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Fachhochschule Sihlhof, Zürich

Vom Reiz der Zwänge
Fachhochschule Sihlhof, Zürich

In der Fachhochschule Sihlhof kamen einige Faktoren zusammen, die sich zunächst wie Widerstände lasen: für mehrere Nutzer ein öffentliches Gebäude auf einem Grundstück unter hohem Verwertungsdruck zu errichten, eine Raumfigur für ein Haus zu finden, das auf eine Nachbarbebauung unterschiedlicher Höhe reagieren muss. Dieses Konglomerat an Bedingungen haben die Architekten zu einem Objekt zusammengeführt, dem es als komplexe Einheit gelingt, allen Ansprüchen gerecht zu werden.

In the design of the technical university Sihlhof several factors came together which posed difficulties: to erect a public building for several users on a site which stood under high pressure of utilization, and to realize a form which could take up the various heigths of neighbouring development. This conglomeration of conditions led the architects to a solution which as a complex unity satisfies all demands.

Text: Christian Holl
Fotos: Walter Mair

Für den Bauherrn, den Kaufmännischen Verband Schweiz, war das< Grundstück an der Südwestseite des Bahnhof ein Glücksfall – ein Grundstück mitten in der Stadt für eine Fachhochschule, an der in berufsbegleitenden Kursen wirtschaftswissenschaftliche Diplomstudiengänge angeboten werden. Doch so wunderbar die Parzelle auch war (bisher von temporären Nutzungen der benachbarten Post belegt), für die vorgesehene Nutzung war das Grundstück zu groß. Oder sagen wir lieber, dem Bauherrn Gerechtigkeit widerfahren lassend: Ein darauf errichtetes Gebäude wäre ein wirtschaftliches nur, wenn es den Gesetzen des Marktes folgt und das Grundstück seinem Wert entsprechend füllt. Soviel Raum, wie es dann anbietet, braucht die Hochschule für Wirtschaft Zürich HWZ allerdings nicht. Also hat man nach Partnern gesucht, die mit einziehen wollten. Gefunden hat man die Pädagogische Hochschule Zürich, die hier ihren Fachbereich Sprachen ansiedelte, und das Schweizerische Institut für Betriebsökonomie, das Forschungs- und Weiterbildungszentrum der HWZ.
Außenraum Diese Ausgangslage war ein Glücksfall für die Architektur. Denn ohne die komplizierte Aufgabe, eine öffentliche Architektur für die dichte Bebauung mit verschiedenen Nutzern zu finden, hätte der Bauherr keinen Wettbewerb ausgelobt. Hat er aber, und gab dabei dem Nachwuchs eine Chance: Unter den zehn eingeladenen Büros waren fünf junge. Das Ergebnis ist außerordentlich. Es geht auf eine Weise mit dem Thema der dichten Stadt um, die aus den Forderungen des Kontextes und der Funktion eine Architektur entwickelt, die diese differierenden Forderungen gerade deshalb erfüllen kann, weil es nicht den Anspruch der Kohärenz zwischen Form und Inhalt, Innen und Außen aufstellt.
Von außen ist die Doppelfachhochschule als solche nicht erkennbar, sieht man vom Schriftzug auf dem großen Betonschild über dem Eingang ab. Von außen prägt sie eine Fassade, die aus mit Jurakalk und gelbem Zement hergestellten, geschliffenen Betonfertigteilelementen und großen Fenstern einheitlicher Höhe aufgebaut wird. Die gelbe Farbe nimmt Bezug auf andere Bauten des Quartiers, so auch auf das gegenüberliegende Postgebäude aus den 20er Jahren, das ebenfalls von Jurakalk geprägt wird.
Der erste Eindruck einer Rasterfassade bestätigt sich nicht: Die breiten Pfeiler zwischen den Fenstern liegen nicht immer übereinander. Je nach Innenraum wurde entweder das Element mit einem oder zwei Öffnungsflügeln in die Fassade eingesetzt, im hinterlüfteten Scheibenzwischenraum liegt der Sonnenschutz. Die Kubatur scheint einem Zoning Law geschuldet und ist tatsächlich das Ergebnis einer auf optimale Grundstücksausnutzung und Raumbelichtung gezielten Form.
Dabei reagiert das Gebäude in seinem aus zweigeschossigen, gestaffelten Schichten aufgebauten, skulpturalen Charakter auf die Nachbarbebauung, nimmt die Traufhöhen auf, akzentuiert die Grundstückdimension. Die ruhige Selbstverständlichkeit der Fassade reflektiert die Lage an einer Straße, die zum Rückgrat eines neuen Quartiers ausgebaut werden soll. Der räumliche Aufbau lässt die Tiefe des Grundstücks erfahren, der Straßenraum ist nicht zwischen Prospekten eingezwängt.
