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Bürohaus »Grand Central«, Berlin, Bolwin Wulf

Berlin
Bürohaus »Grand Central«

~Ulf Meyer

Die Architekten erheben für ihre neue Gewerbeimmobilie am Berliner Hauptbahnhof den Anspruch, sie sei das »nachhaltigste Bürogebäude Deutschlands«. Ein recht markiger Claim – wie nachhaltig ein Gebäude ist, lässt sich allenfalls im Rahmen einer Lebenszyklusbetrachtung ergründen. Wie lange wird das Gebäude leben, wie leicht und wie oft wird es umgebaut, wie leicht lassen sich Bauteile wiederverwenden? Dies sind wichtige Fragen, die in Ratingsystemen jedoch kaum zu quantifizieren sind und für die es an Geduld mangelt. Aber das »Grand Central«-Gebäude hat in einem Vorzertifikat einen »DGNB Gesamterfüllungsgrad von 90,4 %« attestiert bekommen. »Platin«! Das klingt präzise. Und macht misstrauisch, zumal nach aktuellem Stand nur ein Gesamterfüllungsgrad von 80,5 % erreicht ist (s. www.dgnb-system.de): Dabei gleichen die hohen Qualitäten auf den Ebenen von Standortbewertung, Prozessqualität und soziokulturellen/funktionalen Belangen (jeweils über 90 %) die Mängel auf der ökologischen Ebene (66,7 %) aus. Die Zertifizierung läuft derzeit noch. Die Angaben zum Vorzertifikat sind mit äußerster Vorsicht zu genießen und nähren den Verdacht des Greenwashing.

Zunächst scheint am Grand Central nichts ungewöhnlich zu sein – außer seiner hyper-erschlossenen Lage, die sich tatsächlich sehr positiv auf die Nachhaltigkeitsbetrachtung auswirkt. Bus, Straßen-, U-, S- und Fernbahn-Anschlüsse liegen unmittelbar vor der Tür. Das Grundstück dürfte eines der best erschlossenen der ganzen Republik sein. Dennoch scheint man ohne die 90 Tiefgaragen-Stellplätze nicht auszukommen.

Der Bauherr, der Immobilien-Entwickler OVG Real Estate, will maximal 26 Firmen mit bis zu 1 300 Mitarbeitern im neungeschossigen Grand Central unterbringen. Im Parterre liegen Bistros und Co-Working-Spaces. Der geplante »vertikale Garten« wurde noch nicht angelegt. Die Arbeitsräume darüber sind ausschließlich nach außen gerichtet und ordnen sich, bedingt durch die sternförmige Grundrissstruktur, automatisch zu kleineren Raumgruppen.

Die Eloxal-Oberflächen von Fensterrahmen und Lisenen lassen die Fassaden im Tageslicht »kupferblond« changieren. Paneele aus weiß lackiertem Glas in den Sockelgeschossen sind mit Krakelur versehen, um ihnen Tiefenwirkung zu geben.

Das Haus ist an das Fernwärmenetz angeschlossen. Der nahe Tiergartentunnel ließ die Nutzung von Geothermie leider nicht zu.

Stolz ist der Bauherr auf die Digitalisierung seines Bürogebäudes. Türen werden mit dem Smartphone geöffnet und Licht, Luftzirkulation und Temperatur per Sensorik gesteuert. Die Haustechnik kann die »Raumnutzung verfolgen und vorhersagen«, um Energieverluste zu vermeiden, und die Wartung effizienter gestalten. Mehr als 3 500 Multisensoren erfassen Daten zu Luftqualität, Temperatur, Raumbelegung, Schall für die bedarfsgerechte Gebäudesteuerung. Mit einem IP-Backbone und einem Cloud-basierten Gebäudemanagementsystem werden die Daten analysiert. Das Gebäude steuert sich selbst, mit dem Ziel optimaler Performance.

Derlei »smarte Technologien« sollen »das Wohlbefinden der Mieter und des Planeten« fördern, heißt es dazu in der Pressemitteilung.
Nun, dem Planeten würde es besser gehen, wenn es das Betongebäude nicht gäbe. Die darin steckende Graue Energie ist beträchtlich und ob Betriebskosten und »CO2-Fußabdruck« wirklich dauerhaft niedrig sind, kann erst eine Evaluation im Betrieb beweisen.

Das Grand Central hat noch weitere Vorschuss-Lorbeeren eingeheimst: In der Rubrik »Well Core & Shell« hat es das Level »Gold« erreicht. Der vom WELL Building Institute entwickelte Standard misst Gebäudemerkmale, die Einfluss auf Gesundheit, Wohlbefinden und Produktivität der Nutzer haben.

Zusammen »mit Neuro-Urbanisten der Charité« wurde eine Matrix für sieben Bewertungselemente erarbeitet: Luft, Wasser, Ernährung, Licht, Bewegung, Komfort und Geist. Die Gestaltung des Arbeitsplatzes erfolgt über eine mobile App. Arbeitsatmosphäre und Komfort sollen »die Produktivität der Büromitarbeiter steigern«. Auch das dürfte schwer zu messen sein.

Standort: Clara-Jaschke-Straße 99, 10557 Berlin
Architekten: Bolwin Wulf Architekten Partnerschaft, Berlin
Bauzeit: Juni 2018 bis Juli 2020

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