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Geschlossene Offenheit

Zentrum für Alterspsychiatrie in Pfäfers (CH)
Geschlossene Offenheit

Drei Innenhöfe umschließt der Neubau des Zentrums für Alterspsychiatrie, der zur Klinik St. Pirminsberg im Kanton St. Gallen gehört. Form und Fassade inszenieren ein Wechselspiel von Offenheit und Geschlossenheit, das den komplexen Anforderungen in der Behandlung von Psychiatriepatienten gerecht werden will.

    • Architekten: huggenbergerfries Tragwerksplanung: Wepf Ingenieure

  • Kritik: Karl R. Kegler Fotos: Beat Bühler, Kim Zwarts
»Ich komme wieder!« Der Satz eines Patienten ist Renaldo Kleboth im Gedächtnis geblieben. Für Kleboth, der für die Bauten der Klinik St. Pirminsberg zuständig ist, illustriert das Statement die positive Wirkung des Bauwerks. Die Wiederaufnahme und Wiederentlassung von Patienten gehört zwar zum Alltag in der Behandlung psychischer Erkrankungen, doch einige kehren besonders gerne nach Pfäfers zurück. Die dortige Klinik ist Zentrum für die stationäre Behandlung von Psychiatriepatienten im Südteil des Kantons St. Gallen. »Auch wenn wir zahlenmäßig nicht bemessen können, wie sich der Neubau auf den Therapieerfolg auswirkt, er hat zumindest keinen negativen Einfluss«, konstatiert Kleboth. Jeder individuelle Fall ist anders, auch die ›
› Dauer der Behandlung höchst unterschiedlich. Einige Patienten bleiben nur wenige Tage in einer offenen, andere verbringen Jahre auf der geschlossenen Station – manchmal sogar bis zu ihrem Lebensende, wie der Aufbahrungsraum im UG andeutet.
Anderthalb Jahrhunderte Psychiatriegeschichte und eintausend Jahre Klosterleben treffen in St. Pirminsberg aufeinander. Die im achten Jahrhundert gegründete Benediktinerabtei wurde 1847 nach Aufhebung des Klosters zur kantonalen Heilanstalt für geistig Kranke. Bauliche Erweiterungen, die dem jeweils aktuellen Kenntnisstand der Psychiatrie entsprachen, ergänzen den Baukomplex, der im Kern aus Konventsgebäuden und Kirche besteht. Der Einweihung des Neubaus im September 2010, der mit 80 Betten und vier Stationen nun den Großteil der Patienten der Klinik beherbergt, ging eine fast zehnjährige Konzeptions- und Planungsphase voraus. Nach Erarbeitung eines Pflege- und Betriebskonzepts durch die Klinikleitung fand 2004 ein offener Architektenwettbewerb statt, den das Züricher Büro huggenbergerfries für sich entscheiden konnte. Für das junge Büro, das zuvor keine Erfahrung im Krankenhausbau besaß, war der Gewinn des Wettbewerbs eine Herausforderung. »Fehlende Erfahrung ist in der Detailplanung sicher ein Nachteil, kann in einem Wettbewerb aber auch von Vorteil sein, da man unbefangener neue Möglichkeiten erkundet«, blickt Lukas Huggenberger heute auf den damaligen Erfolg zurück.
Ein endloser Rundweg
Das neue dreigeschossige Gebäude liegt am westlichen Rand des Klinikgeländes, wo sich einmal der Karpfenteich des Klosters befand. Der plastische Baukörper vermittelt geschickt zwischen den großen Volumen der Konvents- und Erweiterungsbauten und der kleinteiligen Struktur des angrenzenden Orts. Er besteht aus drei ineinandergeschobenen Flügeln, die jeweils um einen trapezförmigen Innenhof organisiert sind. Nach außen angeordnet sind Patientenzimmer und Behandlungsräume, die Erschließung der Etagen liegt innen als Rundweg um die atriumartigen Höfe. Dieser ermöglicht einen endlosen Weg ohne den Zwang, anhalten oder umkehren zu müssen – Sackgassen und Stichflure können auf desorientierte oder psychisch kranke Menschen bedrohlich wirken. Die geschosshohen Glasscheiben erlauben Blicke auf die gegenüberliegende Seite und in die anderen Ebenen. Für die Patienten ist dies ein immer wechselnder Einblick in die Innenwelt des Hauses, ähnlich wie der Blick vom Fenster auf eine Straße. Den Pflegern wiederum ist es so möglich, die Flure der ganzen Station schnell zu überblicken.
Die Pfosten der großflächigen Verglasung sowie Treppen, Handläufe und Einbauten sind aus heller Esche gefertigt, der Fußboden besteht aus einem hellgrauen geschliffenen Estrich, ansonsten dominiert die Farbe Weiß. Die helle, äußerst aufgeräumte Atmosphäre soll beruhigen, Offenheit vermitteln, Aggressionsreize vermeiden. Farben wurden nur äußerst zurückhaltend eingesetzt: In den gemeinschaftlichen Essräumen, die innen an der kurzen Seite der Höfe angeordnet sind, wurden einige Nischen und Kanten beispielsweise in Grasgrün und in einem Violett gestrichen. Dies soll die Assoziation einer Blumenwiese hervorrufen – frisches Gras und Glockenblume. Ebenso sparsam verwendete, aber kräftigere Farben finden sich in den Therapieräumen: Rot, Lila, Grün, Orange … Hier soll der stärkere Reiz anregend wirken.
Die Verwendung weiterer Farben im Sinne einer konsequenten »Farbenlehre« aber gibt es nicht, zu unterschiedlich sind die Anforderungen etwa bei depressiven oder wahnhaften Erkrankungen. Auf den Besucher wirkt die Innenwelt des Hauses stimmig und natürlich, aber sie strahlt auch eine fast klösterliche Zurückgenommenheit aus. Alle Gestaltungsmittel, die für einen psychisch Erkrankten aufreizend wirken könnten und etwas anderes als ruhige Selbstverständlichkeit ausstrahlen, sollten vermieden werden. ›
› Da die Patienten einen Großteil ihrer Zeit auf den Stationen verbringen, sind Außenräume als Erweiterung des Raumangebots wichtig. Im Norden schließt auf Bodenniveau ein großer abgeschlossener Garten an das Gebäude an. Es ist ein Teil des ehemaligen Klostergartens. Die geschlossene Station »50+« auf der dritten Etage verfügt über eine große Terrasse, die sich über einen der drei Flügel der Anlage erstreckt.
