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Hotel Sohsul »Snow Hotel« in Seoul (ROK) von archigroup ma.

Raum-Illusionen
Hotel Sohsul »Snow Hotel« in Seoul (ROK)

Im disparaten Umfeld der dicht bebauten südlichen Stadtviertel von Seoul haben es weder Hotelbetreiber noch Architekten leicht, eine wirkungsvolle »Duftmarke« zu setzen. Das Boutique-Hotel mit seinen 52 Zimmern in zwölf verschiedenen Typen versucht es mit räumlichen Erlebnissen – mit Erfolg. Die Bandbreite reicht von der Rückgewinnung öffentlichen Raums bis hin zu die Wahrnehmung herausfordernden Irritationen.

    • Architekten: archigroup ma.
      Innenarchitektur: Geunju Yun, Jeonghwan Hwang (1990uao)
      Tragwerksplanung: Namkyung Construction

  • Kritik: Lim Jinyoung
    Fotos: Sun Namgoong
Die Unterkunftsmöglichkeiten im Zentrum von Seoul sind – von den gut ausgestatteten Hotels und Gasthäusern für Touristen einmal abgesehen – vergleichsweise schlicht. Einen Großteil davon nehmen Motels ein, die viel Wert auf Privatsphäre legen und sich so manchen anrüchigen Angebots wegen nahezu unsichtbar machen: Viele Zugänge sind oft nur schwer aufzufinden, das jeweilige Gelände lässt sich ungesehen mit dem Fahrzeug erreichen, die Zufahrt befindet sich häufig in einer kleinen Gasse und ist mit herabhängenden Blenden halb verdeckt. Typischerweise ist die abendliche Anmutung der Rotlichtviertel geprägt von Leuchtreklamen, verschlossenen Fenstern und kleinen Gassen, in denen die Kunststoffblenden wie tiefschwarze, aufgerissene Münder wirken. Hier kollidieren Alltag und Nachtleben zulasten des öffentlichen Raums.
Auch in der Umgebung des Snow Hotels rund um den Nambu Bus Terminal und unweit des Seoul Arts Centers war es durch die verstärkte Nachfrage aus ländlichen Regionen zur Bildung einer Ansammlung dieser Art Motels gekommen. Ein Unternehmer, der in dieser Gegend bereits mehrere Unterkunftsmöglichkeiten besitzt, wurde schließlich auf Veränderungen in der Nachfrage aufmerksam. In den Vororten waren bereits erste Design-Hotels und Pensionen mit ruhigen Außenbereichen entstanden. Er erkannte, dass nicht nur Ruhe und Entspannung gefragt waren, sondern die Gäste auch im Hotel selbst Spaß haben wollten. So traf er die Entscheidung, zentrumsnah ein Boutique-Hotel mit verschiedenen Themen zu realisieren. Mit der Planung des Gebäudes beauftragte er die archigroup ma. Noch während der Bauzeit übertrug er die Inneneinrichtung dem für seine räumliche Erfindungskraft bekannten Architekturbüro 1990uao und zeigt damit seinen Willen, ausdrucksstarke und vielfältige Erfahrungen anzubieten – ganz im Gegensatz zu den großen Hotelketten, die das Bewährte suchen und selten auf die Idee kommen, koreanische Designer zu beauftragen.
Wie bei kleinen Boutique-Hotels in Seoul üblich, befinden sich auch beim Snow Hotel die Fenster der Zimmer an der Seite. Die Front hingegen ist nahezu gänzlich mit Backsteinen und Zink bekleidet, was dem Gebäude eine ausdrucksvolle Ansicht zur Straße hin verleiht. Im unteren Bereich und an den Seiten des Gebäudes wurden Terrassen bewusst dazu eingesetzt, den Eindruck von Verschlossenheit zu vermeiden. Am stärksten ausgeprägt zeigt sich die Offenheit des Gebäudes an der Eingangsfront: Vor dem leicht von der Straße zurückgesetzten Gebäude befindet sich neben einem kleinen Garten auch der verglaste Eingang zum »Five Point Five«-Lounge-Club im UG, einem Treffpunkt für den kulturellen Austausch, der jedem offen steht. Ein ausgreifendes Vordach empfängt die Gäste und tritt in Wechselwirkung mit der Straße.
