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Rautenstrauch-Joest-Museum

Köln
Rautenstrauch-Joest-Museum

Das Museum präsentiert sich wie ein weitläufiger Verwandter des olympischen Pressezentrums »Digital Beijing« in Peking als »Sliced cube«: ein quasi fünfschiffiger, breit gelagerter Kubus von beachtlicher Tiefe mit scharf geschnittenen Kanten – ein rational gefügtes, spannungsvoll ausgehöhltes Massewerk im Dialog von Geschlossenheit und Offenheit. Material: rotbrauner Klinker nordischer Schwere für die Fassade, akribisch verarbeitet, konsequent eingesetzt; und Glas, das mit einer äußeren Großvitrine zur Cäcilienstraße hin, einer breiten Gebäudefuge für die Erschließung und einem dominanten Atrium Spannung in die Gestalt bringt. Symbolisch kann man die Brückenkonstruktion der dritten Gebäudeachse nennen, unter deren großer Öffnung, direkt neben dem Foyer, der feingliedrig hohe Reisspeicher von Sulawesi steht: Wahrzeichen der Sammlung, Relikt der Gründungszeit, deren Anspruch, Kulturen umfassend zu dokumentieren, sich ins Exemplarische gewandelt hat. Das Haus erscheint – mehr Verwaltungs- als Kulturbau – kompakt, sachlich, durch den Verzicht auf modische Codes konzentriert. Die Architektur ist hier nicht Gegenstand eines Kults. Die Kultgegenstände sind es, die in den black boxes die Ausstellungstrakte beleben. »Endlich einmal ein neues Museum«, notierte die FAZ hintersinnig, »das nicht wegen seiner spektakulären Architektur besucht werden muss.« Die Architekten haben die Vorgabe einer »flexiblen Gebäudehülle« erfüllt, die theatralischen Äußerlichkeiten der Inszenierung der Ausstellung verraten jedoch, dass es an autonomem, unverwechselbarem Raum fehlt, den die Exponate in eigener Würde beherrschen könnten. Das RJM ist, ohne es anzustreben, die Antithese zum Neuen Museum in Berlin. Als einziges ethnologisches Museum Nordrhein-Westfalens, schlägt das Haus mit Haltungen und Exponaten den Bogen vom 19. Jahrhundert zu aktuellen Debatten (»Leitkultur«); erinnert daran, wie sich die Wahrnehmung kultureller Kontexte dramatisch ändert – von frühen Entdeckungsreisen bis zu kolonialen Katastrophen, von Lévi-Strauss’ »Traurigen Tropen« bis zum Blick auf uns selbst, aus der Perspektive der Globalisierung.

~Reinhart Wustlich

Standort: Cäcilienstraße 29-33, 50676 Köln
Architekten: Schneider + Sendelbach Architekten, Braunschweig
Eröffnung: Oktober 2010

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