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»Grünes Haus« - Sozialer Wohnungsbau in Bremen von Hild und K

Weder laut noch anbiedernd
Sozialer Wohnungsbau in Bremen

Mit dem »Grünen Haus« in Bremen ist ein ungewöhnlicher Solitär gelungen, der sich mit seiner überraschenden Form- und Farbgebung gewinnbringend in seine Umgebung einfügt. Umlaufende Gesimse und andere Details greifen dabei geschickt auf die Baugeschichte zurück. Hinter der schillernden Fassade bietet der Wohnturm auf sieben OGs 52 überwiegend geförderte Wohneinheiten.

Architekten: Hild und K
Tragwerksplanung: ibu+ Ingenieurbüro Uhden

Kritik: Robert Uhde
Fotos: Michael Heinrich

Die Bremer Wohnungsbaugesellschaft GEWOBA hat in der Vergangenheit schon mehrfach durch ambitionierte Planungen auf sich aufmerksam gemacht. Ein guter Beleg dafür ist das gemeinsam mit dem Berliner Architekturbüro LIN entwickelte Konzept »Bremer Punkt« (siehe db 06/2017), mit dem das Unternehmen vor einigen Jahren einen seriellen Gebäudetyp zur Nachverdichtung von Wohnsiedlungen der Nachkriegsmoderne umgesetzt hat. Einen weiteren überraschenden Vorschlag zum Thema kostengünstiger Wohnungsbau zeigt jetzt das mit einer schimmernden Fliesenfassade gestaltete »Grüne Haus« in der Bremer Neustadt. Der markante Wohnturm bietet auf sieben OGs 52 barrierefreie, überwiegend geförderte Ein- bis Dreizimmerwohnungen mit Flächen von 30 bis 74 m². Komplettiert wird das Raumprogramm durch eine Gewerbefläche sowie durch eine geräumige Fahrradgarage im EG.

Identitätsstiftendes Entree fürs Viertel

Mit ihren zahlreichen Betrieben für die Produktion von Kaffee, Bier, Schokolade und Zigaretten hat sich die Bremer Neustadt seit Mitte des 19. Jahrhunderts als typisches Arbeiterviertel entwickelt. Mittlerweile gilt der Stadtteil als beliebtes Szenequartier für junge Menschen. Zusätzliche Impulse bieten derzeit verschiedene städtebauliche Entwicklungen vor Ort – darunter die Umwandlung der ehemaligen Schokoladenfabrik Hachez zum gemischten Wohnquartier und die Umnutzung der weiter westlich angrenzenden, ehemals europaweit größten Tabakfabrik Brinkmann zum Wohn- und Dienstleistungsstandort »Tabakquartier«.

Zuletzt hatte sich für die GEWOBA die Möglichkeit ergeben, ein frei gewordenes Parkplatzgelände in unmittelbarer Nähe zur Hochschule Bremen und zum Grüngürtel der historischen Neustadtswallanlagen verkehrstechnisch zurückzubauen und als Standort für eine innerstädtische Nachverdichtung zu nutzen. Den Wettbewerb hatte 2017 das Büro Hild und K für sich entschieden. Ausgehend von dem Anspruch der GEWOBA, den Stadtraum an dieser Stelle »besonders zu akzentuieren«, entwickelten die Architekten einen achtgeschossigen Baukörper, der das keilförmige Baugrundstück direkt neben einer Feuerwache optimal nutzt und gleichzeitig einen gezielten Impuls für seine Umgebung schafft.

»Die unregelmäßig geschnittene sechseckige Grundfläche des Wohnturms hat sich aus dem Wunsch ergeben, eine reine Nordorientierung einzelner Wohneinheiten zu vermeiden«, erklärt Sérgio de Sá, Projektleiter von Hild und K. Gleichzeitig haben die Planer die Möglichkeit ergriffen, mit einem überraschenden Akzent ein identitätsstiftendes Entree für das angrenzende Viertel zu schaffen und dabei assoziativ auch auf das 1823 abgebrochene »Hohe Tor« der ehemaligen Befestigungsanlagen aus dem 17. Jahrhundert zu verweisen. Eine wichtige Rolle kommt in diesem Zusammenhang den neu entstandenen Freiflächen auf dem Grundstück zu, die mit ihrem platzartigen Charakter den Bezug zum benachbarten Park unterstreichen. Ergänzt wird das Konzept durch die rund 200 m² große Gewerbefläche im EG, die als vegetarische Pizzeria zur Belebung des Standortes beitragen soll.

