Zwischenbilanz in Wilhelmsburg

~Claas Gefroi

Es gibt noch Abenteurer: Eine »Bild«-Reporterin macht derzeit eine verwegene Expedition zu einem der letzten weißen Flecken unserer Erde: Wilhelmsburg. Dort, im »Problemstadtteil« lebt sie für vier Wochen und testet die Wohnqualität, Imbisse und auch, ob sie als Frau in eine Moschee eingelassen wird. Anlass der bizarren Reportageserie ist das Zwischenpräsentationsjahr der Internationalen Bauaustellung (IBA) 2013, die im Stadtteil zwischen Norder- und Süderelbe die »Zukunft der Metropole« ausgerufen hat. Bislang wurde v. a. ein Feuerwerk von Marketingkampagnen, Kunstaktionen und Experten-Kolloquien abgebrannt. Kein Wunder: Die »IBA neuen Typs« soll weniger herkömmliche Bauausstellung denn Katalysator für einen Wandel des von hoher Arbeitslosigkeit, niedrigem Bildungsstandard und sozialen Konflikten gekennzeichneten Gebiets sein. Drei zentrale Handlungsfelder wurden abgesteckt: Die »Kosmopolis« behandelt auf der soziokulturellen Ebene die Schwierigkeiten und Chancen einer multikulturellen Stadtgesellschaft. Auf der städtebaulichen Ebene sollen die »Metrozonen« aus Verkehrsschneisen und Industriegebieten, aber auch aus alten Hafenbecken und wilden Biotopen attraktive Räume entwickeln. Und die »Stadt im Klimawandel« soll Wege aus der Klimakrise aufzeigen. Das Problem: Bislang ist wenig von alldem zu sehen. Ob die Neuansiedlung der Stadtentwicklungsbehörde in einem Nachhaltigkeits-Musterbau, die Umwandlung eines Flakbunkers zum Öko-Kraftwerk, der Umbau eines Arbeiterwohnviertels zum »Weltquartier« oder die Errichtung des »Tor zur Welt«-Bildungszentrums – all die Leuchtturmprojekte gibt es bislang nur als Renderings. Doch sie werden, wenn nicht Hamburgs Finanzen völlig aus dem Ruder laufen, kommen. Ob jedoch auch all die ambitionierten »Hybrid«-, »Smart Material-« und »Smart Price«-Wohnhäuser gebaut werden, ist derzeit noch unklar: Die Investoren warten ab, denn die Zielgruppe, die gut ausgebildete, solvente Mittelschicht, weiß um die (derzeitigen) Schattenseiten des Standorts. Die Wilhelmsburger selbst sehen die Veränderungen mit der ihnen eigenen Skepsis. Sie befürchten eine staatlich initiierte Gentrifizierung zu ihren Lasten. Sie schätzen eher die kleinen Dinge, die manchmal viel verändern: z. B. die Öffnung eines alten Zollzauns, der den zum Biotop gewandelten Spreehafen vom Stadtteil abtrennte. Auf der Mikroebene ist die IBA also bereits sehr erfolgreich. Ob dies auch für die großen Veränderungen gilt, müssen die nächsten Jahre zeigen.