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Bildungswissenschaftliche Fakultät in Brixen, Kohlmayer Oberst

Im zweiten Semester
Bildungswissenschaftliche Fakultät in Brixen

Am Rande der Altstadt entstand eine Hochschule für Bildungswissenschaften, die über eine Bibliothek und einen Hörsaal im Erdgeschoss auch die Öffentlichkeit mit einbeziehen will. Die maßvolle Konzentration von Baumassen und die zurückhaltende, einheitliche Gestaltung führten zu einem kompakten Gebäude, das zwar streng, gleichzeitig aber ruhig und harmonisch erscheint.
Sited at the edge of historic town the new college for educational studies seeks to attract the general public with its library and lecture hall at ground level. The moderate concentration of building mass and the reserved, unified design resulted in a compact building which is severe but is at the same time quiet and harmonious.

Text: Christine Fritzenwallner

Fotos: Günter Richard Wett
Brixen, oder Bressanone, wie es in der zweisprachigen Region noch heißt, liegt als nördlichste Stadt Italiens (von den Touristenorten Sterzing und Bruneck einmal abgesehen) etwa dreißig Kilometer vor der österreichischen Grenze. Immer dem dichten Verkehr der Hauptstraße folgend, zwischen den ansteigenden Bergen links und rechts, rückt schon von weitem ihr bei Sonne grünlich schimmerndes, neues Fakultätsgebäude ins Blickfeld. Es gehört zur Universität Bozen, die, 1997 gegründet, an drei Standorten lehrt. Der derzeit größte ist Brixen mit seiner Fakultät für Bildungswissenschaften und inzwischen fast 1400 Studenten; in sechs beziehungsweise acht Semestern werden dort Kindergärtner, Grundschullehrer und Sozialpädagogen ausgebildet. Die Südtiroler Kleinstadt war früher Bischofssitz und wurde unter anderem auch wegen dieser Affinität zur Kirche als Universitätsstandort gewählt; hier gibt es bereits eine philosophisch-theologische Hochschule und seit Jahrzehnten bestehende Priesterseminare. So ließe sich auch die strenge und nüchterne Formensprache des Fakultätsbaus mit religiösen Bestrebungen nach Bescheidenheit und Reduktion erklären. Vielmehr entstammt sie aber der Architekturhaltung der Planer, die mit dem Gebäude ihr erstes Projekt, basierend auf einem Wettbewerb aus dem Jahr 1998, konsequent umsetzen konnten.
Bedingung für den Baubeginn war zunächst die Neugestaltung des Busbahnhofs, der sich zusammen mit einem Parkplatz auf dem innerstädtischen Grundstück ausbreitete. Er liegt nun kompakt zwischen Hauptstraße und Hochschule, die unmittelbar an die Altstadt angrenzt.
Das Gebäude nimmt keinerlei Bezug zu seiner Nachbarschaft auf, bei einer heterogenen Mischung aus unterschiedlich proportionierten Gebäuden mit Satteldächern und Giebelaufbauten, einem halbrunden Blechdach, einem Flachdachabschluss und einem Parkdeck ohnehin kaum sinnvoll. Nur den Charakter der engen Gassen, Höfe und Plätze der benachbarten Altstadt haben die Architekten in das Gebäude einfließen lassen.
Gegenüber anderen Wettbewerbsentwürfen mit kleinteiligem Raumgefüge gibt sich der Neubau bewusst massiv und ähnlich monumental wie auch die anderen großen Gebäude der Stadt, etwa der Dom oder die Hofburg. Die innere Struktur wird zwar von einem aufgeständerten, quadratischen Ring verborgen, im Erdgeschoss aber wird die Öffentlichkeit mit einbezogen. Die freien Flächen unter dem Ring bilden eine Zwischenzone zwischen Außen- und Innenraum und spenden im Sommer Schatten; Bänke markieren diese Zonen als Wartebereich oder Pausenaufenthalt. Durch zwei großzügige Foyers an beiden Eingangsseiten, vom Busbahnhof her und zur Stadt hin, werden die Besucher ins Innere geführt zur »Aula Magna«, einem Hörsaal, der auch für außeruniversitäre Veranstaltungen genutzt wird, oder in die Bibliothek. Sie ist außerdem über einen separaten Seiteneingang an der Westfassade von außen zugänglich.
