1 Monat GRATIS testen, danach für nur 6,90€/Monat!
Startseite » Architektur »

… in die Jahre gekommen: Das SAS-Hotel in Kopenhagen

1955-1960
… in die Jahre gekommen: Das SAS-Hotel in Kopenhagen

Als sich die Luftfahrtgesellschaften Dänemarks, Schwedens und Norwegens 1946 zum »Scandinavian Airlines System« (SAS) zusammenschlossen, wurde Kopenhagens Flughafen Kastrup zum internationalen Drehkreuz mit Direktflügen in die USA ausgebaut. So beauftragte SAS Arne Jacobsen damit, im Stadtzentrum Kopenhagens in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs ein Terminalgebäude und ein First-Class-Hotel internationalen Standards zu errichten. Der damalige Charme des Luxushotels ging im Laufe der Jahre durch ständige Veränderungen nach Wechseln im Management leider weitestgehend verloren, auch wenn an einigen Stellen noch das von Jacobsen entworfene Mobiliar zu sehen ist.

Architekt: Arne Jacobsen
Text: Ulrich Höhns Fotos: Ulrich Höhns, Per Anders Jorgensen, Aage Strüwing

Arne Jacobsen, in den 60er Jahren bereits der führende Modernist Dänemarks, gelang mit dem Gebäude für die SAS, seinem bis dahin größten Bau, nicht nur der endgültige Durchbruch als Architekt, sondern er verhalf damit auch dem International Style zur Anerkennung in seinem Land, das der Tradition näher stand als der Moderne – und dies, obwohl die aufmerksame Kritik sofort bemerkte, dass sein Entwurf so neu nicht war. Gordon Bunshaft, Architekt bei Skidmore, Owings and Merrill (SOM), hatte mit seinem New Yorker Lever House von 1952 die Vorlage geliefert: eine gläserne Hochhausscheibe über einem flachen Sockelbau, voneinander getrennt durch die Zäsur eines gläsernen Zwischengeschosses mit tief unter das Hochhaus zurückgezogenen Fronten, sodass es zu schweben schien.
Diese Kritik focht Jacobsen jedoch nicht an, und genau besehen, ist sein Entwurf dann doch etwas anderes. Dies liegt nicht nur an den verschiedenen städtebaulichen Rahmenbedingungen. Das SAS-Haus steht singulär ohne die Konkurrenz weiterer Hochhäuser direkt neben (tiefer gelegten) Bahngleisen, die es mit seinem Flachbau teilweise sogar überbrückt. Dieser zweigeschossige Sockel mit einem flachen horizontalen Fensterband im OG brachte eine beruhigende orthogonale Ordnung in die bis dahin offene Situation. Der Unterschied besteht v. a. in der ausgeprägten Härte des Designs des Kopenhagener Hauses. Es ist bei Weitem nicht so »heiter« und offen wie das New Yorker Gebäude, sondern verströmt als Ganzes und im Detail die Anmutung spröder Eleganz. Diese gewinnt es maßgeblich durch die Reduktion seiner Curtain-Wall-Fassade auf ein einziges Vertikalraster mit geradezu hauchdünnen, in der Ansicht nur 18 mm dicken Aluminiumprofilen. Die graugrün schimmernde Oberfläche verdankt es gefärbten Glasbrüstungen und dem Glas der Fenster selbst, die sich wegen ihrer geringen Höhe und besonders schlanker Rahmen- und Flügelprofile zu schmalen Fensterbändern zusammenschließen und nur an den »offenen«, stützenfreien Ecken Plastizität und Transparenz erkennen lassen.
Die ursprüngliche Hermetik der Fassade ist durch die Verwitterung der Glasbrüstungen inzwischen verloren gegangen, was aber kein Schaden ist. Das Haus ist älter geworden, und man hat es ihm erlaubt, dies zu zeigen. Nach über 50 Jahren glänzen und spiegeln die Glasbrüstungen nicht mehr, sondern erscheinen wie mattes, graugrünes Metall, was den Effekt des Fensterbands nur verstärkt. Der Blick aus einem der 275 Hotelzimmer bestätigt diesen äußeren Eindruck. Die schmale, aber immer raumbreite Verglasung bietet eine ungewöhnliche Breitwand-Sicht auf die Stadt, die in den größeren Eckzimmern am eindrucksvollsten ist.
