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Jugendzentrum »Malinard« in Brüssel von Carton123 architecten

Schutzraum
Jugendzentrum »Malinard« in Brüssel

Ein Jugendzentrum lässt sich als grundlegender, öffentlicher Teil eines Stadtviertels begreifen. Dass das keineswegs bedeutet, den Bau so offen wie möglich zu gestalten, zeigt eine Realisierung in Brüssel. Statt eines präzisen Wettbewerbsbriefings stand die Erkundung der tatsächlichen Bedürfnisse am Anfang.

Architekten: Carton123 architecten
Tragwerksplanung: lambda-max

Kritik: Olaf Winkler
Fotos: Olmo Peeters

Dem Projekt voraus ging eine Art »Trampelpfadeffekt«: ein planerischer Mangel, auf den Menschen mit eigenen Wegen reagieren. Ein sozial heterogenes Viertel in Ixelles, Teil der Region Brüssel, hatte 2014 ein neues Gemeindezentrum erhalten. Später zeigte sich, dass sich die Jugendlichen aus der Umgebung nicht berücksichtigt fühlten; es wurde von unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen wenig spontan genutzt. Daher zogen sich die Jugendlichen in eine schmale Gasse zurück, zwischen einem Spielplatz und einer kleinen öffentlichen Restfläche. Gerade dort ist, im EG eines den Wohnhauses samt neuer Ergänzung, das der Gemeinde gehört, nun ein neuer Jugendclub entstanden, der von ebenjenen Fragen auszugehen hatte: Was eigentlich sind die Bedürfnisse der Jugendlichen? Welche Räume wünschen sie sich, und v. a.: wie viel Offenheit, wie viel Schutz?

Erkundung der Bedürfnisse

Als die Gemeinde 2016 dafür einen Wettbewerb ausschrieb, war das Programm entsprechend unscharf. Erwähnt wurden nur eine Hinwendung zur Straße und ein vollwertiges Tonstudio als Angebot für die Jugendlichen. Dass genau diese beiden Programmpunkte die Realisierung nicht überlebt haben, zeigt, dass die Architekten des Büros Carton123 richtig vorgingen. Von Beginn an tauschten sie sich mit Jugendeinrichtungen aus; eine von ihnen half nach dem Wettbewerbsgewinn bei der Ansprache der Jugendlichen und führte partizipative Workshops durch. Ergebnis: Gewünscht wurde v. a. ein eigener Ort – eine »eigene Wohnung« eher als ein Festsaal, mit unterschiedlichen Bereichen, die parallele Nutzung etwa durch verschiedene Altersgruppen erlauben. Keine aufwendige Tontechnik, sondern Räume zum Abhängen, Gamen, Tischtennisspielen. Und: keine permanente Einsehbarkeit von außen, sondern ein Ort des Rückzugs.

Die heutige Einrichtung spiegelt dies wider und zeigt, dass das EG, das es zu ergänzen galt, diesen Zielen prinzipiell entgegenkam. Ursprünglich dürften die Räume, von denen Originalpläne fehlen, ein Ladenlokal gewesen sein, das später zur Wohnung umgebaut wurde. Der Entwurf von Carton123 führt deren Struktur fort, durch Setzungen, die nicht gleich die Manipulation verraten. Die Tür am Hauseck etwa gab es nicht (oder nicht mehr), der Raum direkt dahinter wirkt original, wurde aber durch Abfangen tragender Wände vergrößert. Innen liegend schließt daran ein Büro für den Koordinator des Betreibervereins an, das durch Scheiben den Blick zurück ebenso wie ganz hinüber zum zweiten Eingang erlaubt. Es folgt eine weite Küche, die sich in ein kleines rückwärtiges Atrium hineinschiebt. Teil dessen ist ein Barbecuekamin im Freien, um den herum sich im Inneren schließlich der größte Raum in zwei Zonen teilt: mit Sitzecken, Kicker, Arbeitstisch, im hinteren Teil dunkler gehalten, um Kinoabende zu ermöglichen.

