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Der Berg soll zum Haus werden

Salewa Headquarters in Bozen (I)
Der Berg soll zum Haus werden

»Alles für die Berge«, lautet der Slogan von Salewa, einem der europäischen Marktführer für technische Alpin-Bekleidung. So gesehen passt das markante Gebäude am Stadtrand von Bozen perfekt zur Philosophie des Unternehmens. Es verpackt die widerstreitenden Kräfte von Stadt und Berg, Fortschritt und Tradi- tion, Technik und Natur, Individualisierung und Gemeinschaft in einer gemeinsamen Hülle, versöhnt die Heimat mit dem global player, die Arbeit mit dem Wohnen und der Freizeit. Das neue Headquarter ist ein »Drahtseilakt mit Gipfelglück«!

    • Architekten: Cino Zucchi Architetti und Park Associati
      Tragwerksplanung: Kauer & Kauer Ingenieure

  • Kritik: Peter Volgger
    Fotos: Andrea Martiradonna, Cino Zucchi
Das Headquarter der Firma Salewa ist ein Projekt der beiden Mailänder Architekturbüros Cino Zucchi Architetti und Park Associati. Direkt an der Autobahnausfahrt gelegen, markiert es eine Torsituation zwischen dem Stadtrandgebiet und den Obstplantagen im Süden von Bozen, als Landmark führt es in die Bergwelt der Dolomiten und als sichtbares Zeichen in die Markenwelt der Firma. »Eine Marke braucht starke Signale und mit diesem architektonisch besonderen Bau können wir an der Autobahn 22 Mio. Durchreisende pro Jahr erreichen«, schwärmt Salewa-Chef und Bauherr Heiner Oberrauch. Architektur als Werkzeug, das Berg, Firmenimage und Gebäude miteinander verzahnt.
Der Bauherr bringt es auf den Punkt: »Das Gebäude ist ein Bergkristall!« Sofort entsteht der Eindruck, vor den expressiven und dynamisch geschnittenen Baukörpern wie vor einem »Bergmassiv« zu stehen. Die Bürotürme werden geschickt mit den horizontalen Ausstellungs- und Lagerbereichen sowie der Kletterhalle ausbalanciert. Die geschlossene Oberfläche im Süden besteht aus einer perforierten und mit dem Licht changierenden Aluminiumhaut in drei Grautönen, die zusammen mit den Glasflächen in Anspielung auf die umliegende Bergwelt Farbtöne von grau bis hellblau erzeugt. Nordseitig gibt das Gebäude dank der großzügigen Verglasung den Blick auf die umliegenden Berge frei. Man spürt, der Bau will erkundet werden.
»Basecamp der Emotionen«
Bereits am Eingang stößt man auf das alles bestimmende Thema: die Berge. Vom Parkplatz kommend empfängt Mitarbeiter und Besucher der »Salewa-Cube«, eine Kletterhalle mit 2000 m² Bolderwänden und über 90 Kletterrouten für bis zu 250 Kletterer. Durch ein riesiges Tor lässt sich die Verglasung der Halle absenken, sodass man stets in frischer Luft kraxelt. Folgerichtig nennt man das frei stehende Bistro mit Blick auf die Kletterhalle auch »Biwac«. Der »Cube« fungiert als zentrales Scharnier zwischen »Natur« und »Architektur«. Hier wird das »urban climbing« als Lifestyle zelebriert. Für ein Unternehmen, das Produkte aus dem Bereich Bergsport und Sport verkauft, ist es natürlich wichtig, eine aktive Lebensform vorzuleben. Dabei geht es um keine nostalgische Haltung, sondern um ein radikal modernes Verständnis. Die künstlichen Landschaften der Kletterwände sind in gewisser Weise komfortabler als ihre natürlichen Vorbilder und sie definieren einen sozialen Ort. Das Verhältnis zwischen öffentlichem und privatem Raum wird bei Salewa neu verhandelt und durch gezielte Ereignisstrukturen aktiviert. Mit den öffentlichen Räumen Cube und Biwac – ergänzt durch eine für alle zugängliche Parkanlage, einen Kinderhort auch für benachbarte Betriebe und einen Versammlungsraum, in dem Meetings, Events oder internationale Treffen abgehalten werden, der gleichzeitig auch von Partnern oder Verbänden in Südtirol genutzt werden kann, verbindet das Unternehmen die gewerbliche Nutzung mit dem Freizeitangebot und sozialem Engagement für Mitarbeiter, Gäste, Anwohner und einer breiten Öffentlichkeit. Nach Arbeitsschluss können Mitarbeiter im Fitness-Studio im sechsten Stock trainieren, und in der Betriebsmensa wird eine bewusste Ernährung mit regionalen Lebensmitteln promotet.
Die Nominierung auf der diesjährigen Biennale von Venedig in der Kategorie »Work-in-progress« verdeutlicht die Bedeutung des Headquarters für die richtungsweisende Umsetzung der Räume für die Arbeit von morgen.
Das Zentrum der räumlichen Szenografie für eine, »mit allen Sinnen erlebbare Markenwelt« bildet die sogenannte Salewa-World. Als sich ständig verändernde Kommunikations-Plattform ist sie der zentrale Verkaufspunkt, der für das Gesamtkonzept der Unternehmensgruppe steht. Salewa ist ein Bergsportunternehmen und deshalb liegen der Marke die Anliegen und Bedürfnisse der Alpinisten und Kletterer besonders am Herzen. Wie in der Firmenphilosophie verankert, will das Unternehmen seinem Credo, als Verbindungsknoten zwischen sich selbst und der Umwelt zu fungieren, gerecht werden und aktive Lebensformen vorleben. Zum Selbstverständnis zählen Qualität und Stil in allem, was die Marke sichtbar, hörbar, fühlbar – kurz: erlebbar macht.
