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Kleines Haus in Jonschwil (CH), Lukas Lenherr Architektur

Weniger ist mehr
Kleines Haus in Jonschwil (CH)

Aus einem bescheidenen Schuppen wurde ein Wohngebäude für vier Personen. Ein sich über drei Geschosse erstreckendes Wohnkontinuum lässt dabei die räumliche Beschränkung vergessen. Und die Wiederverwendung von Baustoffen folgt dem Suffizienzgedanken.

Architekten: Lukas Lenherr Architektur
Tragwerksplanung: Besmer Holzingenieure

Kritik: Hubertus Adam
Fotos: Florian Amoser, Lukas Lenherr Architektur

Bescheiden wirkt das Haus auf einer kleinen Parzelle an einer Straßenecke in Jonschwil, einer Gemeinde mit knapp 4 000 Einwohnern im Nordwesten des Kantons St. Gallen. Auffallen würde es im Kontext des Ortszentrums kaum, nur die helle, noch unverwitterte vertikale Holzlattung der Fassaden zeugt davon, dass die Fertigstellung nicht allzu lange zurückliegt. Der minimale Dachüberstand, die präzise gesetzten Fensteröffnungen, die perfekt fassadenbündig sich einfügenden Fensterläden: All das sind untrügliche Zeichen architektonisch-gestalterischer Sorgfalt. Aber mit seinen zwei Vollgeschossen und dem traufständigen Satteldach passt sich das Gebäude in die von Einzelbauten geprägte Kernzone von Jonschwil ein, als hätte es schon immer dort gestanden. Was auch nicht ganz falsch ist, denn es handelt sich nicht um einen Neubau, sondern einen Umbau. ›

Transformation eines Schuppens

Denn das »Kleine Haus«, wie Architekt Lukas Lenherr es nennt, wurzelt in einer Remise, einem hölzernen Schuppen, in dem früher das Holz für die nahe gelegene Konditorei und das Gasthaus lagerte. 1988 wurden Betonwände und eine Decke zwischen EG und 1. OG eingezogen, um die mittlerweile windschiefe Konstruktion zu stabilisieren und damit vor dem Einsturz zu bewahren.

Schließlich entschieden sich die heutigen Eigentümer – ein Paar mit zwei Kindern –, den nicht mehr benötigten Wirtschaftsbau in ein Wohnhaus umzubauen. Dabei blieb so viel wie möglich von der bestehenden Substanz erhalten: um die Kosten möglichst niedrig zu halten, aber auch, um ein Zeichen zu setzen gegen den Verschleiß von weiter nutzbaren Ressourcen. Das – nun grundsanierte – Volumen entspricht dem des Altbaus; eine Veränderung hätte der Ortsbildschutz ohnehin nicht zugelassen.

Erhalten werden konnte das Tragwerk des nach traditioneller Technik in Fachwerkbauweise erhaltenen Gebäudes samt der als Sprengwerk ausgeführten Dachkonstruktion; die bestehenden Elemente wurden lediglich sandgestrahlt und konnten dann wiederverwendet werden, wobei Teile der einstigen äußeren Holzbekleidung nunmehr als Innenbekleidung eingesetzt sind. Erhalten blieb überdies der gut 20 Jahre alte Betoneinbau, in den allerdings verschiedene Öffnungen geschnitten wurden. Markant ist insbesondere der fünfeckige Deckendurchbruch, der nicht nur Platz für die Treppe lässt, sondern darüber hinaus auch der Belichtung des EGs dient – und den Sichtverbindungen zwischen den Geschossen. Die Größe des Durchbruchs erzwang eine Verstärkung der verbliebenen Deckenplatte, die mittels CFK-Lamellen erfolgte. Diese mit Epoxidkleber gebundenen Kohlefaserbündel erlaubten es, auf Unterzüge oder Stützen zu verzichten. In der Deckenuntersicht treten sie als schwarze Lineaturen in Erscheinung. Ganz bewusst, denn Auftraggeberschaft und Architekt verfolgten das Konzept, die verschiedenen Materialien sichtbar zu lassen, nach Möglichkeit aber auch später wieder trennen und demontieren zu können. Dies implizierte den weitgehenden Verzicht auf hybride Baustoffe: Die verwendeten Elemente sind weitestgehend naturbelassen und im Idealfall nur verschraubt, sodass sie später demontierbar bleiben und anderenorts wiederverwendet werden können. Auch die Biberschwanzziegel des Dachs wurden erneut eingesetzt, mussten angesichts der neuen Doppeldeckung aber durch neues Material ergänzt werden. Die Küchengeräte stammen von der Bauteilbörse und wurden in einen Unterbau aus Birkensperrholz eingesetzt.