Ein einzigartiges Überbleibsel
Im Originalzustand, zumindest dem stets nachgebesserten, befindet sich mittlerweile nur noch das Zimmer 606. Es ist sozusagen der Jacobsen gewidmete Schrein des Hauses. Nur hier wird noch sichtbar, wie reduziert und dabei modernistisch-luxuriös dieses Haus und seine Zimmer in ihrer Zeit einmal waren. Die Suite kann ganz normal gebucht werden, sie ist aber, soweit die täglichen Angebotsschwankungen überhaupt eine verlässliche Aussage erlauben, mit rund 740 Euro mehr als doppelt so teuer wie ein normales Doppelzimmer. Und genau hier besteht für das Fünf-Sterne-Hotel, das nach einem Besitzerwechsel nun als »Radisson Blu Royal Hotel & Radisson Blu Scandinavia Hotel« fungiert und zu Kopenhagens Luxus-Hotelkategorie gehört, ein Problem: Ein Raum mit einer so »kargen« Anmutung lässt sich schwerlich zu solch hohen Preisen vermieten, wenn die Gäste den architektur- und designhistorischen Hintergrund nicht kennen oder diesen nicht zu würdigen wissen. Modulare Möbel aus Wenge, niedrige Holzpaneele an den Wänden in Höhe der Brüstungen, eine erlesene Farb- und Materialharmonie mit eigens gefertigten Stoffen, und natürlich die Sitzmöbel prägen das Bild: »Tropfen«, »Ei« und »Schwan«, jene für dieses Haus entworfenen und zu Klassikern gewordenen organischen Möbel, von Fritz Hansen bis heute produziert. Sie bilden absichtsvoll den weichen Kontrast zur rechtwinkligen Härte und modularen Präzision des Raums mit seinen scharfkantigen Ein- und Aufbaumöbeln und werden ergänzt durch Jacobsens formal strenge Möbelserie 3300 mit Einzelsesseln und Doppelsofa.
Unverständnis und Unsicherheit
Die übrigen 274 Zimmer und Bäder dagegen offenbaren mit ihrer heutigen Innengestaltung ein tiefes Unverständnis für die Qualität des Hauses und die absolut gedachte Verschränkung von Form und Interieur. Sie verdeutlichen die Unsicherheit, genau diese historische Qualität als einzigartiges Merkmal herauszustellen. Zwar wirbt das Hotel offensiv mit dem Namen und der »Marke« Jacobsen, es löst zugleich aber innen weitgehend auf und vernachlässigt außen bis zur Baufälligkeit, was einmal besonders und eine Einheit war. Die Liste zu nennender Details ist lang, sie reicht vom typografisch grobschlächtigen Logo bis zu herabfallenden Bekleidungen an der Unterseite des Flachbaus. Und dennoch ist das Haus immer noch stabil genug, dies alles zu verkraften. Bei der jüngsten Überarbeitung der Hotelzimmer wurden zuvor bereits überstrichene Holzeinbauten entfernt und durch neue, wesentlich höhere Wandpaneele und Einbaumöbel aus hellem Holz ersetzt. In die unglücklich dimensionierten Paneele hinter dem Bett wurden nierenförmige, verschiedenfarbige Glasfelder eingearbeitet – ein Affront gegen das Jacobsen-Design, das nicht spaßig war, und ein Totalverlust des Authentischen. Die einzigen Erinnerungen an die Urfassung sind kleine Möbelgruppen und die Stehleuchten.
