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Riese im Niemandsland

Krankenhaus in Kortrijk (B)
Riese im Niemandsland

Für die medizinische »Maximalversorgung« der Bevölkerung werden weiterhin zentrale, hochtechnisierte Großkliniken gebaut. Doch Häuser mit über 1 000 Betten, die »alles unter einem Dach« bieten, sind extrem komplex und architektonisch schwer vermittelbar – in der Vergangenheit waren es häufig wahre Ungetüme. Im Süden Belgiens unternahm ein berühmtes Büro nun einen neuen Versuch der Domestizierung.

    • Architekten: Baumschlager Eberle, osar Tragwerksplanung: Jan Van Aelst

  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Werner Huthmacher
1 060 Betten, 21 Operationssäle, Tageskliniken, Therapiezentren, Verwaltung, Läden, Restaurant, Parkhäuser – das Raumprogramm des neuen Allgemeinen Krankenhauses Groeninge passte nicht in die flämisch-kleinteilige Siedlungsstruktur der Stadt Kortrijk mit ihren nur 75 000 Einwohnern. Vier bestehende Krankenhäuser wurden dort weitgehend aufgegeben, um draußen auf der grünen Wiese den »großen Wurf« zu realisieren: ein zentrales, sogenanntes Vollkrankenhaus für die Region Westflandern, das auch den nahen nordfranzösischen Ballungsraum Lille bedienen könnte, wenn Europa eines Tages auch gesundheitsbürokratisch zusammenwächst. Basierend auf ›
› einem Wettbewerb von 1999 entstehen hier in zwei Bauabschnitten zwischen 2010 und 2017 insgesamt knapp eine halbe Million Kubikmeter umbauter Klinik-Raum. Der erste Bauabschnitt ist seit gut einem Jahr beendet und bereits zwei Krankenhäuser sind nun um- und hier eingezogen.
Wer vom Stadtzentrum Kortrijks zum Torso des Neubaus hinausfährt, passiert weitläufige Gewerbegebiete, heterogene Büroparks, Einfamilienhaus-Siedlungen. Das dichte Netz von Autobahnen hat dem ländlichen Flandern erst im letzten Jahrzehnt einen gewaltigen Schub an Verstädterung beschert. Man lebt, arbeitet, shoppt auch hier inzwischen regional, und das heißt zumeist: mit dem Auto.
In direkter Nachbarschaft des knapp 15 ha großen Klinikgeländes zeugen zwei Bauernhöfe von der vorherigen Nutzung der Gegend. Ihr Status als Baudenkmal verhindert derzeit noch den Bau eines 2500 Pkw fassenden Parkhauses am Rande des Areals. So prägen provisorische Großparkplätze den ersten Eindruck vom Komplex: Blech, wohin man blickt. Eine im Wortsinn »verfahrene« Situation, die solche massiv Verkehr induzierenden Auslagerungen grundsätzlich fragwürdig macht.
Lang gestreckt, unspezifisch
Der flachen, nur von einzelnen Dämmen durchzogenen Landschaft angepasst, erhebt sich der Neubau nur wenig über das Gelände: Drei Geschosse ohne Sockel, ohne vertikale Akzente prägen sein Bild. Dafür geht es mächtig in die Breite: Über 1,5 km zieht sich die einheitliche Fassade ums Gebäude. Dennoch ist der Eingang leicht gefunden: Dort, wo kein Blech parkt, sondern ein gen Süden offener »Ehrenhof«, durch Lampen und Beete gegliedert, in die Mitte des Komplexes führt. Die gleichförmig rhythmisch gegliederte Fassade und die vordergründig symmetrische Gruppierung der Baumassen auf den zentralen Block hin erinnern tatsächlich an klassische Schlossanlagen. Nichts lässt außen den Zweck des Gebäudes erkennen. Dem Augenschein nach könnte es ebenso gut ein Hotel, einen Firmensitz oder ein Ministerium beherbergen. ›
Oberstes Gebot: Flexibilität
Dass weitere Höfe den Komplex gliedern, wird sich dem Besucher erst im Innern erschließen. Das Gebäude wird am Ende aus vier an den zentralen Block angeschlossenen Baukörpern bestehen, von denen drei selbst einen länglichen Innenhof umschließen. So ergibt sich im Grundriss eine Art Windmühlen-Layout von funktionaler Logik: Im Zentrum sind die Operations- und Kreißsäle sowie die Intensivmedizin untergebracht, in den länglichen Flügeln reihen sich die Zimmer von Tagesklinik (EGs), Pflegestationen (OGs) und Verwaltung.
