in der Spiegelfabrik leben, aber nicht unbedingt jedes architektonische Detail goutieren. Einer stößt sich an den rauen Badfliesen, ein anderer am schmutzempfindlichen Betonboden des Laubengangs, diese ärgert sich über den unebenen Asphalt, jene über den allzu starken Hall im Hof. Andererseits wird jede Kritik mit einem Lächeln vorgetragen. Man spricht freimütig aus, was man denkt. Jeder weiß, dass Kompromisse dazugehören, wenn man miteinander baut und lebt.


Auf seinem Rundgang entdeckte unser Kritiker Klaus Meyer auch diesen Kaninchenstall zwischen Treppenhaus und Galeriegang. »Dass niemand über solch ein Objekt meckert, spricht für die gute nachbarschaftliche Atmosphäre in diesem besonderen Haus«, sagt er.


  • Standort: Lange Straße 53, 90762 Fürth

    Bauherr: Spiegelfabrik Planungs-GbR
    Architekten: Heide & von Beckerath, Berlin; Verena von Beckerath, Tim Heide
    Projektarchitekten: Dörte Böschemeyer, Daniel Bruns, Giulia Maniscalco, Anahit Meliksetyan, Patrick Zamojski
    Bauleitung: Hahn-Muno-Ingenieurgesellschaft mbH, Baunach
    Tragwerksplanung: PICHLER Ingenieure GmbH, Berlin
    Haustechnikplanung: IBP Ingenieure GmbH & Co. KG, München
    Bauphysik: Andreas Wilke Ingenieurbüro, Potsdam
    Brandschutzplanung: brandkontrolle Andreas Flock GmbH, Berlin
    BGF: 12 400 m²
    BRI: 37 625 m³
    Wohnfläche: 5 000 m²
    Wohneinheiten: 58
    Baukosten: ca. 13,7 Mio. Euro
    Fertigstellung: März 2021
  • Beteiligte Firmen:
    Holzschwingfenster: Sonderanfertigung, Roßweiner Bauelemente GmbH, Roßwein
    Beschläge: Serie 1005, Aluminium, FSB, Brakel
    Fliesen Bäder: Pro Architectura, 5 x 5 cm, Villeroy & Boch, Mettlach
    Linoleumbelag Wohnungen: Marmoleum Walton, Forbo Flooring, Paderborn
    Fallarmmarkisen: Typ 340, Aluminium, Warema, Marktheidenfeld

Heide & von Beckerath


Tim Heide

Designstudium an der UdK Berlin. Architekturstudium TU Berlin. Lehrauftrag an der BHT Berlin und Potsdam School of Architecture. Professur an der TU Berlin. Gastprofessur an der Cornell University, Ithaca, New York, USA. Seit 2008 Büro mit Verena von Beckerath.


Verena von Beckerath

Studium der Soziologie, Kunstgeschichte und Psychologie in Paris und Hamburg. Architekturstudium an der TU Berlin. Wissenschaftliche Mitarbeit an der UdK Berlin. Gastprofessur an der TU Braunschweig und der Cornell University, Ithaca, New York, USA. Seit 2008 eigenes Büro mit Tim Heide. Seit 2016 Professur an der Bauhaus-Universität Weimar.


Klaus Meyer

s. db 09/2022, S.98

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