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Wohnbauensemble »Erhardt 10« Thomas Kröger Architekten in München

Retro-Pop
Wohnbauensemble »Erhardt 10« in München

Mit dem Wohnbauensemble »Erhardt 10« am Münchner Isarufer entstand ein Stadtbaustein, der sich selbstbewusst in eine Reihe denkmalgeschützter Häuser einfügt. Das Ganze präsentiert sich als smarter Mix aus vertrauten Mustern und Motiven.

Architekten: Thomas Kröger Architekten
Tragwerksplanung: TBU Ingenieurbüro

Kritik: Klaus Meyer
Fotos: Philipp Obkircher

Die Erhardtstraße im Münchner Zentrum ist ein teures Pflaster. Zwar übertönt der Autolärm hier zu jeder Tages- und Nachtzeit das Rauschen der Isar, die parallel zur Straße verläuft, dennoch ist die Lage phänomenal. Wer an der Ehrhardtstraße wohnt, hat eine pittoreske Flusslandschaft vor Augen und das quirlige Gärtnerplatzviertel im Rücken. Wer dort bauen will, muss sich mit gewachsenen Gegebenheiten und steingewordener Geschichte auseinandersetzen. Eine Architektur ist gefragt, die sich »einerseits selbstbewusst in die Reihe denkmalgeschützter Bauten entlang des Ufers eingliedert und den Blick auf den Fluss zelebriert, zugleich aber auch die Heterogenität des Gärtnerplatzviertels anerkennt.« So jedenfalls beschreibt der Immobilienentwickler Euroboden die Herausforderung.

Die Firma des umtriebigen Baukultur-Enthusiasten Stefan Höglmaier hatte 2013 ein Grundstück an der Erhardtstraße 10 erworben. Um Platz für einen Neubau zu schaffen, wurden sowohl das bestehende Wohngebäude an der Straße als auch eine marode Lackfabrik im Hinterhof abgebrochen. Das in der Nachkriegszeit entstandene Vorderhaus hatte gerade mal sieben Wohneinheiten beherbergt, der Investor schickte sich an, das gesamte Grundstück einschließlich des verwinkelten Hofareals zu bebauen und alles in allem 28 Wohnungen zu schaffen. Bei der Planung kam mit Thomas Kröger ein Architekt zum Zuge, der sich mit sensibel in die norddeutsche Landschaft gefügten Wohnhäusern einen Namen gemacht hatte und nun seinem ersten innerstädtischen Großprojekt entgegensah. Kröger nahm sich vor, »die historische Prachtstraße mit einem eleganten, identitätsstiftenden Stadtbaustein zu ergänzen, der sich angenehm in die Häuserreihe einfügt.« Dabei sollten »die benachbarten, historisierenden Fassaden mit ihren heterogenen Gliederungen maßstäblich aufgegriffen und zeitgemäß in Material und Gestalt übersetzt werden.«

Geglückte Balance

Was aus dem Plan geworden ist, lässt sich seit gut einem Jahr besichtigen. Zu entdecken ist dabei natürlich viel mehr als eine Fassade, zieht sich der im Mai 2021 fertiggestellte Komplex doch weit in den unregelmäßig geschnittenen Hof hinein und umfasst neben dem Vorderhaus ein siebengeschossiges Hofhaus sowie einen weiteren Riegel samt Seitenflügeln. Doch bei einem Stadthaus in solch prominenter Lage ist es nun mal v. a. die Straßenfront, in der sich Qualität und Charakter eines Entwurfs abzeichnen, sodass es sich allemal lohnt, die Physiognomie des Gebäudes näher in Augenschein zu nehmen. Allerdings ist es mit Hausfassaden nicht anders als mit menschlichen Gesichtern: Der erste Eindruck entscheidet darüber, ob ich mich überhaupt näher mit dem Gegenüber befassen möchte. Beim Haus an der Isar ist das definitiv der Fall. Es fällt angenehm auf. Es demonstriert Individualität, ohne angeberisch aufzutrumpfen. Es aktualisiert gattungsspezifische Muster, ohne sie platt zu kopieren. Die geglückte Balance zwischen Historizität und Aktualität verschafft dem Objekt Aufmerksamkeit im bestmöglichen Sinne: Passanten betrachten es weder als Ärgernis noch als Banalität, sondern als spannende Variation eines altvertrauten Themas.

