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Tagesklinik mit Filterfunktion

Dialysezentrum in Wien (A)
Tagesklinik mit Filterfunktion

Das Dialysezentrum Wien-Donaustadt ist bestens getarnt. Es sieht nicht wie ein Krankenhaus aus, sondern wie eine moderne Herberge in Wallpaper-Qualität. Bei diesem alles andere als oberflächlichen Gebäude haben die gelungene Verbindung von Technik und Architektur zu einer Effizienzsteigerung im Betrieb beigetragen, die Formgebung der Tagesklinik ermöglicht allen Patienten den Blick ins Grüne.

    • Architekten: Nickl & Partner
      Tragwerksplanung: Rinderer & Partner

  • Kritik: Wojciech Czaja
    Fotos: Stefan Müller-Naumann
Einige sehen fern, andere schlafen, und wieder andere blättern in einer Zeitschrift oder lesen ein Buch. Manche sind jung, manche alt, und manche am ganzen Körper gepierct und tätowiert. Die einzige Gemeinsamkeit all dieser Menschen ist der Gummischlauch, der aus ihren Unterarmen ragt. Rote Flüssigkeit wird durch eine Maschine gejagt, gefiltert und anschließend wieder in den Körper zurückgepumpt. Dialyse nennt sich dieses langwierige und aufwendige Blutreinigungsverfahren, das bis zu fünf Stunden dauert und das die meisten Patienten jeden zweiten Tag über sich ergehen lassen müssen. Ihre Nieren sind kaputt.
»In Wien leben rund 800 Dialysepatienten, die aufgrund ihrer Niereninsuffizienz regelmäßig auf medizinische Betreuung angewiesen sind«, erklärt Günter Pacher, Geschäftsführer der Wiener Dialysezentrum GmbH. »Als die Zahl in den Jahren 2004 und 2005 nach oben geschossen ist, und die Betreuungsplätze in Wien knapp wurden, haben wir beschlossen, eine neue Niederlassung zu bauen.«
Noch ist das Dialysezentrum in Wien-Donaustadt unterbelegt. Derzeit werden hier rund 150 Patienten betreut. Doch das Gebäude aus der Feder der Münchner Architekten Nickl & Partner ist so konzipiert, dass es im Vollbetrieb bis zu 432 Patienten aufnehmen kann. Laut Pacher ist es das größte Dialysezentrum Europas, das im Bedarfsfall nochmal um 36 Dialyseplätze erweitert werden kann. Statik und Haustechnik sind so berechnet, dass eine Aufstockung des Stahlbeton-Skelettbaus um ein Geschoss jederzeit möglich ist. Ob eine vierte Ebene dem Gebäude und der Gegend gut tun würde, ist eine andere Frage.
Schon jetzt wirkt das Haus mit seiner klaren, stringenten Form und seiner harten Metallfassade überaus städtisch. Wie ein modernes Businesshotel prangt es am Eckgrundstück, eingeklemmt zwischen dem riesigen Areal des Sozialmedizinischen Zentrum Ost und den zersiedelten sozialen Wohnbauten der Peripherie. 100 m weiter fangen bereits Wiesen und Weizenfelder an. Fast möchte man mit den Fingern ins Haus hineingreifen und ihm ein bisschen mehr Feinheit und Freundlichkeit entlocken. »Es war eine ganz bewusste Entscheidung, dem Haus zur Straße hin eine harte Kante zu geben«, erklärt Alexander Deutschmann, Projektleiter bei Nickl & Partner.
»Wir wollten keine Spielerei, keine Behübschung und Verniedlichung. Wir wollten das Haus so darstellen, wie es ist.«
Während an der Vorderseite große, gerade Flächen dominieren, gibt es auf der Rückseite eine formale Überraschung. Die Fassaden sind kreisrund gewölbt, die Konfiguration des Bauwerks gleicht zwei Torten, die ineinandergeschoben wurden. Dies hat einen guten Grund: Durch die radiale Anordnung der Dialysestationen kann die Effizienz im Arbeitsablauf gesteigert werden. Schließlich führt das auch zu einer Reduktion des personellen Aufwands.