Moderate Öffnung

Wo in diesem Gefüge der Übergang zwischen Bestand und Zufügung erfolgt, ist kaum spürbar, weil auch die einstige Brandwand abgefangen und geöffnet wurde. Entlang der Straße setzt der neu eingeschobene Körper die Flucht der Bebauung fort. Die alten schaufensterartigen Öffnungen wurden erneuert, während der neue Teil bewusst geschlossen wirkt. Unterstrichen wird dies durch die – zwischen vorgefertigten Elementen teils echten, teils dekorativen – Fugen im roten Beton, der die Nähe zum Backstein sucht und sich zugleich davon absetzt. Um auch hier Licht hereinzulassen, liegt ein quer laufendes Fenster oberhalb der Augenhöhe der Passanten. Eine kleine Öffnung daneben lässt zwar Einblicke zu. »Aber,« so Joost Raes, neben Els Van Meerbeek Partner bei Carton123, »dazu muss man nahe herantreten – und wird dann auch von innen gesehen.«

Diese Balance ist das Bemerkenswerte am Entwurf, der, seinem Zweck entsprechend, robust daherkommt, aber berücksichtigt, dass Abgrenzung nicht rigide erfolgen muss. Das gilt im Inneren, wo die Räume – auch durch ein großes Oberlicht – heller sind, als man erwartet, und wo sich Durchblicke ergeben, während Zonen ablesbar bleiben. »Unsicher«, so Raes, »waren wir uns bei der Panoptikum-artigen Position des Koordinatorenbüros, weil sie als übermäßige Kontrolle erscheinen könnte. Im Gespräch mit den Jugendlichen zeigte sich aber: für sie schafft dies auch ein Gefühl der Sicherheit.« Mehr noch betrifft die Differenzierung das Verhältnis zum Viertel. Tatsächlich öffnet sich der neue Flügel sehr wohl großzügig, nur nicht direkt zur Gasse, sondern zum nördlich liegenden Brachraum. Türhohe Doppelrahmen lassen sich einzeln öffnen. Davor hängt ein perforiertes, weiß lackiertes Stahltor, das sich in Segmenten zur Seite fahren lässt; erst dann wird der Platz Teil der Einrichtung. Zu dessen Belebung findet sich ein von außen zugänglicher Stauraum. Dessen blau-weißes Tor erinnert augenzwinkernd an Strandkabinen der belgischen Küste; ein Muster, das bei der Tür am Hauseck wiederkehrt.

Robuste Einfachheit

Der einfache Umgang mit Details ist charakteristisch für das Gebäude, wie sich auch beim genaueren Blick auf die Öffnungen zeigt. Überall finden sich schlichte Holzfenster; selbst das Schiebeportal ist denkbar simpel aufgehängt. Herausforderungen lagen eher versteckt. So musste der Stahlträger, der vor der Brandwand das Flachdach trägt, perforiert werden, um ausreichend Lüftungsrohre hindurchzuführen. Um die Tragkraft zu ergänzen, steht daneben nun eine Stütze frei im Raum: überraschend, aber keinesfalls störend. Die Räume wurden mit Fußbodenheizung ausgestattet, was im unterkellerten Altbau mit seiner bestehenden Decke einen minimierten Fußbodenaufbau mit dünner Polyurethanschicht verlangte. Wärmepumpe und Wärmerückgewinnung erlauben einen Betrieb frei von fossilen Brennstoffen. Zudem wurde der Zugang zum separaten Treppenhaus neu geordnet, das weiterhin die Sozialwohnungen darüber erschließt.

Start mit Verzögerung

Wie wichtig ein Jugendzentrum im Viertel ist, zeigte sich während der Pandemie, durch die sich der Nutzungsstart um ein Jahr verzögerte: Während des Leerstands brachen Jugendliche die Räume auf, mehrere Fenster sind bis heute beschädigt. Seit das Haus zugänglich ist, ist es ruhiger geworden, kann sich die Einrichtung bewähren. Wozu gehört, dass Anpassungen denkbar bleiben. Beim jüngsten Besuch waren die Innenfenster des Büros mit transluzenter Folie beklebt; vielleicht überwog also doch das Kontroll- gegenüber dem Sicherheitsgefühl, oder es bedarf für Letzteres der Anwesenheit eines Mitabeiters, nicht aber einer faktischen Beobachtung durch ihn. Ein anderer Grund könnte sein, dass im Büro mittlerweile ein paar Computer für die Jugendlichen bereitstehen – die nun auch eine Tonstudio-Funktion bieten, aber ohne dafür einen ganzen Raum zu belegen.