Innenraum Mehr als eine Andeutung der Überraschung, mit der das Haus im Innern aufwartet, ist das allerdings nicht. Nachdem man durch den niedrigen Eingang eingetreten ist, öffnet sich der Raum in die Höhe. Zwei in der Vertikalen gegeneinander versetzte Hallen werden von zwei Treppenhäusern flankiert, von Gängen umgeben und im fünften Geschoss von einem Flur durchschnitten. Die Hallen sind dabei jeweils Teil einer der beiden Schulen, die in der Vertikalen übereinander gestapelt sind: die PH unten, die HZW und das Institut oben. So wird auch das eine Treppenhaus der einen, das andere der zweiten Halle zugeordnet. Lediglich der große Vorlesungssaal, der als Körper aus Beton über dem Eingang nach außen in Erscheinung tritt, ist der von beiden Schulen genutzte Raum am Schnittpunkt zwischen oben und unten, zwischen rechtem und linkem Treppenhaus.
Die eine Halle reicht vom Erdgeschoss zum dritten, die zweite vom dritten bis zum letzten, dem siebten Geschoss. Ausblicke von Fluren, Aufenthaltsflächen oder durch Atriumfenster ergeben spannende Perspektiven auf die vom Sichtbeton geprägte Raumstruktur. Die Überraschungen werden dadurch gesteigert, dass die Flure nur teilweise zum Atrium geöffnet sind. So ergibt sich ein Wechselspiel des Innen und Außen, indem die Perspektive wechselt: Im einen Fall blickt man, dort, wo sich die Flure ganz der Halle öffnen, vom Atrium in das Innenleben der Schule, dann wieder auf einen eigenen Raumkörper mit Fenstern, der den Blick in der Möglichkeit, von jemandem hinter den Fenstern gesehen zu werden, zurückspiegelt – und verlockt zur Erkundung, die einen selbst an den Ort hinter den Fenstern führt. Dass diese Konzeption unter der Forderung nach Brandabschnitten entwickelt wurde, tut der Qualität keinen Abbruch; das ganze Gebäude ist erst so entstanden, dass die Zwänge zu Qualitäten umgewertet wurden. Die Komplexität der dreidimensionalen Beziehungen zwischen Offenem und Geschlossenem, Fluren, Hallen und Lufträumen lässt sich so nur in der Bewegung im Gebäude erfahren. Weg, Nutzer, Blicke, Raum und Licht verschränken sich zu einem Ganzen, das sich nie ganz enthüllt.
Im Dienst des Ganzen Dabei ist auch das Tragwerk ein Teil des Gesamten, das nicht dem Architektonischen unter Verleugnung der eigenen Ansprüche dient, aber auch nicht als Architektur Prägendes dem Raum seine Gesetze diktiert. Statisch wirksame Wände (die Außenwände und Flurwände sowie einzelne wenige Wände zwischen den Seminarräumen) werden orthogonal zueinander mit den Decken zu einem System verbunden, das die Freiheit eröffnet, dass die Wände nicht übereinander liegen müssen.
Zu dieser Komplexität tritt als weiteres Element noch die Ebene der unterschiedlichen Zeitschichten, in denen das Gebäude genutzt wird, hinzu: Wird im unteren Teil der Fachhochschule das Haus tagsüber genutzt, so belebt es sich im oberen Teil der Schule der HZW in den Abendstunden.
Dieser Vielfalt von Raum, Nutzung, Bewegung und wird das Material dienlich gemacht, das in seinen farblichen und texturellen Eigenschaften belassen, sich nicht in den Vordergrund drängt und so dem Raum die Hauptrolle belässt. Neben dem Sichtbeton ist als Fußbodenbelag in den Hallen venezianischer Trachit, ähnlich zurückhaltend wie jener, dabei die Atmosphäre öffentlichen Raumes vermittelnd, gewählt. Die Holzelemente sind alle im gleichen Ton gebeizt, die weißen Seminarräume mit einem dunklen Linoleum- beziehungsweise Teppichboden versehen.
Das Fügen der einzelnen Parameter zu einer komplexen Homogenität, das Gegenbild zur additiven Sequenzierung entspricht die Behandlung der technischen Anforderungen und der Umgang mit den technischen Installationen. Sie werden nicht als etwas Separates ablesbar gemacht, sondern werden zu raumwirksamen Elementen. Die Verkleidung der Elektroleitungen und Heizkörper ist so gestaltet, dass Sie das Fensterbrett vor der niedrigen Brüstung zu einem Sockel erweitert, auf den man sich setzen kann. Über ihn soll man dann auch auf die Dachterrassen der verschiedenen Ebenen (mit Ausnahme der obersten) gelangen können. Noch allerdings sind sie kaum zugänglich; das soll sich in diesem Sommer ändern. Dann verweben sich Außen- und Innenraum, Raum, Höhe und Körper, der Bezug zur Stadt und seine sinnliche und räumliche Erfahrbarkeit vollständig miteinander.
ch
Fachhochschule in Zürich Bauherr: SVK Immobilien AG der KV Schweiz Architekten: Giuliani Hönger, Zürich Projektleiter: Lorenzo Giuliani, Christian Hönger, Marcel Santer Mitarbeiter: Adrian Langhart, Rico Wasescha, Tobir Pataky, Andreas Derrer, Roger Naegeli, Nilufar Kahnemouyi Tragwerk: Dr. Lüchsinger und Meyer, Bauingenieure, Zürich Haustechnik: Schwengeler Enercon GmbH, Winterthur Lichtplanung: Vogt & Partner, Winterthur Bruttogeschossfläche: 12750 m2 Bruttorauminhalt: 54000 m3 Kosten Bauwerk, Technische Anlagen und Außenanlagen: etwa 21 550 000 Euro
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