Zunächst ist der Besucher jedoch etwas irritiert, dass der großen Geste des Ehrenhofs scheinbar keine räumliche Tiefe im Innern folgt. Weil das Zentrum den intensivmedizinischen Funktionen vorbehalten und darum streng abgeschirmt ist, prallt man im Entrée gegen eine Wand, und die querliegende Lobby leitet einen stracks zu den Seitenflügeln, deren Erschließung außen um den zentralen Block herumgeführt wird. Nicht einmal der Empfangstresen steht auf der Achse (und auch kein Chefarzt- oder Direktorenzimmer, wie mir versichert wurde).
Zurück zum Korridor
Nachdem im Krankenhausbau der letzten Jahrzehnte immer wieder versucht wurde, die starre Reihung der Zimmer an langen Fluren zugunsten überschaubarerer und leichter bedienbarer Cluster aufzugeben, kehrt dieser Entwurf zum klassischen Korridor zurück. Als Hauptgrund dafür wird die größere Flexibilität genannt: Stationen lassen sich so im 90 cm-Raster verkleinern oder vergrößern; sogar die Büros der Verwaltung oder Behandlungsräume können an die Stelle von Patientenzimmern rücken.
Die Architekten haben zwar versucht, durch farbige Lichthöfe Identität und Abwechslung in ihre Bausteine zu bringen, doch bleiben die bis zu 120 m langen Flure trotz der hochwertigen Gestaltung öde Schläuche, auf denen das Personal unnötig weite Wege zurücklegt. Die zweihüftige Aufteilung sorgt dabei mit 26 m Tiefe für eine gewisse Kompaktheit (und für einige Aufenthaltsräume ohne Tageslicht), die lichte Raumhöhe von 3,60 m allerdings schafft nur in den Zimmern und Vorzonen Großzügigkeit. ›
Ausgeklügelte Fertigteilfassade
An den Fassaden zeigt sich das Serielle indes von seiner vorteilhafteren Seite. Hier vermieden die Architekten die Technik-Exzesse der vergangenen Jahrzehnte und entschieden sich für eine ruhige Reihung tragender Sichtbetonelemente. Ursprünglich in regionstypischen Ziegelverblendern geplant, fiel die Wahl aus Kostengründen auf die sauber vorgefertigten Betonteile, die geschossweise gestapelt ineinandergreifen. Die Ortbeton-Flachdecken wurden in die Fassadenelemente hineingegossen und nachgespannt, sodass sie bei geringer Bauhöhe rund 8 m überbrücken.
Inklusive Fensterebene ist die Fassade 1,10 m tief. Die Drehung der Stützen um 45 Grad (alle weisen nach Süden) und ihre Zuspitzung verleihen der Fassade im Außenraum eine enorme Plastizität; ins Innere streut sie angenehm gedämpftes Licht. Außerdem verhindert sie so unerwünschte Einblicke, jedoch auch jedwedes flandrisches Landschaftspanorama …
Eine klassische tektonische Fügung dieser Art taucht im Œuvre der Architekten immer wieder auf, zuletzt, filigraner, im eScience-Lab der ETH Zürich, wo Dietmar Eberle auch Entwerfen lehrt.
Die enorme Tiefe der Fassade ist allerdings – mit der ebenfalls im Hinblick auf Flexibilität gewählten großen Raumhöhe – hauptverantwortlich für die in Relation zur Nutzfläche außergewöhnlich große Kubatur des Gebäudes. Doch dürfte sich diese Investition bald bezahlt machen, da die Fassade sowohl aufwendigen Sonnenschutz als auch Klimatisierung überflüssig macht und sehr pflegeleicht ist. Hinter der soliden Hülle verschwinden die billigen Fensterrahmen aus PVC, und Änderungen an der bauphysikalisch wirksamen Hülle lassen sich im 90 cm-Raster leicht vornehmen. Aber nicht nur die Fassadenhülle ist für das Innenraumklima verantwortlich. Erdsonden unterstützen das Energiekonzept, das ansonsten belgientypisch unambitioniert daherkommt.
Heilen durch Architektur?
