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Kleine Boxen ganz gross

»Wohnothek« in Deutsch Schützen (A)
Kleine Boxen ganz gross

Der Weg zu ihrer jeweiligen Unterkunft führt die Gäste der Wohnothek im Südburgenland nicht durch einen Hotelkorridor, sondern über Schotter und Rasen. Die »Zimmer« liegen umgeben von Grün und Vogelgezwitscher mitten im Weinberg und gehen auf eine Initiative von vier Weinbauern zurück. Obwohl die Konstellation der Bauherrngruppe sich als schwierig erwies, sieht man das allenfalls ein paar wenigen Details im Innern an, zum Glück aber nicht der Architektur insgesamt.

    • Architekten: Pichler & Traupmann Tragwerksplanung: Woschitz Engineering

  • Kritik: Wojciech Czaja Fotos: Lisa Rastl
Die Zimmer heißen Kentaur, Vinea, Pfarrweingarten und Blue. »Eigenartige Namen? Aber nein!«, meint Gerda Wiesler, Wirtin im Haubenrestaurant Wachter-Wieslers Ratschen und Miteigentümerin des benachbarten Hotels. »Die Zimmer sind nach Rebsorten und Weinen benannt, die bei uns in der Ortschaft produziert werden. Mein liebstes Zimmer ist der Pfarrweingarten. Das ist der erfolgreichste Wein in unserem Sortiment: süffig und gut.«
Das kleine Hotel in Deutsch Schützen, weit unten im tiefsten Südburgenland, zählt zu den ungewöhnlichsten Gästehäusern Österreichs. Hotel ist vielleicht der falsche Ausdruck. Wohnotek – so der offizielle, etwas glücklose Name des im September 2011 eröffneten Etablissements – ist auch nicht viel besser. Vielmehr handelt es sich um zehn wie zufällig in die Landschaft gewürfelte Holzboxen, die all jenen Freunden des lukullischen Genusses zur Verfügung stehen, die nach einem wohlschmeckenden Menü oder nach einer etwas zu flüssigen Weindegustation vor einer weiten Heimfahrt zurückschrecken und sich stattdessen lieber für eine Nacht in fremde Federn betten. Zumindest unter der Woche ist diese Flexibilität noch möglich, für die Wochenenden sind die Zimmer in der Regel schon weit im Voraus gebucht.
Mitten im Weingarten
»Die Konzeptionsphase hat weit über ein Jahr gedauert«, erinnert sich Wiesler. »Wir wussten zwar, dass wir keines dieser normalen Hotels mit Zimmer ›
› und Frühstückssaal wollten, doch das genaue Resultat unserer Vorstellung ließ lange auf sich warten. Das war ein intensiver Prozess mit den Architekten.« Die Tatsache, dass es sich dabei um ein Kooperationsprojekt von insgesamt vier Winzerfamilien aus dem Ort handelt, wirkte sich auf die Planungsphase nicht gerade beschleunigend aus. Viele Köche verderben den Brei, heißt es. Viele Winzer, könnte man hinzufügen, vergären die Planung.
Nach rund 15 Monaten waren Brainstorming und Detailplanung abgeschlossen. Der Bau konnte beginnen. »Ursprünglich war das Hotelkonzept noch etwas stringenter und klarer im Aufbau«, erinnert sich Johannes Traupmann, einer der beiden Chefs von Pichler Traupmann Architekten (PXT), und erklärt: »Die Weinreben hätten bis an die Hauskante kommen sollen, das Gebaute wäre also Teil der Natur gewesen, und das Projekt hätte in Summe mehr Schlüssigkeit gehabt als das heute der Fall ist.« Doch zum Glück weiß der Laie nichts von alledem. Das ungewöhnliche Mini-Hotel im Weingarten ist allen Abstrichen zum Trotz überzeugend und attraktiv.