Was auf die wichtigste Lehre im Prozess verweist: Die Bedürfnisse sind entscheidend – ebenso wichtig das Wissen, dass diese nicht in Stein gemeißelt sind. Zumal das Spektrum groß ist: Hierher kommen Mädchen und Jungen, Kinder und junge Erwachsene zwischen 10 und 20 Jahren, teils auch in Situationen, die schnell übersehen werden. Raes: »Manche Jugendliche sind hier, während sie die Schule schwänzen – was ja besser ist, als wenn sie auf der Straße herumhängen. Andere wollen nicht gesehen werden, weil ihre Eltern ihnen nicht erlauben, hier zu sein.« Die Architektur muss dafür in allererster Linie Raum geben; die Aneignung folgt nach.


Autor Olaf Winkler (l.) besuchte das Jugendzentrum zusammen mit Joost Raes von Carton123, der zum Foto erst überredet werden musste: »Als Büro sind wir ja ein Team, keine Einzelkämpfer.«


  • Standort: Petite rue Malibran 14-16, 1050 B-Ixelles

    Bauherr: Kommune Ixelles, Gemeinde Elsene
    Architekten: Carton123 architecten, Brüssel
    Mitarbeiter: Jens De Schutter, Joost Raes, Bouchra Saadallah, Els Van Meerbeek
    Tragwerksplanung: Lambda-Max, Aalst
    BGF: 225 m²
    Baukosten: 560 000 Euro
    Bauzeit: 2018-2020
  • Beteiligte Firmen:
    Fassadenbekleidung (oberer Teil): VMZINC, Deinze

Carton123 architecten


Joost Raes

Architektur- und Bauingenieurstudium an der KU Leuven, 2002 Master. 2004-13 Mitarbeit bei De Smet Vermeulen architecten, Gent. 2002-03 Mitarbeit bei SMaR, Brüssel. 2002-03 Mitarbeit bei MONaRCH. Seit 2008 Büro mit Els Van Meerbeek.


Els Van Meerbeek

Architektur- und Bauingenieurstudium an der KU Leuven, 1989 Master, Promotion. 1998-99 Mitarbeit bei Samyn and Partners, Brüssel. 1999-2000 Mitarbeit bei WIT architecten, Outgaarden. 2000-01 Mitarbeit bei Flores i Prats arquitectes, Barcelona. 2001-05 Assistenz an der KU Leuven. 2001-10 Mitarbeit bei De Smet Vermeulen architecten, Gent. Seit 2008 Büro mit Joost
Raes. 2019-20 Lehrauftrag an der TU Delft. 2020 Lehrauftrag an der KU Leuven.


Jordy Van Osselaer

Architekturstudium an der LUCA School of Arts Brüssel, 2013 Master. 2014 Mitarbeit bei Svendborg Architects, Kopenhagen. 2014-18 Mitarbeit bei Plusoffice architects, Brüssel. Seit 2018 Mitarbeit bei Carton123 architecten.


Sara De Sterck

Architektur- und Bauingenieurstudium an der KU Leuven, 2019 Master. Seit 2019 Mitarbeit bei Carton123 architecten.


Pauline Vermeulen

Architekturstudium an der KU Leuven, 2020 Master. 2021 Mitarbeit bei ConstructLab. Seit 2021 Mitarbeit bei Carton123 architecten.


Olaf Winkler

Architekturstudium in Aachen und Wien. Seit 1997 Architekturkritiker in Schwerte und Brüssel, Begleitung von Architekten in der Kommunikation sowie Stadt- und Architekturführungen. 2000-12 Mitarbeit bei polis und build als Redakteur. Preisrichtertätigkeit.

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