Flexibler und offener Wohnparcours

So schlicht das Volumen von außen auch erscheint, die große Qualität des Umbaus manifestiert sich im Innern. Die Wohnräume folgen keiner traditionellen Zimmeraufteilung, sondern zeigen sich wie eine drei Geschosse übergreifende, fließende Raumlandschaft. Um den Platz im Innern möglichst effizient zu nutzen, unterbleibt die klassische Trennung von bedienten und dienenden Räumen, also von Wohnräumen, Korridor oder Erschließungszonen. Letztere existieren hier nicht – wer sich durch die Geschosse bewegt, nutzt den skulptural anmutenden, hinsichtlich seiner funktionalen Determiniertheit flexiblen Wohnparcours, der im Küchen- und Essbereich beginnt, sich auf der Betonplattform im 1. OG fortsetzt und schließlich im partiell eingebauten DG endet. Die vielen Durchbrüche und -blicke zwischen den Geschossen, bei denen Netze als Absturzsicherungen dienen, erzeugen eine trotz der geringen Größe des Hauses erstaunliche Großzügigkeit, angesichts derer Lukas Lenherr nicht zu Unrecht auf die Raumkonzepte japanischer Kleinhäuser verweist. Reizvoll ist die Tatsache, dass die Fachwerkkonstruktion, die von der Geschichte des Gebäudes erzählt, im Innern sichtbar ist und damit zum wirkungsbestimmenden Faktor wird.

Weniger Flächenverbrauch pro Kopf

Für die Fassade wählte Lenherr Lärchenholz, die Dämmung besteht aus Holzfasern und Schafwolle, die Fenster sind in unbehandeltem Föhrenholz ausgeführt. Die Bodenheizung im einfach geschliffenen Estrich – im OG befindet sich ein einfacher Brettschichtboden – ist an einen Holzofen angeschlossen. Die Verwendung einfacher, unbehandelter Materialien folgt dem Gebot baubiologischer Korrektheit, erzeugt aber auch eine angenehme Raumatmosphäre. Das Projekt überzeugt in nachhaltiger Hinsicht aber nicht nur durch die Wiederverwendung von Baustoffen und den Einsatz unbehandelter und demontierbarer Materialien, sondern v. a. durch seine räumliche Bescheidenheit. Laut dem Bundesamt für Statistik beträgt die Wohnfläche pro Kopf in der Schweiz durchschnittlich 46 m2. Hier aber lebt eine vierköpfige Familie auf 99 m2, auch wenn die geschickte Raumorganisation nirgends das Gefühl räumlicher Enge entstehen lässt. Gewisse Beschränkungen waren aber in Kauf zu nehmen: Ein Keller beispielsweise existiert aufgrund des hohen Grundwasserspiegels nicht, und auch die Abstände zu den Nachbargrundstücken sind nicht gerade großzügig. Aber immerhin bot die Auflösung des Parkplatzes Raum für einen kleinen Gemüsegarten – und da das Haus klein ist, konnte die gesamte Haustechnik in einem Schrank im Waschraum untergebracht werden.

Die Klarheit der schlichten Fassaden, bei der auf Vorsprünge und Außenräume verzichtet wurde, lässt das nunmehr domestizierte frühere Wirtschaftsgebäude noch anklingen.


IMG_8165.jpgUnser Kritiker Hubertus Adam ist in diesem Fall mit dem Auto aus Zürich angereist. Gewiss kein nachhaltiges Verkehrsmittel, aber in Zeiten der Pandemie zumindest sicherer.


  • Standort: CH-9243 Jonschwil, Kanton St. Gallen
    Bauherr: privat
    Architekten: Lukas Lenherr Architektur, Zürich
    Tragwerksplanung: Besmer Holzingenieure GmbH, Sattel;
    HSK Ingenieur AG, Küssnacht
    HLS-Planung: Paul Eisenring AG, Jonschwil
    BGF: 56 m²
    BRI: 406 m³
    Baukosten: 438 470 CHF
    Bauzeit: April 2019 bis Januar 2020
  • Beteiligte Firmen:
    Holzbau: A. Huser Planung + Holzbau GmbH, Bazenheid
    Dachfenster: VELUX Schweiz AG, Aarburg, www.velux.ch
    Holzfaserdämmung: best wood SCHNEIDER® GmbH, Märstetten, www.schneider-holz.com
    Dämmschüttung unter Bodenplatte: MISAPOR AG, Zizers, www.misapor.ch
    Küche: Anderegg AS-Schreinerei GmbH, Schwarzenbach

Lukas Lenherr Architektur


Lukas Lenherr

1999-2007 Architekturstudium an der HGK FHNW, Basel, der HEAD, Genf, der ETSAB, Barcelona und EPF Lausanne, Diplom. 2009-11 Büro mit Pierre Robin. 2011 eigenes Büro. 2014 Lehrauftrag an der AA, London. 2010-15 Lehrauftrag an der EPF Lausanne.


Hubertus Adam

Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Heidelberg. Freier Architekturkritiker. 1996- 98 Redakteur der Bauwelt, 1998-2012 der archithese. 2010-15 Künstlerischer Leiter des S AM in Basel.

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