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Betonharmonika

Sportausbildungszentrum in Windisch (CH)
Betonharmonika

Das mächtige Faltwerk des Sportausbildungszentrums Mülimatt ist mehr als die Summe der tragenden Bauteile: Es formt die Fassade zur Skulptur, dient als Wetterhaut und zeugt zugleich von einer Tragwerksplanung, die weit über das Übliche hinausgeht und eine enge Zusammenarbeit zwischen Architekt und Ingenieur voraussetzt.

    • Architekten: Studio Vacchini architetti Tragwerksplanung: Fürst Laffranchi Bauingenieure

  • Kritik: Matthias Benz Fotos: Alexandre Kapellos, René Rötheli
Das Sportausbildungszentrum Mülimatt im Kanton Aargau vereinigt sämtliche Innenräume unter einem eindrücklichen Betonfaltwerk. Die stimmungsvolle Umgebung am Rande eines Siedlungsgebiets in Windisch, zwischen Bahndamm und Aareufer, war Ausgangspunkt des Entwurfs: Nach Aussage der Architekten wünsche man sich an einem Ort, der eine solche Gelassenheit ausstrahle, nur einen »Unterstand gegen Regen und die gleißende Sonne«. Die daraus resultierende Idee, ein großes, freitragendes Dach zu errichten, wurde mit einem vorgespannten Betonfaltwerk umgesetzt. Es überspannt ein Feld von 80 x 55 m in Querrichtung. Mitbestimmend bei der Wahl des Tragwerks war aber auch der Blick von oben aus dem fahrenden Zug, von wo aus das Dach zur fünften Fassade wird.
Für die Ingenieure bestand die Herausforderung darin, mit einer möglichst filigranen Struktur eine derart großen Fläche stützenfrei zu überbrücken. Daher haben sie bei der Dimensionierung der Betonelemente gezielt die Grenze des Machbaren ausgelotet und kamen durch die Kombination von Faltwerkstruktur, Vorspannung und selbstverdichtendem Feinbeton zu extrem geringen Tragwerksquerschnitten: Die Dachscheiben sind lediglich 16 cm und die Stielscheiben 20 cm dick. Hier finden die Vorspannkabel, die kleine Einheiten von eins bis sechs Litzen sind, und ihre Verankerungen Platz. Die dünnen Tragwerksquerschnitte machten den Einsatz von selbstverdichtendem Feinbeton notwendig. Dieser überdeckt die Spannkabel und die Verankerungen minimal und führt zu einer kompakten homogenen Oberfläche, was ebenfalls architektonisch erwünscht war. Zugleich gewährleistet der Feinbeton eine Oberfläche, die auch ohne Oberflächenschutz dicht ist und langfristig einen kostengünstigen Unterhalt garantiert. Durch die nahezu formtreue Vorspannung ›
› der Dachscheiben ergeben sich nur minimale Kriechverformungen, was aufgrund der Glasfassaden an den Stirnseiten gewünscht war.
Die dünnwandige, weit gespannte Konstruktion und die komplexe Kabelführung in den Rahmenecken stellten hohe Anforderungen, die durch eine Vorfabrikation erfüllt werden konnten. Neben der großen Zahl sich wiederholender Elemente gaben auch die Terminsicherheit trotz Winterbau und die höhere, konstante Betonqualität den Ausschlag für die Vorfertigung.
Tragwerk pur
Das monolithisch verbundene Faltwerk setzt sich aus 27 Rahmenelementen zusammen, die wiederum aus den beidseitigen Stielen und drei aneinander gestoßenen Dachelementen gefügt sind. Aufgrund des abfallenden Geländes fallen die flussseitigen Stiele länger aus als diejenigen am Bahndamm. Die beiden Schenkel der 2,59 m tiefen Stiele spreizen sich nach oben hin derart, dass sie exakt an die v-förmigen Dachelemente anschließen und die Fassade so nahtlos in das Dach übergeht. An den Ecken des ersten und des letzten Rahmens lenkt eine dreieckige Scheibe aus Ortbeton die Kräfte des Dachrandes um.
Obwohl der hochverdichtende Feinbeton eine Oberfläche gewährleistet, die auch ohne Oberflächenschutz dicht wäre, ist die Dachhaut mit Flüssigkunststoff versehen – auf diese Weise ist zum einen die Dauerhaftigkeit des Tragwerks erhöht und ein kostengünstiger Unterhalt garantiert, zum anderen sind die in Ortbeton ausgegossenen Fugen zwischen den Elementen wirksam abgedichtet. Das Faltwerk ist somit zugleich Wetterhaut und übernimmt selbst seine Entwässerung, weder ein Dachrand noch eine Regenrinne oder Fallrohre stören das Erscheinungsbild: Das Regenwasser wird im Wellental des Dachs gesammelt und von dort offen auf der Schenkelinnenseite der Stiele zu einem Entwässerungskanal in der Bodenplatte geleitet.
Geschlossenheit und Transparenz
Innerhalb des geschlossen wirkenden Faltwerks begrenzen Glasfassaden und nach oben hin eine an den Faltwerkträgern abgehängte Kassettendecke die Innenräume. So bleibt leider die Untersicht des Tragwerks verdeckt. Ein Spalt zwischen den Stielen und der Fassade zeigt die Unabhängigkeit des Faltwerks, dessen schräge Linien im Kontrast zur Pfosten-Riegel-Konstruktion der Glashaut stehen. Einzig die Zugglieder auf Höhe der Bodenplatte der Sporthallen verbinden die Stiele mit der Ortbetonkonstruktion der Innenräume und weisen auf die Ausbildung des Hallenbodens als Zugscheibe hin.
An der flussseitigen Längsseite betritt man die Erschließungshalle, die sich über die ganze Gebäudelänge erstreckt. Daran grenzen Judoräume, Unterrichtsräume und eine Küche, die von der Halle her indirekt belichtet werden. Die in der Mitte des Gebäudes liegende Haupttreppe trennt die beiden Sporthallen mit ihren Nebenräumen, die sich ein Geschoss über der Eingangshalle befinden. Der Grundriss ist somit Abbild von Bauherren und Nutzern, die jeweils aus zwei verschiedenen Parteien bestehen: auf Bauherrenseite der ›
› Kanton Aargau und die Stadt Brugg, auf Nutzerseite die Fachhochschule Aargau und das Berufs- und Weiterbildungszentrum Brugg. Im Wettbewerbsprojekt waren deshalb ursprünglich zwei getrennte Gebäude vorgesehen, die im Laufe der Projektüberarbeitung zu einem wurden.
