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Band aus Bauklötzen

Altenpflegeheim in Alcácer do Sal (P)
Band aus Bauklötzen

Das lokale Klima, der Wunsch nach Schutz oder nach Ausblicken sowie die Ablesbarkeit von Funktionen – all das hat Einfluss auf die Qualität von Öffnungen. Welch starken skulpturalen Reiz sie zugleich entfalten können, zeigt dieses Gebäude im kargen Süden Portugals: Seine Räume wirken wie eingekerbt und ausgehöhlt. Ob ein so minimalistischer Ansatz auch den anderen, gerade auch den sozialen Zwecken des Bauwerks gerecht wird, untersuchte unser Autor vor Ort. Die Bilanz fällt ganz überwiegend positiv aus.

    • Architekten: Aires Mateus Tragwerksplanung: Engitarget

  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Fernando y Sergio Guerra
Der Alentejo ist noch immer das Armenhaus Portugals, ein staubtrockener, windiger Transitraum ohne Perspektive. Die Analphabetenquote liegt bei 15 %, Abwanderung ist an der Tagesordnung. Zurück bleiben die Alten: Bereits ein knappes Viertel der Bevölkerung ist über 65 Jahre alt. Auch in der Kleinstadt Alcácer do Sal, etwa 100 km südöstlich von Lissabon, hat sich die Bevölkerung in den letzten 50 Jahren auf heute rund 13000 halbiert, trotz Eisenbahn- und neuerdings auch Autobahnanschluss.
Dass die für ihre minimalistischen Bauten berühmten Brüder Manuel und Francisco Aires Mateus – sie vertraten ihr Land auf der letzten Biennale in Venedig – ausgerechnet hier 2006 einen Direktauftrag bekamen, war allein dem Umstand zu verdanken, dass sie in der Gegend zuhause waren, ehe sie zum Architekturstudium in den Norden zogen. Die viel gepriesene zeitgenössische Architektur Portugals findet nämlich de facto fast ausschließlich zwischen Lissabon und Porto statt, und Alvaro Siza, der spiritus rector der »Schule von Porto«, sollte auch die zwei Architektensöhne aus dem Süden prägen. Sie nennen den poetischen Minimalisten heute als ihr einziges Vorbild.
Auftraggeber war die Santa Casa de Misericórdia, eine seit dem 16. Jahrhundert bestehende, überwiegend von ortsansässigen Stiftern getragene Institution mit dem »mildtätigen« Zweck, bedürftige alte Menschen aufzunehmen und zu pflegen. Da der Bedarf an »betreutem Wohnen« groß und das bestehende alte Hospital baufällig war, verlangte das Programm einen Neubau mit 75 Plätzen samt Versorgungs- und Gemeinschaftseinrichtungen. Ein Arzt, ein Psychologe, Physiotherapeuten und 33 Pflegekräfte kümmern sich um die rund 100 Senioren im gesamten, auch aus angrenzenden Altbauten bestehenden Komplex. Entscheidend für die Aufnahme ist allein die Bedürftigkeit. Eigenbeiträge der Bewohner decken nur etwa die Hälfte der Ausgaben. Beim Gang durch die Anlage ist unübersehbar, dass dies keineswegs ein Luxusprojekt ist, wie vielfach von Fachmedien berichtet wurde, die sich einen Besuch vor Ort ersparten: Man sieht den buckligen, ausgezehrten Menschen die lebenslange harte Arbeit an, und man gönnt ihnen diesen Ort der Fürsorge und der Ruhe. ›
Ein offenes Haus
Die Leitung des Hauses legte Wert darauf, dass die Bewohner so integriert wie möglich bleiben, sowohl in ihren Herkunftsort – das Areal grenzt direkt an die Innenstadt – als auch im Hause selbst, wo es Orte der Begegnung von verschiedener Größe geben sollte. Besuche sind zu jeder Zeit erlaubt. Ausblicke auf den Ort und die umgebende Landschaft – nebenan Olivenhaine, in der Ferne die Küstenebene – sollten überall möglich sein.
Diese Vorgabe kam den Architekten sehr zupass, denn bei allem Minimalismus spielt der Ort auch für sie stets eine prägende Rolle. Ihre Website zeigt zu jedem ihrer ländlichen Projekte als erstes eine Fotografie des Bauplatzes (in Portugal meist Olivenhaine). Auch in den scheinbar autonomen Raumschöpfungen beziehen sich Öffnungen oft auf Punkte in der Landschaft. In einer Gruppe aus vier Strandhäusern, die sie auf der Biennale präsentierten, zieht sich sogar der Sandboden in die Innenräume.
