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Heim als Heimat

Seniorenwohn- und Pflegeheim in Schaffhausen (CH)
Heim als Heimat

Seit Jahren wächst die Zahl älterer Menschen, die in einem Wohn- oder Pflegeheim leben. Das Künzle- Heim ist ein gutes Beispiel für eine gleichermaßen hochwertige wie funktionale Architektur, die einen angemessenen und unterstützenden baulichen Rahmen für den Lebensabend schafft.

    • Architekten: Frei & Ehrensperger Architekten Tragwerksplanung: WSP Ingenieurbüro

  • Kritik: Jürgen Tietz Fotos: Guido Baselgia, Qing Chen, Günter Bolzern
»Einen alten Baum verpflanzt man nicht «, lautet ein altes Sprichwort. Doch die Gesellschafts- und Sozialstruktur der mitteleuropäischen Konsumgesellschaften sieht anders aus. Immer mehr alte Menschen verbringen ihren letzten Lebensabschnitt nicht mehr in ihrer vertrauten Umgebung. Stattdessen gilt es für sie, die Tür der eigenen Wohnung, in der sie oft Jahrzehnte gelebt, geliebt und gelitten haben, ein allerletztes Mal hinter sich zu schließen, um in einem Wohn- oder Pflegeheim noch einmal neu anzufangen. Etliche Dinge und noch mehr Erinnerungen bleiben dann zurück. Auf einmal befindet man sich außerhalb des bekannten sozialen Umfelds, kommt in eine größere Gemeinschaft fremder, gleichaltriger Menschen, an einem neuen Ort, der Heim heißt und der erst zu einer Heimat werden will. Wie gut dieser tiefgreifende Einschnitt bewältigt wird, hängt auch von der Qualität dieser neuen Umgebung ab. Das Künzle-Heim am Rand des schweizerischen Schaffhausen schafft durch seine Architektur einen qualitätvollen architektonischen Rahmen, in dem es leichter fällt, heimisch zu werden.
Eingebettet in einen schönen alten Baumbestand, fügt sich das Gebäude in malerischer Hanglage auf Z-förmigem Grundriss in die Schaffhausener Vorstadtatmosphäre ein. Durch die Wahl der Gebäudeform ist es den Zürcher Architekten Roland Frei und Lisa Ehrensperger gelungen, den großvolumigen Baukörper mit seinen 57 Wohneinheiten weniger massiv wirken zu lassen und einen behutsamen Übergang zur kleinteiligen Bebauung der Umgebung zu gestalten. Darüber hinaus entstehen durch die Form des Gebäudes geschützte Außenräume, für das Entree ebenso wie für den sichtgeschützten Demenz-Garten auf der Rückseite. ›
› Seinen Namen verdankt das Seniorenheim der »Künzle Stiftung«. Bereits in den 50er Jahren vom Schaffhausener Pfarrer Richard Künzle gegründet, verfolgt sie das Ziel der Vorsorge für das Alter. Heute befindet sich das Heim in gemeinsamer Trägerschaft der Stiftung (Land und Immobilie) und der Stadt Schaffhausen (Betriebsführung). Der im Herbst 2010 eröffnete Neubau ersetzt ein nicht mehr angemessen ausgestattetes Gebäude der 70er Jahre. Von ihm blieben lediglich die beiden UGs erhalten, die über einem Bahntunnel im Hang stehen. Durch seine Hanglage ist der Baukörper straßenseitig fünfgeschossig, im rückwärtigen Bereich teilweise nur zweigeschossig.
Frei und Ehrensperger haben sich in den vergangenen Jahren mehrfach mit der Bauaufgabe Wohnen im Alter befasst. »Es geht uns dabei um gute Gastgeberschaft«, bringt Roland Frei seine Entwurfshaltung auf den Punkt. Doch wie kann eine Atmosphäre entstehen, in der sich alte Menschen wohlfühlen und die dennoch die notwendigen funktionalen und hygienischen Anforderungen für den Pflegefall erfüllt? Schon bei der Fassade des Künzle-Heims fällt die Qualität der Gestaltung auf. So wird das wie schwebend wirkende gläserne Sockelgeschoss durch eine schlanke Geschossplatte aus Beton geschützt, die wie ein Vordach auskragt. Die Fassade der vier OGs mit ihren Holzständern wird durch eine Lattenkonstruktion aus heimischem Lärchenholz abgeschlossen, die einen schützenden Eisenglimmeranstrich erhalten hat. Die überlappend montierte Lattenkonstruktion belebt die äußerste Fassadenschicht durch ein zartes Relief. So entsteht ein behutsamer Gegenpol zur horizontalen Grundstruktur des Hauses mit seinen auskragenden Geschossbändern. In die gut gedämmte Fassade, die den Schweizer Minergie-Standard erfüllt, sind die großen, quadratischen Laibungen der Fensternischen tief eingeschnitten. Mit ihnen wird eine Zwischenzone definiert, die die Qualität des Übergangs zwischen Natur und Architektur besonders betont, welcher in den Bauten von Frei & Ehrensperger eine hervorgehobene Rolle spielt.
