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Ferienhaus »Oberpertinger Häusl« in Terenten (I)
Modern mit Tradition

Gestern ein Stadel, heute ein Ferienhaus: Doch auch nach der Erneuerung hat sich das hoch am Sonnenhang des Pustertals gelegene Oberpertinger Häusl seinen Charme und seinen Charakter bewahrt. Außen wie innen offenbart es zeitgemäße Qualitäten und zeigt sich dabei dennoch traditionsbewusst.

    • EM2 Architekten

  • Kritik: Klaus Meyer
    Fotos: Jürgen Eheim
Manchmal bringt die Baukunst orchideenhaft exquisite Gebilde hervor, doch es gibt natürlich auch qualitätvolle Gebäude, die so gewöhnlich wie Gänseblümchen sind. Sie spielen sich nicht in den Vordergrund, sondern beleben die Szenerie. Sie beherrschen die Landschaft nicht, sondern bereichern sie. Sie sind nicht nur gut für sich, sondern fürs Ganze. Solch eine gänseblümchenhafte Schönheit ist das hoch über dem »Sonnendorf« Terenten gelegene »Oberpertinger Häusl«.
Den werbewirksamen Beinamen hat sich die Südtiroler Gemeinde, die zwischen Brixen und Bruneck am Südhang des Pustertals liegt, zu Recht zugelegt: In Terenten scheint die Sonne länger als an jedem anderen Ort Südtirols. Und so ist es kein Wunder, dass der Sonnenhang oberhalb des Dorfs relativ dicht mit Gehöften sowie einzelnen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden bebaut ist. Bekanntlich macht sich solch eine Mixtur aus Architektur und Natur nur selten gut. Terenten bildet jedoch eine Ausnahme. Die weit verstreute Siedlung am Hang, die sich bis hinauf zum Waldrand in rund 1600 m Höhe erstreckt, fügt sich harmonisch in die Bergwelt ein, weil bislang glücklicherweise niemand auf die Idee gekommen ist, beim Bauen ein Übermaß an Kreativität walten zu lassen. Die Häuser entsprechen in Kubatur, Bauweise, Materialität und Dimension noch weitgehend dem althergebrachten Modell. Sie sind unten aus Steinen und oben aus Holz gefügt. Sie haben Satteldächer. Ihre Giebelseiten weisen zum Tal. Farblich dominiert der Zweiklang aus weiß verputztem Sockelgeschoss und braunschwarz verwittertem Aufbau aus Lärchenholz. Das erneuerte Oberpertinger Häusl, an dem Wind und Wetter noch nicht lange nagen, präsentiert sich einstweilen in einem helleren Kleid. Das ist der erste erkennbare Unterschied zu seinen Nachbarn. Hinzu kommen die bescheidenen Ausmaße (»Häusl«) und der herausgehobene Standort.
Rekonstruktion eines Gesamtbilds
Der zum Ferienhaus umgebaute Stadel erhebt sich unterhalb des Waldrands auf einer steil abfallenden Wiese. Man erreicht das teils terrassierte Grundstück über einen Feldweg, der seinen Ausgang an einem tiefer gelegenen Gehöft nimmt und in weitem Bogen über eine Pferdekoppel hinaufführt. Ein Zaun aus palisadenartig angespitzten Brettern umfasst das kleine Anwesen. Der ebenen Zufahrt zum hangseitigen Hauseingang verleiht eine neu errichtete Stützmauer aus Bruchsteinen Halt. Frisch und sauber wirken Haus und Hof, wie gerade erst fertiggestellt. Davon abgesehen jedoch kommt es einem zunächst so vor, als sei hier alles so geblieben, wie es immer war. Keine Spur von modernem Zusatz – bis man den schwebenden Rahmen aus Corten-Stahl bemerkt, der dem Eingang vorgeblendet ist. »Der Rahmen hat ungefähr die Größe des Tors, durch das man früher in den Stadel gelangte«, sagt der Architekt Gerhard Mahlknecht, während er die normal dimensionierte Holztür hinter der Stahlblende öffnet. Eine überbreite Öffnung, durch die man bequem Heu- und Strohballen bugsieren kann, erübrigt sich heute. Deshalb ist die Stahlkonstruktion kein Torrahmen, sondern nur mehr ein Windfang – und ein Zeichen, das auf die historische Situation verweist.
»Der Vorgängerbau, den der damalige Besitzer bereits in den 70er Jahren für die Nutzung als Ferienhaus hergerichtet hatte, befand sich in einem desolaten Zustand«, erzählt Gerhard Mahlknecht vom Büro EM2 aus Bruneck. »Das Schindeldach war morsch, die Holzdecken durchgefault, das Mauerwerk feucht. Deshalb blieb uns nichts anderes übrig, als den auf dem Sockelgeschoss aufgebauten Holzstadel abzureißen und unter Wiederverwendung noch gesunden Materials neu aufzuzimmern.« Konstruktiv unterscheidet sich der neue, in Ständerbauweise errichtete und mit Holzfaserplatten gedämmte Baukörper kaum vom alten. Auch die Kubatur mit dem vorkragenden Volumen auf der Talseite und der auf der Hangseite vorspringenden Giebelfläche blieb exakt gleich. Wie das alte Häusl ist auch das neue mit sägerauen Lärchenbrettern bekleidet und das Dach mit Lärchenschindeln gedeckt. »Wir wollten Charakter und Charme des Hauses erhalten«, so der Architekt. Es ist geglückt: Insgesamt wurde das Bild des Baus in der Landschaft in keiner Weise revidiert, sondern vollständig rekonstruiert.