Besondere Sorgfalt galt der Planung der Patientenzimmer. Sie sind mit hellem Holzparkett ausgestattet und liegen untypischerweise längs zur Fassade, um optimale Belichtung und möglichst gleichwertige Bedingungen für die jeweils zwei Bewohner zu gewährleisten. Jedes Doppelzimmer besitzt ein großes Panoramafenster mit Ausblick in die umgebende Berglandschaft. Der Hauptraum ist im Schnitt gute 20 m2 groß, die Möblierung ist mit einem Bett, Tisch, Nachttisch und Stuhl pro Patient nicht ausufernd. In einem Vorraum befinden sich Einbauschränke und der Zugang zum Bad. Dieses ist nicht gefliest, sondern mit einem wasserdichten Kunststoffmaterial gestrichen. Behindertengerechtigkeit und Barrierefreiheit waren bei der Einrichtung oberstes Gebot. Alle Details sind so entworfen, dass nirgends eine Schlinge befestigt werden kann, um Suizidpatienten nicht zu gefährden.
Geflochtene Ziegel
Eine Besonderheit des Baus ist die Fassade: huggenbergerfries suchten ein Material, das zwischen den traditionellen Holzschindeln im Ort und den hell verputzten Bauten des Klosters vermittelt. Die Lösung stellt ein speziell entwickelter hellbeiger Backstein mit leicht angewinkelten Kanten dar. Der Ziegelverband aus einem kurzen und einem langen Element erzeugt eine Textur, die an Flechtwerk erinnert. Dieses Geflecht wird im Stockwerksabstand durch wuchtige horizontale Attiken aus Betonbändern und durch »Rollschichten« aus den gleichen, hier stehend versetzten Ziegeln optisch verbunden. Die Gliederung betont das Horizontale. Obwohl dies formal eher untypisch für den Ort und für die historische Klosteranlage ist, führt der mehrfach abgewinkelte Grundriss und die zurückhaltende Höhe dazu, dass sich das Gebäude gut in den Kontext einfügt. Ziegeltextur und Attika wurden als »Platten« vorgefertigt und als Großbauteile vor Ort montiert. Für die nötige Stabilität zwischen der zunächst konventionell aufgemauerten Ziegelfüllung und den Gurtelementen aus Beton sorgen Stahl-Armierungen, die im dafür vorgesehenen Loch des Ziegels verlaufen.
Das Fassadensystem ist auch Grundlage für eine weitere bauspezifische Lösung. Die Planer wollten den Patienten ermöglichen, Fenster zu öffnen, ohne dass die dann notwendigen geschosshohen Sicherungen wie ein Gefängnis wirken. In den Patientenzimmern sind deshalb rechts und links neben der festen, fast raumhohen Verglasung Fensterflügel vorhanden, die nach innen geöffnet werden können. Nach außen sind diese Öffnungen durch die vorgehängten Fassadenelemente gesichert, die hier aus auf Lücke gemauerten Backsteinen bestehen – die kürzeren Steine im Verband wurden in diesem »Gitter« weggelassen. Die Armierungseisen im Innern der Konstruktion gewährleisten, dass kein Stein aus dem Verband herausgeschlagen werden kann.
Wärme aus dem Berg
Die Gründung des Gebäudes im Bereich des ehemaligen Klosterteichs erforderte besonderen Aufwand. 120 Mikropfähle (Durchmesser zwischen ca. 8 und 25 cm) sichern das Fundament. An anderer Stelle wiederum mussten anstehende Felsrücken weggesprengt werden.
90 % der Wärmeenergie wird aus 20 Erdsonden, die jeweils 135 m tief sind, gewonnen – seit dem Mittelalter ist Pfäfers für seine Thermalquellen bekannt. Tiefere Bohrungen wurden nicht zugelassen, um den unterirdischen Strom der Heilquelle nicht zu gefährden. Aus dem gleichen Grund sind die Erdsonden als geschlossenes System ausgebildet. Die übrigen 10 % Wärme kommen per Fernwärmeleitung aus der nahen Heizzentrale, welche die übrigen Bauten der Klinik versorgt. Mit Dreifachverglasung, einer 24 cm Dämmschicht aus Steinwolle, künstlicher Belüftung und Wärmerückgewinnung aus der Abluft erfüllt das Haus die Vorgaben des Schweizer Minergie-Standards.
Das psychiatrische Krankenhaus besitzt im kleinen Ort Pfäfers nicht nur als wichtigster lokaler Arbeitgeber hohe Akzeptanz. Zum Schweizer System von Demokratie gehört, dass jedes Bauvorhaben, dessen öffentliche Finanzierung eine bestimmte Summe übersteigt, vom Kantonsparlament und direkt von den Bürgern beschlossen werden muss. Dies war auch hier der Fall und erforderte besonderen Aufwand, doch genießen Projekte, über die auf diese Weise abgestimmt wurde, auch breiten Konsens, so auch der Neubau der Klinik. In Deutschland würde man sich bei öffentlichen Bauvorhaben oft eine ähnliche Konsensbildung wünschen. •
    • Standort: Klinik St. Pirminsberg, CH-7312 Pfäfers Bauherr: Hochbauamt des Kantons St. Gallen Architekten: huggenbergerfries Architekten AG ETH SIA BSA, Zürich Mitarbeiter: Carlo Zürcher (Projektleitung), Daniela Ziltener, Stephan Isler, Beata Kunert, Peter Reichenbach, Pierre Schild, Agnes Lörincz, Sabine Albrecht, Bettina Scheid Bauleitung: Walter Dietsche Baumanagement, Chur Tragwerksplanung: Wepf Ingenieure, St. Gallen HLKK: A-Z Planung, Diepoldsau Elektroplanung: Marquart, Buchs SG Bauphysik: Stadlin Bautechnologie, Buchs Sanitär: Kempter + Partner, St. Gallen Kunst am Bau: Jan Käser, St. Gallen Landschaftsarchitektur: koepflipartner, Landschaftsarchitekten BSLA, Luzern MSRL: Boxler MSRL, Jona BGF: 8 062 m² BRI: 28 740 m3 Primärenergiebedarf: 55,6 kWh/m2a, Heizwärmebedarf: 118 MJ/m2a Baukosten: 28,54 Mio. Euro Bauzeit: März 2008 bis September 2010
    • Beteiligte Firmen: Klinkerfassade: Keller Ziegeleien, Pfungen, www.keller-ziegeleien.ch Fenster Klinkerfassade: Huber Fenster, Zürich, www.keller-ziegeleien.ch Fenster Innenhof: Schär Wil Fensterbau, Wil, www.keller-ziegeleien.ch Holzbekleidung Erschließung: Jegen, Effretikon, www.keller-ziegeleien.ch Innenausbau Zimmer: Creatop, Uznach, www.keller-ziegeleien.ch