Wichtige Höhenbezüge zur Umgebung und zu der südlich angrenzenden, vier- bis fünfgeschossigen Blockrandbebauung aus den 50er Jahren schafft außerdem die differenzierte Fassadengestaltung mit den ortsuntypischen grün glasierten Klinkerriemchen sowie den unterschiedlich weit vorkragenden Gesimsbändern aus hellem Beton oberhalb der ersten, vierten und sechsten Ebene: »Ganz bewusst hält das Gebäude damit die Schwebe zwischen seiner solitären Städtebauposition und seiner Bezugnahme auf den Kontext«, erklärt Sérgio de Sá. Zusätzlich betont wird die Untergliederung durch den ebenfalls mit hellen Betonfertigteilen gestalteten Sockel- und Attikabereich sowie durch die sanften Rücksprünge oberhalb der Simse sowie in den Brüstungsbereichen. Die oberen beiden Abschnitte der Fassade haben die Architekten im Kontrast zu den unteren vier Ebenen mit abgerundeten Ecken ausgebildet.

Beim Näherkommen wird außerdem deutlich, dass die Fassade zum Flachdach hin mit leicht heller werdenden Klinkerriemchen bekleidet wurde. Im Zusammenspiel mit der gestaffelten Form des Gebäudes ergibt sich ein überaus lebhaftes Licht- und Schattenspiel, das durch die unterschiedlichen Mauerwerksverbände mit extrem schmalen, überwiegend vertikal verlegten Steinen noch betont wird: »Die ungewöhnliche Materialwahl greift assoziativ auch die Ästhetik von Azulejos auf«, erklärt Sérgio de Sá, der selbst einen portugiesischen Hintergrund besitzt. Betont wird der warme, beinahe mediterrane Charakter des Gebäudes durch die eleganten Markisoletten, durch die warmen Gold- und Ockertöne der Fensterrahmen und der Brüstungsgitter für die Französischen Balkone sowie durch die in die Attika integrierten, in Kooperation mit dem BUND umgesetzten Nistkästen für Mauersegler und Fledermäuse, die aus der Ferne wie Verzierungen erscheinen.

Junges Wohnen mitten in der Neustadt

Große Sorgfalt legten die Verantwortlichen auch auf die vergleichsweise hochwertige Umsetzung des Innenraums: »Ausgehend von der unmittelbaren Nähe zur Hochschule Bremen sowie zum Szeneviertel Neustadt richtet sich das Angebot in erster Linie an Studierende und junge Erwachsene«, erklärt Projektleiter Johann Plagemann von der GEWOBA. Die meisten der 52 Einheiten werden deshalb gefördert und mit einer Miete von 6,50 Euro/m² angeboten, lediglich sieben Apartments werden »preisfrei« vermietet. Ganz bewusst wurden die geförderten und die frei finanzierten Wohnungen aber möglichst gleichwertig hinsichtlich Raumorganisation und -ausstattung ausgeführt: »Ein wichtiger Baustein dazu ist der sechseckige Gebäudegrundriss, der im Verbund mit den variantenreichen Wohnungsgrundrissen eine reine Nordorientierung ausnahmslos vermeidet und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Einheiten in den Hintergrund treten lässt«, so Sérgio de Sá. Ebenso sind sämtliche Apartments mit bodentiefen Fenstern und einer Einbauküche ausgestattet sowie barrierefrei über einen Aufzug zu erreichen. Zwei Wohnungen sind darüber hinaus rollstuhlgerecht ausgestattet.

Um eine optimierte Erschließung bei dennoch reduzierten Kosten zu ermöglichen, sind sämtliche Wohnungen um einen gemeinsamen zentralen Treppenkern mit großem Oberlicht gruppiert: »Weitere Kosten haben wir durch eine gute Grundrissausnutzung mit optimierten Flächenverhältnissen sowie durch den Einbau von lediglich einem Aufzug erreicht«, erläutert Johann Plagemann. Demgegenüber steht eine vergleichsweise wertige und farblich homogene Umsetzung des Treppenhauses mit schwarzen Stahlgeländern und goldfarbenen Handläufen, mit Wangen aus Sichtbeton, mit Böden aus Betonwerkstein sowie mit einer gebäudetief bis ins Zentrum des Oberlichtes aufsteigenden Lichtsäule.

