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»Haus der Jugend« in Pforzheim, VON M Architekten

Einfach, aber raffiniert
»Haus der Jugend« in Pforzheim

In zentraler Lage hat die Stadt Pforzheim ein Jugendzentrum modernisiert und erweitert. Es galt, eine schwache Sparkonstruktion der Nachkriegszeit aufzustocken und heruntergekommenen Räumen trotz des knappen Budgets eine neue Wertigkeit zu verleihen.

Architekten: VON M
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro für Bauwesen

Kritik: Christian Schönwetter
Fotos: Zooey Braun

Wer die Pforzheimer Fußgängerzone in Richtung Westen verlässt, findet sich schon nach wenigen Schritten im Benckiserpark. Auf der zentralen Grünfläche spielt sich die gesamte Bandbreite großstädtischen Lebens ab: Während junge Eltern mit ihren Kindern den Spielplatz nutzen, lungern auf den Bänken ein paar stark Alkoholisierte herum. Benannt ist der Park nach einer Industriellenfamilie, die ihn einst als Garten vor ihrer Fabrikantenvilla anlegen ließ und 1919 der Stadt vermachte.

Von der Villa, die während dem Krieg zerstört wurde, ist heute nichts mehr zu sehen außer dem Brunnenbassin der früheren Terrasse. Dahinter steht auf Resten der alten Gewölbekeller das Haus der Jugend. Die Amerikaner haben es 1949 als eingeschossigen Pavillon im Stil der Moderne errichten lassen und etablierten darin eine pädagogische Sozialarbeit mit dem Ziel, den Faschismus dauerhaft zu überwinden und die Demokratie zu fördern. Inzwischen hat sich das Programm längst weiterentwickelt, einen Schwerpunkt bildet die Betreuung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund, deren Anteil unter den Innenstadtbewohnern besonders hoch ist.

Modernisierung mit Hindernissen

Rund sieben Jahrzehnte nach der Eröffnung brauchte das Gebäude dringend eine Modernisierung, es platzte aus allen Nähten, obwohl es zuvor bereits mehrfach erweitert worden war. Weil der Park heute unter Denkmalschutz steht, war klar, dass ein erneuter Anbau dieses Mal nur auf dem Dach erfolgen konnte.

Allerdings bot der heterogen gewachsene Bestand mit vier verschiedenen Deckenkonstruktionen und einer unklaren Gründungssituation denkbar ungünstige Voraussetzungen. Das Architekturbüro VON M entschied sich daher für eine ungewöhnliche Lösung: Eine neue Bodenplatte über dem alten Dach schafft gewissermaßen eine Tabula rasa für ein zusätzliches Geschoss, das sich von den Vorgaben des Bestandsgrundrisses weitgehend emanzipiert und frei einteilen lässt. Die 14 cm dicke Brettsperrholzplatte auf Stahlträgern ruht teils auf der inneren Längswand des EGs, teils auf eigenen Stahlstützen, die das vorhandene Dach durchstoßen und im Innenraum vor der Fassade stehen. Sowohl die Längswand als auch die Stützen erhielten neue Fundamente: Schlanke Mikrobohrpfähle leiten die Lasten 12-15 m tief durch den weichen Baugrund bis zur ersten Felsschicht. Somit ist ein stabiler Unterbau für die Aufstockung gewährleistet.

Mehr Platz, mehr Licht, mehr Durchblick

Oberhalb der Holzplatte ließ sich das zusätzliche Geschoss in preiswerter Systembauweise errichten. Aus einfachen, streng durchgerasterten Modulen, die sonst häufig für Gewerbehallen u. Ä. verwendet werden, war die Erweiterung in wenigen Tagen aufgestellt. Von außen sieht man ihr die vorgefertigte Bauweise nicht an, denn sie trägt ein homogenes Kleid aus tuchartig gefaltetem Lochblech. Wie eine lange Gardine scheint es vor dem Baukörper zu hängen. Natürlich ist auch diese Hülle elementiert, doch die Architekten haben darauf geachtet, dass sich der Faltenwurf nicht merklich wiederholt.