Die Farbigkeit im Innern korrespondiert mit der zurückhaltenden äußeren Farbigkeit. Die Sichtbetonwände und die Akustikelemente sind naturbelassen, während die Stahlgeländer, die Holzteile und die Böden der Sporthallen hellgrau gestrichen bzw. eingefärbt sind. Einzig die Böden der innen liegenden Räume im UG leuchten in kräftigem Gelb.
Ein Siebdruck auf der gesamten Glasfassade sorgt dafür, dass im Innern der Sporthallen trotz dreiseitiger Belichtung ein angenehmes, gleichmäßiges Licht entsteht. Die Stiele an den Längsfassaden spenden Schatten und filtern den Blick auf das Ufer der Aare, während an den Stirnseiten der Blick in Längsrichtung des Tals ungefiltert bleibt. Erstaunlich ist, welch leichten und transparenten Eindruck das von außen geschlossen wirkende Faltwerk im Innern hinterlässt. Diese Transparenz wird durch die Form der Stiele möglich, deren Schenkel sich gegen unten schließen und somit auf Augenhöhe den Blick nach außen freigeben.
Nach auSSen gestülpt
Beim Sportausbildungszentrum Mülimatt handelt es sich um das letzte Werk von Livio Vacchini (1933-2007). Das Projekt ging aus einem 2005 durchgeführten Studienwettbewerb hervor – bereits im Wettbewerbsteam waren Vacchini architetti, Fürst Laffranchi Bauingenieure und Paolo Bürgi als Landschaftsarchitekt beteiligt – und wurde nach Vacchinis Tod von dessen Tochter Eloisa zu Ende geführt. Nochmals zeigt sich hier Vacchinis Streben nach einer soliden, dauerhaften Fassade. Er stellt sich damit gegen Bauten mit leichten Hüllen, die sich oft nur noch durch grafische Interventionen voneinander unterscheiden. Wie bei der Mehrzweckhalle in Losone (1995-97) und dem Geschäftshaus »Ferriera« in Locarno (2000-03) wird dazu die Struktur nach außen gestülpt. Sie verleiht somit der Fassade Tiefe und macht sie zum Raum, der sowohl vermittelnd als auch trennend zwischen innen und außen steht.
Doch während die längsseitige Pfosten-Riegel-Fassade beim Sportausbildungszentrum Mülimatt hinter der tiefen Tragstruktur verläuft, ist sie an den Stirnseiten unverhüllt sichtbar. So wird deutlich lesbar, wie das Faltwerk die Innenräume in der Art einer Brücke überspannt. An den Stirnseiten des Gebäudes kragt das Faltwerk aufgrund der Geometrie der Rahmenelemente schiefwinklig über der Glasfassade aus und verdeutlicht so das statische Konzept.
Der Verzicht der Projektverfasser auf jede zusätzliche architektonische Maßnahme an den Stirnseiten ist nachvollziehbar, denn dies hätte zu einer Schwächung des statischen Konzepts geführt. Obwohl sich also hier die konsequente Haltung fortsetzt, irritiert allerdings die starke Verschiedenartigkeit von Längs- und Seitenfassaden. Die gewählte Art der Verschränkung von Dach und Wand scheint zugleich die Stärke der Längsfassaden als auch die Schwäche der Stirnfassaden zu sein.
Doch alles in allem entstand hier ein Haus, das einer abstrakten Skulptur gleicht. Weder Vordach noch Schriftzug markieren den Haupteingang, der hinter dem Faltwerk in der zweiten Reihe liegt. Unterstrichen wird die skulpturale Wirkung durch die Bodenplatte, die einem Sockel ähnlich das Gebäude leicht über Terrain hebt. Die Stirnseiten der Stiele treten in den Vordergrund und ergeben in ihrer Addition das einprägsame Bild einer harmonikaartigen Struktur. Die zurückhaltende Farbgebung, die Homogenität der Oberflächen und die Scharfkantigkeit der Betonelemente führen zusammen mit der Reduktion der Elemente zu einem Gebäude, das gelungen in Kontrast zu den weichen Linien der Flusslandschaft steht. •
  • Standort: Gaswerkstraße 2, CH-5210 Windisch Bauherr: Kanton Aargau, Immobilien Aargau, Department Finanzen und Ressourcen, Aarau; Stadt Brugg Architekten: Studio Vacchini architetti, Locarno Projektteam: Jerôme Wolfensberger, Luciana Bruno, Eloisa Vacchini, Mauro Vanetti Tragwerksplanung: Fürst Laffranchi Bauingenieure, Wolfwil Projektteam: Massimo Laffranchi, Armando Fürst Generalunternehmen, Bauleitung: Arigon Generalunternehmung, Zürich Generalplanung, Koordination: Paul Zimmermann + Partner, Vitznau Bauphysik: Ragonesi Strobel & Partner, Luzern Heizung, Lüftung, Klima: Gähler und Partner, Ennetbaden Sanitärplanung: Poly Team, Brugg Elektroplanung: R+B Engineering, Brugg Fassadenplanung: PP Engineering, Riehen Landschaftsarchitekt: Paolo Bürgi, Camorino BGF: 8 818 m² BRI: 59 526 m³ Baukosten: 34,25 Mio. Franken (ca. 28,5 Mio. Euro) Bauzeit: August 2008 bis September 2010, Einweihung November 2010
  • Beteiligte Firmen: Betonelemente: Element, Veltheim, www.element.ch Betonschutz: SikaBau, Aarau, http://bau.sika.com Leuchten und Lampen: Regent Beleuchtungskörper, Zürich, www.element.ch Spiegelwände: SET Glasbau, Volketswil/Hegnau, www.element.ch Versetzbare Elementwände: DORMA Schweiz, Thal (SG), www.element.ch Gussasphaltboden und Sportbodenbeläge innen, Außensportplatz: Walo Bertschinger, Zürich, www.element.ch Holzböden, Holzinnentüren, allg. Schreinerarbeiten: Daniel Fournier, Regensdorf, www.element.ch Deckenbekleidungen: Brunner Erben, Zürich, www.element.ch; Immoplafond, Rotkreuz, www.element.ch Fassadenbau, Verglasungen innen, Metallbauarbeiten Turngeräte: Ziltener, Aarau, www.element.ch Garderobeneinrichtungen: Rosconi, Villmergen, www.element.ch
»Durch die Mittel der modernen Feinbetontechnologie und Vorfabrikation sowie des für’s filigrane Tragwerk entwickelte Vorspannkonzept konnte das Idealbild der weitgespannten Faltwerkstruktur in Sichtbauweise, das wir seit dem ersten Entwurf in unseren Köpfen hatten, tatsächlich wiedergegeben werden.«
Massimo Laffranchi
1 Foyer 2 Judoraum 3 Küche 4 Unterricht/Konferenz 5 Gymnastikraum 6 Geräteraum 7 Dreifach-Sporthalle

