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Dreidimensionaler Hintergrund

Kindergarten mit zwei Sprachsektionen in Brixen, Südtirol (I)
Dreidimensionaler Hintergrund

Der städtische Kindergarten »Rosslauf« in der Südtiroler Gemeinde Brixen präsentiert sich als bereitwilliger Rahmen für alle nur denkbaren Aktivitäten. Klare Formen und der sparsame Einsatz von Materialien machen ihn für Kleinkinder übersichtlich und durchschaubar. Nach behördlichen Vorgaben gibt es zwischen italienisch und deutsch sprechenden Kindern allerdings kaum Berührungspunkte.

    • Architekten: Keller Architekten
      Tragwerksplanung: Wolfgang Plattner

  • Kritik: Roland Pawlitschko
    Fotos: Frank Aussieker
Zahlreiche vielbeachtete Neubauten haben die Südtiroler Architekturszene in den vergangenen Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Als eine der Ursachen hierfür gilt die Etablierung eines offenen Wettbewerbswesens, das nicht nur zu anspruchsvollen Resultaten, sondern auch zu einer belebenden Internationalisierung geführt hat. Im Vergleich zu dieser Weltoffenheit wirken die politischen Strukturen in der »Autonomen Provinz Bozen« relativ antiquiert. Noch immer gibt es unüberwindbare Barrieren und Konflikte zwischen italienischen und deutschen bzw. ladinischen Sprachgruppen. Und noch immer fordern Splitterparteien politische Unabhängigkeit und »Freiheit für Südtirol«. Nun lässt sich dieses Konfliktpotenzial keineswegs mit jenem von Nordirland oder dem Baskenland vergleichen, bei näherer Betrachtung ist die Trennung von italienischen und deutschen Strukturen im Alltag dennoch deutlich sichtbar. Vor allem, wenn es um das Bildungswesen geht. Schulen wie auch Kindergärten sind nämlich nicht nur organisatorisch und räumlich, sondern in den allermeisten Fällen auch baulich strikt voneinander getrennt. Eine Ausnahme bildet der im Herbst 2007 eröffnete städtische Kindergarten »Rosslauf« in Brixen. Anders als in weiteren elf deutsch- und zwei italienischsprachigen städtischen Einrichtungen gibt es dort Kindergartengruppen beider Sprachen.
Geplant wurde der Kindergarten vom Stuttgarter Architekten Thomas Keller mit seinem damaligen Büro Peters + Keller auf der Grundlage eines im Jahr 2000 gewonnenen Wettbewerbs, der zugleich auch den Bau eines pädagogischen Gymnasiums vorsah. Als städtebauliches Ensemble befinden sich beide Gebäude in einem heterogenen Wohngebiet im Norden der mit rund 20 000 Einwohnern nach Bozen und Meran drittgrößten Stadt Südtirols. Der dreigeschossige Baukörper des Schulhauses orientiert sich dabei U-förmig mit einer Art Ehrenhof zum nördlich anschließenden Kindergarten mit einer italienischen und drei deutschsprachigen Gruppen mit jeweils 25 Kindern. Bei beiden Gebäuden handelt es sich um sehr übersichtliche und klar strukturierte orthogonale Stahlbetonbauten, die sich am deutlichsten in der Ausbildung der vorgehängten Gebäudehüllen unterscheiden. Während die Schule mit ihrer eher kühlen Aluminiumfassade gestalterisch an Universitätsbauten erinnert, präsentiert sich der Kindergarten von allen Seiten in den warmen Farbtönen unbehandelter Lärchenholzlamellen.
