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Marktfähig

Wohnsiedlung Eulachhof in Winterthur (CH)
Marktfähig

Leichtbauweise, Ausrichtung zur Sonne und innovative Speicherfassaden, die das Erscheinungsbild wohltuend mitprägen, sind die wesentlichen Merkmale der ersten Nullenergie- und Vorzeigesiedlung der Schweiz. Dass sie in Passivhausbauweise errichtet wurde, ist privaten Bauträgern zu verdanken. Doch das nachhaltige Konzept geht nur auf, wenn auch die Mieter einbezogen sind. Nach dem zweiten Winter scheinen die Anfangsschwierigkeiten nun überwunden – und der Beweis erbracht, dass energieoptimiertes und ökologisches Bauen auch auf dem freien Immobilienmarkt möglich ist.

    • Architekten: GlassX
      Tragwerksplanung: Werner Höhn

  • Kritik: Paul Knüsel Fotos: huberlendorff, GlassX
Die ehemalige Industriestadt Winterthur erwacht aus dem Winterschlaf; auf den still gelegten Werkplätzen von früher werden die Wohnquartiere von morgen gebaut. Auf dem Gelände der einst stolzen Maschinenfabrik Sulzer ist dieser Umbruch derzeit im Gang: Auf einem rund 10 ha großen Areal – am Ostgürtel der sechstgrößten Schweizer Stadt – wird ein komplett neues Wohnquartier für knapp 2 000 Menschen aus groß dimensionierten Wohnbauten mit Lofts und Loggien aus dem Boden gestampft. In direkter Nachbarschaft wurde bereits ein Park angelegt. Doch »gediegenes Wohnen im Grünen« genügt als Attraktivitätsfaktor offensichtlich nicht, um interessierte Wohnungssuchende auf dieses Neuland aufmerksam zu machen. »Man braucht auch zukunftsträchtige Projekte mit einem innovativen Energie- und Haustechnikkonzept«, erklärt Martin Hoffmann, Bereichsleiter der Generalunternehmung Allreal, die mehrere Bauten dort realisiert. Bereits zu Beginn wurde daher eine ökologische und quartier- bezogene Marke gesetzt. Am nordwestlichen Rand entstand vor zwei Jahren der Eulachhof, der seither große Beachtung als erste Nullenergiesiedlung der Schweiz gefunden hat. Der blockrandartige Wohnkomplex aus zwei hufeisenförmigen Riegeln beherbergt insgesamt 132 Wohnungen und ist dank einem vielfältigen Angebotsmix, preiswerten Mieten und niedrigen Energiekosten für Familien und Singles gleichermaßen attraktiv. Auffällig sind zudem die in Lamellen aus Douglasienholz gekleideten Fassaden. Ihre Verwitterung ist – trotz fehlender Vordächer – bisher kaum sichtbar. Noch warten einige Läden im EG auf interessierte Mieter. Für Betrieb auf den angrenzenden neuen Quartiersstraßen sorgt derzeit fast ausschließlich schweres Baugerät.