Trompe l’Œil

Im Unterschied zu den steinernen Nachbarhäusern setzt der Neuling auf eine Vielzahl von Materialien, um sich in Szene zu setzen. Kupfer, Stahl, Glas und Putz spielen die Hauptrollen. Die horizontale Gliederung der Fassade wird durch metallene Gesimsbänder akzentuiert, die Vertikale durch weiß gestrichene Stahlstützen betont. Hinter den vorspringenden Säulchen liegen die Glasflächen der geschosshohen Fenster, die einen Großteil der Fassade einnehmen und gleichsam ihre Kulisse bilden. Ein weiteres hervorstechendes Element ist der über fünf Geschosse aufragende Erker, der mit seinen großen Fenstern die rechte Seite des Gebäudes dominiert. Doch damit nicht genug. Glas und Metall sind nur zwei der drei Materialien, die den Charakter der Fassade prägen. Hinzu kommen verputzte Wandpartien, die aufgrund ihrer ornamentalen Oberflächenstruktur ins Auge fallen. Das zweifarbige Muster aus parallel verlaufenden Zackenbändern erzeugt einen Trompe-l’Œil-Effekt, der die Flächen dreidimensional erscheinen lässt. Kröger erweist damit den in Sgraffito-Technik ausgeführten Wandmalereien seine Reverenz, die man in München vielerorts entdecken kann, wo sie bis in 50er Jahre hinein beliebt waren. Was allerdings die Originale ganz unabhängig von ihrer bildnerischen Klasse gegenüber der Cover-Version in der Erhardtstraße auszeichnet, ist die haptische Qualität massiver Wände. Berührt man die Zackenbandfläche bei diesem Bau, fühlt sie sich warm an; klopft man dagegen, klingt es hohl. Die Wärmedämmschicht als Illusionskiller – sie trübt die Laune bei der Besichtigung dieses insgesamt erfreulichen Bauwerks durchaus.

Aber zurück zur Komposition der Fassade. Deren fünfgeschossiges Mittelstück erhebt sich über einem zweigeschossigen Sockel, der einige gestalterische Besonderheiten aufweist. So springt das EG mit Garagenzufahrt, Hauptportal und Nebeneingang ein wenig zurück, sodass hinter den vier exponierten Zackenbandstützen eine frei zugängliche Loggia entsteht, die den öffentlichen Raum erweitert und Eintretende vor Wind und Wetter schützt. Eine weitere Besonderheit ist das breite Gesimsband zwischen EG und 1. OG: Die Blende aus geflochtenen Kupferstreifen veredelt die Eingangszone und stellt ein Materialthema vor, dem sich Thomas Kröger in luftiger Höhe noch einmal mit großer Leidenschaft widmet. Die Rede ist von der kupfernen Dachlandschaft mit ihren horizontalen Lamellen, abgerundeten Fenstern und gaubenartigen Balkonen. Hinter den Fenstern liegen doppelgeschossige Penthousewohnungen – mit Blick über das Gärtnerplatzviertel auf der einen Seite und zur Isar auf der anderen.

Der Weg zu den Wohnungen im Vorderhaus führt zunächst in ein lang gestrecktes, etwas schummriges Foyer. Dort startet der Aufzug, der jeweils direkt vor den Wohnungstüren haltmacht. Eine Treppe gibt es natürlich auch. Aber sie windet sich in einem erstaunlich engen Gehäuse in die Höhe und dient wohl hauptsächlich als Fluchtweg. Vom Foyer gelangt man auch zu den Rückgebäuden, die sich um zwei Innenhöfe gruppieren. Den vorderen Patio überfängt eine Plattform mit riesigem, kreisrundem Ausschnitt. Ein Opäum? Jedenfalls verleiht das gelochte Dach dem Hofraum eine gewisse Grandezza und hat zudem einen doppelten Nutzen: Im Parterre schützt die Plattform vor Regen, und im 1. OG dienen Teile davon als Terrasse.

Stilgefühl und Ironie

Übrigens fallen auch in den Rückgebäuden die Treppenhäuser ziemlich klein aus. Auf Schritt und Tritt ist zu spüren, dass es bei der Bemessung der Wohnungsgrundrisse offenbar auf jeden Quadratzentimeter ankam. Aber warum man die beengten Erschließungswege ausgerechnet mit schwarzer Teppichware ausgelegt und dadurch visuell noch weiter geschrumpft hat, ist kaum erklärlich. Vielleicht war es einfach die billigere Lösung. Oder handelt es sich etwa um Retro-Pop? Sind es die psychedelischen Siebziger mit ihrer Liebe zum flauschigen Höhlenambiente, denen Thomas Kröger und Stefan Höglmaier hier ihre Reverenz erweisen? Der Gedanke lässt einen nicht so schnell los. Ihn im Hinterkopf, schaut man auch ganz anders auf das Zickzack-Dekor der Außenwände. Erinnert es nicht an die Op-Art-Bilder eines Victor Vasarely oder an die neugeometrischen Objekte eines Marcello Morandini? Betrachtet man das Gebäude durch diese Brille, wirkt es mit seinen doch recht verspielten Fassadenmodulen gar nicht mehr so sehr wie eine zeitgemäße Interpretation gründerzeitlicher Bürgerhäuser. Vielmehr stellt es sich dar als zeitgemäße Version postmoderner Architekturen. Auch in diesem Fall leitet das retrospektive Motiv die Gestaltung. Im Spiel ist aber nicht nur der Sinn für Stil, sondern auch der Wille zur Ironie – die bekanntlich nicht jedermanns Sache ist. Aber die Besitzer der teuren Apartments wird’s kaum tangieren, schließlich wohnen sie in Bestlage.