Die darüber liegenden Räume sowie das Untergeschoss sind ausschließlich der Hochschule vorbehalten: Im äußeren Band liegen, entlang der Fassade aufgereiht, jeweils die Seminarräume. Mit transluzenten Glaskästen, die als Leuchtkörper die Gänge erhellen, sind sie vom Flur abgetrennt. Dieser umläuft den Kern mit Sonderfunktionen wie Hörsälen oder EDV-Räumen und Erschließungsbereichen, ohne ihn dabei zu berühren. Verbindungen bestehen nur in den Übergängen zum Treppenhaus. Glaswände zwischen Flur und Kernbauteil bieten Sichtbeziehungen, beispielsweise in die Aufenthaltsbereiche oder den Lesesaal der Bibliothek, die sich über mehrere Stockwerke erstreckt.
Etwas schwierig erscheint zunächst die Orientierung, die zwar teilweise durch die Sichtbeziehungen innerhalb des Gebäudes und in die Umgebung gewährleistet ist, an manchen Stellen aber wegen der einheitlichen Gestaltung der Erschließungszonen schwer fällt. Dafür lässt sich die Grundrissstruktur schnell ablesen; die Raumanordnung ist nahezu punktsymmetrisch verteilt. So »dreht« sich jedes Viertel des quadratischen Grundrisses jeweils um 90 Grad um die zentrale Haupttreppe, was beispielsweise bei den Fluchttreppenhäusern in den Eckbereichen des Rings erkennbar wird.
Eingepasst Während die ersten beiden Stockwerke identisch sind, bricht die Masse im dritten Obergeschoss auf. Im Ring liegen noch die Büros der Verwaltung und halten die äußere Form zusammen, der Kern dagegen tritt zu Gunsten zweier großflächiger Dachterrassen mit Bergpanorama zurück. Die Hausmeisterwohnung, ebenfalls im obersten Stockwerk, ist im Gebäudeinneren verborgen, zwei kleine Innenhöfe spenden ihr Licht und Luft und geben nur den Blick gen Himmel frei. Die Mensa, mit untergeordneter Bedeutung im Tiefgeschoss gelegen, bekommt wie auch der Gymnastiksaal zwar nicht viel, dennoch natürliche Helligkeit über quadratische Oberlichter, die im Boden des Außenbereichs vor den Eingängen sitzen.
Eigens entwickelt Auch die Inneneinrichtung wurde von Kohlmayer Oberst mitgeplant. So entstanden einheitliche, wiederkehrende Gestaltungselemente, etwa bei den Bänken, die wie die Akustikpaneele an der Decke des Hörsaals mit gelochtem Leder bespannt sind. Die tragenden Wände bestehen aus roh belassenem Sichtbeton; zum Teil sind sie in grauen Filz verpackt, in den sich Plakate, Bilder oder Merkzettel pinnen lassen. Zur Lüftung der Seminar- und Verwaltungszimmer haben die Architekten gemeinsam mit der Fassadenfirma ein spezielles System entworfen. Durch den Versprung der Verglasung – rhythmisch alle 1,32 Meter um fünfzig Zentimeter vor und zurück – entstehen »gläserne Laibungen«, deren Aluminiumrahmen mechanisch in den Raum gefahren werden können. So lüften die Öffnungsflügel die Räume unbeeinträchtigt von Wind und Regen. Den Sonnenschutz bilden reflektierende Jalousien aus Edelstahl, die pro Raum fahrbar sind und deren feines Metallgewebe den freien Blick nach draußen nur wenig behindert. Je nach Nutzung der Räume und Sonnenstand ergibt sich so nach außen hin ein ständig wechselndes Erscheinungsbild.
Bislang wird das Gebäude, nun in seinem zweiten Semester in Betrieb, von seinen Nutzern noch etwas skeptisch aufgenommen. Die Kritik mancher Studenten, das Gebäude wäre vielleicht für eine technische Hochschule, nicht aber als solche für Pädagogen geeignet, nimmt ihre Berechtigung aus der kühlen und nüchternen Gestaltung. Zugleich wirft sie aber die Frage auf, ob eine Schule, geplant für Kindergärtner und Grundschullehrer, gleichermaßen farbenfroh sein muss wie deren spätere Lehrstätte. Die verwendeten Materialien halten sich zurück, um bunten Plakaten eine neutrale Fläche und Ideen Raum zu geben. Wie in anderen Schulen werden auch hier die Studenten dem Gebäude Farbigkeit und Vielfalt verleihen und seinen Charakter mitbestimmen. Die Basis dafür ist geschaffen. cf
Bauherr: Autonome Provinz Bozen-Südtirol
Architekten: Kohlmayer Oberst Architekten, Stuttgart
Mitarbeiter: Kerstin Eggenhauser, Rainer Eltze, Helene Fischnaller, Andreas Giersch, Giacinto Pettorino, Michael Röder, Stefano Salati, Stefanie Schultheiß, Thomas Simma, Gernot Westfeld
Bauleitung: Oberst + Partner, Stuttgart mit Thomas Simma
Tragwerksplanung: Ingenieurteam Bergmeister, Brixen
Haustechnik und Elektroplanung: Hausladen GmbH, Kirchheim
Bruttogeschossfläche: 25500 m² Bruttorauminhalt: ca. 100000 m³
Kosten (inklusive Einrichtung): 61 Mio Euro
Fertigstellung: 2004
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