Daher sind die gleichartig geformten Tafeln aus Titanzinkblech in unregelmäßigem Rhythmus mal auf dem Fuß, mal auf dem Kopf stehend montiert. Mehr war nicht nötig, um eine simple Standardkiste zu einem Stück individueller Architektur zu veredeln – ein Paradebeispiel für das Prinzip des »dekorierten Schuppens«, wie es Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour 1972 formulierten. Mit ihrer textilartigen Anmutung wirkt die Aufstockung zudem so leicht, dass sie den teils zartgliedrigen Bestand darunter optisch nicht erdrückt. Ein durchgängiger grauer Farbton fasst jetzt alle Bauabschnitte der vergangenen 70 Jahre zusammen.

Man betritt das Gebäude von der Straße im Westen. Der Grundriss ist so organisiert, dass sich drei Einheiten unabhängig voneinander nutzen lassen. Im südlichen Kopfbau liegt die »Spielkiste«, in der Kinder bis 12 Jahre betreut werden, während der lang gestreckte Mitteltrakt der Jugendarbeit vorbehalten ist. Einen Puffer dazwischen bildet die Küche, von beiden Seiten zugänglich. Als dritter Bereich stehen ganz im Norden ein Bandproberaum und ein kleiner Veranstaltungssaal für Externe zur Verfügung, von außen erschlossen über ein eigenes Minifoyer.

Raumkontinuum erleichtert Überblick

Hinter dem Haupteingang zum Jugendbereich gelangt man zunächst in einen langen, von Westen belichteten Korridor, der früher zu einer Reihe von Einzelräumen führte. Um ihn zum zentral gelegenen Café zu öffnen, haben die Architekten alle Türen entfernen und neue Öffnungen in die Flurwand brechen lassen. Zusammen mit dem Abriss einzelner Zwischenwände ist ein differenziertes Raumkontinuum entstanden, das den Betreuern die Übersicht erleichtert. Außerdem dringt die Nachmittagssonne nun durch die gesamte Tiefe des Gebäudes bis in den großen Hauptraum vor, der sich nach Osten zum Park orientiert und bislang im Schatten lag, wenn ab 14 Uhr die ersten Jugendlichen eintreffen und der Betrieb beginnt. In der Mitte steht eine Bühne als gliederndes Element. Sie funktioniert in zwei Richtungen, kann aber auch in je eine Richtung geschlossen werden, um den großen Saal wahlweise in zwei kleinere zu teilen. An der Theke am nördlichen Ende werden preiswerte Getränke verkauft.

Zwei Welten

Einfache, robuste Materialien prägen das Interieur im EG. Am Boden liegt dunkler, matt geschliffener Gussasphalt-Terrazzo, die Decke trägt eine Akustikbekleidung aus schwarzen Holzwolle-Leichtbauplatten, die Wände zeigen einen schwarzen oder weißen Anstrich, die alten, dunkelgrauen Röhrenheizkörper wurden klar lackiert. Den einzigen sanften Farbtupfer bilden die bruchrauen Solnhofener Platten, die seit 1949 die Flurwände bedecken. Insgesamt ist eine elegante Hülle entstanden, in der sich die Jugendarbeit entfalten kann. Möbel, Tischkicker, Plakate u. Ä. bringen genug Farbe in den Raum, wobei eigens angebrachte Pinntafeln an der Wand bislang einen überbordenden Wildwuchs bei den Plakaten verhindern.

Der lange Flur mündet an seinem anderen Ende in den Vorraum der Spielkiste. Treppenhaus oder Aufzug, beide neu in den Grundriss integriert, führen hinauf ins OG. Prägten unten haptische Materialien, handwerkliche Verarbeitung und die Patina alter Oberflächen den Raumeindruck, so herrscht auf der oberen Etage die geballte Neutralität des Hallenbausystems. Die industrielle Vorfertigung zeigt sich hier an den zahlreichen Fugen zwischen den perfekten Trockenbauelementen. Den Mitarbeitern stehen zwei Büros zur Verfügung und den Jugendlichen vier flexibel nutzbare Räume, einer mit Spiegelwand beispielsweise für Jazz Dance. So einfach wie die Architektur ist auch die Haustechnik. Einziges Extra sind motorisch betriebene Fenster im OG, die sich in Sommernächten automatisch öffnen, um kühle Luft einströmen zu lassen, die dann im Flur abgesaugt wird. Der moderate Glasanteil der Fassaden, der Lochblechvorhang vor den Fenstern und v. a. der Bestand großer Bäume vorm Haus halten das Aufheizen der Räume allerdings ohnehin in Grenzen.