Gehobene Wertigkeit
»Wie ein Baumhaus«, so Roland Frei, fügt sich das Künzle-Heim in den dichten Baumbestand seiner Umgebung ein. Auch im Innern des Gebäudes ist dieser »Baumhauseffekt« erfahrbar. Die mächtigen Glasflächen bieten den Bewohnern ungehinderte Ausblicke in das umgebende Grün – und damit auch räumliche Orientierungspunkte. Zudem sorgen sie dafür, dass die ohne Handläufe gestalteten Flure sehr viel Tageslicht erhalten, ganz als würde es sich um innenliegende Laubengänge handeln. Ergänzt wird ›
› diese naturnahe Gestaltung durch die Terrassen, die den Geschossen zugeordnet sind, sowie durch die Materialität, auf die Frei & Ehrensperger besonderen Wert gelegt haben. Das wird gleich in der großzügigen Lobby deutlich. Sie erinnert mit dem mit Ulmenholz verkleideten Empfang, der Bar, dem Restaurant, den Sitzecken und dem Kamin an die Ausstattung eines gehobenen Hotels – und straft übliche Vorstellungen eines Seniorenwohnheims Lügen. Das rund 16 Mio. Euro teure Haus dient zudem als »Quartierdienstleistungszentrum«, von dem aus Pflegedienstleistungen für die Umgebung angeboten werden. Neben einem Fitnessraum, in dem nicht nur für die Bewohner des Heims Kurse im Seniorenturnen angeboten werden, und einem Friseur, verfügt der Bau auch über einen Andachtsraum. Es ist eine schlichte Kapelle, die durch ein Oberlicht vor der Rückwand ihre stimmungsvolle Belichtung erfährt. Doch auch die notwendigen Pflegeeinrichtungen sind vorhanden, zu denen u. a. spezielle Bäder für Pflegbedürftige gehören. Die Gesamtwirkung des Gebäudes ist jedoch keineswegs die eines Heims oder Spitals, sondern eines hochwertig ausgestatteten Boardinghauses. Während der Fußboden in den öffentlichen Bereichen aus grau-braunem Muschelkalk besteht, liegt in den 57 Wohnungen Parkett. Die Wände zu den Wohnungen sind ebenfalls mit Ulmenholz verkleidet, dazu fügen sich die tragenden Betonfertigteile der Nasszellen, die zu den Fluren hin durch die Sandstrahlbehandlung eine raue, haptische Oberfläche besitzen. In jenen Bereichen des Künzle-Heims, wo durch die Hanglage keine Ausblicke in die Landschaft möglich sind, wird diese Rolle durch die Fotografien von Guido Baselgia wahrgenommen. Die fenstergroßen Leuchtvitrinen zeigen schwarz-weiße Luftbilder, die als Berglandschaft ebenso wahrnehmbar sind wie als abstrakte Strukturen.
Gebaute Willkommensgesten
Die Eingangszonen zu den 57 Wohnungen sind durch nischenartige Rücksprünge, eine im Boden eingelassene Fußmatte sowie durch ein Oberlicht gekennzeichnet. So entsteht das Gefühl, dass man vom Flur aus nicht einfach nur ein Zimmer betritt, sondern wirklich über einen kleinen Vorraum in seine eigene Wohnung gelangt. Die farbliche Kennzeichnung der Flure ist dabei äußerst zurückhaltend. Sie beschränkt sich auf die Zimmernummern in den Eingangsnischen, die auf die Wand aufgesetzt und damit ggf. bei eingeschränkter Sehfähigkeit ertastbar sind. ›
› Die Normzimmer im Künzle-Heim messen 26 m² zuzüglich der Badzelle (4 m²) und dem Balkon (3 m²) und sind ohne Kochnische ausgeführt. Die Verpflegung erfolgt über das Restaurant. Zudem gibt es sieben Eckzimmer, die jeweils über mehr Fläche verfügen (34 bzw. 36 m²) samt Kochnische. Durch die Ausführung der Trennwände in Leichtbauweise ist es ohne Schwierigkeiten möglich, etwa für Ehepaare, mehrere Zimmer zu einer Wohneinheit zusammenzufassen, was auch bereits genutzt wird. Alle Wohnungen und Bäder sind behindertengerecht erschlossen. Das besondere an den Wohnungen ist – einmal mehr – der intensive Bezug zur Natur. Die in den Baukörper eingezogenen Balkone sind zu drei Seiten hin verglast, um lange natürliches Licht in die Wohnungen zu lassen. Zudem werden die Räume dadurch optisch aufgeweitet. Ein auberginefarbener Sonnenschutz sowie Vorhänge ermöglichen es demgegenüber die gewünschte Privatheit zu erzeugen. Bis auf einen Einbauschrank im Eingangsbereich obliegt die Möblierung den Bewohnern. Die Kosten betragen zwischen 90 und 110 Euro pro Zimmer und Tag, zuzüglich der Kosten für die Pflegleistungen. Getragen werden sie privat bzw. durch Versicherungsleistungen.
