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Wogen im Wein
Weingut Lahofer in Dobšice (CZ)

Mit dem Weingut Lahofer in Dobšice u Znojma ist den tschechischen Architekten Chybík + Krištof die nahezu perfekte Welle gelungen. Das hyperbolisch geformte Dach, aufwendig in der Konstruktion, hält das heterogene Ensemble zusammen und taugt überraschenderweise sogar für so manch »maritimen« Moment.

Architekten: Chybík + Krištof Architects & Urban Designers
Tragwerksplanung: Hladík a Chalivopulos

Kritik: Wojciech Czaja
Fotos: Alex Shoots Buildings, Laurian Ghinitoiu

»Komm, hier lang!«, sagt Ondřej Chybík, eilt voraus, die Stufen hochlaufend, nimmt eine starke Rechtskurve und begibt sich schließlich flotten Schritts ans Ende des Dachs. »Lehn dich an die Reling, und jetzt musst du die Arme ausbreiten, ja, genau so! Ist das nicht wunderbar? Man kann von hier oben sogar das Meer riechen. Wir nennen das den Titanic-Moment.« Allein, unter mir findet sich kein Salzwasser, sondern süßer Rebensaft in Tanks und Fässern, und ringsum grüne, streng durchlinierte Weingärten, so weit das Auge reicht. »Das macht nichts«, sagt Ondřej, und auch, dass er ja nicht Leonardo sei, sondern dass es um die Fantasie im Kopf ginge, die anzuregen seine Aufgabe als Architekt schließlich sei.

In Dobšice u Znojma, tiefstes Südmähren unweit der österreichischen Grenze, ist diese gedankliche Anregung auf dramatisch inszenierte Weise gelungen. Keine 5 km Luftlinie von der mittelalterlichen Kleinstadt Znaim entfernt, befindet sich das traditionelle Anwesen des in Tschechien landesweit bekannten Winzers Lahofer. Zu den besten Tropfen des Weinguts zählen Sauvignon Blanc, Müller-Thurgau und der so wunderbar im Ohr widerhallende Ryzlink rýnský. Der alte Produktionsstandort war vor geraumer Zeit schon zu klein geworden, und so hatte Lahofer an der Architekturfakultät in Brno (Brünn) einen Studentenwettbewerb ausgeschrieben, der dem Unternehmen jedoch nicht die erhofften Resultate bescherte.

»Wir haben davon in der Zeitung gelesen«, erinnert sich Ondřej. »Das hat uns neugierig gemacht. Wenn die Studenten nicht das abgeliefert haben, was Lahofer glücklich gemacht hätte, dann könnte uns das doch vielleicht gelingen! Also haben wir Lahofer angerufen und ihm direkt angeboten, dass wir das Projekt übernehmen könnten.« Gemeinsam mit seinem Partner Michal Krištof, mit dem er seit 2010 das Brünner Architekturbüro Chybík + Krištof leitet, untersuchte er diverse Logistik- und Produktionsabläufe und präsentierte dem Bauherrn in spe aus dem erarbeiteten Kompendium schließlich sieben verschiedene Varianten. Nach zwölf Stunden Besprechungsmarathon einigte man sich schließlich auf den letztlich nun auch realisierten Entwurf.

Vorne Chipperfield und hinten Hadid

Das architektonische Konzept ist in mehrfacher Hinsicht janusköpfig. Nach Süden hin, sichtbar von der Bundesstraße 53, präsentiert sich das Weingut wie eine flache, elegante Vitrine aus Glas und Beton. Mit den schlanken Pfeilern, den großen Glasflächen und der weit hinausragenden Dachkrempe, die für ein Minimum an Verschattung der Fassade darunter sorgt, wirkt das Haus auf den ersten Blick wie ein etwas geschrumpfter Flughafen-Terminal. Erst im maßstäblichen Vergleich mit den Weinstöcken vor der Fassade verflüchtigt sich dieses Bild, und übrig bleibt eine edle Anmutung mit warmen, schimmernden, aus dem Inneren herausleuchtenden Farben.

Im Bereich des Haupteingangs im Westen mutiert der streng rhythmisierte Glasriegel zu einer Art gerahmten Roulade, die im Gelände platziert ist, als hätte jemand eine Rehrücken-Backform aus fest gewordenem Stahlbeton über einen gläsernen Teig gestülpt. In der Achse des Eingangs entfaltet sich dann ein Bild mit fortlaufend hintereinanderliegenden, halbkreisförmigen Rundbögen, die den Eindruck erwecken, als würde das eben noch luftige Bauwerk – nun, nach einer Drehung des Betrachtungswinkels um 90 ° – etwas zunehmend Erdiges und Bodenständiges annehmen.