Bauaufgabe zwischen Hospital und Hotel
Für die »residências assistidas« wählten die Architekten daher die Form einer perforierten Wand, die als klarer Ortsrand aus dem baumbestandenen Hang herauswächst und im Bogen mit den Altbauten einen zur Stadt hin offenen Hof bildet (einen renovierten Altbau im Rücken des Bogens, in welchem die Verwaltung untergebracht ist, ließ man durch schwarze Tünche »verschwinden«).
Die zwischen Hospital und Hotel angesiedelte Bauaufgabe verlangte einerseits zentrale, gut erreichbare Räume für Versorgung und Begegnung, andererseits gleichwertige gereihte Zimmer. Mit der »Wand« entschieden sich die Architekten für das Prinzip Reihung: Bis zu 150 m lang ist dieser »Pfad ins Leben« nun auf jeder der drei Etagen, was v. a. den Pflegekräften weite Wege abverlangt. Die schmale einhüftige Anlage wendet sich mit den Aufenthaltsräumen komplett dem Hof zu. Auf der Außenseite, die zugleich die »heiße« Sonnenseite ist, verlaufen die Flure mit einzelnen Schlitzen zur Landschaft. Die Zimmer – Standard sind Zwei-Bett-Einheiten, dazu gibt es zehn Einzelzimmer – reihten die Architekten im 1. und 2. OG maximal zu Fünfer-Gruppen, ehe im Knick des Weges kleine Gemeinschafts- oder Versorgungsräume liegen. Jedem Zimmer-Modul ist eine Loggia zugeordnet, über die das Zimmer vorwiegend ›
› indirektes Licht bekommt. So entsteht zum Hof das einprägsame Bild versetzt gestapelter Quader, was im Werk von Aires Mateus ein wiederkehrendes Motiv ist. In Dublin gestalteten sie ein Hotel in diesem minimalistischen Duktus, in Lissabon einen Bürokomplex.
Die größeren Gemeinschaftsräume liegen sämtlich zu ebener Erde, ebenfalls – weitgehend flurlos – hintereinander aufgereiht. So mündet der Haupteingang gleich hinter der kleinen Rezeption in den großen Tagesraum. Hier oder vor der Tür treffen sich die beweglicheren Alten, die im 2. OG wohnen, während im 1. OG die Pflegestation eingerichtet ist.
Die Leiterin des Hauses, Antonia Pequena, erzählt, die Bewohner hätten zunächst Probleme mit dieser vertikalen Gliederung. Insbesondere der Aufzug mache den zumeist aus kleinen Häusern kommenden Menschen Angst, und es fehle der direkte Bezug ins Freie. Die an ein Hotel erinnernden Loggien werden indes wenig benutzt – kaum einer der Bewohner hat je in einem Hotel gewohnt. Wie früher trifft man sich lieber im Hof mit allen anderen. Um die neu gepflanzten Olivenbäume drehen die Rüstigeren auf Rampen ihre Runden, dort grast auch eine kleine Schafherde, Hund und Katzen sorgen für vertraute Abwechslung.
Mit Stofftieren gegen Einheitsweiss
Auch die gleichartig weiße Gestaltung der Flure bereitet vielen Menschen Schwierigkeiten (vgl. db 7/11, S. 42 ff. – Demenz ist auch hier das häufigste Krankheitsbild). Die Leitung des Hauses behalf sich mit unterschiedlich bunten Stofftieren, die sie an die Zimmertüren hängten – denn Analphabeten könnten auch Namensschilder nicht lesen. Fotografien des alten Alcácer an den Wänden bilden zudem eine Brücke der Erinnerung. Im Alentejo sind die Häuser typischerweise nur außen weiß gekalkt.
Für die ebenfalls schwer erkennbaren großen Glasflächen fand man gemeinsam mit den Architekten die Lösung in transparenten Querstreifen. Ein Teil der Festverglasung in den Obergeschossen lässt sich nur aufwendig mit Hebebühne reinigen. Der für die Flure, Loggien und Gemeinschaftsräume verwendete Estremoz-Marmor weist eine lebendige Maserung auf, die bei verminderter Sehkraft leicht irritiert. Zudem ist er im Fall von Stürzen sehr hart, weshalb man zumindest in den Zimmern einen weicheren PVC-Boden bevorzugte. Und ob die schicken Designerlampen wirklich eine altengerechte Wahl waren?