Jenseits seiner äußeren Erscheinung lässt das Snow Hotel eine ganze Reihe unterschiedlicher Raum-Fantasien wahr werden. Um sich vom alltäglichen Leben abzugrenzen und einen starken Eindruck zu hinterlassen, vermittelt bereits das Entree das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Man fühlt sich dabei fast wie Alice bei ihrem Eintritt ins Wunderland: Dem Besucher wird zunächst buchstäblich schwarz vor Augen, sobald er die extrem dunkel gehaltene Lobby betritt. Kraftvolle Muster, die sowohl die Decke als auch den Boden zieren, Veloursbespannungen an den dunklen Wänden, die das Profil des Raums zu öffnen und in der Unendlichkeit zu verschwinden scheinen, und kleine Lichter, die wie Sterne an der Decke funkeln, geben bereits hier einen Eindruck vom Raumcharakter, für den das Snow Hotel steht. Wie in einem Bild von René Magritte, ist das Fremde und Ungewohnte des Raums sorgfältig geplant, und reale Gegebenheiten wie auch Illusionen werden durch optische Täuschungen und Reflexionen geschickt in Szene gesetzt, was schließlich die Erwartungshaltung verstärkt und die Fantasie beflügelt.
Der Name des Snow Hotels geht im Übrigen auf Sohsul (kleiner Schnee) zurück, eine der 24 Jahreszeiten im koreanischen Mondkalender. Das zugehörige Schriftzeichen ist mit Begriffen wie Sanftmut, Zerbrechlichkeit, Behaglichkeit, Komfort, aber auch Geheimnis assoziiert.
Täuschung, Reflexion, Illusion
Nachdem der wegen der disparaten Nachbarschaft in schiefen Winkeln und mit unterschiedlichen Deckenhöhen ausgeführte Rohbau fertiggestellt war, schufen 1990uao, ohne dass ihnen räumlich viel im Wege hätte stehen können, zwölf verschiedene Zimmertypen für den gehobenen Luxusbereich – Deluxe, Suite und Penthouse – mit jeweils individuellen Besonderheiten. Sie richteten dabei ihre volle Aufmerksamkeit darauf, Materialien kontrastierend zu verwenden und das Design in Fluss zu bringen. Hier offenbart 1990uao die Fähigkeit, durch optische Täuschungen, Reflexionen und den ungewöhnlichen Umgang mit Materialien aus zweidimensionalen Raumbegrenzungen dreidimensionale Raumerlebnisse zu generieren. So betrachten sie Böden, Wände und Decken nicht unbedingt als separate Elemente, sondern verbinden sie bisweilen durch die Verwendung derselben Materialien – die Schwerkraft scheint aufgehoben, mancher Raum wirkt wie in die Unendlichkeit gestreckt; v. a. jene, die mit entsprechend platzierten Spiegeln ausgestattet sind, z. B. Flure, in denen Boden, Wände und Decke mit kräftigen Mustern versehen sind und deren gegenüberliegende verspiegelte Enden sie unendlich lang erscheinen lassen. In der »Cube Suite« gerät das orthogonale Raumgefüge durch diagonal verlaufende Oberflächenmaterialien auf Wänden und Decke aus dem Gleichgewicht. In der »Illusion Suite« manipulieren aufgemalte Fensterrahmen durch die Verschiebung des Fluchtpunkts die Tiefe des wahrgenommenen Raums. In einem anderen Zimmer schaffen Mosaikfliesen, die aus dem Nassbereich heraustreten und sich über sämtliche Oberflächen bis auf den Balkon hinaus erstrecken, ein fremdartiges Raumgefühl.