Italienische und deutsche »Sektion«
Von außen erscheint der zweigeschossige Kindergarten mit seinen fünf, nach Süden kammartig gereihten »Einzelhäusern« als abgeschlossene in sich ruhende Einheit. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Blick auf die Grundrissorganisation, die im Wesentlichen durch drei langgestreckte Raumschichten charakterisiert wird: eine nördliche Spange mit Nebenräumen (Technik, Diensträume, Küche, Aufzug), großzügige, über Treppen an beiden Enden verknüpfte Spielflure sowie vier identische Gruppenräume nebst zweigeschossigem Mehrzweckraum im Erdgeschoss bzw. vier etwas kleinere, ebenfalls identische Ruhe- und Bewegungsräume im Obergeschoss. Nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist die vertikale Trennung zwischen italienischem und deutschem Bereich. So befinden sich Gruppen- und Diensträume – wie auch der separate Eingang – der »italienischen Sektion« (Scuola Infanzia Rosslauf) ausschließlich im Einzelhaus am äußersten westlichen Rand des Kindergartens. Alle anderen Flächen zählen zur »deutschen Sektion«. Gemeinsam bespielt werden Mehrzweckraum, Küche, Haustechnik, Garten und die Dachterrasse über der nördlichen Nebenraumspange. Damit entspricht der Kindergarten den Vorgaben des Wettbewerbsprogramms, das nach einer vollständigen räumlichen Trennung der beiden Sprachbereiche verlangte. Um dieser Forderung zu genügen ohne den Kindergarten auf unsinnige Weise zu zerschneiden, beinhaltete das Entwurfskonzept von Thomas Keller – letztlich nicht ausgeführte – Glastrennwände im unteren und oberen Flur.
pädagogisches Konzept
Nachdem Jacken und Straßenschuhe an den Garderobennischen in den kurzen Stichfluren zum Garten abgelegt wurden, beginnt der Kindergartentag der deutschen Kindergartensektion gegen acht Uhr mit einer zweistündigen Freispielzeit. Das pädagogische Konzept basiert dabei auf einem »offenen System«. Das heißt die Kinder zwischen drei und sechs Jahren sind zwar im Prinzip einem festen Gruppenraum zugeordnet, in dem beispielsweise gemeinsam zu Mittag gegessen wird. Die meiste Zeit können sie jedoch selbst bestimmen, in welchen Räumen sie sich aufhalten und welcher Aktivität der zehn Erzieherinnen sie folgen möchten. Neben dem Mehrzweckraum und den drei Gruppenräumen, die in der Freispielzeit als Kreativraum, Spielzimmer bzw. Bauraum fungieren, stehen hierzu ein Montessoriraum, eine Kinderwohnung mit maßstäblich verkleinerter Küche sowie ein Ruheraum im Obergeschoss zur Verfügung. Nach der Freispielzeit teilen sich die Kinder in Kleingruppen auf, um für kurze Zeit an konzentrierten Programmen teilzunehmen. In regelmäßigen Abständen werden dabei immer wieder neue pädagogische Konzepte von Studenten der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen erprobt, für die die Einrichtung als Praxiskindergarten fungiert. Vor und nach dem gemeinsamen Mittagessen haben die Kinder schließlich die Gelegenheit, auf der Dachterrasse oder im Garten zu spielen.
Die Gruppenräume sind als neutrale Funktionseinheiten mit unmittelbar angeschlossenen Sanitärräumen angelegt und werden als dreidimensionaler Hintergrund für die Kreativität der Kinder verstanden. Deren ebenso einfache wie kostengünstige Ausführung mit Linoleumböden bzw. weiß gestrichenen Wänden und Decken hat sich im Alltag durchaus als geeignet erwiesen (aus Kostengründen wurde die analog zur Außenfassade geplante Verkleidung aller Oberflächen mit Lamellenparkett gestrichen). Erstens, weil sämtliches, gerade nicht benötigtes Spielmaterial in den direkt zugeordneten Abstellräumen verstaut werden kann, Boden und Wände also tatsächlich voll und ganz im Fokus der jeweiligen Aktivitäten stehen. Zweitens, weil die Räume durch unterschiedliche Raumhöhen und eine ausgezeichnete natürliche Belichtung reichlich Entfaltungsmöglichkeiten und Anregungen bieten, ohne sich selbst in manierierter Verspieltheit in Szene setzen zu müssen.
Beim Blick in den Bereich unmittelbar vor der sechs Meter hohen Südfassade wirft die Zweigeschossigkeit dennoch Fragen auf. Schließlich sind akustische Bezüge zu den Ruhe- und Bewegungsräumen im Obergeschoss (deren Ausstattung exakt jener der Gruppenräume entspricht) ausdrücklich unerwünscht. Zusätzlich zur Außenfassade wurde dadurch ein weiterer Raumabschluss notwendig, der als rahmenlose Festverglasung ausgeführt wurde und damit zwar zur Belichtung, nicht aber zum direkten Kontakt in den Gruppen- bzw. Außenraum oder zur Belüftung geeignet ist. Die Frischluftzufuhr erfolgt über Oberlichter und – wie auch im Erdgeschoss – über jeweils zwei seitliche Lüftungstüren, die den Kindern einen unerwarteten Einblick in die Holzlamellenfassade geben und zur nächtlichen Auskühlung auch geöffnet bleiben könnten. Von dieser Möglichkeit musste bisher allerdings kaum Gebrauch gemacht werden, weil der Dachüberstand und die vollflächige Verschattungsmöglichkeit durch Jalousien eine sommerliche Überhitzung erfolgreich verhindern. Die passive Solarnutzung führt überdies zu niedrigen Wärmeenergieverbräuchen, die mit dem Anschluss an ein Fernwärmenetz gedeckt werden.