Pfäfers (CH) (S. 18)
huggenbergerfries
Lukas Huggenberger
1972 geboren. 1993-99 Architekturstudium an der ETH Zürich und an der Columbia University, New York. 1995-99 Mitarbeit bei Herzog & de Meuron und Buol & Zünd Architekten, Basel. Seit 2000 gemeinsames Architekturbüro mit Adrian Berger. 2005-07 Gastdozentur an der ETH Zürich, 2008 Assistenz an der Sommerakademie Salzburg.
Adrian Berger
1972 geboren. 1988-92 Hochbauzeichner-Lehre, anschließend Berufstätigkeit. 1992-94 Fernlehrgang Bauökologie/Baubiologie, 1996-98 Weiterbildung als Fachhörer Architektur an der ETH Zürich. 1996-99 Mitarbeit bei Frank & Pries, Oberlunkhofen (CH). Seit 2000 gemeinsames Büro mit Lukas Huggenberger. 2008 Assistenz an der Sommerakademie Salzburg.
Erika Fries
1967 geboren. 1989-96 Architekturstudium an der ETH Zürich und der Harvard University. 1996-99 Mitarbeit bei Brunner & Vollenweider Architekten, Zürich, und Buol & Zünd Architekten, Basel. 1999-2003 Assistenz an der ETH Zürich. Seit 1999 Zusammenarbeit mit Lukas Huggenberger und Adrian Berger, seit 2008 als huggenbergerfries. Seit 2010 Lehrauftrag an der Hochschule für Technik, Zürich.
Karl R. Kegler
geboren 1968. Studium der Architektur, Philosophie und Geschichte in Köln und Aachen. Promotion zur Geschichte der Raumplanung. Forschung, Lehre und Projektmanagement an der RWTH Aachen und der FH Aachen. Daneben als Autor, Herausgeber und Gutachter tätig. Seit 2011 Oberassistent an der ETH Zürich.
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