In den Fluren mit ihren in den Originalmaßen erhaltenen, von oben durch ein Lichtband beleuchteten Nischen vor den paarweise zusammengefassten Zimmereingängen setzt sich dieses Überformungungskonzept vom Teppichboden bis zur vollflächigen Glasabdeckung der Wände fort. Auch die von Jacobsen entworfenen, von der Firma Carl F. Petersen in Handarbeit gefertigten Türdrücker mit ihrem breiten, geschwungenen Griff wurden längst gegen Standardgriffe für Kartenöffnung ausgetauscht.
Aus dem »Panoramasalon« im 21. Geschoss mit spektakulärer Aussicht wurde ein kleines, mit Jacobsen-Möbeln bestücktes Restaurant, in dem immerhin abends wieder das ebenfalls von ihm für das Hotel entworfene Besteck aufgelegt wird. Wegen seiner gefühlten Unhandlichkeit, besonders der des grifflosen Messers, war es jahrelang aus dem Gebrauch genommen.
Veränderungen und Notwendigkeiten
Auf der Suche nach Originalsubstanz erweist sich die auffallend niedrige Lobby als die einzige größere Zeitkapsel, in der sich die Stimmung des Ursprungsbaus erhalten hat und sich noch vieles von der ursprünglichen Ausstattung findet: weißer Marmor für den Fußboden, schwarzer für die Wände im Hintergrund neben Rezeption und Aufzügen, die schwungvolle, frei abgehängte Wendeltreppe, holzvertäfelte Einbauten für die ehemaligen Läden, jene »Filter« zwischen Stadtraum und Hotel, sowie natürlich die »Ei«-Sitzgruppen. Aber der lange Empfangstresen wurde in eine Tischlandschaft aufgelöst, das Material der Decke verändert, die Läden an der Stirnseite zu einem kleinen Restaurant zusammengefasst, und der mit zahlreichen Orchideen versehene innenliegende Wintergarten mit seinem über zwei Geschosse reichenden Luftraum an der gegenüberliegenden Seite spurlos beseitigt. Im OG des Flachbaus entstand nach dieser Aufhebung des Luftraums ein eingestellter Tagungsraum mit Glaswänden, und auch das Restaurant mit kreisrunden Deckenoberlichtern wurde zum Konferenzraum umgewidmet.
In den größten Teil des EGs des Flachbaus aber ist inzwischen ein Supermarkt eingezogen. Die elegante zweigeschossige Passagierhalle im Zentrum des aufgegebenen SAS-Terminals, der ja einmal der Auslöser für den gesamten Bau war und von dem die Stromlinienbusse der Fluggesellschaft abfuhren, ist heute ein verschachteltes Fitnessstudio.
Das SAS-Haus erscheint äußerlich zwar intakt, es erweist sich aber bei näherem Hinsehen als ein Sanierungsfall mit großen Herausforderungen wie etwa der denkmalgerechten und energetisch optimalen Überarbeitung der Originalfassade. Die Nonchalance, mit der das Fünf-Sterne-Haus diese Probleme überspielt, ist sympathisch, aber eine Sanierung und ein Rückbau auf das Original sind dennoch unausweichlich. Die Innenwelt des Hauses hat sich bis auf Traditionsinseln zwar sehr weit vom Original entfernt, aber zum Glück ist das meiste davon reversibel.
Mit Spannung wird die für nächstes Jahr vorgesehene Wiedereröffnung des dann vollständig renovierten Hotel d’Angleterre am Kongens Nytorv erwartet, des führenden Luxus-Hotels der Stadt. Wenn sich das Royal Hotel daneben mit einem eigenständigen Profil behaupten will, dann kann es nur das alte sein. •
Standort: Hammerichsgade 1, DK-1611 Kopenhagen

… in die Jahre gekommen (S. 50)
Ulrich Höhns
1954 in Niedersachsen geboren. Architekturstudium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Freier Architekturhistoriker und -kritiker. Seit 1992 wissenschaftlicher Leiter des Schleswig-Holsteinischen Archivs für Architektur und Ingenieurbaukunst (AAI).
Aktuelles Heft
Anzeige
Anzeige
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
Anzeige