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Hygiene und Lustgewinn

Aspekte zur Architekturgeschichte des Bades in Europa
Hygiene und Lustgewinn

Die Bedeutung, die Wasser und Hygiene vom Mittelalter bis in unsere Zeit beigemessen wird, wandelte sich in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen. Damit änderte sich auch die bauliche Ausformung von Bädern. Ein vom Gesellschaftsstand unabhängiger Zugang zu fließend kaltem und warmem Wasser vollzieht sich gar erst im 20. Jahrhundert.

Text: Susanne Grötz

Die Architekturgeschichte des Bades ist untrennbar mit den großen Badeanlagen der römischen Antike, den öffentlichen Thermen (s. Abb. links: Lawrence Alma-Tadema: Caracallatherme, 1899) und privaten Badehäusern verbunden. Damals war das Baden und Schwimmen für den freien Bürger ein tagfüllendes Vergnügen, Hygiene ein absolutes Muss. Heute können wir uns mit unseren modernen Freizeitbädern – was Badevergnügen, Körperkult und Wasserverbrauch angeht – mit den antiken Anlagen wieder messen. Die Geschichte der Badekultur verlief jedoch alles andere als kontinuierlich. Doch statt vor den Gefahren mangelnder Hygiene, wie in Zeiten der Aufklärung, wird heute vor den schädlichen Folgen zu häufigen Duschens und vor verschwenderischem Wasserverbrauch gewarnt.
Im Unterschied zu den Orten des Badevergnügens zeichnen sich Heilbäder durch ihre ungebrochene Tradition seit der Antike aus. Für zahlreiche Orte Mitteleuropas ist die Nutzung insbesondere der warmen Quellen bereits seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. belegt, über die Bekanntheit und Heilkraft der jeweiligen Brunnen gibt es schon frühe schriftliche Aufzeichnungen. Im Mittelalter waren die Badeorte mit warmen Heilquellen unter dem Namen »Wildbad« bekannt, wohingegen sich die sogenannten Gesund- oder Sauerbrunnen aus kalten Mineralquellen speisten. Dem heilsamen Bade dienten dabei entweder vorhandene antike Strukturen oder anspruchslose Holzgebäude. Mit dem 19. Jahrhundert erreicht die Reise ins Bad, gleich ob binnenländisches Kurbad oder mondänes Bad an der See, ihren Höhepunkt. Dieser nur wenigen vergönnte Luxus brachte neue Architekturen, wie Wandelhallen, Brunnenhäuser und Konzertmuscheln hervor.
Krankheit und Sünde
Hatten noch im Mittelalter allerorten öffentliche Badestuben den städtischen Alltag geprägt – in großen Handelsstädten gab es bis zu 200 davon – verschwindet das Bad als öffentliche Einrichtung ab 1500. Dafür verantwortlich war u. a. die Vorstellung, dass in die Haut eindringendes Wasser die Körperflüssigkeiten störe und das empfindliche Gleichgewicht des Körpers verletze. Das Wannenbad galt als Infektionsherd zunächst für Lepra und später für die Syphilis. Außerdem standen die Badestuben im Ruf Ort des Lasters und der Sünde zu sein, was letztlich deren ersatzlose Abschaffung nach sich zog. Im höfischen Zusammenhang etablierten sich Badeappartements und dem Baden dienende Gartenpavillons, die jedoch nur wenig mit einem öffentlichen Hygienebad gemein hatten, sondern vielmehr als Rückzugsorte der Lust dienten.