Weil sämtliche Apartments vergeben sind, konnte unser Kritiker Klaus Meyer sich vor Ort kein Bild von den Wohnräumen machen. Immerhin gab es in den Gängen, Höfen und Treppenhäusern reichlich zu sehen.


  • Standort: Erhardtstraße 10, 80469 München
    Bauherr: Euroboden GmbH, Grünwald
    Projektidee und Kreativbeteiligung: Stefan Höglmaier, Euroboden
    Architekten: Thomas Kröger Architekten GmbH, Berlin
    Projektteam: Prof. Thomas Kröger, Johannes Blechschmidt, Florian Jahn, Amandine Descamps
    Ausschreibung und Objektüberwachung: Linsmayer Projekte GmbH, München
    Tragwerksplanung: TBU Ingenieurbüro GmbH, Karlsfeld
    Planung der technischen Gebäudeausrüstung: planbar GmbH, München; Zickler + Jakob Planungen GmbH & Co. KG, München
    Thermische Bauphysik und Bauakustik: ig-bauphysik GmbH & Co. KG, Hohenbrunn
    Brandschutzplanung: Ingenieurbüro für vorbeugenden, baulichen Brandschutz, Sauerlach
    Verbauplanung: IGG Ingenieurgemeinschaft Grundbau GmbH, Augsburg
    Landschaftsarchitektur: Atelier Loidl, Berlin; Großberger Beyhl Partner, München
    BGF: 6 555 m²
    BRI: 20 100 m³
    Baukosten: keine Angaben
    Bauzeit: Februar 2017 bis Mai 2021
  • Beteiligte Firmen:
    Beleuchtungssysteme: Occhio, München; Bega, Menden
    Belüftung, Wärmerückgewinnung: Zehnder, Gränichen
    Beschläge: Olivari, Borgomanero; Bisschop, Velbert
    Innenbodenbeläge: Anker, Düren; Traco, Bad Langensalza
    Dämmung: Abakus, Wiesentheid; Bachl, Röhrnbach; Foamglas, Hilden; Isover, Düsseldorf; Knauf, Iphofen u. a.
    Fenster: Gutmann Bausysteme, Weißenburg; Lamilux, Rehau; Velux, Hamburg
    Natursteinpflaster: Trac, Bad Langensalza
    Putz: Keim, Diedorf; Knauf, Iphofen
    Schalterprogramm: Berker, Blieskastel; Merten, Wiehl
    Sanitärobjekte: Ceramica Flaminia, Civita Castellana; Bette, Delbrück
    Sanitärinstallation: Geberit, Jona
    Sonnenschutz/Sichtschutz: Warema, Ulm
    Aufzugsysteme: Schindler, Berlin
    Trockenbau: Knauf, Iphofen; Danogips, Neuss
    Türen: Schörghuber, Ampfing; Geze, Leonberg; Wingburg, Hövelhof
    Türstationen: Siedle, Furtwangen

Thomas Kröger Architekten


Thomas Kröger

1987-90 Architekturstudium an der TU Braunschweig. 1992-93 Architekturstudium an der Bartlett School of Architecture, London. 1993 Summer Academy, SCI-Arc, Los Angeles. 1994-96 Architekturstudium an der Universität der Künste Berlin. Mitarbeit bei Norman Foster, London und Max Dudler, Berlin. Seit 2001 eigenes Büro. 2011-13 Gastprofessur an der Northeastern University of Boston. 2014 Gastprofessur an der HfT Stuttgart. Seit 2019 Professur an der Kunstakademie Düsseldorf.


Klaus Meyer

Studium der Germanistik und Geschichte. Langjährige Tätigkeit als Werbetexter in Hamburg. Mitarbeit als Redakteur bei Architectural Digest in München.
Seit 1999 Tätigkeit als freier Journalist.

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