Alles ist aus Holz, Zäune und Mauern sucht man hier vergeblich. Sowohl das Material der Häuser als auch die »Zaunlosigkeit« des 3 000 m2 großen Grundstücks waren eine Vorgabe der Behörde, denn das Projekt befindet sich mitten im Landschaftsschutzgebiet. Den Architekten kamen die strengen Richtlinien überaus gelegen. Eine Einzäunung hätte ihrer Meinung nach den Kontext des gesamten Projekts zerstört.
Verzahnung mit der Landschaft
Und so wandert man also vom Parkplatz hoch, geht ein paar Meter über knirschenden Schotter, lässt die letzten Weinreben hinter sich, und steht plötzlich im grünsten und offensten Hotelkorridor, den man sich vorstellen kann: Die Wände bestehen aus Wald und Panorama, der Plafond ist aus Wolken und Himmel, mittendrin ein riesiger Kirschbaum, und gelegentlich, wird sich am nächsten Morgen herausstellen, hoppelt ein Wildkaninchen über den Flur. »Unsere Gäste schätzen das ungewöhnliche Ambiente«, meint Gerda Wiesler. »In welchem Hotel liegt die Natur schon so nahe? Und wo kann man schon nach dem Duschen direkt ins Freie treten und bloßfüßig durch die Wiese marschieren?«
Rein ins Zimmer. Der erste Eindruck der knapp 24 m2 großen Wohneinheit: Es riecht intensiv nach Holz. Boden, Wände und Decke bestehen aus unbehandelter Lärche. Lediglich im Nassbereich, also rund um das Waschbecken und im WC, wurde der Boden zum Schutz vor Feuchtigkeit versiegelt. Das geübte Auge erkennt den Unterschied.
Während Boden und Decke aus Kreuzlagenholz (KLH) bestehen und somit Konstruktion, Aufbau und Dämmung in einem Material vereinen, wurden die Wände in herkömmlicher Pfosten-Riegel-Konstruktion errichtet. Die Innenseite der Häuser ist großflächig mit Dreischichtplatten bekleidet, an der Außenfassade regiert das Prinzip des Zufalls. »Es gibt unterschiedlich breite Lärchenholzlatten, die zwischen 8 und 16 cm variieren«, erklärt Traupmann. »Wir haben die Handwerker gebeten, möglichst unregelmäßig zu arbeiten. Es wurde der Reihe nach an die Wand montiert, was auf der Palette gerade zur Hand lag.« Der kleine Maßstab mit seinen leichten Irritationen tut dem Projekt gut.
Die Inneneinrichtung stammt nur zu einem Teil aus Architektenhand – so z. B. die Liegebank, die flächenbündig zu einem integrierten Schreibtisch aufsteigt oder etwa der Waschtisch, der Minibar, Ablagefläche und Waschmöglichkeit in einem einzigen, schlichten Möbelband vereint. Bei anderen Details hingegen haben sich die Winzer durchgesetzt. So wirken diese an einigen Stellen lieblos und ungelöst. Leider trifft das auch auf die Lichtplanung zu. Statt schöner Leuchten und indirekter Beleuchtung hängen nun ordinäre Leuchtstoffröhren aus dem Baumarkt an der Wand. Eiskalte Lichtfarbe. Der Fauxpas ist unverzeihlich. Demnächst, versichern die Inhaber des Hotels, wolle man die Zimmer mit adäquaten Lichtquellen nachrüsten.
Seine größte Stärke spielt das Zimmer aus, wenn man in der Früh aufwacht und sich zwischen zwei riesigen Glasscheiben wiederfindet. Das Bett ist nämlich in einer Art Alkove untergebracht. Der Platz zu beiden Seiten der Schlafstatt ist eng, hinter den Nachtkästchen strömt unmittelbar die Natur in den Raum. »Die Integration in die Umgebung ist für mich das absolute Highlight«, sagt Johannes Traupmann. »Eigentlich gibt es eine Genehmigung für insgesamt 15 Hoteleinheiten, aber ich denke, dass wir dieses Potenzial nicht mehr ausschöpfen werden. Wenn wir die Dichte anheben, dann gehen die Qualitäten des Ausblicks und der Nähe zur Natur womöglich verloren.«
MITREISSER