Gleichsam tonnenschwer und satt in die Topografie hineingeschmiegt, offenbart sich auf der Nordseite des Besuchereingangs eine flache, organisch modulierte Stufenlandschaft, die in weichen Kurven und mit Thermo-Wood bekleidet bis zum Dach hinauf ansteigt und dem Haus schon wieder eine neue Assoziation verleiht: Unweigerlich muss man an das 1995 fertiggestellte Yokohama Passenger Terminal von Foreign Office Architects (FOA) denken.

Und schließlich sind auf der Rückseite im Norden alle dienenden Bereiche des Weinguts untergebracht. Die Produktions- und Logistikflächen bieten zwar wenig Raum für Ästhetik, doch dafür umso mehr Flächeneffizienz und Funktionalität. Während die repräsentativen Bereiche wie Shop, Verkostungsraum und der Verwaltungstrakt mit raffiniert geformten, thermisch aktivierten Bauteilen aus perfektem Sichtbeton aufwarten, dominiert im technischen Kernstück des Weinguts eine rigide Fertigbauweise mit Betonpfeilern und -trägern, gedämmten Sandwich-Fassadenelementen sowie einem leichten Kaltdachaufbau mit Trapezblech und kiesbeschwerter Dämmung aus extrudiertem Polystyrol. Alles sehr praktisch. Die Sinnlichkeit liegt hier in den Stahltanks und Barrique-Fässern verborgen.

»Das Weingut hat zwar etwas Heterogenes und Fragmentarisches«, sagt Ondřej, »doch denke ich, dass wir den Auftrag und den Erfolg des Projekts genau diesem Umstand verdanken. Wir haben nichts im klassischen Sinne entworfen, sondern haben in jedem einzelnen Bauteil auf Basis der vielen, vielen Parameter die jeweils perfekte Lösung gefunden.« Oder, anders ausgedrückt: Lahofer, das ist vorne Chipperfield und hinten Hadid, im Abgang ein Hauch von Ando und Sejima.

Worüber Ondřej Chybík und Michal Krištof nicht sprechen: Durch die heterogene Ausgestaltung des Projekts ergeben sich natürlich auch entsprechend vielfältige fotogene Perspektiven auf das Gebäude. Der Verdacht liegt also nahe, dass hier nicht nur die funktionalen Parameter als formende Faktoren des Entwurfs dienten, sondern sehr wohl auch ein Gespräch zweier Marketing-Experten über Sexiness und Instagramability: Das Kate-Winslet-Deck auf dem Dach ist nur einer von vielen Hotspots, die in Blogs und sozialen Medien immer wieder auftauchen.

Der Reiz des Ungeplanten

»Die maritime Assoziation ist uns eigentlich bloß passiert«, sagt Ondřej, »aber das passt schon, denn mit den Brüchen und den unvorhersehbaren Entwicklungen kommt erst der Reiz.« Überraschend war auch die Entstehung der Innenraumgestaltung: Ursprünglich war geplant, das gesamte Interieur schlicht und ohne jegliche künstliche Verfremdung in den natürlichen Materialfarben von Holz, Beton und Terrazzo zu belassen. Doch als die Bagger zum ersten Mal anrollten und ihre Schaufeln in den fruchtbaren Boden gruben, wurden die asketischen Pläne wieder verworfen.

Die Farbe und Textur des Bodens empfanden die Architekten als so reizvoll, dass sie beschlossen, die ungewöhnliche Ästhetik auf den innen liegenden Ortbetonflächen zu zitieren. Der tschechische Künstler Patrik Hábl hat die zweiachsig gekrümmten Dachunterseiten zwischen den insgesamt 25 Querschotten als Leinwand verwendet und darauf seine Interpretation des lehmigen Weinbodens verewigt. Das Kunst-am-Bau-Projekt ist so subtil wie raffiniert und erinnert mit seinem ungleichmäßigen Farbauftrag und seinen teils bronzefarben glitzernden Camouflage-Flächen an eine aufgeschnittene und vielfach vergrößerte Korkplatte.

»Schön, wenn die Anstrengungen des Baus heute hinter der Oberfläche der Kunst verschwinden«, meint Michal Krištof, »doch tatsächlich war die Schalung und Ausbetonierung der zweiachsig gekrümmten Flächen, die Wand und Dach nahtlos miteinander verbinden, ein ziemlicher Kraftakt.« Um den flüssigen Beton daran zu hindern, sich im Schalungshohlraum unregelmäßig zu verteilen, konnte dieser in nur 20 bis 30 cm hohen Schichten eingefüllt werden, was sich als deutlich aufwendiger als angenommen herausstellte. Glücklicherweise war der Bauherr, der im Gesamtprojekt so viel Effizienz und Wirtschaftlichkeit erkannte, überzeugt, dass sich auch dieser technische und künstlerische Mehraufwand lohnen würde.