Alpines Interieur in moderner Form
Ein ganz anderes Bild ergibt sich im Innern des Holzhauses. Wo sich einstmals Futtermittel bis zum First türmten, befindet sich jetzt eine zweigeschossige Ferienwohnung, die höchsten Komfortansprüchen genügt, grandiose Ausblicke gewährt und traditionelle Formen alpinen Wohnens modern interpretiert. Vom Eingangsbereich, an den sich links die einläufige Treppe zum DG anschließt, gelangt man direkt in den Wohnraum, der sich mit einer raumbreiten Glasschiebetür zur talseitigen Loggia öffnet. Im Rücken des Wohnbereichs liegen Küche und Essplatz, dem ein großer Balkon vorgelagert ist. Auf der gegenüberliegenden Hausseite sind drei abgeschlossene Räume untergebracht: eine Kammer, ein WC und die in Bergbauernhäusern obligatorische »Zirbenstube«. Deren Einrichtung folgt dem traditionellen Schema: Es gibt eine Eckbank, einen Holztisch und Bauernstühle. Im Eck hängt ein Kruzifix, ein Keramikofen spendet behagliche Wärme, und natürlich ist der ganze Raum mit duftendem Zirbelholz getäfelt. Einzig das große talseitige Fenster fällt aus dem Rahmen: Moderne Wärmeschutzverglasung erlaubt eine Öffnung der üblicherweise höhlenartig verschlossenen Stube, sodass die Bewohner auch im Winter bei angenehmer Raumtemperatur den überwältigenden Blick ins Pustertal genießen können.
Schöne Aussichten bietet auch die Loggia im DG, das ansonsten ganz anders gegliedert ist als die Wohnebene. Statt dort konventionelle Zimmer einzubauen, hat Gerhard Mahlknecht vier Holzboxen im Raum verteilt. Die Nischen zwischen den drei Schlafkammern und dem Bad bieten Platz für provisorische Schlaflager, können aber auch als Abstellfläche genutzt werden. Aufgrund der separierten, vom Dach abgerückten Boxen bleibt der Innenraum vom Fußboden bis zum First intakt. Man fühlt sich dort nicht wie in einer Wohnetage, sondern eher wie auf einem aufgeräumten und dennoch geheimnisvollen Dachboden.
Die Materialität wird außen wie innen durch Lärchenholz geprägt. Es liegt einem zu Füßen und zieht sich über Wände, es begegnet einem als Fensterrahmen und Türblatt, als massives Brett und furnierte Platte (in der Küche). Eine Ausnahme bilden nur Stube und Elternschlafzimmer, die mit Zirbelkieferbrettern bekleidet sind. Akzente setzen ferner zwei verputzte Wände im Wohnraum sowie der Betonboden im Entree und die Granitplatten im Bad. Die Verarbeitungsqualität der Materialien ist bemerkenswert. Wirklich erstaunlich an dem kleinen Bauvorhaben sind jedoch die vielen großartigen Entwurfsdetails. Gerhard Mahlknecht hat sowohl die schmiedeeisernen Türklinken und Fenstergriffe als auch die Rahmen für die Lichtschalter selbst gezeichnet und vom Schlosser fertigen lassen. Außerdem hat er überall im Haus reichlich Stauraum geschaffen, der sich hinter kaum sichtbaren Wandtüren verbirgt. Beheizt wird das Häusl mit Pellets. Dank kontrollierter Wohnraumlüftung riecht es kein bisschen muffig in dem nur sporadisch genutzten Gebäude. Ein Gänseblümchen? Ja, aber ein ganz außergewöhnliches. •
  • Standort: Terenten im Pustertal
    Bauherr: privat
    Architekten: EM2 Architekten, Bruneck, Gerhard Mahlknecht, Heinrich Mutschlechner, Kurt Egger
    Nettowohnfläche: 210 m²
    BRI: 800 m³
    Baukosten: 500 000 Euro
    Bauzeit: April 2012 bis Juli 2014
  • Beteiligte Firmen:
    Schreinerarbeiten: Tischlerei Haidacher, Percha, www.haidacher.it
    Elektroausstattung: Elektro Ewald, Pfalzen, www.elektroewald.it
    Holzbau: Zimmerei Seiwald, Gsies, www.seiwald-arthur.it
    Türen: Asco Türen, Mühlwald, www.asco-tueren.it
    Metallarbeiten: Schlosserei Hainz, Niederdorf, www.schlosserei-hainz.com

EM2 Architekten
Kurt Egger
1953 in Innichen geboren. Architekturstudium an der TU Wien (A), 1981 Diplom. 1982-85 Bürogemeinschaft mit Dietmar Eberle und Carlo Baumschlager in Bregenz (A), 1988-2002 mit Dora Aichner und Werner Seidl in Bruneck. Seit 2008 Bürogemeinschaft EM2 Architekten.
Gerhard Mahlknecht
1956 in Bruneck geboren. Architekturstudium an der TU Innsbruck (A), 2001 Diplom am IUAV di Venezia. 1981-84 Bürogemeinschaft PlanTeam Bozen. 1988-2007 Bürogemeinschaft Mahlknecht & Mutschlechner Architekten. Seit 2008 Bürogemeinschaft EM2 Architekten.
Heinrich Mutschlechner
1957 in Bruneck geboren. Architekturstudium an der TU Innsbruck (A), 1987 Diplom am IUAV di Venezia. 1988-2007 Bürogemeinschaft Mahlknecht & Mutschlechner Architekten. Seit 2008 EM2 Architekten.

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