»Jede der insgesamt vier Stationseinheiten befindet sich im Mittelpunkt des Kreissegments«, erläutert Deutschmann das Konzept. »Alle Zimmer rundherum sind so angeordnet, dass die Ärzte und Betreuer die 18 Patientenbetten, die pro Einheit zusammengefasst sind, stets im Blickfeld haben. Die Patienten wiederum blicken aus den Fenstern direkt ins Grüne.« Genau dieser raumorganisatorische Clou bescherte dem Projekt im zweistufigen, EU-weiten Wettbewerb schließlich den ersten Platz. Oder, wie es Geschäftsführer Pacher formuliert: »Von den sieben Projekten, die es in die zweite Runde geschafft haben, war das der mit Abstand überzeugendste Entwurf. Man hat auf den ersten Blick gesehen, dass sich die Architekten mit dieser Thematik schon öfter beschäftigt haben und dass sie mit den Abläufen in einem Krankenhaus bestens vertraut sind.«
Doch von Spitalatmosphäre ist im Dialysezentrum Donaustadt nicht viel zu merken. Womöglich wähnt man sich auch in einer der chicen Schönheitskliniken, wie man sie aus US-amerikanischen TV-Serien kennt. »Der Vorgang der Dialyse ist für die Patienten physisch und psychisch höchst belastend«, sagt Architekt Deutschmann. »Und natürlich können wir es mit der Gestaltung dieses Gebäudes nicht allen recht machen. Aber ich denke, dass wir mit dem zarten Grün, das von den meisten Ärzten und Patienten als beruhigend empfunden wird, eine gute Wahl getroffen haben.« Michael Oswald, Prokurist im Haus, kann dem nur zustimmen: »Einen gewissen Krankenhaus-Touch wird man in so einem Gebäude nie ausblenden können. Aber die Leute spüren, dass die Räume sorgfältig und sensibel gestaltet wurden.«
Architektonisch und ökonomisch durchdacht
Nicht zuletzt steckt der Neubau auch voller praktischer Überlegungen. In jedem der offenen Zimmer gibt es verschließbare Schränke für Wertsachen sowie für die individuelle Bettwäsche. Da sie nicht wie sonst üblich nach jeder Behandlung in die Waschmaschine geworfen werden muss, trägt das zur Reduktion der Betriebskosten bei. Auch die in den Boden integrierte Patientenwaage, die man auch mit einem Rollstuhl befahren kann, vereinfacht den Ablauf. Die obligate Gewichtsmessung vor und nach der Dialyse wird dadurch zu einer Tätigkeit von wenigen Sekunden.
Die größte Erleichterung aber ist, dass das Permeat, also das zur Dialyse benötigte Wasser, vom Personal nicht mehr in Kanistern angeschleppt werden muss, sondern einfach aus einer in die Wand integrierten Leitung angezapft wird. All diese technischen und organisatorischen Maßnahmen tragen nach Auskunft Oswalds zu einer Optimierung des Betreuungsschlüssels bei. Auf eine Pflegeperson entfallen über einen ganzen Tagesdienst gerechnet 3,3 Patienten. Dieser Wert ist nach Einschätzung des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV) besser als in vielen älteren Einrichtungen. »Im Gegensatz zur baulichen Struktur der anderen Krankenanstalten im Pavillonsystem lässt die großflächigere Gestaltung im Dialysezentrum Donaustadt einen geringeren Personalbedarf erwarten«, bestätigt Werner Wegscheider, Pressesprecher des KAV. So gesehen hat die Architektur zu einer spürbaren Ökonomisierung des täglichen Betriebs geführt.
Auch die Haustechnik sorgt für geringere Betriebskosten, als sie sonst üblich sind. Im Bereich der Betten wurde auf eine abgehängte Decke verzichtet. Stattdessen gibt es eine Betonkernaktivierung. Gekühlt wird mit Grundwasser, geheizt mit Fernwärme. Der Heizwärmebedarf liegt bei 28 kWh/m2a. Trotz großflächigen Verzichts auf abgehängte Decken ist die Akustik in den großen Räumen sehr angenehm. Das liegt zum einen am weichen Gummiboden, zum anderen an der Leichtbaufassade. Fensterelemente und Brüstungen wurden in Pfosten-Riegel-Bauweise errichtet, die Holzoberfläche absorbiert einen Teil des Schalls. Die Bettwäsche tut ihr Übriges.