Im Zuge der Aufklärung führten neue Strömungen in Medizin und Pädagogik und das Wissen um die hygienische und therapeutische Wirkung des Wassers einen Wandel herbei. So entstanden um die Mitte des 18. Jahrhunderts wieder vermehrt öffentliche Bäder, um der allgemeinen Vernachlässigung von Hygiene und Körperpflege entgegenzuwirken. In Diderots »Encyclopédie«, dem umfassenden Lexikon aller Wissenschaften, Künste und Berufe des 18. Jahrhunderts, findet sich die Darstellung eines Badeschiffs auf der Seine. Die Versorgung der Wannen an Bord dieser ersten privatwirtschaftlich betriebenen Badeanstalt für das wohlhabende Bürgertum von 1761 erfolgte mit beheiztem und gefiltertem Flusswasser. Heißes Wasser und Wanne konnten darüber hinaus auch ins Haus geliefert werden. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren die am Ufer verankerten Badeschiffe in den europäischen Großstädten verbreitet; heute erleben sie wieder eine Renaissance. In der Folge kamen Flussbadeanstalten auf, schwimmende, am Ufer befestigte einfache Holzkonstruktionen, die über wenig Luxus verfügten und mit einem ungezwungenen Bad unter freiem Himmel, wie wir uns das heute vorstellen mögen, nichts gemein hatten. Die Badenden bewegten sich zwar nackt im Wasser, jedoch in Bretterverschlägen oder Holzhäuschen, die vor Blicken und Licht schützten.
Gesundheit und Sport
Wie wichtig v. a. das Thema des öffentlichen Badehauses um 1800 war, davon zeugen verschiedene Ideenwettbewerbe der Bau-Akademien. Auf dem Gebiet der Hygiene sahen sich Staat und Kapital zu Neuerungen genötigt, da zu dieser Zeit fast keine Versorgung großer Teile der Stadtbevölkerung mit öffentlichen Warmbädern existierte. Noch 1892 lag in den ärmeren Gebieten der Städte die Versorgung mit privaten Bademöglichkeiten bei unter 5 %. Die erste Bade- und Waschanstalt für die arbeitende Klasse eröffnete 1842 in Liverpool, 1854 gab es in London davon bereits 13. In Deutschland entstand 1855 nach englischem Vorbild die erste öffentliche Wasch- und Badeanstalt für »Unbemittelte« in Hamburg. Ausgestattet mit 53 Wannenbädern und 33 Waschständen teilte sich die kreisförmige Anlage in einen Männer- und einen Frauentrakt auf. Noch in den Bädern um die Jahrhundertwende, gleich ob orientalisch anmutendes Luxusbad oder simples Hygienebad, galt die Geschlechtertrennung als unverzichtbar. Erst 1927 wurde dieses Prinzip zum ersten Mal für Schwimmwettkämpfe aufgegeben. Mittlerweile olympische Disziplin, hatte das Schwimmen einen hohen Stellenwert erreicht und entwickelte sich zum Volkssport. An die Stelle des im repräsentativen Stil erbauten Volksbads – einer Kombination von kleinerer Schwimmhalle mit Wannenbädertrakt – traten nun moderne Sportbäder sowie private Badezimmer. Doch obwohl der moderne Siedlungsbau der 20er Jahre bereits das Badezimmer als festen Bestandteil einer Wohnung vorsah, konnte sich dieser Standard jahrzehntelang nicht durchsetzen. Stattdessen badete die gesamte Familie meist in temporär in der Küche aufgestellten Badewannen, befüllt mit auf dem Herd erhitztem Wasser. Erst in den 70er Jahren fanden Badezimmer mit fließend kaltem und warmem Wasser in Deutschland allgemeine Verbreitung. •
Ausstellung: BALNEA – Architekturgeschichte des Bades. Bis 12. Mai im B.C. Koekkoek-Haus in Kleve, Begleitbuch zur Ausstellung, Grötz, Quecke (Hrsg), Jonas Verlag, 2006. www.koekkoek-haus.de
Literatur:
William Lindley (1808-1900), Konstrukteur des Fortschritts. (Hrsg) Susanne Grötz und Ortwin Pelc, Hamburg 2008
Homburg wird Bad! Geschichte(n) vom Kurwesen und Bäderarchitektur, Bad Homburg vor der Höhe 2012

Zum Thema (S. 17)
Susanne Grötz
Studium der Kunstgeschichte und Italianistik in Marburg und Pisa. Promotion. Ausstellungen, Lehraufträge und Veröffentlichungen zur Architekturgeschichte: Idealstadt, Garten- und Theaterbaugeschichte, Piranesi, Ingenieurbaugeschichte, Architekturzeichnung und Bäderarchitektur.
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