Insgesamt ist man aber sehr zufrieden mit dem Gebäude und zeigt es stolz Besuchern aus ganz Europa. Für den armen Süden ist dies ein bitter notwendiges Modellprojekt, und selbst in Alcácer ist die Warteliste noch lang. Zur Eröffnung im letzten Herbst kam sogar der portugiesische Ministerpräsident – Mittel für den Betrieb oder Folgeprojekte gibt es aber bislang keine vom Staat.
Traditionelle Konstruktion
Die serielle Gliederung insbesondere der Hoffassaden basiert nicht, was naheliegen würde, auf einer Vorfertigung der Tragkonstruktion. Wie in den ähnlich kollektiven Pionierbauten der Klassischen Moderne in den 20er Jahren wurde hier noch traditionell gemauert: Zweischaliges Ziegelmauerwerk trennt die Räume voneinander. Wie der Stahlbeton der Decken und »eingekerbten« Schrägen wurde es anschließend fein verputzt und mit weißer Dispersionsfarbe gestrichen, die einen sehr glatten, immateriellen Eindruck erzeugt. Die delikaten Schnittstellen, wo die Quader sich in der Frontalsicht nur an den Spitzen zu berühren scheinen, werden durch die spitz zulaufende Konstruktion gehalten. Weder hier noch an den ohne Tropfbleche ausgeführten Attiken sind bislang Schäden oder Schmutzfahnen zu erkennen. An den horizontalen Stößen wurden feine Tropfkanten ausgebildet, die ebenfalls wirksam zu sein scheinen. Es regnet bekanntlich sehr wenig im Alentejo …
Die Mauern sind innen oftmals von Einbauschränken verstärkt, was den skulpturalen Eindruck der Aushöhlung effektiv verstärkt (die Grundrisse lesen sich fast wie ein Noli-Plan) und auch die Wärme- und Schalldämmung unterstützt. Auf eine Klimaanlage wurde nämlich trotz der heißen und langen Sommer verzichtet, da sie gefährliche Zugerscheinungen verursachen könnte, die leicht zu Lungenentzündungen führen. Lediglich eine Abluftanlage saugt in den Längsschlitzen der Flurdecken und in den Bädern Luft ab. Die meisten Fenster sind festverglast oder lassen sich nur einen Spalt breit öffnen (sonst besteht Absturzgefahr). Innenliegende weiße Rollos schützen nur mäßig vor direktem Sonneneinfall – im Sommer wurde es daher schon recht warm. Winters temperiert eine gasbetriebene Fußbodenheizung die Räume angenehm. •
    • Standort: Olival do Coronel, P-7580-909 Alcácer do Sal Bauherr: Santa Casa da Misericórdia de Alcácer do Sal Architekten: Francisco Aires Mateus, Manuel Aires Mateus, Aires Mateus, Lissabon Projektteam: Giacomo Brenna, Paola Marini, Anna Bacchetta Miguel Pereira Tragwerksplanung: Engitarget, Lissabon Haustechnikplanung: Engitarget, Lissabon Freiraumplanung: ABAP Luis Alçada Batista, Lissabon BGF: 3 640 m² Baukosten: 3,5 Mio. Euro Bauzeit: September 2008 bis September 2010
    • Beteiligte Firmen: Bauunternehmer: Ramos Catarino, Febres, www.grupo-catarino.pt

Alcácer do Sal (P) (S. 38)

Aires Mateus & Associados
Manuel Aires Mateus
1963 in Lissabon (P) geboren. Architekturstudium an der TU Lissabon, 1986 Diplom. 1983-88 Mitarbeit bei Gonçalo Byrne, Lissabon. Seit 1988 gemeinsames Büro mit Francisco Aires Mateus. Lehraufträge u. a. in Harvard, Ljubljana und Mendrisio, seit 1997/98 zwei Professuren in Lissabon.
Francisco Aires Mateus
1964 in Lissabon geboren. Architekturstudium an der TU Lissabon, 1987 Diplom. 1983-88 Mitarbeit bei Gonçalo Byrne, Lissabon. Seit 1988 gemeinsames Büro mit Manuel Aires Mateus. Seit 1998 Professur an der Autonomen Universität Lissabon, Lehraufträge u. a. in Mendrisio und Harvard, 2009 Gastprofessur in Oslo.
Christoph Gunßer
1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989-92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung, Universität Hannover. 1992 -97 in der Redaktion der db. Seit 1998 als freier Fachautor tätig.
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