Ein Gefühl von Heimat

Und wie wird das Haus von den Nutzern angenommen? Bei der Besichtigung an einem Oktobernachmittag sind die Jugendlichen leider zu einem Ausflug unterwegs, sodass man sie nicht fragen kann. Aber an der Tür zur Spielkiste begrüßt ein kleiner Junge, vielleicht acht Jahre alt, den Architekten und den Autor bei ihrem Rundgang durchs Gebäude mit gönnerhaftem Handschlag, als sei er der Hausherr, der Gäste empfängt. Er scheint sich wie daheim zu fühlen. Wenn junge Menschen sich so mit einem eigens für sie eingerichteten Gebäude identifizieren, haben Architekten und Betreuer wohl einiges richtig gemacht.


Architekt Daniel Seiberts (rechts) war im Stau stecken geblieben. Deshalb dämmerte es bereits, als er mit Redakteur Christian Schönwetter nach der Besichtigung der Innenräume zum Abschluss das Gebäude umrundete.


  • Standort: Westliche Karl-Friedrich-Straße 77, 75172 Pforzheim
    Bauherr: Stadt Pforzheim, Gebäudemanagement
    Nutzer: SJR Betriebs gGmbH, Pforzheim
    Architekten: VON M GmbH, Dennis Mueller, Matthias Siegert, Stuttgart
    Projektteam: Daniel Seiberts, Simona Mohammadi, Sören Schmeußer
    Tragwerksplanung: Ingenieurbüro für Bauwesen, Sachsenheim
    Haustechnikplanung: IGV Ingenieure GmbH, Korntal Münchingen
    Elektroplanung: Planungsbüro für Elektrotechnik, Pforzheim
    Bauphysik: Kurz + Fischer GmbH, Winnenden
    Bauleitung: Burkhard Meyer, Karlsruhe
    BGF: 1 453 m² (davon 407 m² Erweiterung)
    BRI: 6 084 m³ (davon 1 342 m³ Erweiterung)
    Baukosten: ca. 4 Mio. Euro (KG 300, 400, brutto)
    Bauzeit: März 2017 bis November 2019
  • Beteiligte Firmen:
    Elementhallen-System, Aufstockung: DOMICO Dach-, Wand- und Fassadensysteme KG, Vöcklamarkt
    Fassade: VMZINC, VM Building Solutions Deutschland GmbH, Essen
    Stühle: L&C stendal GmbH & Co. KG, Stendal; ENEA, Legorreta
    Akustikdecke: HERADESIGN, Knauf Ceiling Solutions GmbH & Co. KG, Grafenau
    Fenster-, Türgriffe: Glutz AG, Solothurn

Architekten: VON M


Matthias Siegert

1995-2001 Architekturstudium an der HFT Stuttgart und an der KTH Stockholm, Diplom. 2001-02 Mitarbeit bei Bottega + Ehrhardt, Stuttgart. 2001-04 Büro visuarte. 2002-10 Lehrauftrag an der DHBW Ravensburg. 2004 Büro VON M. 2007-08 Lehrauftrag an der ABK Stuttgart. 2009-10 Lehrauftrag an der Universität Stuttgart. 2011 Lehrauftrag an der Hochschule Pforzheim. 2011-16 Professur an der Hochschule Pforzheim.


Dennis Mueller

1997-2002 Architekturstudium an der HFT Stuttgart, Diplom. Architekturstudium an der ETH Zürich, Diplom. 2003-08 Mitarbeit bei Hartwig N. Schneider Architekten, Stuttgart. Seit 2008 Partner bei VON M. 2009-11 Mitarbeit am KIT Karlsruhe. 2010-16 Lehrauftrag an der Universität Stuttgart. Seit 2016 Professur an der Hochschule Düsseldorf.


Autor: Christian Schönwetter (~cs)

Architekturstudium an der Universität Karlsruhe, wiss. Mitarbeit. Volontariat bei der AIT, Redakteur beim design report. Gründer und Chefredakteur der Zeitschrift Metamorphose. Seit 2013 Redakteur der db-Metamorphose. Freier Journalist, Kritiker.


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