Ökologisches Gründach

Komplettiert wird der Neubau durch ein ambitioniertes Energiekonzept im KfW-55-Standard, das neben einem Blockheizkraftwerk und einer 18 cm dicken Fassadendämmung aus Mineralwolle auch eine auf dem Flachdach angeordnete Photovoltaikanlage umfasst: »Eine besondere Rolle spielt außerdem das Gründach des Neubaus, das in Kooperation mit der Hochschule Osnabrück und im Rahmen des Forschungsprojekts DaLLÎ nicht nur standortgemäß bepflanzt, sondern auch mit Nisthabitaten für Insekten ausgestattet wurde, um den ökologischen Wert der Dachfläche und die Biodiversität vor Ort zu erhöhen«, so Johann Plagemann.

Im Zusammenspiel der verschiedenen Elemente ist ein durch und durch »Grünes Haus« entstanden, das eindrucksvoll die Möglichkeiten von gefördertem Wohnungsbau aufzeigt. Und das sich durch seine anspruchsvolle Gestaltung gleichzeitig auch architektonisch in den Dienst seiner Umgebung stellt. Einmal mehr beweisen Hild und K dabei ihr ausgeprägtes Gespür für sinnlich angelegte und mit einfachen Mitteln rhythmisierte und belebte Gebäudehüllen. Das Ergebnis ist eine Liebe zum Detail, die sich nicht einfach tradierter Formen bedient, die sich nirgends anbiedert, sondern die sich selbstbewusst, aber niemals laut in ihre Umgebung einfügt.


Bremen meets Porto: Unser Kritiker Robert Uhde hat sich das »Grüne Haus« angesehen und war überrascht von der beinahe mediterranen Ausstrahlung. Und trotzdem fällt der Neubau nicht aus der Reihe, sondern wertet auch sein heterogenes Umfeld mit auf.


  • Standort: Am Hohentorsplatz 2, 28199 Bremen
    Bauherr: GEWOBA Aktiengesellschaft Wohnen und Bauen
    Architekten: Hild und K, Berlin; Andreas Hild, Dionys Ottl, Matthias Haber
    Projektleitung: Sérgio de Sá
    Mitarbeit: Pablo Tena, Anna Schork
    Ausführungsplanung und Ausschreibung: FRENZ_SCHWANEWEDEL_BOLLMANN Architekten, Bremen
    Tragwerksplanung: ibu+ Ingenieurbüro Uhden, Bremen
    Haus- und Elektrotechnik: HESA Planung, Bremen: Pachaly GmbH, Riede
    Bauphysik: ibu+ Ingenieurbüro Uhden, Bremen
    Bodenmechanik: IfG Ingenieurgemeinschaft für Geotechnik, Bremen
    Brandschutzplanung: BRAIN Brandschutz, Hildesheim
    BGF: 4 062,7 m²
    BRI: 11 ^ 930,6 m³ (Wohnen), 1 045,0 m³ (sonstige Zwecke)
    Bauzeit: März/2020 bis November/2021
  • Beteiligte Firmen:
    Generalunternehmer: Gottfried Stehnke Bauunternehmung GmbH & Co. KG, Osterholz-Scharmbeck
    Fliesen Fassade: FaBö GmbH, Walldürn
    Leuchten Treppenhaus: LICHTWERFT nord, Bremen

 

Hild und K


Andreas Hild

Architekturstudium an der ETH Zürich und der TU München, 1989 Diplom. 1992 Büro mit Tillmann Kaltwasser. Seit 1998 Büro mit Dionys Ott und Matthias Haber. 1996-98 Lehrauftrag an der Universität Kaiserslautern. 1999-2001 Lehrauftrag an der FH München. Gastprofessur an der HFBK Hamburg, der TU Graz, der TU Darmstadt und TU München. Seit 2013 Professur an der TU München.


Dionys Ott

Architekturstudium an der TU München, 1995 Diplom. 1992 Mitarbeit bei Hild und Kaltwasser Architekten. Seit 1998 Büro mit Andreas Hild und seit 2011 mit Matthias Haber. Fachpublikationen.


Matthias Haber

Architekturstudium an der Hochschule München, 2002 Diplom. Architekturstudium an der ETH Zürich, 2006 MA. Seit 2002 Mitarbeit bei Hild und K, seit 2011 Partner. Seit 2012 Assistenz an der TU München. Fachpublikationen.


Robert Uhde

Studium der Kunst und Germanistik in Oldenburg. Erstes Staatsexamen. Ausbildung zum Fachredakteur für Architektur bei der Verlagsgruppe Rudolf Müller in Köln. Seit 1997 freier Autor für Fachzeitschriften und Tageszeitungen. Eigenes Büro in Oldenburg.

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