Hoch gedämmter Sonnenanbeter
Doch trotz provisorischer und ungemütlicher Umgebung: Der Frühling ist in der Vorzeigesiedlung Eulachhof angekommen, die ersten warmen Sonnenstrahlen locken Kinder zum Spielen nach draußen. Die großzügigen Platzverhältnisse und viel natürliches Licht gehören zu den wesentlichen Qualitäten der Wohnsiedlung. Die Anordnung und Gestaltung der Bauten weisen auf eine durchdachte Solararchitektur hin. Die zwei den Rahmen der Blockrandbebauung bildenden Riegel sind nach Süden gerichtet und stehen, ohne sich gegenseitig zu verschatten, im dafür notwendigen Abstand zueinander; zwei niedrigere Gebäudeflügel bilden die ost- und westwärts gerichteten Grenzen. An den Südfassaden der jeweils sechsstöckigen Wohnzeilen sorgen ein Glasanteil von rund 60 % und raumhohe, dreifachverglaste Fenster mit schmalem Rahmen für eine optimale, passive Sonnenenergienutzung. Ein zusätzliches Element bildet dort auch das wärme-speichernde Fassadensystem, auf das sich der Züricher Architekt des Eulachhofs, Dietrich Schwarz, inzwischen spezialisiert hat: fensterhohe Glasfelder, die als Latentwärmespeicher fungieren und den Ertrag aus der Solarstrahlung erhöhen. Die Elemente bestehen aus vier ESG-Schichten mit folglich drei Scheibenzwischenräumen. Der hintere, innenseitige Scheibenzwischenraum ist mit Salzkristallen, einem Phasenwechsel- material (PCM), gefüllt, die im Tagesverlauf ihre kristalline Struktur verändern. Diese Speicherschicht nimmt tagsüber Sonnenenergie auf und gibt sie zeitverzögert, also in der Nacht, nach innen ab. Eine im vorderen, außenseitigen Scheibenzwischenraum angebrachte Prismenplatte reflektiert im Sommer bei hohem Sonnenstand einen Großteil der Strahlung und bannt so die Gefahr einer Überhitzung der Wohnungen. Der Rahmenanteil der kristallinen Fassadenelemente ist klein, was den Wärmedurchgangskoeffizient (U-Wert) im Vergleich zu den Fenstern verbessert. Denn »die Solargewinne reichen nur aus, wenn die Gebäudehülle überdurchschnittlich gut gedämmt ist«, beschreibt Schwarz die von ihm umgesetzte »Niedrigst-energie«-Strategie.
Die Mischbauweise – ein massiver Betonkern und ein leichter Gebäudemantel aus Holz – erlaubte es, ein energieeffizientes Gebäude mit vergleichsweise wenig Aufwand zu realisieren. Die Außenwände sind weniger als einen halben Meter dick und mit Zelluloseflocken gefüllt. Die Vorgaben des schweizerischen Gebäudelabels Minergie-P, das im Wesentlichen dem Passivhausstandard entspricht, wurden damit auf jeden Fall erfüllt. ›
Utopische Forderungen
Ohne aktive Energiezufuhr geht es auch beim Eulachhof nicht. Das Nullenergie-Prinzip wird nur möglich, wenn die Bewohner das Ihre zum ausgeglichenen Saldo beitragen. Auf der Sollseite steht zwar ein geringer Energiebedarf für Heizwärme und Erwärmung des Brauchwassers. Aber diesem stehen als Reservoir nur die aktiven Energiegewinne aus den siedlungsinternen »Abfällen« gegenüber. Mittels Wärmepumpen wird die Abwärme aus den zentralen Abwassertanks sowie aus der Wohnungsabluft genutzt. Außerdem sind die Gebäude an das Fernwärmenetz der nahen Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) angeschlossen. Als Äquivalent für die Wärmelieferung wurde eine Menge von 180 kg Haushaltsabfall pro Siedlungsbewohner und Jahr berechnet. Den Strom für die Wärmepumpen – und für Beleuchtung, Wohnungslüftung, Lift oder Tiefgarage – liefern außerdem die Photovoltaik-Paneele auf den Dächern.
Die Eigenheit des personenbezogenen Energiekonzepts ist aber, dass die Wärmeproduktion vom Belegungsgrad des Eulachhofs abhängt. Aufgrund anfänglicher Leerstände wurde im ersten Winter weniger Abwasser produziert als geplant, weshalb der Energiebezug aus dem KVA-Netz erhöht werden musste. Ein fünfjähriges Monitoringprogramm soll die Steuerung des Energiehaushalts aber optimieren helfen. Bereits im zweiten Winter scheint die Rechnung gemäß Rolf Mielebacher, Gebäudetechnikplaner von Amstein + Walthert, aufzugehen. Zwar will die Bauherrschaft noch keine Zahlen nennen. »Dafür ist es zu früh. Mit anfänglichen Abstimmungs- problemen haben wir gerechnet; aber wir sind auf Kurs«, zieht Bauherrenvertreter Reiner Gfeller vom Versicherungskonzern Allianz Suisse bereits eine positive Bilanz.