Heiner Oberrauch erklärt: »Hier arbeiten wir, hier leben wir. In unserem Headquarter fühlen wir uns wie zu Hause.« Atmosphäre und Emotionalität spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Headquarter erzeugt als »Basecamp der Emotionen« ein ausgeprägtes Community-Gefühl, jeder im Haus teilt die Leidenschaft für die Berge. Die Mitarbeiter bilden eine starke Seilschaft, sie können am wöchentlichen Skitouren-Abend ebenso teilnehmen wie an außergewöhnlichen FirmenExpeditionen.
In jeder Hinsicht ein gutes Klima
Die Büroräume für die 160 Mitarbeiter des internationalen Marketing und der Verwaltung sind im Gebäude ebenso untergebracht wie ein eigenes Forschungszentrum zur Produktentwicklung und ein voll automatisiertes Lagersystem. Die flachen Hierarchien im Unternehmen spiegeln sich in der Anordnung der Büros, die zwar akustisch getrennt sind, optisch aber mit großzügigen Ganzglastrennwänden miteinander kommunizieren. Zudem gibt es gestalterisch akzentuierte Zonen für die Arbeit in Gruppen. Die Büros der Geschäftsführung unterscheiden sich in der Gestaltung nicht von jenen der Mitarbeiter, und ohne besonderen Hinweis findet man selbst das Büro des Firmenchefs nicht. Die Kommunikation – auch in Form der Mitarbeiterbeteiligung – und das Marketing sind ein weiteres wichtiges Element zur Sensibilisierung von Angestellten, Besuchern und Gästen sowie zur Vermittlung der hohen Qualität der Struktur im Bereich Nachhaltigkeit.
Das Qualitätssiegel Work&Life der KlimaHaus-Agentur verdankt das Gebäude dem ausgeklügelten Energiekonzept. Es ist energieautonom wegen der großflächigen Photovoltaikanlage auf dem Dach, d.h. es kommt ohne Heizung oder Klimaanlage aus. Einzelne Räumlichkeiten werden mikroklimatisch geregelt. Bei Spitzenwerten verzichtet man auf den absoluten Komfort. Effektiver Sonnenschutz sowie materialbedingt große Speichermasse durch Bauteilaktivierung ermöglichen einen sowohl im Sommer als auch im Winter wirtschaftlichen Betrieb. Sämtliche für die Energiebilanz ausschlaggebende Parameter wurden als integrale Bestandteile des Anforderungsprofils begriffen. Bei den Baumaterialien wurde z. B. darauf geachtet, den Transport und damit die Umweltbelastung so gering wie möglich zu halten. Erreicht wird ein erstaunlicher Wert bei der Reduktion von CO2 überdies durch eine zweischalige Glasfassade, die den tragenden Betonteilen von Decken und Stützen als hinterlüfteter Wärmeschutz mit Sonnenschutzverglasung auf einer Stahlkonstruktion vorgesetzt wurde. Nachhaltigkeit wird aber nicht nur in Bezug auf den Energieverbrauch gesehen. So sorgen beispielsweise einfache Oberflächen aus Glas, Beton oder Holzfaserplatten für reduzierten Pflege- und Sanierungsaufwand.
Die einfache und klare Materialisierung, differenziert nach Erschließungslager und Arbeitsbereichen, wird mit gezielten Kontrasten, z. B. schallschluckenden Lodenpaneelen oder farbenfrohen Flächen, interpunktiert. Nichts ist aufdringlich, nichts wird kaschiert. Materialien wie Holz, Holzwerkstoffe und Loden entstammen der alpinen Baukultur Südtirols und wirken sich positiv auf die Umweltbilanz des gesamten Gebäudes aus. Personalisierte Schreibtische mit Akustikabsorbern aus Massivholz und Loden, rahmenlose Ganzglastrennwand, skulpturale Tür- und Wandelemente aus gebürstetem Holz unterstützen die Raumatmosphäre. Der Tradition des Produkts und dem ökologisch-biologischen Ansatz begegnet man also im Innern auf Schritt und Tritt.
Eine vergleichbare Kompression und Intensivierung verschiedener Programme auf einem Grundriss kennt man von der Freizeitindustrie. Bei Salewa hat man hingegen nicht den Eindruck, dass dem Besucher etwas aufgedrängt wird. Leider gelingt das Hereinholen des Außenraums in die vertikale Dimension des Gebäudes nicht überzeugend. Die Wegführung folgt der freien Komposition der Volumina, die vertikale Erschließung findet aber in Treppentürmen ohne die zur leichteren Orientierung reizvollen Perspektiven statt. Zwischen Verkaufszone und Kletterbereich, aber auch zwischen Mensa, Kinderhort und Grünbereich im OG entstehen gelungene Synergien, dennoch wiederholt sich die mit dem Baukörper gegebene Tendenz zur Verlandschaftung der Architektur im Innern nicht konsequent.
Dem ausgeklügelten Energiekonzept entspricht ein ebenso raffiniertes Lichtkonzept. Die spezielle Faltung der dimmbaren Leuchten aus Mineralwerkstoff entspricht der Architekturform des Gebäudes und greift sie in Miniaturform auf. Die ausgewogene Lichtverteilung gibt den Räumen eine helle und freundliche Atmosphäre. Büro- und Ausstellungsräume sollten bei Sonneneinstrahlung nicht verschattet werden, damit die Mitarbeiter in die Bergwelt blicken können. Besonders wichtig war dem Bauherrn die abendliche Erscheinung des Gebäudes. Die Beleuchtung wurde so konzipiert, dass das Licht aus den verglasten Fassadenflächen und die Oberflächenbeleuchtung der geschlossenen Bauteile aus Aluminium und Beton erstrahlt. Das Gebäude präsentiert sich eindeutig, aber dennoch diskret als ein Laboratorium der Ideen, Forschung und Entwicklung. •