Gestaltprägender Sonnenschutz
Der größte Stolz von Nickl & Partner ist jedoch die konstruktive Verschattung der Fassade. Sowohl vor den Allgemeinflächen im EG, wo sich die Verwaltung, eine Cafeteria sowie die umfangreiche Haustechnikzentrale befindet, als auch in den zwei Patientengeschossen ist das Gebäude rundum mit geschosshohen, beweglichen Lochblechlamellen bekleidet. Das stranggepresste Aluminium ist gräulich-beige eloxiert, die Farbgebung damit äußerst zurückhaltend. »Wir hatten das Bild eines gekräuselten Vorhangs vor Augen«, sagt Projektleiter Alexander Deutschmann. »Durch die individuelle, raumbezogene Motorsteuerung ergibt es sich im Außenraum ein lebendiges, leicht chaotisches Bild.« Im heterogenen Reagieren auf Sonne und Schatten bekommt das harte Gebäude doch noch so etwas wie einen zarten verspielten Schleier. Den versprochenen gekräuselten Vorhang sucht man allerdings vergeblich.
16 Mio. Euro hat das neue Dialysezentrum gekostet, wobei sich die reinen Nettobaukosten ohne technische Ausstattung auf rund 10,5 Mio. Euro belaufen. Seit zwei Jahren ist das Haus nun in Betrieb. Die Architekten haben ihr Bestes gegeben, schwärmen Geschäftsführer und Prokurist, von minimalen Beanstandungen mal abgesehen. Eine betriebswirtschaftliche Evaluierung würde dem Projekt gut tun. Dann könnte die subjektive Freude der Chefs und des Personals auf eine objektive, messbare Ebene angehoben werden. Womöglich würde man dann feststellen, dass mit diesem Bauwerk ein neues Exempel für medizinische Verpflegungsbauten statuiert wurde. •
    • Standort: Kapellenweg 37, A-1220 Wien
      Bauherr: Wiener Dialysezentrum GmbH, Planung: ARGE Dialysezentrum Donaustadt
      Architekten: Nickl & Partner, München, Geschäftsführung Christine Nickl-Weller, Hans Nickl, Gerhard Eckl
      Mitarbeiter: Alexander Deutschmann (Projektleitung), Lars Schomburg, Friederike Struckmeier, Stefan Agnis
      Tragwerksplanung: Rinderer & Partner, Graz
      Haustechnik: JMP Ingenieurgesellschaft, Stuttgart
      Medizintechnik: Küttner, Wenger & Partner, Graz
      Generalunternehmer: Strabag, Wien
      BGF: 6 254 m²
      BRI: 24 175 m3
      Heizwärmebedarf gem. Energieausweis: 28,2 kWh/m2a
      Baukosten: 13,6 Mio. Euro (KG 1-6, inkl. Einrichtung und Außenanlagen)
      Bauzeit: August 2008 bis September 2009
    • Beteiligte Firmen:
      Fassade: Finnforest Merk, Aichach, www.finnforest.de
      Möblierung: Scheschy, Neufelden, www.finnforest.de
      Sonnenschutz: Colt, Kleve, www.finnforest.de

Wien (A) (S. 40)
Nickl & Partner Architekten
Christine Nickl-Weller
Studium an der TU München, zweite Staatsprüfung. 1988 Gründung der Architektengemeinschaft Nickl & Partner, seit 1993 als Geschäftsführerin. Seit 2004 Professur an der TU Berlin.
Hans Nickl
Studium an der TU München, seit 1979 eigenes Büro in München. 1988 Gründung der Architektengemeinschaft Nickl & Partner. Lehrauftrag an der TU München. 1992-2003 Professur an der FH Erfurt, seit 2004 Gastprofessur an der TU Berlin.
Gerhard Eckl
Studium an der TU Darmstadt. Mitarbeit in Architekturbüros in Frankfurt a. M., seit 1996 im Architekturbüro Nickl & Partner. Seit 1999 Mitglied der Büroleitung, seit 2008 Mitglied des Vorstands.
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