Geunju Yun und Jeonghwan Hwang, Partner bei 1990uao, schöpfen die raumbildenden Eigenschaften von Materialien und Gegenständen voll aus. So zonieren sie einzelne Räume durch scharfe Kanten, an denen Holz- und Steinoberflächen aneinanderstoßen. Sie irritieren aber auch durch den fließenden Übergang von Wand zu Bettrückenlehne oder einzelne aus der Wand hervortretende Steine, die Waschtisch und Duschablagen bilden; Wandmaterial und Einrichtung fließen in eins. Die eigentümliche Einrichtung der »Dome Suite« resultiert aus unregelmäßig verlaufenden Deckenbalken, die es zu verbergen galt. Der eingewölbte Schlafbereich ist wie die gesamte Suite über und über mit Backsteinriemchen bedeckt – eigentlich ja ein Material für den Außenraum.
Es entsteht der Eindruck von Schwere, man fühlt sich wie in einer Höhle und verliert schnell das klare Gefühl für Innen und Außen. Die Ansicht der Architekten, dass Details nicht zwangsläufig am Ende des Entwurfsprozesses stehen müssen, sondern im Gegenteil den Ausgangspunkt bilden und selbst zum Motiv werden können, zeigt sich nicht zuletzt im Bemühen, der Massivität so manchen »schweren« Materials dadurch entgegenzutreten, dass sie einzelne Elemente schräg in die Gesamtfläche einbauen oder auch im Kleinen mit Material- und Lichtkontrasten arbeiten. Überhaupt wird an Beleuchtungseffekten nicht gespart: Leuchten in den Zimmerecken lassen alle Schatten und so manche Raumkante verschwinden, sowohl von außen als auch von innen beleuchtete Spiegelwände erzeugen das Gefühl, eine Tür sei wahlweise geöffnet oder geschlossen. Wer den schmalen Eingangskorridor zum »Triple Cinema Penthouse« bis zum Ende entlanggeht, erlebt nach einiger Dunkelheit plötzlich einen lichtdurchfluteten Raum.
Beginnende Veränderung
Das Snow Hotel mit seinen außergewöhnlich fantasiereich gestalteten Zimmern hat bereits erste Veränderungen in seiner direkten Umgebung bewirkt. Der kleine Garten vor dem Hotel dient den Menschen als Ort der Entspannung, und der gut besuchte Lounge-Club im UG etabliert sich immer mehr als kultureller Treffpunkt. Ein Teil der Zimmer wird zudem regelmäßig für Seminare zu sozialen Themen genutzt. Nach der Fertigstellung des Hotels sahen sich auch bereits weitere Hotelbetriebe in der Nachbarschaft dem gestiegenen Konkurrenzdruck ausgesetzt und sind die Renovierung angegangen. Die augenfälligste Veränderung ist jedoch die Umgestaltung eines unbebauten Grundstücks neben dem Snow Hotel, das demselben Eigentümer gehört, und sich nun als einladende, offene Gasse präsentiert. Die bislang abgeschottete Motel-Kolonie öffnet sich langsam gegenüber dem Alltagsleben der Stadt und wird dabei zu einem offenen Raum. •
~Aus dem Koreanischen von Proverb oHG
Standort: 53, Banpo-daero 14-gil, Seocho-gu, Seoul (ROK)
Bauherr und Generalunternehmer: Bit Sal Co., Youngwoo Seo
Architekten: archigroup ma., Seoul
Innenarchitektur: 1990uao (1990 urban architecture office), Seoul, Geunju Yun, Jeonghwan Hwang
Tragwerksplanung: Namkyung Construction
BGF: 3 771 m²
Baukosten: 11 Mrd. Won (ca. 9 Mio. Euro)
Bauzeit: Mai 2011 bis Mai 2013

1990uao

Geunju Yun
Jeonghwan Hwang
Architekturstudium an der SA, Seoul School of Architecture. Mitarbeit bei KIOHUN und ONE O ONE architects. 2010 Gründung von 1990uao. Lehraufträge an der Chungbuk National University und der Korea National University. 2013 Auszeichnung mit dem erstmalig vergebenen Kim Swoo Geun Prize Preview Award für herausragende Entwürfe im Bau.

~Lim Jinyoung
1975 geboren. Studium der Architektur und koreanischen Architekturgeschichte in Seoul. 2000-05 Mitarbeit bei der Architekturzeitschrift »C3 Korea«. Seit 2005 Senior Editor beim »Space Magazine«. Seit 2010 Tätigkeit als Architekturjournalistin und Redakteurin.

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