Was die Siedlungsverwaltung jedoch überraschte: Das Energiesparprinzip wird nicht durchweg verstanden. Mehrfach seien »zu tiefe Raumtemperaturen« beanstandet worden, bestätigt Gfeller. »Anstelle der vorgegebenen 20-22 8C forderten die Mieter 24-25 8C«. Nur: Weder lassen sich die Fußboden- heizungen in den einzelnen Wohnungen des Eulachhofs individuell regulieren, noch darf – um die niedrigen Planungswerte für die vorbildhafte Siedlung einzuhalten – das Temperaturniveau angehoben werden. Denn nur so wird sich der hohe Baustandard tatsächlich lohnen.
Profit für alle
Das Nullenergiekonzept soll insbesondere den Mietern finanzielle Vorteile bringen. Bei ausgeglichener Energiebilanz liegen die jährlichen Heiz- und Stromkosten zehnmal niedriger als bei konventionellen Wohnbauten. Und auch die Wohnungsmieten bewegen sich im Eulachhof – trotz hoher Bauqualität – auf marktüblichem Niveau. Auf rund 10 % werden die zusätz- lichen Investitionen beziffert. Laut einem Studienteam der FH Nordwestschweiz, das die nachhaltigen Qualitäten der Nullenergiesiedlung untersuchte, hätten sich vorab die Dimension sowie die Vergabepraxis kostensenkend ausgewirkt. Zusätzlich zeigen allerdings auch ökologische Baustandards, wie die ökonomische Gleichung bestens aufgehen kann: Leichte Konstruktionstypen und kompakte Formen schonen die Ressourcen und reduzieren somit zweierlei, den Anteil der grauen Energie und den finanziell relevanten Materialbedarf.
Doch nicht nur auf diese Kriterien achteten die Planer beim Entwerfen des Eulachhofs. Neben der direkten statischen Lastabtragung über massive Stützen und Wände verwendeten sie Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen wie Nadelholz an den Fassaden respektive Zellulose für die Dämmung. Speziallösungen wie die Vakuumdämmung für das begehbare Dach blieben die Ausnahme, weil diese einen sehr hohen Primärenergiebedarf aufweist. Zugleich wurde auf den Einbau einer zentralen und materialintensiven Lüftung mit Steigschächten und weitverzweigten Luftkanälen verzichtet – zugunsten eines dezentralen Systems mit einzelnen Zuluftgeräten für jede Wohnung. Und: Die massiven Bauteile enthalten über 50 % Re- cyclingbeton, was eine zwingende Voraussetzung für das Label »Minergie-Eco« ist, das hier dem Minergie-P-Label noch hinzugefügt werden konnte (und für eine besonders umweltschonende und gesunde Bauweise und Materialauswahl steht). Ein Großteil der Bauprodukte und Oberflächen ist also schadstofffrei, was eine chronische Belastung der Raumluft verhindern soll.
Flexibel nutzbare Grundrisse erhöhen zusätzlich den Wohnkomfort, etwa durch eine faltbare Trennwand zwischen Wohn- und Schlafzimmer. Die einzelnen Wohnungen sind 2,40 m hoch und belegen außerdem die ganze Gebäudetiefe, was den Tageslichteinfall optimiert. Einzig die tiefen, ausladenden Balkone verursachen mehr Schatten als ursprünglich geplant. Aufgrund der besseren Vermietbarkeit wurden sie geräumiger realisiert. An die fensterähnlichen Latentwärmespeicher dürfen im Wohnraum keine Möbel gestellt werden. An der Innenseite wurden sie mit matt weißer Farbe bedruckt, um ihnen die optische Auffälligkeit zu nehmen.