Bauliche Integration
Die klare Grundrissstruktur und die zurückhaltende, aber gestalterisch präzise Ausformulierung von Flächen, Kubaturen mit nur wenigen verschiedenen Materialien führen zu einem übersichtlichen und von Kleinkindern schnell durchschaubaren Bauwerk, das sich zudem über die durch zwei Treppen verknüpften Flure sowie zahlreiche Zugänge zu Dachterrasse und Garten als bereitwilliger Rahmen aller denkbaren Aktivitäten präsentiert. Allerdings gilt dies nur für den Bereich der »deutschen Sektion«. Für die Kinder der »italienischen Sektion« sieht der Kindergartenalltag weitaus weniger anregend aus, weil die beiden Bereiche tatsächlich strikt getrennt betrieben werden und es eigenartigerweise keinerlei integrative Ansätze oder Durchmischungen der Gruppen gibt. Wie im Wettbewerbsprogramm gefordert, hat Thomas Kellers Entwurf diesen getrennten Betrieb möglich gemacht. Allerdings hat er sich nicht darauf eingelassen, dies auch noch baulich sichtbar zumachen. Im Gegenteil. Seine vereinheitlichende Form hat zu einer visuellen Zusammengehörigkeit der Sektionen geführt, die angesichts der absurden Separierung ein integriertes Konzept für beide Sprachgruppen geradezu herausfordert. Die Chancen für ein Umdenken der hierfür verantwortlichen Behörden stehen gut. Schließlich finden Projekte wie die während der langen Sommerferien angebotenen zweisprachigen »Sommerkindergärten« bei der Bevölkerung großen Zuspruch. •
  • Bauherr: Autonome Provinz Bozen – Südtirol (I) Projektsteuerung : Günther Rauch, Auer (Planungsphase); Marialaura Lorenzini, Aut. Provinz Bozen (Ausführungsphase) Planung: Peters + Keller . Architekten, Stuttgart, (seit 2006: Keller . Architekten), Thomas Keller (Entwurf, Planung, Projektleitung). Michael Peters Mitarbeiter: Andreas Mangelsdorf, Michael Pracht, Tilman Schalk, Steffen Sontheimer Bauleitung, Brandschutzplanung: Hansjörg Plattner, Bozen Tragwerksplanung, Sicherheit: Wolfgang Plattner, Bozen Fassadenplanung: Leonhardt, Andrä und Partner, Stuttgart HLS-Planung: Erwin Mumelter, Bozen Elektroplanung: Studio I.M. Meinhard von Lutz, Klausen Einrichtung: Raimund Gross, Bozen Bauphysik: Kurz und Fischer, Winnenden Akustik: Christina Niederstätter, Unterinn/Ritten Kunst am Bau: Julia Bornefeld, Bruneck Bruttogrundfläche: 1650 m² ; BRI: 6150 m³ Baukosten : 4,3 Mio. Euro (Kindergarten), 21,7 Mio. Euro (Gymnasium) Wettbewerb: 1999 , 1. Preis Bauzeit: November 2005 bis August 2007
  • Beteiligte Firmen: Rohbau und Ausbau: ZH General Construction Company AG, Sand in Taufers , www.z-h.it HLS-Anlagen: Bettiol S.r.l., Villorba, www.z-h.it Elektroanlage: Gaetano Paolin S.p.a., Padova, www.z-h.it Fassadenarbeiten: Officine Tosoni Lino S.p.a. – Kaser GmbH, Villafranca Einrichtung: Pedacta GmbH – Höller KG, Lana, www.z-h.it; Archplay KG, Algund , www.z-h.it AV- Anlage: Dolomit Electronic, Brixen
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