Ergänzt wird das Raumprogramm durch Aufenthalts- und Gemeinschaftsräume. Zum derzeit voll belegten Seniorenheim gehört auch eine abgeschlossene Demenz-Abteilung im ersten OG mit 15 Zimmern, die entsprechend den übrigen Zimmern gestaltet sind, und ein ebenfalls geschützter Demenz-Garten. Mit seinem geschwungenen Pflanzbeet samt Cortenstahlbrüstung und Handlauf bietet er die Möglichkeit eines Rundlaufs bei besonderem Bewegungsdrang der Bewohner.
Gemeinschaftliche Wohnkonzepte
In den Bau des Künzle-Heims eingeflossen sind die Erfahrungen, die Frei & Ehrensperger beim Haus Rabenfluh (2006/08) in Neuhausen am Rheinfall gesammelt haben eingeflossen. Bei diesem in Sichtbeton ausgeführten Altersheim findet sich eine verwandte Z-förmige Grundrissgestaltung sowie eine ähnliche Grunddisposition der Zimmer. Die Fenster- und Balkonflächen, die zu einer ausgedehnten natürlichen Belichtung der Wohnungen beitragen, sind im Haus Rabenfluh mit seinen 50 Zimmern jedoch nicht auf die Baumlandschaft der Umgebung ausgerichtet, sondern auf den Rhein, der talwärts vor dem Haus vorbeifließt. Ausgeprägter ist das Orientierungssystem im Rabenfluh: Die auf beruhigenden Grün- und Gelbtönen basierenden Glastrennwände und Tapeten hat Annelies Štrba entworfen. Zwar ist angesichts des geringeren Gesamtbudgets (12,6 Mio. Euro) die Ausstattung weniger hochwertig. Das Konzept der durch Fenster gefassten Ausblicke in die Landschaft als Erinnerungsanker für die Bewohner wurde aber auch dort umgesetzt.
Ein weiteres Projekt der Planer, das jüngst eröffnete Seniorenwohnen in Bonaduz (Graubünden) wirkt wie eine Steigerung dieses engen Landschaftsbezugs. Die Wohnungen mit Küchennische aus Lärche fügen sich zu einer gebauten Skulptur mit unterschiedlichen Fensterformaten zusammen, die wie Gemälde jeweils den Ausblick in die Berglandschaft einfassen. Mit ihrer anspruchsvollen Architektur schaffen Frei & Ehrensperger auch dort den Rahmen für jene behagliche Gastgeberschaft, mit der für die Bewohner aus einem Heim eine neue Heimat wird. •
  • Standort: Bürgerstraße 36 , CH-8200 Schaffhausen Bauherr: Hochbauamt Stadt Schaffhausen; Künzle-Heim Schaffhausen Architekten: Frei & Ehrensperger Architekten, Roland Frei, Lisa Ehrensperger, Zürich Projektteam: Roland Frei , Dirk Steinbach (Projektleiter), Doris Haller Bauleitung: Michael Wipf, Oerlingen Tragwerksplanung: WSP Ingenieurbüro, Schaffhausen Elektroplanung: Bernath Elektro, Schaffhausen HLS-Planung: 3-Plan Haustechnik, Winterthur Baugrunduntersuchung: Dr. von Moos Geotechnisches Büro, Zürich Bauphysik: BAKUS Bauphysik & Akustik, Zürich Landschaftsarchitekten: Müller Illien, Zürich Küchenplanung: Hosta, Basel BGF: 6 400 m² BRI: 19 200 m³ (gesamt) Baukosten: ca. 16 Mio. Euro. (inkl. MwSt.) Bauzeit: Juli 2008 bis Juli 2010
  • Beteiligte Firmen: Beton: Holcim, Hamburg, www.holcim.de Armierungsanschlüsse: Schöck Bauteile, Baden-Baden, www.holcim.de Fassadendämmung: swisspor, Steinhausen, www.holcim.de Fassadenmembran: Stamisol, La Tour du Pin, www.holcim.de Fassadenelemente: Sky-Frame, R&G Metallbau, www.holcim.de Fensterbänke: Eternit, Niederurnen, www.holcim.de Anstrich Holzlamellen: Caparol, Ober-Ramstadt, www.holcim.de Markisenstoffe: Dickson, Wasquehal, www.holcim.de Armaturen: KWC, Unterkulm, www.holcim.de Sanitärobjekte: Keramik Laufen, Laufen, www.holcim.de; Geberit, Pfullendorf, www.holcim.de Möblierung: Cassina, Meda, www.holcim.de; Hussl Sitzmöbel, Terfens, www.holcim.de Leuchten: Regent Lighting, Basel, www.holcim.de Teppiche: Ruckstuhl, Langenthal, www.holcim.de
1 Eingang 2 Cafeteria 3 Speisesaal 4 Küche 5 Empfang/Kiosk 6 Buchladen 7 Friseur 8 Raum der Stille 9 Verwaltung 10 Bewegungsraum 11 Zimmer 12 Bettenaufzug 13 Aufenthalt mit Küche 14 Stationszimmer
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