Mit einer Bauzeit von nur 100 Tagen und einem Stückpreis von 43 000 Euro pro Box – das entspricht Baukosten von knapp 2 000 Eur/m2 – ist das Hotel günstig kalkuliert. Fast. Wäre da bloß nicht die dezentrale Lage in der Landschaft. »Die Zimmer liegen recht dispers, daher sind ziemlich hohe Nebenkosten angefallen, die bei einem herkömmlichen Hotelprojekt kaum ins Gewicht fallen würden«, so Traupmann. Der größte Brocken waren die Infrastruktur- und Erschließungskosten. Auch die gesamte Haustechnik – beheizt werden die Hotelzimmer mit einer Luft-Luft-Wärmepumpe – musste zehnfach ausgeführt werden. Trotz günstiger Bauweise belaufen sich die Gesamtinvestitionskosten daher auf rund 800 000 Euro. Das ist viel Geld.
Doch der Plan scheint aufzugehen. Allein in den ersten vier Monaten verzeichneten die Wachter-Wieslers mehr als tausend Übernachtungen. Bei Preisen zwischen 48 und 59 Euro pro Person – abhängig von Wochenende und Saison – wolle man innerhalb von fünf Jahren den »Break-even-Point« erreichen. »Es läuft sehr gut«, meint die Hausherrin. »Und wie es scheint, werden wir schon ab dem dritten Jahr Gewinn machen können. Für mich persönlich ist das ein geglücktes Beispiel für sanfte, nachhaltige Tourismusentwicklung in dieser Region.«
Sanft und nachhaltig sind auch die Zahlen: Die Wohnotek hat die Übernachtungen auch in den umliegenden Hotels und Pensionen nach oben geschraubt. Insgesamt verzeichnet man in Deutsch Schützen eine Gästeplus von rund 40 %. Die kleinen Boxen in den Weinreben haben großes Potenzial. Es fehlen noch ein, zwei nachträgliche Handgriffe, danach steht einem Aufstieg in den sternenlosen Olymp der Hotellerie nichts mehr im Weg. •
    • Standort: A-7474 Deutsch Schützen, Nr. 254 a Bauherr: Ratschens Wohnothek Architekten: Pichler & Traupmann Architekten, Wien (Johann Traupmann, Christoph Pichler) Mitarbeiter: Mario Gasser, Bruno Mock, Wolfgang Windt Tragwerksplanung: Woschitz Engineering, Eisenstadt, Projektleiter: Philipp Seper Bauphysik: RWT PLUS ZT GmbH, Wien Fertigstellung: 08/2011 BGF: 32,58 m2 Nutzfläche gesamt: 234,30 m² Bebaute Fläche: 345,84 m² Baukosten: keine Angaben
    • Beteiligte Firmen: Fenster: KATZBECK Fenster Austria, Rudersdorf, www.katzbeck.at Holzbau: Strobl Bau – Holzbau, Weiz, www.katzbeck.at Glasdusche: Glaserei Höfler, Oberwart, www.katzbeck.at Bett: Bruckner, St. Kathrein, www.katzbeck.at Beleuchtung Bett, Couch, Waschtisch: Molto Luce, Wels, www.katzbeck.at Zimmer, Eingangs- und Außenbereich: RIDI Leuchten, Wien, www.katzbeck.at Sanitäranlagen, Duschtasse: polypex plano 90, POLYPEX, Wels, www.katzbeck.at; WC, Waschbecken: laufen pro, Roca, Staudt, www.katzbeck.at
    • Weitere Informationen: www.wohnothek.at

Deutsch Schützen (A) (S. 36)

Pichler & Traupmann
Christoph Pichler
1964 geboren. Architekturstudium an der Kunsthochschule Wien und der Harvard University (USA). Seit 1992 gemeinsames Büro mit Johann Traupmann. 1992- 2008 Lehrtätigkeit an den TUs Wien und Graz.
Johann Traupmann
1958 geboren. Studium der Theologie und der Architektur in Wien. Seit 1992 gemeinsames Büro mit Christoph Pichler und Lehrtätigkeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien.
Wojciech Czaja
1978 geboren. Architekturstudium an der TU Wien. Freischaffender Architekturjournalist für Tagespresse und Fachmagazine. Zahlreiche Bücher. Seit 2005 Tätigkeit für die österreichische Tageszeitung Der Standard.
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