»Das Klinikum sollte selbst ein Heilgegenstand sein – nicht der Technik unterworfen, sondern von einer Atmosphäre geprägt, die Gelassenheit und Ruhe ausstrahlt und vom eigentlichen Aufenthaltszweck ablenkt« (aus dem Erläuterungstext der Architekten). Wie gesehen, mag das Gebäude diesem hohen Anspruch äußerlich gerecht werden. Auch die Patientenzimmer und Behandlungsräume sind sorgfältig und hochwertig (Parkett) gestaltet. Die Neutralität und Flexibilität der übrigen räumlichen Organisation dürfte jedoch Patienten wie Personal die Orientierung im weitläufigen Haus eher erschweren, zumal bislang kein nachvollziehbares Leitsystem installiert wurde, das die vielen ähnlichen Situationen klären könnte. So sieht beispielsweise die Kinderstation aus wie alle anderen Stationen, von einem neckischen Wandbild am Eingang abgesehen. War der Klinikbau hier nicht schon weiter?
Der graue belgische Granit, der Böden und Wände in den Vorzonen bedeckt, und die kalte direkte Beleuchtung erinnern in ihrer »ewigen« Solidität gar an Bauten der 30er Jahre. Für den ein oder anderen Patienten oder Besucher wird dies gewiss ungemütlich wirken.
Es bleibt zu hoffen, dass die noch ausstehende Gestaltung der Innenhöfe unverwechselbare Orte prägen wird, die eine Verbindung zur Landschaft mit ihren Bauernhöfen und Alleen herstellen, aber auch künstlerische Akzente setzen könnte. Besondere Räume im Haus sind bereits die hölzerne gelbe Kapelle und ein Raum der Stille, beide oberhalb des Foyers gelegen. So sollte sich die strenge, starke Struktur der Riesen-Klinik durch kalkulierte Regelverstöße mit Leben füllen und trotz der isolierten Lage im Niemandsland zu einem geschätzten Stück Stadt werden. •
    • Standort: President Kennedylaan 4, B-8500 Kortrijk Bauherr: AZ Groeninge vzw. Jan Deleu, Kortrijk Architekten: Baumschlager Eberle, Vaduz, mit osar, Antwerpen Projektleitung: Christian Tabernigg (be), Hilde Vermolen (osar), Louis Lateur (be), Bert Van Boxelaere (osar) Mitarbeiter: (Bauphase 1): Christian Hallweger (be), Susanne Bertsch (be), Daniela Concin (be), Frank Verschuren (osar) (Bauphase 2): Joachim Ambrosig (be), Stephan Strässle (be), Gauthier Jonville, (be); Hanspeter Böhlen (be) Tragwerksplanung: Ingenieursbureau Jan Van Aelst, 8 Antwerpen Landschaftsarchitekt: ctrl-z landschapsarchitectuur, Gent; Topokor, Kortrijk Haustechnik: Sorane SIA, Lausanne; Lenum, Vaduz; Ingenium nv, Brugge Kunst am Bau: Dan Graham, Bernd Lohaus, Richard Venlet, Koenraad Dedobbeleer, Müller & Wehberg, Ian Kiair BGF: 38 054 m² (Bauphase 1), 77 663 m² (Bauphase 2) BRI: 489 485 m3 (Bauphase 1+2) Baukosten: 82 Mio. Euro (Phase 1), 202 Mio. Euro (Phase 2) Bauzeit: Juni 2005 bis April 2010 (Phase 1), April 2012 bis 2017 (Phase 2)
    • Beteiligte Firmen: Fassadenfertigteile: Prefadim Belgium, Deerlijk, www.prefadim.be Gründach: Albitum, Ardooie, www.prefadim.be Türen und Furnierwände aus amerikanischem Nussbaumholz: Van de Rijse, Erpe-Mere, www.prefadim.be Holzböden Industrieparkett Eiche: JM Kempen Parket, Arendonk, www.prefadim.be Böden und Wände aus Naturstein (Blaustein): Tegelhuis, Kortrijk, www.prefadim.be Beleuchtung (Korridore, »Slotlights«) : Zumtobel, Puurs, www.prefadim.be; im Eingangsbereich (runde Lampen): RZB, Bamberg, www.prefadim.be; in der Arkade (Kugelleuchten): Glashuette Limburg.de, Limburg, www.prefadim.be; Außenleuchten: Hess, Villingen-Schwenningen. www.prefadim.be

Kortrijk (B) (S. 24)

Baumschlager Eberle
Dietmar Eberle
1952 in Hittisau (A) geboren. 1973-78 Architekturstudium an der TU Wien. Seit 1983 Lehrtätigkeiten in Hannover, Wien, Linz (A), New York und Darmstadt. Seit 1999 Professur an der ETH Zürich, 2003-05 als Vorsteher der Architekturabteilung. 2009 International Architecture Award, Chicago (USA), 2010 Österreichischer Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit.
Christoph Gunßer
1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989-92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung, Universität Hannover. 1992 -97 in der Redaktion der db. Seit 1998 als freier Fachautor tätig.
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