Der Wohnungsmix ist zwar groß. Er reicht vom 1,5-Zimmer-Studio bis zur Dachwohnung mit 5,5-Zimmern. Ihnen gemeinsam ist aber eine »spannungsarme« Einteilung der Grundrisse. Die Wohnungstüren führen dabei unvermittelt in den jeweils tief gehalten zentralen Großraum.
Nachholbedarf
55 Mio. Franken hat der Versicherungskonzern Allianz Suisse für den Eulachhof zusammen mit weiteren Investoren ausgegeben. Erwartet wird eine »nachhaltig gesicherte Nettorendite« von über 4 %. Mit Stolz wird auch auf das landesweit vorbildhafte Gebäudekonzept verwiesen. »Am Anfang wollte man uns ein Birkenstock-Image verpassen«, so Gfeller. Mittlerweile wird das energieeffiziente und ökologische Projekt in direkter Nachbarschaft mehrfach kopiert, auf dem Sulzer-Areal entstehen weitere Wohnsiedlungen im Minergie-P-Eco-Standard. Inwiefern sich aber die städtebauliche Idee, das Neuland derart verdichtet mit großen, fast hochhausartigen Wohnriegeln zu besiedeln, sozial auswirkt, kann sich erst langfristig zeigen. Und eines haben die mehrheitlich privaten Investoren an diesem Standort offensichtlich gescheut: Trotz urbaner Lage und guter Anbindung ans öffentliche Nahverkehrsnetz wurde beim Eulachhof keine Beschränkung der Autoparkplätze in Betracht gezogen. Nur knapp 100 m entfernt will nun aber eine selbst verwaltete Genossenschaft den erstmaligen Beweis erbringen, dass sich das Experiment »autofrei« für den nachhaltigen Wohnungsbau durchaus lohnen könnte. •
  • Bauherr: Allianz Suisse Lebensversicherungsgesellschaft, Zürich; Profond Vorsorgeeinrichtung, Rüschlikon Projektentwicklung, Totaluntermehmer: Allreal Generalunternehmung, Zürich
    Architekten: GlassX Architekturabteilung, Zürich
    Projektleiter: Michael Konstanzer, Holger Meyer
    Mitarbeiter: Dietrich Schwarz, Michael Konstanzer, Holger Meyer, Clarissa Weidinger, Patrick Otto Tragwerksplanung: Werner Höhn
    Ingenieurbüro für Hoch- und Tiefbau, Winterthur
    Holzbauingenieur: Makiol + Wiederkehr, Beinwil am See
    Energiekonzept, Haustechnik: Amstein + Walthert, Zürich
    Geschossfläche/Energiebezugsfläche: 20 400 m² BRI (ohne Tiefgarage): 96 300 m³
    Baukosten: ca. 37,6 Mio. Euro Bauzeit: März 2006 bis Dezember 2007
    Primärenergiebedarf: 0 kWh/m²a (Angaben Architekturbüro)
    Energiebedarf Heizung: 13 kWh/m²a Energiebedarf Warmwasser: 16,1 kWh/m²a
    Energiebedarf Elektrizität: 17 kWh/m²a Heizwärmebedarf: 32,8 kWh/m²a Fotovoltaikanlage: 164 000 kWh/m²a
  • Beteiligte Firmen: Spezialverglasung/Transparente Wärmedämmung (»GLASSXcrystal«): GlassX, Zürich, www.glassx.ch
    Montagebau Holz: ERNE Holzbau, Laufenburg, www.glassx.ch
    Sonnen- und Wetterschutz: Schenker Storen, Schönenwerd, www.glassx.ch
    Asphaltbeton, innen: Hüppi, Winterthur, www.glassx.ch
    Aufzüge: Schindler Aufzüge, Winterthur, www.glassx.ch

 

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