Unser Autor Peter Volgger fand die Materialwahl absolut stimmig und das Konzept einer Branding-Architektur konsequent umgesetzt. Doch warum sollte man an einer überlaufenen, künstlichen Bolderwand klettern, wenn man das Gleiche auch Outdoor in Arco oder den Dolomiten haben kann?

Peter Volgger
1970 in Ratschings (I) geboren. Studium der Architektur, Philosophie und Kunstgeschichte. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros und Lehrtätigkeit. Seit 2009 Lektorat und seit 2012 Assistenz an der Universität Innsbruck. Organisation des Netzwerks Architekturtheorie und Vorträge im In- und Ausland. Forschungsprojekte in Urbanismus und Architekturtheorie.
Standort: Via Waltraud Gebert Deeg, 4, I-39100 Bozen
Bauherr: Salewa, Bozen
Architekten: Cino Zucchi Architetti, Mailand, und Park Associati (Filippo Pagliani, Michele Rossi), Mailand
Mitarbeiter: Elisa Taddei (Projektleitung), Alice Cuteri, Lorenzo Merloni, Marco Panzeri, Davide Pojaga, Alessandro Rossi, Giada Torchiana, Fabio Calciati
Tragwerksplanung: Kauer & Kauer Ingenieure, Bozen
Elektroplanung, Haustechnik: Energytech Ingegneri, Bozen
Bauleitung: Plan Team GmbH, Bozen
Projektmanagement: PPS Plan-Team, Bozen
Beratung Kletterwand: Ralf Preindl, Brixen
Kunstprojekt: Margit Klammer
Gesamtgrundfläche: 30 595 m²
BRI: 146 248 m³
Investitionssumme: 40 Mio. Euro
Bauzeit: Juli 2009 bis Oktober 2011
Beteiligte Firmen: Bauausführung: ZH GCC, Sand in Taufers, www.z-h.it Fassadensystem: Schüco, Padua, www.z-h.it Glas: Guardian, Verona, www.z-h.it Aluminiumpaneele: NECE, Borgoricco, www.z-h.it Fenster: FEBA Fenster, Brixen, www.z-h.it Aufzüge: Kone, Pero, www.z-h.it Trockenbau: Knauf, Pisa, www.z-h.it Beleuchtung: Zumtobel, Milano, www.z-h.it Photovoltaik, Leitner Solar, Bruneck, www.z-h.it

Cino Zucchi Architetti und Park Associati
Cino Zucchi
1955 in Mailand geboren. 1978 Abschluss am MIT, 1979 Abschluss am Politecnico in Milano. Lehraufträge an der Syracuse University (USA) und der ETH Zürich. Gegenwärtig Professur am Politecnico di Milano.
Park Associati
Filippo Pagliani
1968 in Mailand geboren. Architekturstudium am Politecnico di Milano. 1992-96 Mitarbeit bei Renzo Piano in Paris, anschließend bei Michele De Lucchi in Mailaind. 1999-2002 Professur am Istituto superiore di architettura e design (ISAD) in Mailand. 2000 Gründung von Park Associati gemeinsam mit Michele Rossi. 2008 Promotion am Politecnico di Milano.
Michele Rossi
1964 in Mailand geboren. Architekturstudium am Politecnico di Milano. 1992-96 Mitarbeit bei Michele De Lucchi. 1996-99 Mitarbeit bei David Chipperfield und Din Associates in London sowie Gastprofessur an der St. Martin’s School of Art. 1999-2002 verschiedene Lehraufträge. 2000 Gründung von Park Associati gemeinsam mit Filippo Pagliani. Seit 2005 Lehrauftrag am Politecnico in Mailand.

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