Fast alles an diesem Bauwerk scheint perfekt durchkomponiert und minutiös orchestriert. Über ein paar ganz wenige Ausnahmen, wie z. B. bei den Details an der Schnittstelle zwischen der wogenden Dachwelle und dem Innenausbau, kann man nach einer ausgiebigen Weinverkostung sicherlich getrost hinwegsehen. Stattdessen gibt es aufregende Wellenvariationen, veredelten Beton sowie schicke Eames- und Prouvé-Sessel zu entdecken. Davon können die deutschen und österreichischen Winzer mit ihrer zu Tode kopierten Cortenstahl- und Zigarrenclub-Ästhetik noch was lernen.


  • Standort: Vinice 579, CZ-671 82 Dobšice

Bauherr: Vinařství Lahofer, Dobšice
Architekten: Chybík + Krištof Architects & Urban Designers, Prag/Brünn
Mitarbeiter: Ondřej Chybík, Michal Krištof, Adam Jung, Lenka Vořechovská, Hanin Al-Gibury, Karolina Holánková, Martin Holý, Vojtěch Kouřil, Ondřej Mundl, Matej Štrba, Zuzana Záthurecká, Zuzana Pelikánová, Victor Cojocaru, Laura Emilija Druktenytė, Zuzana Lisoňová, Gabriela Voláková
Tragwerksplanung: Hladík a Chalivopulos, Brünn
Elektroplanung: ELSPACE, Brünn, und Alexa-projekce, Brünn
Sanitärplanung: SANIproject, Brünn
Klimaplanung: CM projekt, Brünn
Klimatechnik: FaBa engineering, Břeclav
Lüftungsplanung: Ing. Marek Nos, Troubsko
Gebäudemanagementsystem: Ing. Zdeněk Tulis, Brünn
Dachsicherheit: Mojmír Klas, Kopřivnice
Kunst am Bau: Patrik Hábl
BGF: 3 842 m²
Baukosten: ca. 6 Mio. Euro
Bauzeit: November 2017 bis Dezember 2020

Beteiligte Firmen:

Betonwände und -stützen: BRESTT STAVBY, Brünn, www.brestt.cz
Verglasung: ALUPROF, Bielsko-Biała, www.aluprof.eu; H&M, www.ham.cz
Sandwichpaneele Produktionshalle: Kingspan Group, Kingscourt, www.kingspan.com; FRIGOMONT, Brünn, www.frigomont.cz
Sonnenschutz: SUN SYSTEM, Veselí, www.sunsystem.cz
Dachgeländer: TAM KOVO, Grešlové Mýto, www.polykarbonatznojmo.cz
Drahtgeflecht: Carl Stahl, Süßen, www.carlstahl.de
Terrazzo (Besucherbereich): Caelo Terrazzo, Brünn, www.opravy-schodu.cz
Zementestrich (Büros): ROOFPOOL, Pravice, www.roofpool.cz
Industrieböden, Beton: ATEMIT, Brünn, www.atemit.cz
Gipskarton mit Holzpaneelen, Möbel: DVD Jaroměřice, www.dvdjaromerice.cz
Gebogene Glastrennwände mit PDLC (Polymer-Dispersed Liquid Crystals): MIJA-Therm, Rapotín, www.mija-t.cz
Leuchten: ATEH, Brünn, www.ateh.cz
Stühle: Vitra, Birsfelden, www.vitra.com
Sanitärausstattung: Laufen, www.laufen.com; Jika, Prag, www.jika.eu
Schalter, Gebäudemanagement: Legrand (bticino), Prag, www.legrand.cz


Unser Kritiker Wojciech Czaja findet den Film »Titanic« so kitschig wie viele andere auch. In diesem mährischen Binnenland-Kontext jedoch entfalten die hier erweckten Assoziationen daran, wie er meint, einen recht unwiderstehlichen Witz.


CHYBIK + KRISTOF Architects & Urban Designers

Ondřej Chybík

Architektur- und Städtebaustudium in Brünn, Graz und Zürich. Mitarbeit bei PPAG, Wien. Seit 2010 Büro mit Michal Krištof.

Michal Krištof

Architektur- und Städtebaustudium in Brünn und Gent. Mitarbeit bei BIG – Bjarke Ingels Group, Kopenhagen. Seit 2010 Büro mit Ondřej Chybík.


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