Windisch (CH) (S. 38)
Studio Vacchini architetti
Eloisa Vacchini
1971 geboren. Studium an der EPFL Lausanne, 1997 Diplom. 1994-95 Tätigkeit als Architektin in Sydney, 1998-99 in Buenos Aires. 1999-2007 Mitarbeit im Studio di architettura Livio Vacchini, Locarno. Seit 2007 eigenes Architekturbüro in Locarno.
Fürst Laffranchi Bauingenieure
Armand Fürst
1965 geboren. 1992 Diplom an der ETH Zürich. 1993- 94 Mitarbeit bei Grignoli Martinola Muttoni, Lugano. 2000 Promotion. Seit 2006 Leitung der Arbeitsgruppe Brückenforschung ASTRA. Diverse Veröffentlichungen.
Massimo Laffranchi
1969 geboren. 1993 Diplom, 1999 Promotion an der ETH Zürich. 1999-2000 Mitarbeit bei Stocker & Partner, Bern. 2000-09 außerord. Professur an der Accademia di architettura, Mendrisio (CH), seit 2009 ord. Professur. Diverse Veröffentlichungen.
Matthias Benz
1966 in Zürich geboren. 1991-98 Architekturstudium an der ETH Zürich, dort 2006-08 Master in Geschichte und Theorie der Architektur. Lebt und arbeitet als selbstständiger Architekt und Autor in Zürich.
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