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Finanzamt Karlsruhe-Stadt, wittfoht architekten

Karlsruhe
Finanzamt Karlsruhe-Stadt

~Achim Geissinger

Ja, dieser massive Riegel ist eine harte Nuss. Zur Straße hin wirkt er abweisend und hermetisch, weckt Assoziationen an die strengen, repetitiven Strukturen der neueren Bundesbauten in Berlin, namentlich die Verwaltungsburg des BND. Der Landesbetrieb Vermögen und Bau und die per VOF-Verfahren mit Bewerbungsvorlauf ausgewählten Architekten wollten es aber besser machen. Indem sie durch die Verwendung massiver Betonfertigteile der Tapetenanmutung vorgehängter Fassaden entgingen und die Klarheit der Geometrie nicht durch Brüstungsfelder störten, erhielten sie einen ernsthaft monolithisch wirkenden Baukörper. Seine Kompaktheit zahlt auf die Energieeffizienz ein (Passivhausqualität!) und seine gestalterischen Qualitäten erschließen sich in der Nahbetrachtung. Akribisch ausgesuchte Zuschläge verbinden die extrem sauber gefügten Betonoberflächen mit der Farbigkeit der Umgebungsbauten im gründerzeitlichen Blockrand, die schießschartenschmalen Fensteröffnungen mit enorm tiefen Laibungen erzeugen ein perspektivisches Spiel, das wirkliche Körperlichkeit vermittelt. Hier waren Planer am Werk, die stark am eigentlichen Wesen von Architektur interessiert sind – Material, Fügung, Raum.

Wer die Kämpfe um jedes vom Standard abweichende Detail nicht kennt, sieht schlicht einen stringent durchdachten Neubau mit sauberen Linien auch im Innenausbau. Hinter der gleichförmigen Fassade, deren geschlossener Wandanteil sich zum Andocken eines möglichen zweiten Bauabschnitts anbietet, öffnet sich eine abwechslungsreiche Bürostruktur für über 300 Mitarbeiter mit klassischen Einzelbüros, Großraumbereichen und Kombizonen entlang der Fassaden und den Fahrregalen der Registratur in der Mitte. Glastrennwände, Oberflächen aus Gipskarton oder hellem seidigem Holz, ein gleichermaßen grob strukturierter wie edel wirkender Teppichboden und baustellenroh belassene Sichtbetondecken ergeben einen subtilen Farbklang knapp über Neutralität, gerade noch nicht wohnlich. Den Sparzwängen abgetrotzt wurden zwei programmfreie Räume, von denen jener im 2. OG eine Art Salon bildet, dazu Platz für Tischkicker auf der Galerieebene und einen »Kurzschluss« zwischen den beiden obersten Stockwerken mit eleganter Spindeltreppe – Loggia-Feeling hinter doppelgeschossigen Glasscheiben. Auch die etwa personenbreiten, raumhohen »Schießscharten«-Fenster wirken nirgends zu schmal, sondern ergeben in der Gesamtheit Licht und Weite. Erfreulich auch die insektenfreundliche Außengestaltung und beziehungsreiche Kunst am Bau. Schade, dass die Beratungskunden nur bis ins zweigeschossige Foyer vorgelassen werden dürfen.

Standort: Durlacher Allee 29-33 , 76131 Karlsruhe
Architekten:
wittfoht architekten, Stuttgart
Bauzeit:
November 2017 bis Dezember 2020

zum virtuellen Rundgang durch den Neubau (Youtube) »

Kunst am Bau
Im historischen Kontext einer ehemaligen Parfümfabrik hat die Künstlerin Katharina Hohmann gemeinsam mit dem Züricher Parfümeur Andreas Wilhelm den Duft AERARIUM komponiert, der nach frisch gedruckten Banknoten riechen soll. AERARIUM war die Bezeichnung für die antike römische Staatskasse, das AERARIUM POPULI ROMANI. Dieses erste überlieferte Finanzamt bewahrte das sogenannte bewegliche Volksvermögen auf.
Ein vertikales Fenster im Eingangsbereich wurde zur Vitrine für die Parfümflakons umfunktioniert. Das Parfum kann im Kundenzentrum erworben werden. Der Verkaufserlös wird für die Herstellung weitere befüllter Flakons zum Selbstkostenpreis und damit für die Fortführung des Kunstprojekts verwendet.

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